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Friedrich Kittlers Anwendung der Lacanschen Trias auf das Aufschreibesystem 1900

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sigmund Freud: Die Funktion des psychischenApparates

3. Jaques Lacan: Die Trias der menschlichen Psyche
3.1 Das Reale
3.2 Das Imaginäre
3.3 Das Symbolische

4. Friedrich Kittler als Medientheoretiker
4.1 Das Reale - Grammophon
4.2 Das Imaginäre - Film
4.3 Das Symbolische - Typewriter

5. Psychoanalyse und Medientechnik um 1900

6. Die Verknüpfung von Optik, Akustik und Schrift

7. Kritik an Kittlers Übertragung des Realen, Imaginären und Symbolischen auf Medien
7.1 Lutz Ellrich
7.2 Christian Metz: Primäre und sekundäre Identifikation
7.3 Thomas Sebastian

8. Schlussbetrachtungen

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Kittler erwähnt in seinen Werken wiederholt drei Begriffe, die der Psychoanalyse entlehnt sind. Dabei handelt es sich um das Reale, Imaginäre und Symbolische. In seinem 1986 veröffentlichten Werk „ Grammphon, Film, Typewriter “ , wendet er diese drei Begriffe direkt auf verschiedene Medien an. Das Grammophon assoziiert er mit dem Realen, den Film mit dem Imaginären und den Typewriter mit dem Symbolischen. Wobei er beim Typewriter auch die Doppeldeutigkeit des Wortes mit einbezieht1. Bei seiner Übertragung der psychoanalytischen Trias auf Grammophon, Film und Typewriter, zielt Kittler insbesondere darauf ab, dass der Rezipient für die Ausdifferenzierung verschiedener Medientechniken um 1900 sensibilisiert wird. Die Begriffe real, symbolisch und imaginär wurden vom französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) geprägt, um die Psyche des Menschen zu analysieren. Für seinen Ansatz hat Lacan Sigmund Freuds (1856-1939) Strukturmodell der Psyche neu definiert. Freud verwendete für die Beschreibung des psychischen Apparates des Menschen noch die Begriffe Es, Ich und Über-Ich.

In dieser Arbeit wird versucht nachzuvollziehen, weshalb Kittler die Lacan‘sche Trias auf Medien anwendet und warum er gerade das Grammophon auf das Reale, den Film auf das Imaginäre und den Typewriter auf das Symbolische überträgt. Um diese Fragen zu beantworten, wird erst kurz auf Freuds Theorie des Strukturmodells der Psyche eingegangen, die der Vorgänger von Lacans späterem Modell der Psyche darstellt. Danach wird die Lacan‘sche Trias real, imaginär und symbolisch etwas ausführlicher analysiert, weil Kittler diese direkt auf die Medien anwendet. Anhand von „ Grammphon, Film, Typewriter “ sowie Sekundärliteratur wird dann versucht die Frage zu beantworten, wie genau Kittler diese drei Begriffe auf die Medien anwendet. Zum Schluss wird herausgearbeitet, was andere Wissenschaftler an Kittlers Übertragung kritisieren.

2. Sigmund Freud: Die Funktion des psychischen Apparates

Um den psychischen Apparat des Menschen zu definieren, wies Sigmund Freud erst auf zwei Gegebenheiten des Seelenlebens hin. Zum einen auf das Körperliche, in Form des Gehirns und zum anderen auf das bewusste und unbewusste Erleben. Vom Physischen her gesehen sah Freud das Seelenleben als einen funktionierenden Apparat und verglich es etwa mit einem Fernrohr oder einem Mikroskop. Die Erlebnisse eines Menschen hingegen sind immateriell, es geht um die Funktion der Psyche. Freud unterteilte die Psyche des Menschen in Es, Ich und Über-Ich.

Freud zufolge ist das Älteste des psychischen Apparates das Es. Es besteht aus allem, was ererbt oder bei der Geburt mitgebracht sowie konstitutionell festgelegt ist. Als wichtigsten Aspekt des Es bezeichnete er die Triebe, die einen ersten, aber noch unbekannten psychischen Ausdruck liefern. Triebe können jedoch nur ausgelebt werden, wenn es eine Aussenwelt gibt. Durch die Wahrnehmung der realen, äusseren Welt existiert somit das Es (vgl. Freud 1988: 9). Dabei geht es um die reine Wahrnehmung von Instinkten, da das Es nicht direkt mit der Aussenwelt kommunizieren kann (vgl. ibid.: 53). Das, was zwischen Es und Aussenwelt vermittelt, ist das Ich. Durch das Ich kann der Mensch sich selbst behaupten und erhalten. Es steht im direkten Kontakt zur Realität. Das Ich lernt die äusseren Reize kennen, speichert diese im Gedächtnis, meidet abnormale Reize und lässt normale Reize zu. Das Innere (oder das Es) lehrt das handelnde Ich, die Herrschaft über seine Triebe zu übernehmen. So erwirbt sich das Ich die Fähigkeit zu unterscheiden, welche Triebe es zulassen soll und welche nicht. Dieses Erlernen ist selbstverständlich verflochten mit den Wertvorstellungen der Gesellschaft, in der das Individuum lebt. Während der Kindheit ist der Mensch abhängig von der Aussenwelt, anfangs insbesondere von seinen Eltern2. In dieser Zeit bildet sich aus seinem Ich das Über-Ich3 heraus, was zum Zweck hat, den elterlichen Einfluss fortzusetzen (vgl. ibid.: 10). Das Ich muss sich sozusagen gegen eine allzu dominante Innenwelt sowie gegen eine allzu dominante Aussenwelt durchsetzen, um seine Existenz zu sichern (vgl. ibid.: 55). Denn Freud zufolge ist der psychische Apparat nur dann intakt, wenn eine Handlung im Einklang mit dem Über-Ich und dem Es steht. Er war zudem der Ansicht, dass das Es und Über-Ich die Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren, während das Ich vor allem durch das selbst Erlebte, das Zufällige und das Aktuelle bestimmt wird. Denn das Es wurde ja bereits vererbt und das Über-Ich ist das, was bereits von anderen übernommen wurde (vgl. ibid.: 10f).

3. Jaques Lacan: Die Trias der menschlichen Psyche

Lacan interpretierte mit den drei Begriffen des Realen, Imaginären und Symbolischen die Definition der Funktion der menschlichen Psyche von Sigmund Freud neu (vgl. Lacan 1978: 50). Die drei Phasen, die Lacan beschreibt, stehen auch in Beziehung zu den drei philosophischen Feldern des Existentiellen, Phänomenologischen und des Strukturellen. Diese drei Felder sind in der Philosophie grundlegend für das Beschreiben des menschlichen Erlebens. Wobei sich das Existentielle auf das isolierte Subjekt, das ohne soziale Beziehungen in die Welt geboren wird, bezieht; abgeschnitten von den Anderen, aufgrund des Mangels kommunizieren zu können. Der Mensch wird in diesem Stadium dominiert von der „unsymbolischen“ Welt des Realen. Das Reale ist genau das, was an Materiellem da ist und nichts darüber hinaus. Also beispielsweise der Körper des Neugeborenen. Es geht um pure Existenz. Dieser erste Zustand des Menschseins kann durch das Phänomen Bewusstsein ersetzt werden. Das heisst, der Mensch wird sich bewusst, dass er ein Ego besitzt; dass er ein Individuum ist. Die dritte Stufe des menschlichen Erlebens in der Philosophie ist die strukturelle Ebene der Sprache und der sozialen Beziehungen (vgl. Samuels 1993: 1f). Im Folgenden wird aufzuzeigen versucht, wie Lacan selbst die Begriffe imaginär, symbolisch und real definierte, um den psychischen Apparat zu beschreiben. Dazu wird auf die Seminare, die Lacan in den 50er Jahren hielt und die später veröffentlicht wurden zurückgegriffen.

3.1 Das Reale

Um den Begriff des Realen der Psyche (bei Freud das Ich) zu erklären, nimmt Lacan unter anderem als Beispiel den Körper des Neugeborenen. Dieser ist das Reale4, weil das Baby, wenn es gerade geboren worden ist, noch kein Bewusstsein dafür hat, was um es herum geschieht und des Weiteren auch noch keine sozialen Beziehungen hat. In diesem ersten (kurzen) Moment hat es weder Instinkt noch kann es sprechen (vgl. Lacan 1994: 29). Auch das männliche Glied ist für Lacan ein Beispiel des Realen, wohingegen der Phallus die Funktion des Imaginären hat, da der Penis erst durch den Trieb im männlichen Gehirn erregt wird. Genau wie bei Freuds Es, spielen auch bei Lacans Imaginärem die menschlichen Triebe eine zentrale Rolle. Für Lacan existiert aber das Reelle an der Grenze unserer Erfahrungen oder unseres Bewusstseins. Wobei das Ich bei Freud für das konforme Handeln zuständig ist (vgl. ibid.: 31).

Es gibt aber Lacan zufolge noch einen anderen Gebrauch der Realität, die zudem für die Psychoanalyse viel wichtiger sei. Es existiert ein Doppelprinzip der Wirklichkeit. Nämlich das Prinzip der Realität in Verbindung mit dem Prinzip der Lust (vgl. ibid.: 33). Im Grunde handelt es sich um das imaginäre Reale. Durch die „Einmischung“ der Lust und der Vorstellungskraft, geht das Reale langsam verloren (vgl. ibid.:36). Bei Freud konnte das Ich noch einen Ausgleich zwischen dem Es und Über-Ich schaffen. Bei Lacan hingegen handelt es sich beim Realen eher um einen Rest und zudem um den Übergang zum Imaginären.

3.2 Das Imaginäre

Das strukturell Grundlegende der menschlichen Erfahrung ist laut Lacan die Ordnung des Imaginären (bei Freud das Es und bei ihm das Älteste im Seelenleben). Diese Annahme begründet er damit, da sich der Mensch erst durch das Imaginäre selbst als Ganzes wahrnehmen kann (vgl. Lacan 1978: 50). Lacan erklärt mit dem berühmt gewordenen Beispiel des Spiegelbildes, was er mit dem Begriff des Imaginären in der menschlichen Psyche meint:

„L`image dans le miroir, qu`est-ce que c`est? Les rayons qui reviennent sur le miroir nous font situer dans un espace imaginaire l`objet qui est par ailleurs quelque part dans la réalité. L`objet réel n`est pas l`objet que vous voyez dans la glace. Il y a donc là un phénomène de conscience commetel.“ (Lacan 1978: 61).

So benötigt der Mensch ein Spiegelbild von sich, um sich selbst bewusst wahrzunehmen5. Im Spiegel verschwindet aber der reale Körper, weil man im Spiegelbild nur ein Abbild von sich selbst sehen kann. Um zu veranschaulichen, was er damit meint, dass das in der Realität existierende Objekt keinesfalls das Objekt ist, welches man als Spiegelbild sieht, fordert er seine Seminarteilnehmer auf, sich vorzustellen, alle Menschen seien in der Realität von der Erde verschwunden. Das einzige was somit übrig bleibt ist die Umgebung, also beispielsweise Donner, Blitz, Tiere, Häuser etc. Das Bild im Spiegel oder auch z.B. das Spiegelbild eines Sees, kann aber durch das Imaginäre weiter existieren. Auch diese Aussage verdient eine Erklärung von Lacan:

„Il est tout à fait clair qu`elles [die Bilder] existent encore. Et ce, pour une très simple raison - au haut degré de civilisation où nous sommes parvenus, qui dépasse de beaucoup nos illusions sur la conscience, nous avons fabriqué des appareils que nous pouvons sans aucune audace imaginer assez compliqués pour développer eux-mêmes les films, les ranger dans des petites boîtes,[...].“ (Lacan 1978: 62).

Alles Menschliche ist verschwunden, aber dennoch können menschliche Erfindungen, wie z.B. die Kamera, das Bild von einem Berg in einem See fixieren - und selbstverständlich auch das Abbild eines Menschen. Durch einen Spiegel oder eine Kamera entstehen also immer Doppelgänger von etwas Materiellem, handle es sich um den Körper eines Menschen, ein Tier oder einen Gegenstand. Und nur durch solche Doppelgänger, kann sich der Mensch selbst als Ganzes bewusst wahrnehmen. Für Lacan steht das Imaginäre zwischen dem Ich (das Reale) und dem Anderen (das Symbolische) (vgl. Lacan 1994: 12). Bei Freud hingegen stand das Ich noch als Vermittler zwischen dem Es und Über-Ich. Lacan definierte auch weniger eine Vermittlung zwischen den Begriffen, als eher Übergänge oder Phasen, die der Mensch in seiner psychischen Entwicklung durchmacht. Nämlich die Entwicklung vom Realen zum Imaginären und zum Symbolischen, um schliesslich einen perfekt funktionierenden psychischen Apparat zu besitzen. Zudem weist er darauf hin, dass die Spiegelbilder oder Doppelgänger des Menschen durch technische Errungenschaften abgebildet werden können. Lacan zufolge handelt es sich beim Imaginären nicht mehr um eine rohe Wirklichkeit, nicht mehr einfach um das, was beim Menschen am Anfang stand; sprich das Reale. Das Imaginäre ist vielmehr bereits organisiert und artikuliert (wenn auch noch ohne Worte). Es hat bereits eine Bedeutung, ein Signifikat (vgl. ibid.: 46).

3.3 Das Symbolische

Das Symbolische (bei Freud das Über-Ich) hat für Lacan einen direkten Zusammenhang mit der Struktur der Sprache. Mithilfe der Sprache kann sich der Mensch austauschen und er wird von den Anderen als Subjekt wahrgenommen. Er kann sich am Gefüge der logischen Gesetze orientieren sowie soziale Beziehungen aufbauen. Das Kleinkind lernt seine Naturtriebe in Worten auszudrücken, nicht mehr nur durch Gefühlsausbrüche oder seine Vorstellungskraft (vgl. Lacan 1978: 63-68 und 1994: 46). Die Sprache kann in die Begriffe Signifikant und Signifikat6 unterteilt werden. Wobei der Signifikant die sachliche Rede, bzw. die sprachlichen Zeichen symbolisiert und der Singifikat den Inhalt und die Bedeutung der Worte bezeichnet (vgl. Lacan 1994: 47f). Ausserdem verbindet Lacan das Symbolische mit Maschinen. Denn Maschinen, egal wie komplex sie auch sein mögen, seien durch nichts anderes entstanden, als durch sprachliche Zeichensysteme. Für ihn besteht die Welt des Symbolischen deshalb nicht nur aus der Sprache oder sozialen Normen und Beziehungen, sondern sie ist auch eine Welt der Maschinen (vgl. Lacan 1978: 63 und 68). Durch die Technik kann nicht nur das Imaginäre fixiert werden, sondern auch das Symbolische. Wobei das Symbolische bereits durch die Handschrift gespeichert werden konnte. Doch durch Maschinen wurde es zudem automatisiert. Auch bei Freuds Über-Ich liegt der zentrale Punkt in den sozialen Beziehungen und Normen. Jedoch weniger in Zusammenhang mit der Struktur derSprache. Wie man durch die Beschreibung der Trias real, symbolisch und imaginär gesehen hat, überschneiden sich die drei Begriffe in ihrer Bedeutung und können keinesfalls isoliert betrachtet werden. Sie stellen vielmehr einen borromäischen Knoten dar. Denn die drei Register bilden in Bezug auf die Entwicklung des psychischen Apparates des Menschen eine unauflösbare Einheit. Lacan stellte in seinen Beispielen zur Veranschaulichung der drei Begriffe oft einen Begriff einem anderen gegenüber, um die einzelnen Begriffe exakter voneinander abgrenzen zu können. Das Reale, Imaginäre und Symbolische sind für ihn die drei prägenden Ordnungen, denen das Individuum in seiner Kindheit begegnet und die das Verhältnis bestimmen, welches es zur Welt hat(vgl. auch Heinevetter & Sanchez 2008: 59).

[...]


1 Der Typewriter ist einerseits eine Schreibmaschine, andererseits wird auch die Schreibmaschinistin so genannt. 1

2 Bei diesem Einfluss geht es nicht nur um die Eltern selber. Denn, wenn das Kind in Kontakt mit anderen Menschen kommt, ist es in dieser frühen Phase seiner Entwicklung auch von diesen abhängig. Später lernt es, durch die allgemeine Öffentlichkeit, die sozialen Anforderungen oder Normen seiner Gesellschaft kennen. Deshalb ist der Mensch im Grunde das ganze Leben von der Gesellschaft, in der er lebt, abhängig. Dieser Abhängigkeit ist er sich im Erwachsenenalter allerdings nicht mehr bewusst (vgl. Freud: 1988: 11).

3 Für Freud tritt das Über-Ich das Erbe des Ödipuskomplexes an. Denn es setzt erst ein, nachdem das Kind (Ödipus) die Stadien der Begierde nach der eigenen Mutter (durch die Triebe) und der Ermordung des eigenen Vaters durchschritten hat. Normalerweise wird jedoch die Begierde nach der Mutter und das Aufbegehren gegen den Vater unterdrückt. Da das Kind die moralische Norm (Über-Ich) des Inzestverbotes bereits kennt (vgl. Freud: 1988: 60).

4 Man könnte es auch als eine organische Wirklichkeit bezeichnen.

5 Dies geschieht i.d.R. in der frühen Phase als unbeholfenes Kleinkind, zwischen dem sechsten bis achtzehnten Monat (vgl. Kloock&Spahr 2007: 188).

6 Die beiden Begriffe wurden vom Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure geprägt.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640816804
ISBN (Buch)
9783640820313
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165889
Institution / Hochschule
Universität Basel – IFM
Note
2
Schlagworte
Kittler Lacan Freud Aufschreibesystem Real Imaginär Symbolisch Medientheorie

Autor

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