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Augustin von Hippo und sein Gegenspieler Pelagius

Zwei Theologien, ein Konflikt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Quellenlage

III. Augustin und seine Theologie
III. 1. Leben und Werk
III. 2. Augustins innere Entwicklung und Theologie
III. 2.1. Exkurs: Der Manichäismus
III. 2.2. Die manichäische Zwei-Prinzipien-Lehre
III. 3. Augustins Bekehrung

IV. Pelagius und seine Theologie
IV.1. Leben und Werk
IV. 2. Das Gottesbild des Pelagius
IV. 2.1. Exkurs: Der arianische Gottesbegriff
IV. 3. Das Menschenbild des Pelagius
IV. 4. praescientia statt propositum
IV. 5. Probleme der pelagianischen Theologie

V. Die Funktion der Gnade bei Augustin und Pelagius

VI. Die Auswirkungen der pelagianischen Lehre in Africa
VI. 1. Die Streitfrage der Kindertaufe (411-413)
VI. 2. Über die Natur und das Konzil von Diospolis (414/415)
VI. 3. Reaktionen der Gegner und Verurteilung des Pelagius (416-418)

VII. Schlußbemerkungen

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Gnade.

Was genau bedeutet Gnade? Und welche Bedeutung hat sie f ü r den Menschen von damals und heute? Ist sie empirisch zu erfassen oder bleibt sie nur eine Frage des Glaubens?

Der Theologe Emil BRUNNER bezeichnet die Gnade als den „Zentralbegriff der christlich-biblischen Gotteserkenntnis“, überhaupt sei sie der „entscheidende, alles bestimmende Gesichtspunkt für jede christliche Glaubensaussage“1.

Mit der Frage nach dem eigentlichen Wesen der göttlichen Gnade haben sich im Laufe der Jahrhunderte zweifelsohne schon viele Menschen beschäftigt und dabei die unterschiedlichsten Lösungsansätze gefunden. Zwei von ihnen sollen in der vorliegenden Arbeit genauer beleuchtet werden: Augustin von Hippo und sein Gegenspieler Pelagius. Beide entwickelten von der Gnade Gottes ihre ganz persönlichen Vorstellungen; deren Unterschiede waren jedoch derart eklatant, daß es zu Beginn des 5. Jdh. zu einem Konflikt kam. Kurioserweise kam es im Laufe dieser jahrelangen Auseinandersetzung kein einziges Mal dazu, daß sich die beiden persönlich begegneten.

Um das Wesen und die innere Motivation dieser beiden Kontrahenten besser verstehen zu können, ist es vonnöten, dem Leser einen kurzen Überblick über deren Leben und Werk zu geben. Die Arbeit konzentriert sich in diesem Teil schwerpunktmäßig auf Augustins Werdegang mit Blick auf seine innere Entwicklung - womit dem Umstand Rechnung getragen wird, daß Augustin einen höchst diffizilen und individuellen Charakter hatte und daß die entsprechenden Quellen zu ihm geradezu unerschöpflich sind. Im Anschluß daran folgt eine kurze Schilderung der sozialen Umstände, mit denen Pelagius in Rom konfrontiert war und unter denen er seine Theologie entwickelte, lange bevor er überhaupt mit Augustin in Berührung kam.

Bei der anschließenden Betrachtung der Theologien von Augustin und Pelagius steht primär die Frage nach der jeweiligen Funktion der Gnade im Mittelpunkt.

Im vierten und letzten Teil dieser Arbeit werden die geschichtlich-politischen Ereignisse der ersten Jahre dieses Konfliktes beleuchtet, in den schließlich sogar der Papst involviert wurde. Es wird bewußt auf eine detaillierte Darlegung der einzelnen Phasen und Formen des Pelagianismus nach Pelagius’ Verurteilung verzichtet (wie z.B. die weitere Auseinandersetzung mit dem Bischof Julian von Aeclanum und die semipelagianische Bewegung), da dies den inhaltlichen Rahmen gesprengt hätte. Vielmehr ist es Ziel dieser Arbeit, die verschiedenen Theologien von zwei an sich gar nicht einmal so verschiedenen Zeitgenossen hinsichtlich ihrer jeweiligen Gnadenlehre darzustellen, sie miteinander zu vergleichen und zu verstehen, wie es überhaupt zu einem Interessenkonflikt kommen konnte.

II. Quellenlage

Bei kaum einem anderen antiken Autor steht uns heute eine derartige Fülle von biographischen Informationen zur Verfügung wie im Falle des Augustinus von Hippo Regius. Dieser Umstand ist in erster Linie seinen Selbstzeugnissen zu verdanken - hier seien vor allem sein Meisterwerk, die 13 Bücher umfassenden Confessiones 2 genannt, die Henry CHADWICK sicherlich nicht ohne Grund als „die berühmteste und einflußreichste Autobiographie der Antike“ bezeichnet.3 Augustin beschreibt darin seine emotionale und intellektuelle Entwicklung von seiner frühesten Kindheit bis zu seinem 33. Lebensjahr - eine Entwicklung, die gekennzeichnet ist von der ständigen Suche nach Wahrheit bis hin zu seiner Bekehrung.

Bei der Beurteilung dieses Werkes darf man allerdings nicht außer acht lassen, daß Augustin nicht die Intention hatte, eine Autobiographie zu verfassen4 ; geschichtliche und politische Ereignisse jener Tage werden von ihm gezielt ausgeblendet, der Fokus liegt auf der Entwicklung seines Denkens. Man kann die Confessiones als eine Art ‚Glaubensbekenntnis‘ auffassen, in denen Augustin die eigenen Fehltritte und Schwächen anhand ausgesuchter Begebenheiten seines Lebens vor Gott bringt und sich in Form des Lobpreises immer wieder zu ihm bekennt (confiteri).

Weiteren Aufschluß über Augustins Leben und Wirken geben seine Briefe und Predigten. Nach seinem Tode (um 430) verfaßte Possidius von Calama, einer seiner treuesten Wegbegleiter, eine Fortsetzung der Confessiones, die Vita Augustini, worin er die letzten 43 Lebensjahre Augustins beleuchtet. Allerdings sei diese Biographie laut Therese FUHRER „mit Vorsicht zu lesen“, da sie viele Stilisierungen enthalte.5 Desweiteren bemängelt Eva ELM das Fehlen einer durchgehaltenen Chronologie und verweist auf die häufig kritisierten auffälligen Abweichungen von den Confessiones.6

III. Augustin und seine Theologie

III.1. Leben und Werk

Geboren wurde Augustin am 13. November 354 im nordafrikanischen Thagaste (heute Souk Ahras in Algerien). Mit seinem Vater Patricius, der bis kurz vor seinem Tod im Jahre 372 Heide war7, verband ihn wenig. Zu seiner Mutter Monnica hatte Augustin jedoch offenkundig ein äußerst positives und herzliches Verhältnis.8 Sie hatte eine christliche Erziehung genossen und war stets darum bemüht, ihren Kindern9 die Liebe zu Gott vorzuleben.

Augustin war ein sehr begabter Schüler. In Thagaste besuchte er zunächst den Elementarunterricht und erhielt später beim Grammaticus eine fundierte Ausbildung. Er befaßte sich intensiv mit der lateinischen Literatur - wobei ihn vor allem Vergils Aeneis und Ciceros verlorene Schrift Hortensius faszinierten - und war bereits mit knapp 20 Jahren als Grammatik- und Rhetoriklehrer tätig.10 In dieser Zeit zeigte er auch großes Interesse für die Ansichten des Manichäismus (s. hierzu S.6f.). Seine Lehrtätigkeit führte ihn nach Karthago (375-383) über Rom (384) bis nach Mailand, wo er schließlich als Rhetorikprofessor in den Dienst des kaiserlichen Hofes trat (386).

In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft des dortigen Bischofs Ambrosius. Dieser Mann hinterließ bei Augustin einen tiefen Eindruck. Ambrosius’ faszinierende rhetorische Kenntnisse brachten ihn dem katholischen Christentum näher und ließen ihn vom Manichäismus Abstand nehmen. Jetzt widmete sich Augustin vermehrt den neuplatonischen Schriften Plotins, dessen Bestreben es war, das gesamte Gedankengut der antiken Philosophie zu einer neuen Einheit zu verbinden - wobei er sich laut Jens HALFWASSEN bei dieser Synthese ganz auf die Metaphysik konzentrierte.11 Die damit gegebene Möglichkeit der Ablösung von der materialistischen Welt hatte auf Augustin eine anziehende Wirkung, zudem bot ihm die Lehre vom allumfassenden „Einen“ (ρΑ) eine Antwort auf die Frage nach Gottes Wesen. Unter dem starken Einfluß dieses idealistischen Systems einerseits und der Beziehung zu Ambrosius andererseits - auch dieser hatte sich mit dem Neuplatonismus auseinandergesetzt - geriet Augustin noch im selben Jahr zunehmend in eine seelische und körperliche Krise, aus der ihn erst sein „Bekehrungserlebnis“ in einem Mailänder Garten führen konnte (s. hierzu S. 8). Er legte seinen Beruf als Rhetor nieder und zog sich mit ausgesuchten Verwandten und Freunden auf das Landgut eines Freundes in Cassiciacum zurück, um ein Leben in Vollkommenheit zu führen: Er wandte sich jetzt ganz dem Katholizismus zu und wurde in der Osternacht 387 im Alter von 33 Jahren von Ambrosius getauft.12 In dieser Zeit entstanden auch seine Frühdialoge (Contra Academicos, De vita beata, De ordine, Soliloquia), allesamt Werke mit platonischen Elementen.

Nach einem längeren Aufenthalt in Rom, währenddessen er erste antimanichäische Schriften verfaßte, kehrte Augustin im Herbst 388 nach Africa zurück und wurde keine drei Jahre später - im Januar 391 - unter Bischof Valerius in Hippo Regius zum Priester geweiht. Mittlerweile hatte er sich gänzlich vom Manichäismus abgewandt und polemisierte in Form weiterer Schriften gegen diese Glaubensrichtung.

Seinem alten Leben den Rücken zu kehren bedeutete allerdings weitaus mehr als nur einen Orts- und Berufswechsel: In Mailand hatte Augustin unter Ambrosius eine strukturierte Kirchenpolitik erlebt. Die Gesellschaft Africas hingegen war von einem starken Wohlstandsgefälle geprägt: Religiöse Unzufriedenheit und soziale Spannungen zwischen der armen Landbevölkerung und der reichen Oberschicht hatten in der Kirche zu einem Schisma geführt, und im Laufe der Zeit setzten sich in weiten Teilen Africas zunehmend die extremen Ansichten der Donatisten durch. Die Anhänger dieser Kirche verstanden sich als eine „Gemeinschaft von perfekten Heiligen“, die in ihrer Mitte keine Sünder13 duldeten. Diese rigorose Haltung führte in manchen Kreisen zur Bildung radikaler Gruppen, sogenannter „Circumcellionen“, die gegen alle Nicht-Donatisten mit körperlicher Gewalt vorgingen. Augustin, der nach Valerius’ Tod (396) alleiniger Bischof von Hippo wurde, sah fortan seine Aufgabe darin, die römische Kirche in Africa als Institution zu manifestieren und zu stärken, indem er sich gegen ihre Gegner zur Wehr setzte und infolgedessen zur wichtigsten Führungsfigur der Kirche in Nordafrika wurde. Im Juni 411 konnte er sich schließlich mit richterlicher Unterstützung gegen den Donatismus durchsetzen. Jedoch war es ihm nach diesem politischen Sieg nicht vergönnt aufzuatmen: Die Auseinandersetzung mit dem Pelagianismus sollte seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

III.2. Augustins innere Entwicklung und Theologie

Man läge falsch, glaubte man, Augustin sei bereits in seiner Jugend der gläubige Christ gewesen, der uns später in seinen Confessiones entgegentritt. Seine Kindheit und Jugend fiel in eine für das Römische Reich sehr unruhige und konfliktreiche Zeit, in der das Christentum als Religion noch lange nicht den endgültigen Sieg errungen hatte. Infolgedessen machte auch Augustins Glaube eine lange Entwicklung durch, und nicht selten änderte er im Laufe seines Lebens seine Ansichten; zum Teil verkehrten sich diese sogar ins Gegenteil. Dieses Phänomen ist am deutlichsten in seinem Spätwerk, den Retractationes zu beobachten, in denen Augustin seine früheren Schriften in der Reihenfolge ihrer Entstehung nachträglich korrigierte, präzisierte und kommentierte. Er verfolgte mit dieser Schrift laut Kurt FLASCH die Absicht, „seine Leser anzuleiten, seine Bücher als Zeugnisse einer Entwicklung zu verstehen.“14

Überhaupt war das geschriebene Wort charakteristisch für Augustins Lebensweise; Wortgefechte mit renommierten Persönlichkeiten - wie beispielsweise auch mit Pelagius - trug er grundsätzlich schriftlich aus, ohne ihnen je von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Sein Interesse für religiöse und weltliche Phänomene hielt er in unzähligen Traktaten, Briefen und Predigten fest. Später dann, als alleiniger Bischof von Hippo und Autor der Confessiones, war er eine Autoritätsperson des öffentlichen Lebens und mußte sich mit vielen theologischen und dogmatischen Fragen auseinandersetzen. Dadurch daß er alles schriftlich niederlegte, war es ihm möglich, die Entwicklung und Veränderung seiner Ansichten zu verfolgen und nachzuvollziehen,solange bis er sich den eigenen theologischen Standpunkt klargemacht hatte und festigen konnte.

[...]


1 Gnade. In: RGG2 Bd. II, 1261f., zit. bei GRESHAKE, 15.

2 = „Ein Wort, das die doppelte Bedeutung von Lobpreis und Reue trägt.“ CHADWICK, Augustin, 72.

3 CHADWICK, Augustin, 7.

4 FUHRER, 16.

5 FUHRER, 14.

6 ELM, 109.

7 vgl. Conf. I 11, 17: ita iam credebam et illa et omnis domus, nisi pater solus.

8 vgl. De vita beata I 1,6: […] nostra mater, cuius meriti credo esse omne quod vivo.

9 Augustin hatte noch einen jüngeren Bruder namens Navigius, zudem eine Schwester; von weiteren Geschwistern ist jedoch nichts näheres bekannt.

10 Der frühe Tod seines Vaters war ausschlaggebend dafür, daß Augustin bereits in so jungen Jahren einen Beruf ergreifen mußte, um seine Familie zu ernähren.

11 vgl. HALFWASSEN, 11.

12 Augustins Mutter, Monnica, war zwar Christin und hatte ihren Sohn auch christlich erzogen, jedoch war die Kindertaufe zu dieser Zeit noch nicht die Regel (vgl. hierzu FLASCH, 12), da sich die Vorstellung von einer Erbsünde, von der die Taufe erlöst, erst durch und nach Augustin entwickelte.

13 Sünder waren für die Donatisten besonders diejenigen Christen, die unter der Verfolgung durch Diokletian (303-305) aus Angst nicht zu ihrem Glauben gestanden hatten und durch die Auslieferung ihrer heiligen Bücher zu „Traditores“ geworden waren.

14 FLASCH, 8.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640816828
ISBN (Buch)
9783640820306
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165894
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Klassische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
augustin hippo gegenspieler pelagius zwei theologien konflikt

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