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Paul Krugman: Leben, Theorien und Einfluss

von B.Sc. Eugen Dimant (Autor) Nico Kirwald (Autor) Petya Knäble (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 25 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Der Nobelpreistrager Paul Krugman
1.1 Einleitung
1.2 Biographie
1.3 Veroffentlichungen und wirtschaftspolitische Ansichten
1.4 Auszeichnungen

2 Die „New Trade Theory"
2.1 Modelltheoretische Ansatze und Abgrenzung
2.2 Marktstrukturen und Wettbewerb
2.3 Monopolistic Competition
2.4 Modellerweiterung zur Oligopolistic Competition
2.5 Implikationen fur globalen Handel und Wettbewerb

3 Die „New Economic Geography"
3.1 Grundlegende Annahmen
3.2 Nachfragevorteil
3.3 Kostenvorteil
3.4 Wettbewerbseffekt
3.5 Konsequenz

4 Weiteres Wirken
4.1 Makrookonomie
4.2 Weltwirtschaftskrise
4.3 International F inance
4.4 Kritik an etablierten Theorien
4.5 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Monopolistische Preissetzung

Abbildung 2: Marktgleichgewicht bei Monopolistic Competition

Abbildung 3: Zirkulare Kausalitat im Modell der New Economic Geography

1 Der Nobelpreistrager Paul Krugman

1.1 Einleitung

Unter den Nobel Laureaten des Nobelpreises fur Wirtschaftswissenschaften finden sich Okonomen wie John R. Hicks, Kennet J. Arrow, Wassilie Leontief , Milton Friedman, Bertil Ohlin, James Tobin, Gerard Debreu, John F. Nash, Robert Mundell, Robert Merton, George A. Akerloff und viele andere Wirtschaftswissenschaftler, deren Beitrag fur die Okonomie von groBem Nutzen ist (Nobelprize.org 2010).

Diese hochste wirtschaftswissenschaftliche Auszeichnung wurde im Jahre 2008 auch an den Okonomen Paul Krugman fur seinen Beitrag im Rahmen der von ihm mitbegrundeten ,,New Trade Theory" und der ,,Neuen Okonomischen Geographie“ verliehen. Krugman ist Professor fur Economics and International Affairs an der Princeton University, er hat zuvor auch an renommierten Universitaten wie der University of Yale gelehrt. Als einer der schillerndsten Okonomen der modernen Zeit ist er durch seine Kolumne in der New York Times auch auBerhalb der Akademia einer breiten Offentlichkeit bekannt.

Diese Arbeit soll sein Leben, seine Arbeit und seine Ansichten aufzeigen und auch seine wichtigsten Theorien, die „New Trade Theory" und die „Neuen Okonomischen Geographic" eingehend untersuchen, um dabei einen Uberblick uber die Person Paul Krugman zu geben.

1.2 Biographie

Paul Krugman wurde am 28.02.1953 in Long Island, New York als Sohn von David und Anitta Krugman geboren. Sein GroBvater war ein Judischer Einwanderer aus WeiBrussland und sein Vater ein Versicherungsmanager. So wuchs Paul Krugman behutet in der amerikanischen Mittelschicht auf. Er besuchte die John F. Kennedy High School in Bellmore. Nach seinem Abschuss studierte er ab 1970 Wirtschaftswissenschaften, insbesondere Volkswirtschaftslehre an der Universitat Yale. 1973 wurde er aufgrund eines exzellenten Seminarpapiers Forschungsassistent von William Nordhaus, der zu dieser Zeit begann, an der Preisstruktur von Energie zu arbeiten (Krugman 1999b). Nach eigener Aussage lernte Krugman von ihm viel uber Modellierung und setzte nach seinem Bachelorabschluss 1974 seine Studien - wie ehemals sein Mentor - am Massachusetts Institute of Technology (MIT) als Doktorand fort. Dort erhielt er zusammen mit anderen Studenten die Gelegenheit im Jahre 1976 drei Monate lang fur die portugiesische Staatsbank zu arbeiten. Portugal hatte zu der Zeit gerade den turbulenten Ubergang von einer Diktatur zur Demokratie erlebt. Krugman lernte dort praktisch anwendbare Methoden und einfache Modelle schatzen, auf deren Grundlage man Entscheidungen fallen konnte. Im Jahr 1977 legte er seine Doktorarbeit uber flexible Wechselkurse vor. Ein Angebot in Harvard weiter zu forschen lehnte er ab, stattdessen ging er noch im selben Jahr zuruck nach Yale, wo er zum Assistenzprofessor ernannt wurde. Dort arbeitete er seine erste Version eines neuen Handelsmodells aus, konnte aber zunachst weder seine Fakultatskollegen, noch die Fachzeitschriften von seiner Vision uberzeugen. Nachdem er seine Theorie noch weiter uberarbeitet hatte, fand er ein Jahr spater im Sommer 1979 endlich Gehor in der Fachwelt und wurde zusatzlich Gast-Assistenzprofessor am Massachussetts Institute of Technology (MIT). Im Jahr 1980 war er bereits fest in der Wissenschaft etabliert und wechselte endgultig als Associate Professor ans MIT (Krugman 1999b).

Die beiden folgenden Jahre waren ruhiger, aber im September 1982 holte ihn der Harvard-Professor Martin Feldstein mit in den Wirtschaftsrat der Regierung unter Prasident Reagan. Enttauscht von der politischen Praxis kehrte er ein Jahr spater jedoch wieder zum akademischen Alltag zuruck, wo er seine Forschung und Lehre fortsetzen konnte (Krugman 1999b). Er hatte den Eindruck erhalten, in der Politik musse man sich eher wie ein Hofling, denn wie ein Wissenschaftler gebarden. Er hielt mit seinen kritischen Ansichten und Argumenten gegenuber den getroffenen politischen Entscheidungen nicht zuruck, was damals wenig Anerkennung fand. Zu den Ablaufen auBerte er beispielsweise folgende Meinung: „Nach einer gewissen Weile jedoch begann ich zu entdecken, wie politische Entscheidungen tatsachlich fallen. Tatsache ist, dass die meisten „Entscheidungstrager“ keinen blassen Schimmer von dem haben, woruber sie sprechen. Diskussionen auf high-level meetings sind hochst primitiv [...] Viele einflussreiche Menschen ziehen es vor, lieber von jenen Ratschlage anzunehmen, die Ihnen bequeme Wahrheiten prasentieren, als von jenen, die sie zwingen schwer nachzudenken “ (Krugman 1999b: 4).

Auf der anderen Seite entdeckte er beim Verfassen von Sitzungsmemoiren sein Talent, okonomische Zusammenhange auch fur „Nicht-Experten“ verstandlich zu machen. Zuruck in der Wissenschaft verfasste er innerhalb eines Jahres zusammen mit Elhanan Helpman die Arbeit „Market Structure and Foreign Trade", das Standardwerk zur „New Trade Theory". Im Jahr 1984 wurde er zum ordentlichen Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ernannt. 1987 lieB er seinen Lehrauftrag fur ein Jahr ruhen und ging an das National Bureau of Economic Research. 1988 trat die Washington Post mit der Bitte an ihn heran, eine Einfuhrung in die US Wirtschaft zu verfassen und 1990 wurde „The Age of Diminished Expectations" veroffentlicht, eine Mischung aus Popularwissenschaft und Lehrbuch, die Krugmans Bekanntheit in nichtwissenschaftlichen Kreisen nicht unerheblich steigerte (Nobelprize.org 2008). Insbesondere im Vorfeld der Prasidentschaftswahlen 1992 war er als offentliche Person gefragt, unter anderem weil er die ungleichen Einkommensverhaltnisse anprangerte. Damit rutschte er in die politische Nahe des demokratischen Kandidaten Clinton, der ihm aber nach seinem Wahlsieg wider Erwarten keinen Posten in seinem Beraterstab anbot. 1994 ging Krugman vorubergehend fur zwei Jahre an die Standford University und kehrte danach wieder zum MIT zuruck.

Nach 16 Jahren Professur am Massachusetts Institute of Technology bekam Paul Krugman 2000 einen Ruf von der weltbekannten Princeton University, wo er seitdem Professor ist. Er unterrichtet dort, wie bereits oben erwahnt, Economics and International Affairs an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs. Krugman lernte dort auch seine zweite Frau Robin Wells kennen, die selbst Professorin an der Princeton University ist. Zusammen mit seiner Frau veroffentlichte er 2004 ein Lehrbuch uber Mikrookonomie und 2005 uber Makrookonomie.

Paul Krugman lehrt zudem regelmaBig als Cenetenary Professor an der London School of Economics, dem wahrscheinlich renommierteste Ort, um in England Wirtschaftswissenschaften zu studieren (Nobelprize.org 2008).

1.3 Veroffentlichungen und wirtschaftspolitische Ansichten

Paul Krugman ist Autor und/oder Herausgeber von mehr als 20 Fachbuchern, er hat zudem uber 200 Fachartikel fur verschiedene Journale und Zeitschriften geschrieben. AuBerdem schreibt er regelmaBig seit ca. 20 Jahren fur Nicht-Fachausgaben, was ihn extrem popular und beliebt gemacht hat. So hat er schon fur “The New Republic”, “Foreign Policy”, “Newsweek” und “The New York Times Magazine” geschrieben. In der Online-Zeitschrift „Slate“ erscheint monatlich seine Kolumne „The dismal Science" (Nobelprize.org 2008).

Heutzutage kann sich jedermann uber Paul Krugman's Kommentare uber Okonomie, Politik und politische Okonomie informieren und seine Kolumne in der „New York Times" lesen. Was heute selbstverstandlich klingt war nicht immer so. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre waren seine Ansichten und Beitrage zur „neuen Handelstheorie" hochst kontrovers (Kappel 2008: 2).

Krugman ist sehr fur seine kritischen Ansichten gegenuber der Wirtschaftspolitik von verschiedenen Regierungen und einzelnen Wirtschaftswissenschaftlern bekannt, denen er oft „Unwissenschaftlichkeit“ oder „Panikmache“ vorwirft. Er kritisiert sogar bekannte Okonomen wie Lester Throw (MIT) oder Robert Reich (Arbeitsminister in der Regierung unter Clinton) (Krugman 1999a). 1999 veroffentlicht er die Essay-Sammlung „The Accidental Theorist", in der er abermals wichtige wirtschaftspolitische Punkte aufgreift. Krugman kritisiert beispielsweise die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, bestimmten MaBnahmen und Eingriffe des Staates auf dem Arbeitsmarkt, auf der anderen Seite spricht er aber auch positiv uber Niedriglohne (ein Bruttolohn in einer Hohe, die unterhalb von zwei Dritteln des nationalen Medianbruttolohns aller Vollzeitbeschaftigten liegt) in den Entwicklungslandern (Krugman 1999a). Er mischt sich in den letzten Jahren besonders stark in zahlreiche aktuelle Diskussionen ein, die wichtige wirtschaftspolitischen Fragen betreffen, wie zum Beispiel die Finanzkrise, Wahrungsschwankungen und die politische Steuerung der Nachfrage, wo er sich meist sehr kritisch auBert. Nahere Aussagen dazu werden spater in Kapitel 4 aufgegriffen.

Krugman bezeichnet sich selbst als Liberaler, was er nochmals verdeutlicht, indem er seine Gesinnung einer Richtung zuordnet, die „more or less what social democratic means in Europe" bedeutet (Krugman 2008b). Dies konnte man auch aus seiner starken Kritik an der Bush-Regierung ablesen. So veroffentlichte er 2003 eine Kompilation seiner „New York Times“-Kolumnen mit dem Titel „The Great Unraveling". Das Buch wurde ein US-Bestseller und ubt scharfe Kritik, nicht nur an die Bush Administration, sondern auch an den Republikanern. Er spricht grundlegenden Sachverhalte in der Politik und in der Wirtschaft an, wie dem Krieg im Irak, die Steuerregulierung und das Scheitern einer Wirtschaftspolitik, die auf die kurze Frist ausgelegt ist und keine Sicherheit fur Zukunftsgenerationen sichert. Krugman warnt darin auch nochmals vor einer Wirtschaftskrise (Krugman 2003). In seinem 2007 erschienenen Buch „The Conscience of a Liberal" beklagt er zudem die Ungleichheit in der US- amerikanischen Gesellschaft und wirft den Republikanem vor, diese bewusst herbeigefuhrt zu haben. Das Buch gibt einen historischen Uberblick uber die Wirtschaftspolitik in USA in den 20. Jahrhundert und schildert die Umverteilung der finanziellen Ressourcen in der Gesellschaft (Krugman 2007b).

Fur die aktuelle Finanzkrise macht er vor allem den ehemaligen Notenbankchef Alan Greenspan verantwortlich, der die mangelnde Regulierung der Hypothekenmarkte zu verantworten habe. Auch kritisiert er den ehemaligen Senator Philip Gramm, der 1999 unter der Regierung Clinton den „Gramm-Leach-Bliley-Act“ einbrachte - ein Gesetz, dass es Finanzunternehmen erlaubte Investment­Banking mit Privatkundengeschaft und Versicherungen zu kombinieren (Siehe dazu auch Kapitel 4.2). Als Journalist hat Paul Krugman seit vielen Jahren eine offentliche Bedeutung, die Okonomen sonst kaum erlangen. Er bezeichnet seine popularwissenschaftliche Arbeit als eine Art zweite Karriere und bedauert, dass der Einblick in die Okonomie fur Laien kaum moglich ist. Die zunehmende Mathematisierung seiner Disziplin sieht er daher als auBerst zwiespaltig (Storbeck 2010). Auch wenn er sich naturlich selbst mathematischer Modelle bedient, sieht er seine Aufgabe als Okonom vor allem darin, die Essenz eines okonomischen Problems moglichst klar und zugespitzt darzustellen. Dazu bedient er sich zumeist Modelle, die aufgrund spezifischer (durchaus stark vereinfachender) Annahmen einfach zu handhaben sind, aber trotzdem das okonomisch Wesentliche beinhalten. In der Tat war es seine groBe Leistung im Rahmen der „New Trade Theory" ein Modell aufzustellen, das logisch erklaren konnte, warum AuBenhandel verstarkt zwischen relativ ahnlichen Landern - wie etwa in Europa - stattfindet.

Es gibt jedoch auch kritische Stimmen. So wurde im Jahr 2010 eine Analyse von verschiedenen Kommentaren seit 1991 veroffentlicht, die Krugman vorwirft, dass er seine Kommentare, besonders bezuglich der Staatsverschuldung, uber die Jahren sehr von der jeweiligen Partei an der Macht abhangig macht. So heiBt es darin beispielsweise „This paper investigates selected economists, to see whether their tune changes when the party holding the White House changes. Six economists are found to change their tune - Paul Krugman in a significant way, Alan Blinder in a moderate way [...] while eleven are found to be fairly consistent." (Barkley 2010: 120).

1.4 Auszeichnungen

Fur seine Forschungen und Arbeiten wurde Krugman 1991 mit der auBerst renommierten John-Bates- Clarke-Medaille als bester Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Das Munchener Center for Economic Studies ehrte Krugman 1997 als distinguished CES Fellow". Im Jahre 1998 verlieh ihm die Freie Universitat Berlin die Ehrendoktorwurde. 2000 wurde ihm in Nurnberg der Horst- Recktenwald-Preis fur Nationalokonomie zuerkannt. Den Wirtschaftsnobelpreis 2008 erhielt er insbesondere fur seine „Analyse von Handelsstrukturen und Standorten okonomischer Aktivitat" (Nobelprize.org 2008). Das Gebiet wird der New Trade Theory und der Neuen Okonomischen Geographie zugeordnet. Die Annahmen der „alten“ Ansatze Ricardos zur AuBenhandelstheorie, zum Beispiel der komparative Kostenvorteil und das Hechscher-Ohlin Theorem, werden hierbei durch solche ersetzt, die der historischen Realitat besser angepasst sind. Dadurch werden Erklarungen moglich, wieso entgegen den Voraussagen der alteren Theorie der fTeie Handel nicht zu einem weltwirtschaftlichen Gleichgewicht gefuhrt hat, sondern dass regionale Disparitaten und Agglomerationseffekte (Zentrum/Peripherie) entstehen konnen, wenn etwa Bedingungen, wie geanderte Produktionsfunktionen, Transportkosten, Marktstrukturen und bestimmte auBenhandelspolitische Strategien berucksichtigt werden. Die „New Trade Thoery“ und die „New Economic Geographie“ sind dabei die wichtigsten wirtschaftlichen Ansatzen, die Krugman entwickelt hat. Diese beiden Theorien sollen daher im Folgenden ausfuhrlich vorgestellt werden.

2 Die ,,New Trade Theory"

Aufbauend auf den vorangegangen Ausfuhrungen zur Biographie und dem wissenschaftlichen Werde- gang von Paul Krugman, soll im folgenden Kapitel dasjenige Werk behandelt werden, welches Paul Krugman zu weltweitem Ruhm und Anerkennung verhalf - die sogenannte „New Trade Theory". Dieser systematisch innovative und fortschrittliche Ansatz baut auf der nachhaltig wegweisenden Veroffentlichung von Dixit/Stiglitz (1977) auf.

In diesem Teil der Arbeit werden zunachst theoretische Ansatze dieser neuen Handelstheorie definiert, sowie Unterschiede zu „alten“ Modellen, wie denen von Ricardo und Heckscher-Ohlin, kontrastiert und in den geschichtswissenschaftlichen Kontext eingebunden. AnschlieBend erfolgt eine grundle- gende Einbettung der Thematik in den okonomischen Kontext vor dem Hintergrund von nicht-perfek- ten Marktstrukturen, bevor die spezifischen Ansatzpunkte im Fall von Oligopolen sowie der soge- nannten „Monopolistic Competition" naher beleuchtet werden. Die Auswirkungen fur den globalen Handel und Wettbewerb runden dabei die modelltheoretischen Implikationen dieses Modells ab.

2.1 Modelltheoretische Ansatze und Abgrenzung

Unbestritten in der Fachwelt ist die Tatsache, dass Paul Krugman einen enormen Beitrag zur Entwick- lungstheorie leistete. Dabei spielten seine Publikationen und Weiterentwicklungen alter Modelle besonders in der „Begrundung der neuen AuBenhandelstheorie und der theoretischen Neubewertung des Entstehens von industriellen Zentren" eine essentielle Rolle (Kappel 1999: 1).

Die Grundlage bildeten hierbei differenziertere Klassifikationen von Umweltzustanden, welche sich zugleich deutlich gegen bestehende Modellanschauungen richteten. Diese Annahmen wurden charakterisiert durch „Skalenertrage bei Massenproduktion", „Existenz unvollkommener Markte" sowie die „Ungleichheit in den Produktionsvoraussetzungen der Nationen", auf welche im spateren Verlauf noch naher eingegangen wird (Kappel 1999: 1). Das Neuartige dieses Ansatzes von Krugman, war die Tatsache, dass bis dato die Theorien internationalen Handels lediglich durch allgemeine Gleichgewichtsmodelle beschrieben wurden, welche auf vollstandige Konkurrenz sowie konstante Skalenertrage zuruckgriffen und demnach auf dem Fundament der Neoklassik basierten. Dabei spiel- ten die Ansatze des Faktorproportionentheorems, wie sie vom Wirtschaftshistoriker Eli Heckscher sowie dem Okonomen Bertil Ohlin im sogenannten „Hecker-Ohlin-Modell“ (vgl. Ohlin 1933), auf- bauend auf dem Modell der komparativen Vorteile von David Ricardo (vgl. Ricardo 1821), definiert wurden, eine zentrale Rolle. Diese erklarten, warum unter neoklassischen Annahmen unterschiedliche Lander differenzierte Spezialisierungen vornahmen und somit wohlfahrtssteigende Vorteile im internationalen Handel erzielen konnten. Allerdings blieb zuweilen unerklart, wie der intra-industrielle Handel, welcher zu der Zeit einen Anteil von 80% innerhalb der OECD-Lander hatte, zustande kam. Wahrend nun also klassische Handelstheorien die raumliche Verdichtung auf komparative Kostenvor- teile infolge unterschiedlicher Faktorausstattungen zuruckfuhren, wird im Gegensatz dazu mit Hilfe der neuen Handelstheorie insbesondere dann eine dedizierte Aussage moglich, wenn es keine Unter- schiede in Ressourcen oder Technologie gibt. Die Theorie ermoglicht so eine erheblich differenziertere Betrachtung von intra-industriellem Handel (Korber 2001: 1). Die Ausfuhrungen Paul Krugmans in Zusammenarbeit mit Elhanan Helpman (vgl. Krugman 1987, 1993, 1994) lieferten hierbei die Evi- denz, dass „die Handelspolitik unter unvollkommener Konkurrenz zu anderen Ergebnissen fuhrt, als die Modelle der traditionellen AuBenhandelstheorie zeigten“ (Kappel 1999: 2). Dazu trafen sie verschiedene Annahmen zu Marktstrukturen und Wettbewerb, um diese anschlieBend auf das Hauptkontrukt der Monopolistic Competition anzuwenden. Im folgenden Abschnitt sollen okonomische Grundlagen von nicht-perfekten Markten gelegt, bevor die Modellannahmen spezifiziert und graphentheoretisch verdeutlicht werden.

2.2 Marktstrukturen und Wettbewerb

Im Zuge seiner wissenschaftlichen Beitrage stellte Paul Krugman fest, dass im internationalen Handel Verzerrungen beobachtet werden konnen, „die sich aus der Unvollkommenheit des Wettbewerbs erge- ben“ (Kappel 1999: 3). Formen dieser Marktunvollkommenheiten sind unter anderem Monopole und Oligopole.

Dabei ist zu bemerken, dass die Hohe der Erlose, die in einem Markt erzielbar sind, positiv mit dem Umfang und der Vielfalt von Vorteilen korrelieren, welche groBere Firmen aber auch Lander im globa- len Kontext in diesem Umfeld ausnutzen konnen (Krugman/Obstfeld 2008: 114). Wahrend die Mo­delle von Ricardo und Heckscher-Ohlin von konstanten Skalenertragen ausgehen, erweist sich in der Realitat die Annahme von steigenden Skalenertragen als beobachtbar und verifizierbar. Hierfur mus- sen sich die Lander jedoch spezialisieren und somit das Produktspektrum verringern. “To take advan­tage of economies of scale, each of the countries must concentrate on producing only a limited number of goods" (Krugman/Obstfeld 2008: 116). Wahrend sich also jedes Land nur auf eine begrenzte An- zahl von Gutern fokussiert, ist die Folge dieser steigenden Skalenertrage und der landerspezifischen Spezialisierung, eine groBere Vielfalt an Gutern, die den Burgern aufgrund von multilateralem Handel zum Konsum bereitstehen werden. Ebenso ist festzustellen, dass „[...] mutually beneficial trade can arise as a result of economies of scale" (Krugman/Obstfeld 2008: 116).

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Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640816552
ISBN (Buch)
9783640816132
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165895
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1.3
Schlagworte
Paul Krugman Krugman New Trade Theory New Economic Geography Makroökonomie Wirtschaftskrise Finanzkrise Monopol Monopolistic Competition Oligopolistic Competition Oligopol Wettbewerb Handel Global Neue Ökonomische Geographie Wirtschaft Economy Ökonomie

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