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Guy Maddin's "My Winnipeg" - Auf der Suche nach der subjektiven Wahrheit

Essay 2010 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aufbau

2. Der Regisseur Guy Maddin – Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit

3. Die Film-Genres in My Winnipeg

4. Die Handlung

5. Wie Guy Maddin mit verschiedenen Film-Genres arbeitet

6. Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Aufbau

Der kanadische Filmregisseur Guy Maddin integriert in seine Filme oft verschiedene Film-Genres und die unterschiedlichsten ästhetischen Stilmittel. In My Winnipeg von 2007 kommen diese Markenzeichen von Maddin besonders gut zur Geltung. Deshalb ist das Ziel dieser Arbeit die verschiedenen Genres, die in My Winnipeg eingebunden sind, zu analysieren. Zu diesem Zweck werde ich erst kurz auf die allgemeinen filmischen Eigenheiten des Regisseurs eingehen und dann eine einzelne Sequenz von Maddin‘s Film analysieren, um gezielter auf die unterschiedlichen Genres und die ästhetischen Gestaltungsmittel bei My Winnipeg eingehen zu können.

2. Der Regisseur Guy Maddin – Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit

Neben der Verwendung verschiedener Film-Genres in einem Film und verschiedenster Stilmittel, sind Maddin‘s Filme durchzogen mit schwarzem Humor und einer Vorliebe für winterliche Melodramen. Häufig unterstellt Maddin seinen Landsleuten im Allgemeinen und den Winnipeggern im Besonderen, sie wären unfähig ihre eigene Geschichte zu mythologisieren oder sogar sich an sie zu erinnern. Deshalb stellt er seine Heimatstadt Winnipeg in seinen Filmen stets als eine Stadt dar, die von Amnesiekranken und Schlafwandlern besiedelt ist (vgl. Wershler 2010: 16 und 41). Maddin‘s Ansicht nach ist der Mangel die eigenen Geschichten zu mythologisieren problematisch, da gerade das Denken durch das unentwirrbare und oft widersprüchliche Durcheinander zwischen vergangenen Ereignissen und persönlicher Fantasie zu einer besseren Wahrnehmung der subjektiven Wahrheit führen kann (ibid.: 16). Darren Wershler, der Autor von Guy Maddin’s My Winnipeg (2010), betont, dass die Wahrnehmung der realen Welt immer zwischen dem Ausgleich von Rationalität und Fantasie beruht und spricht damit die Lacansche Trias des Realen, Imaginären und Symbolischen1 an. Wershler bezeichnet das Symbolische in Maddin‘s Filmen gleichzeitig als das Rationale und Glaubwürdige und das Imaginäre zugleich als Fantasie und das Unvergessliche (ibid.: 70). Die Vergesslichkeit oder der Mangel der Menschen sich der Imagination zu bedienen, um sich an etwas erinnern zu können und, dass Maddin seine fiktionalen Welten im Wesentlichen mit Amnesiekranken, Schlafwandlern und Untoten besiedelt, sind Elemente, welche seit seinem ersten Film, The Dead Father (1985), immer wieder auftauchen (ibid.: 24f).

My Winnipeg ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass Maddin mit seinem Film versucht die Rezipienten in ihrer subjektiven Wahrheitsfindung zu unterstützen. Maddin selber nennt My Winnipeg eine fantasievolle Dokumentation. Wobei er das Imaginäre mit dem Symbolischen verbindet, um das Reale zu entdecken. Die Vergesslichkeit der Menschen demonstriert er in seinen Filmen, indem er oft

Wiederholungen benutzt, sei es in den Erzählungen selbst oder in Form von Zwischentiteln (vgl. Wershler 2010: 43). Maddin greift gerne auf die Ästhetik der alten Stummfilme und der frühen Tonfilme zurück. Der grösste Teil seiner Filme sind 16 mm Schwarz-Weiss-Aufnahmen mit manchen nachträglichen Einfärbungen. Bei My Winnipeg kommen die verschiedensten Medien zum Einsatz: Super-8, 16 mm, Mini-DV, HD-Video, archiviertes Filmmaterial, private Filme und auf Video sowie auf Super-8 aufgenommene Animationen. Maddin involvierte zudem Nachstellungen, rückprojektiertes Archivmaterial, Fotografien und Schauspieler (ibid.: 48f).

3. Die Film-Genres in My Winnipeg

Guy Maddin wurde von Michael Burns, dem Chefredakteur des Documentary Channel in Kanada, beauftragt eine Dokumentation über Winnipeg zu drehen (Wershler 2010: 37). Maddin wollte ursprünglich niemals eine Dokumentation machen. Doch 2005 realisierte er seine erste Dokumentation My father is a 100 years old. Dabei handelt es sich um einen Kurzfilm zu Ehren des verstorbenen Vaters von Isabella Rosselini. Eine Dokumentation in Spielfilmlänge - wie My Winnipeg - hatte er allerdings zuvor noch nie realisiert (Soda Pictures).

Es gibt einige Genres, in die man My Winnipeg einzureihen versucht ist. Er ist in erster Linie eine Mischung zwischen experimentellem Dokumentarfilm mit autobiografischen Zügen und Spielfilm, d.h. ein Essayfilm, aber gleichzeitig auch Fantasy-Film. Hinzu kommen melodramatische Elemente und Charakterzüge aus dem Stadt-Sinfonie-Genre aus den 1920er Jahren sowie die Verwendung ästhetischer Gestaltungsmittel des Stummfilms und der russischen Avantgarde (vgl. auch Wershler 2010: 53f). Die verschiedenen Genres sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen, da die Übergänge oft fliessend sind und Maddin Fiktion mit Fakten vermischt. Einerseits dokumentiert Maddin

z.B. seine Heimatstadt, indem er Ereignisse wie den Beginn der Fernsehübertragung in Winnipeg am 1.Juni 1954 erwähnt, andererseits verbindet er diese Ereignisse mit seinem eigenen Leben. Im Fall der Fernsehübertragung mit dem Datum seiner Geburt, den 28.Februar 1956. Hier tritt Maddin’s imaginäre Ästhetik zu Tage. Maddin geht es nicht so sehr darum, das Erlebte so exakt wie möglich in Erinnerung zu rufen, sondern vielmehr will er Verbindungen zwischen vergangenen Ereignissen und persönlicher Fantasie herstellen (vgl. ibid.: 16). Zu diesem Zweck vermischt er persönliche Fakten mit allgemein historischen, Fantasie mit Wirklichkeit und Fiktion mit Fakten. Die essay-typischen Mittel in My Winnipeg sind die Ich-Stimme, Teile der Erinnerung, die Maddin aufarbeitet sowie Travelogues. Letztere bedeuten insbesondere Reisen in Maddin‘s Kindheit und in die Erinnerungen der Winnipegger. Zudem wird diese Reise symbolisch betont, denn über den gesamten Film hinweg sitzt er, beziehungsweise der Schauspieler Darcy Fehr, im Zug und versucht seiner Stadt zu entfliehen. All diese Mittel schaffen einen eigenwilligen Gedächtnisraum, sodass der Rezipient keine Gedanken mehr daran verschwendet, was

nun Fakten sind – was die konventionelle Dokumentation oder die Autobiografie eigentlich auszeichnet - und was nun Fiktion ist – was wiederum für Fantasy-Filme typisch ist (vgl. Barth 2010: 37). Ein Spielfilm ist My Winnipeg deshalb, weil die Familie von Maddin inszeniert wird. Dazu kommt die melodramatische Seite von My Winnipeg. Maddin’s Geschichten und Charakteren sind immer geprägt von Krisen und Hysterie. Zwischen dem klassischen Melodrama und dem von Maddin gibt es allerdings einen markanten Unterschied: Filme in den 1920er oder 1930er Jahren benutzten das Melodrama geradlinig und ohne Ironie. Die melodramatischen Elemente in Maddin’s Filmen hingegen sind mit Ironie durchzogen, sodass es seltsam erscheint an echte Melodramen zu denken. Für William Beard sind Maddin’s Melodramen eher verzerrte und übertriebene Nachahmungen des Melodramas. Denn der Rezipient kann gar nicht mit den Charakteren im Film mitfühlen oder gar mit ihnen weinen, sondern lacht vielmehr über sie (vgl. Beard 2005: 4f). Maddin importiert das klassische Melodrama in einen postmodernen Kontext. Er beabsichtigt nicht in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern vielmehr die Unmöglichkeit in die Vergangenheit zurückzukehren zu dramatisieren. Seine Filme bringen auch nicht den Stummfilm zurück, sondern demonstrieren eher, wie weit wir uns davon wegbewegt haben (vgl. ibid.: 6). Obwohl Maddin in seiner Kindheit und als junger Erwachsener genügend Dramen erlebt hat (Selbstmord des Bruders, Tod des Vaters oder einschneidende Erfahrungen mit Frauen), stammen die melodramatischen Züge in seinen Filmen aus den theatralischen Melodramen aus dem 19. Jahrhundert und seinen Nachfolgern im frühen Kino des Stummfilms (vgl. ibid.: 11). Ein weiteres Element, welches im My Winnipeg zum Ausdruck kommt, sind die Stadtsinfonien aus den 1920er Jahren. Zwei der bekanntesten experimentellen Sinfonien über Städte, die zudem einen direkten Einfluss auf My Winnipeg hatten, sind Berlin, die Sinfonie der Großstadt (1927) von Walter Ruttmann und Der Mann mit der Kamera (1929) von Dziga Vertov (vgl. Wershler 2010: 72). Filme, die von Städten handeln, war ein Hauptthema im frühen Film. Es gab eine starke Verbindung zwischen Kino und urbanem Leben (vgl. ibid.: 66).

4. Die Handlung

Maddin nimmt den Zuschauer in My Winnipeg auf eine Reise mit, durch Stationen seiner eigenen Kindheit und den Geschichten und Legenden seiner Heimatstadt. Winnipeg beschreibt er als die Stadt, die den weltweit höchsten Prozentsatz an Schlafwandlern aufweist. Die Off-Stimme ist seine eigene. Dies schlugen seine Produzenten, Michael Burns und Jody Shapiro, vor. Der Grund dafür war, dass sie nicht wollten, dass der Film zu purer Fiktion wird. In My Winnipeg kommen so viele unwahrscheinliche Mythen vor und, wenn noch dazu ein Erzähler angestellt würde – so Burns und Shapiro -, dann würde der Film von den Rezipienten als reine Fiktion wahrgenommen (vgl. Wershler 2010: 42). Während Maddin‘s Erzählungen sitzt der Schauspieler Darcy Fehr in einem Zug und versucht seiner Heimatstadt

[...]


[1] Lacan interpretierte mit den drei Begriffen des Realen, Imaginären und Symbolischen die Definition der Funktion der menschlichen Psyche von Sigmund Freud neu (vgl. Lacan 1978: 50).

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783640820351
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165887
Institution / Hochschule
Universität Basel – IFM
Note
Schlagworte
Guy Maddin My Winni My Winnipeg Vertov Russische Avantgarde Stadt-Sinfonie Stummfilm Montage Fiktion Doku-Fantasy

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