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Legitimität und Delegitimisierung bewaffneter Gruppen

Bachelorarbeit 2010 33 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Politische Soziologie als theoretische Grundlage zur Untersuchung bewaffneter Gruppen
1.2 Der gesellschaftstheoretische Rahmen bei der Analyse bewaffneter Gruppen
1.3 Aufbau und Gliederung

2. Gewalt, Macht und Herrschaft
2.1 Staatliche vs. (re)privatisierte Gewalt
2.3 Von der reinen Gewaltanwendung zum Aufbau von Machtbeziehungen
2.4 Die Institutionalisierung der Macht: Transformation von Macht zu Herrschaft

3. Basislegitimitäten: Stabilisierung von Herrschaftsordnungen

4. Die Formation von Gewaltakteuren gegen bestehende Herrschaftsordnungen

5. Die soziale Organisation bewaffneter Gruppen: Anführer, Mitglieder und Anhänger

6. Legitimität und Delegitimisierung idealtypischer Gewaltakteure
6.1 Warlordgruppierungen
6.2 Rebellenbewegungen
6.3 Terrorgruppen
6.4 Kriminelle Organisationen
6.5 Milizen und paramilitärische Gruppen
6.6 Söldner und private Sicherheits- und Militärunternehmen
6.7 Die Verflechtung verschiedener Gewaltunternehmer im Kontext der Weltgesellschaft

7. Fallbeispiel: Die Forces Nouvelles de Côte d‘Ivoire (FNCI)

8. Resümee

9. Literatur

Akronyme

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Seit Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind an die Stelle der Kriege zwischen regulären Armeen, die den politischen Willen ihrer Gegner auszuschalten versuchen, die unterschiedlichsten Gewaltakteure getreten, denen es zumeist um Macht und Einfluss innerhalb eines begrenzten Gebietes und manchmal auch darüber hinaus geht. Dabei wird die Zivilbevölkerung oft in Kampfhandlungen hineingezogen. Sie dient als Schutz und logistische Stütze oder wird schlimmstenfalls als Hauptziel benutzt (Münkler 2004: 180). Die bewaffneten Gruppen, die an gegenwärtigen inner- und substaatlichen Konflikten und Kriegen1 beteiligt sind, werden oft als nichtstaatliche Gewaltakteure bezeichnet. Wobei diese Bezeichnung nicht immer angebracht ist, da manche unter ihnen nach Kriegen selbst zu staatlichen Akteuren werden oder bereits während den Konflikten quasistaatliche Funktionen einnehmen (Schlichte 2009b: 6). Im Allgemeinen aber sind die diversen Gewaltakteure nicht in formale staatliche Institutionen, wie die regulären Streitkräfte oder die Polizei, integriert (Siegelberg & Hensell 2006: 9; Schneckener 2009: 8). Aus idealtypischer Sicht kann man die kontemporären bewaffneten Akteursfigurationen2 in folgende Typen unterteilen: Warlords, Rebellen, Terroristen, organisierte Kriminelle, Milizen und paramilitärische Gruppen sowie Söldner und private Sicherheitsfirmen3 (Zunzer 2005: 10-16).

Gewaltsame Figurationen weisen ähnliche Anforderungen auf wie alle sozialen Organisationen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und längerfristig Bestand haben möchten. Es muss beispielsweise eine interne Kommunikation etabliert werden, Aktivitäten müssen koordiniert und Mittel beschafft werden, um Mitarbeiter zu beschäftigen4. Doch der spezielle Charakter von bewaffneten Gruppen, im Gegensatz zu anderen sozialen Organisationen, ist der, dass sie Gewalt anwenden, um an Macht zu gelangen. Damit diese Gruppen ihre Macht dauerhaft sichern können, ist wenigstens eine Selbstlegitimierung ihrer Gewaltanwendung vonnöten (Schlichte 2009a: 57). Im Zentrum dieser Arbeit stehen die oben aufgeführten idealtypischen Gewaltakteure. Es soll herausgearbeitet werden, unter welchen Voraussetzungen solche Gewaltakteure in ihrem sozialen Umfeld Legitimität erwarten können. Da eine Legitimierung nicht immer gelingt oder bewaffnete Gruppen die erlangte Legitimität wieder verlieren, werden auch Gründe analysiert, die zu einer Delegitimisierung führen.

1.1 Politische Soziologie als theoretische Grundlage zur Untersuchung bewaffneter Gruppen

Klaus Schlichte hat zusammen mit sieben Doktoranden eine umfassende Forschung realisiert, bei der bewaffnete Gruppen im Mittelpunkt stehen. Dafür haben zwischen 2001 bis 2007 alle Beteiligten eine mindestens sechsmonatige Feldforschung durchgeführt5 (Schlichte 2009a: 23). Ein Hauptgrund für dieses Projekt ist das Defizit der gegenwärtigen Kriegsdebatte, die nicht zu erklären vermag, weshalb sich die Politik von spezifischen bewaffneten Gruppen stark voneinander unterscheidet. Bewaffnete Gruppen lös(t)en zwar in der jüngeren Kriegsforschung Debatten aus und erreichten auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Doch die Diskussionen wurden nicht so weit vertieft, dass die verschiedenen Bewegungen von Kriegsakteuren erklärt hätten werden können. Dabei wurden die Interaktion von Gewalt und die politischen Strukturen, innerhalb derer bewaffnete Akteure agieren, ausser Acht gelassen (ibid.: 17). Nach Ansicht von Schlichte hat diese Forschungslücke allerdings auch mit einer fehlenden Theorie zu tun, durch die an eine solche Aufgabe herangegangen werden kann. Die politische Soziologe aber, würde eine theoretische Perspektive liefern:

„Using this vocabulary I want to show that it is the de-legitimizing and legitimizing effects of violence that are the core of the dynamics which decide about an armed group‘s fate (Schlichte 2009a: 17). Schlichte vertritt die These, dass die typische Dynamik bewaffneter Gewaltakteure nur zu verstehen ist, wenn man sie als politische Akteure, als Figurationen sieht, innerhalb welcher sich die Beziehungen ständig zwischen Macht und Herrschaft bewegen. Für die Analyse bewaffneter Gruppen und ihrer Dynamik sei es deshalb wichtig, den Fokus auf das Konzept der Legitimität zu legen. Denn die Entstehung, der Aufstieg, aber auch der Zerfall bewaffneter Gruppen sei ohne das Vokabular der politischen Soziologie nicht erklärbar (ibid.: 58). Die Untersuchung der Legitimität oder Delegitimisierung von Gewaltakteuren ist auf dieser Grundlage mit verschiedenen sozialen Prozessen verknüpft, die mit Konzepten von Gewalt, Macht und Herrschaft verankert sind.

1.2 Der gesellschaftstheoretische Rahmen bei der Analyse bewaffneter Gruppen

Jens Siegelberg und Stephan Hensell betonen drei Rahmenbedingungen, die das Handeln nichtstaatlicher Gewaltakteure in kontemporären inner- und substaatlichen Konflikten beeinflussen: die Logik langfristiger globaler Entwicklungsprozesse, die Soziologie lokaler Handlungszusammenhänge und die, meist kurzfristige, Wirkung zeitgeschichtlicher Ereignisse. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen entstehen die Ursachen, die Akteurskonstellationen, die Konfliktformen und die Motive der verschiedenen Gewaltakteure (Siegelberg & Hensell 2006: 30). Um eine umfassende Typologie von bewaffneten Gruppen zu gewährleisten, soll in dieser Arbeit nicht nur auf einzelne Dimensionen kultureller, ökonomischer, sozialer oder politischer innerer Zusammenhänge solcher Gruppen eingegangen werden, sondern, nach Möglichkeit, auf alle Dimensionen. Zudem werden die bewaffneten Gruppen in einem gesellschaftstheoretischen Rahmen analysiert. Dabei werden globale Entwicklungsprozesse, lokale Handlungszusammenhänge und zeitgeschichtliche Ereignisse, die das Handeln der Gewaltakteure bestimmen, nicht ausser Acht gelassen.

1.3 Aufbau und Gliederung

Zum Einstieg in die Arbeit und nach dem Vorschlag von Schlichte, bewaffnete Gruppen aus der Perspektive der politischen Soziologie zu analysieren, sollen zu Beginn die Konzepte Gewalt, Macht, Herrschaft und Legitimität veranschaulicht werden. Danach werden diese Konzepte auf idealtypische bewaffnete Gruppen angewendet, die zeitgenössische inner- und substaatlichen Konflikte dominieren, um herauszuarbeiten, inwieweit Gewaltakteure gesellschaftliche Legitimität erwarten können. Zum Schluss wird, anhand der ehemaligen Rebellenbewegung Forces Nouvelles de Côte d‘Ivoire (FNCI), ein empirisches Beispiel aus Westafrika hinzugezogen.

2. Gewalt, Macht und Herrschaft

2.1 Staatliche vs. (re)privatisierte Gewalt

Eine einheitliche Definition von Gewalt existiert in der soziologischen Gewaltforschung nicht. Roland Hitzler schlägt aber einen Ansatz zur Bestimmung von Gewalt vor, der zwischen Gewalt-Erfahrung und Gewalt- Tätigkeit unterscheidet (Hitzler 1999: 9). Gewalt kann im Grunde von jedermann angewendet und erfahren werden und ist deshalb allgegenwärtig. Die Idee des staatlichen Gewaltmonopols allerdings macht private Gewalt im Prinzip überflüssig6. Dies heisst jedoch keinesfalls, dass einzelne Menschen, Gruppen oder Organisationen innerhalb eines staatlichen Rahmens keine Gewalt mehr ausüben oder erfahren würden (ibid.: 11f). Aber, erst nachdem der Krieg verstaatlicht wurde und der Staat die Gewaltanwendung als Monopol durchzusetzen versuchte, konnte offiziell eine Grenze zwischen Soldaten und Zivilisten gezogen werden (Meyers 2004: 9). Einzelnen Staaten gelingt es allerdings oft nicht, ein umfassendes Gewaltmonopol aufzubauen und/oder aufrechtzuerhalten, da es immer schon andere, nichtstaatliche oder halbstaatliche Akteure gab, die Ansprüche auf das Gewaltmonopol demonstrierten (von Trotha 1995: 2f). Wenn nichtstaatliche Gruppen heute Gewalt anwenden, ist deshalb nicht das Aufeinandertreffen von staatlichen, halbstaatlichen oder nichtstaatlichen Gewaltakteuren das Neue, sondern vielmehr die Fähigkeit der agierenden Gewaltakteure ihr Handeln durch den Gebrauch globalisierter Prozesse zu optimieren und Formen der Staatsgewalt zu übernehmen oder staatsfreie Räume zu schaffen, die ihnen die Finanzierung des Krieges ermöglichen. Im Grunde wird das staatliche Gewaltmonopol (wieder) privatisiert (Meyers 2004: 3; Seidl 2008: 25).

Die Anwendung von Gewalt bedeutet nicht den Zerfall jeglicher Ordnung. Vielmehr weisen gewaltsame Konflikte einen sozialen Charakter auf. Die Gewaltanwendung bei kriegerischen Auseinandersetzungen ist von einer sozialen Dynamik geprägt, die auf alle gesellschaftlichen Ebenen übergreift: „Eine kriegsführende Gesellschaft ist stets eine Gesellschaft, in der Menschen Lebenspläne verfolgen, ihren Berufen nachgehen, Konflikte austragen“ (von Trotha 1999: 72). Aber die sozialen Regeln, die in Friedenszeiten eingehalten werden, werden vorübergehend ausser Kraft gesetzt (von Trotha 1999: 72; Bakonyi & Stuvøy 2006: 39). Die bestehenden sozialen Formen können während gewaltsamen Konflikten auch transformiert oder neu etabliert werden. Dies bedingt aber einerseits, dass die Gewaltanwendung bewaffneter Akteure in der Gruppe selbst durch Macht- und Herrschaftsstrukturen begrenzt wird und andererseits auch nach aussen, d.h. gegen die Zivilbevölkerung. Denn Gewaltakteure können in der eigenen Gruppe und nach aussen nur interagieren und ihre Gewalt rechtfertigen, weil sie gewissen Ideen, Weltbildern oder Symbolen dieselbe Bedeutung zuschreiben (Bakonyi & Stuvøy 2006: 39). Wo die Grenze zwischen der Legitimität und der Delegitimisierung von Gewalt gezogen wird, ist deshalb oft mit sozialen, kulturellen und historischen Faktoren verbunden (Schlichte 2009a: 63f). Weil Gewalt die Tendenz aufweist zu entgleisen und Aussenstehende in Gegner zu transformieren, wird die erlangte Legitimität bewaffneter Gruppen nicht selten zerstört. Um dies zu verhindern, müssen Gewaltakteure die Macht, die sie durch Gewalt ausüben, in etwas Dauerhaftes umwandeln. Damit sie mögliche Opponenten, die einen höheren Grad an Organisationsfähigkeit besitzen, (auch ohne Waffen) besiegen können (ibid.: 83).

2.3 Von der reinen Gewaltanwendung zum Aufbau von Machtbeziehungen

Macht kann im Prinzip von jedem Menschen ausgeübt werden, sie setzt aber eine ungleiche Verteilung von Fähigkeiten, Begabungen oder auch Ressourcen voraus (Popitz 1999: 110). Heinrich Popitz klassifizierte vier verschiedene Durchsetzungsformen von Macht: Aktionsmacht, instrumentelle Macht, autoritative Macht und datensetzende Macht. Die Aktionsmacht ist die direkteste Form von Machtausübung und beinhaltet insbesondere Gewaltanwendung. Sie kann körperlicher, ökonomischer oder gesellschaftlicher Art sein. In körperlicher Hinsicht kann sie vom Zufügen von Schmerzen über die Verstümmelung bis hin zur Tötung führen, in materieller von der Verminderung der Ressourcen bis hin zum Verlust der Subsistenzmittel und in gesellschaftlicher vom Ausschluss durch Distanzierung, herabsetzenden Handlungen, zur formellen Status- Degradierungen bis zur gesellschaftlichen Exklusion (ibid.: 44f). Wenn eine einmalige Aktion ausgeführt wird, handelt es sich um blosse Aktionsmacht. Der Machtausübende ist nicht am Handeln des Unterlegenen interessiert. Sollen Machtbeziehungen allerdings von Dauer sein, ist bindende Aktionsmacht vonnöten. Der Machtausübende kann durch Gewaltanwendung und Androhung dem Unterlegenen gegenüber die Machtbeziehung aufrecht erhalten und stabilisieren (ibid.: 46f).

Wer instrumentelle Macht auszuüben vermag, kann das künftige soziale Handeln der Menschen durch Drohungen oder Versprechungen dauerhaft steuern. Drohungen oder Versprechungen bedeuten allerdings keinen absoluten Zwang. Wenn der Bedrohte überhaupt keine Wahl für eine Entscheidung hat, kann man nicht von instrumenteller Macht sprechen. Denn, der Machtausübende droht oder gibt Versprechungen, weil er etwas vom anderen möchte. Der Bedrohte kann sich fügen oder wehren. Der Machtausübende muss aber zumindest teilweise organisiert sein, um instrumentelle Macht als längerfristiges Instrument einzusetzen. Wenn er nicht fähig ist, seine Drohungen oder Versprechungen einzulösen, verliert er an Glaubwürdigkeit. Die machtausübenden Individuen oder Gruppen können instrumentelle Macht einerseits ausüben, weil andere Menschen Angst vor ihnen haben und sich andererseits gleichzeitig etwas von ihnen erhoffen (Popitz 1999: 79-83).

Die autoritative Macht ist, wie die instrumentelle Macht, eine Form von verhaltenssteuernder Macht. Sie ist bei den Beherrschten aber bereits so verinnerlicht, dass sie keiner Kontrolle der Machtausübenden mehr bedarf. Die Beherrschten „wünschen“ sich deshalb, von den Personen oder Gruppen, die die Macht ausüben, anerkannt zu werden. Sie selbst anerkennen die Überlegenheit des anderen. Die Macht steuert somit nicht nur das Verhalten, sondern auch die Einstellung der Unterlegenen. Wer Autorität ausübt, kann auf Drohungen oder physische und materielle Strafen verzichten. Dies muss allerdings nicht immer der Fall sein. Autorität kann auch durch Gewalt oder Drohungen erlangt werden (ibid.: 108ff).

Die datensetzende Macht schliesslich, bedeutet Macht aufgrund technischer Handlungsfähigkeit über andere Menschen ausüben zu können. Dabei handelt es sich um die materielle, objektive Welt und ihre technischen Instrumente (ibid.: 32). Die Beherrschten gehorchen den Machtausübenden, weil sie ihren Lebensunterhalt durch materielle Dinge sichern wollen und später evtl. auch ihren Wohlstand. Der Machtausübende verfügt dabei über die materiellen Dinge, die der Unterlegene für sein Überleben benötigt oder die ihm Wohlstand bringen können (ibid.: 167). Die Steigerung der Machtchancen durch materielle Mittel kann besonders zerstörend oder besonders dauerhaft sein. Durch technische Instrumente können extreme Gewaltakte ausgeführt werden, oder aber die Instrumente können zum Ausbau dauerhafter Machtverhältnisse eingesetzt werden (ibid.: 179f). Jede der von Popitz klassifizierten vier Machtformen kann Machtverhältnisse isoliert prägen. Nicht selten aber treten mehrere Durchsetzungsformen von Macht kombiniert auf (ibid.: 35).

2.4 Die Institutionalisierung der Macht: Transformation von Macht zu Herrschaft

Wie bereits erwähnt, ist Macht ein allgegenwärtiges Phänomen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Erst durch Normen und Regeln wird die Macht institutionalisiert und kann in Herrschaft transformiert werden7. Beim Prozess von Macht zu Herrschaft spricht Popitz von drei Tendenzen. Die erste Tendenz ist die Entpersonalisierung der Machtverhältnisse. Es geht nicht mehr nur um einzelne Personen, die Macht über andere ausüben, sondern um bestimmte Funktionen und Stellungen, die von einem überpersonalen Charakter geprägt werden. Die zweite Tendenz bei der Institutionalisierung der Machtverhältnisse ist eine zunehmende Formalisierung. Es werden Regeln umgesetzt, die es einzuhalten gilt. Und als dritte Tendenz führt Popitz die zunehmende Integrierung der Machtverhältnisse in ein soziales Gefüge an. Wenn bestehende Machtverhältnisse eine zunehmende Entpersonalisierung, Formalisierung und Integrierung erfahren, werden diese immer mehr stabilisiert (Popitz 1999: 233f). Popitz beschreibt die Prozesse, die Macht in Herrschaft transformieren, deshalb anhand eines Stufen-Modells. Die erste Stufe stellt die sporadische Macht dar. Diese Machtausübung ist auf einen Einzelfall oder Einzelfälle beschränkt und sie stagniert daher oft in diesem Stadium. Dies geschieht, wenn die zur Verfügung stehenden Machtmittel schnell verbraucht sind (z.B. wenn ein Geiselnehmer die Geisel freigibt) und nicht mit einer Wiederholung gerechnet wird. Damit dies nicht geschieht, muss der Machtausübende Regelmässigkeiten durchsetzen und den Schwächeren in seiner Mobilität einschränken. Eine Einschränkung oder auch Aufhebung der Mobilität kann bedeuten, dass der Machtabhängige persönlich an den Machthaber gebunden ist, z.B. durch eine Autoritätsbeziehung, aber auch, wenn ihn bestimmte Interessen festhalten oder er an einer Flucht gehindert wird (ibid.: 236ff).

Die zweite Stufe ist die normierende Macht. Bei dieser Stufe kann der Machtausübende das Verhalten der Unterlegenen nicht nur manchmal steuern, sondern normieren. Diese Stufe kann erreicht werden, wenn der Machtausübende alle oben genannten Voraussetzungen erfüllt. Das heisst, wenn ihm ausreichend Machtmittel zur Verfügung stehen, wenn er Regelmässigkeiten durchsetzen kann und es ihm gelingt die Mobilität der Unterlegenen zu limitieren. So wird der Aufwand des Machtausübenden verringert. Er muss nicht jedes Mal neue Anweisungen geben (ibid.: 239f). Durch die normierende Macht nimmt auch die Entpersonalisierung zu, da ad-hoc-Befehle durch Normen abgelöst werden. Der Machthaber muss somit nicht mehr direkt eingreifen, sondern kann seine Macht delegieren. Ausserdem nimmt auf dieser Stufe die Formalisierung zu. Durch Formvorschriften wird allerdings auch der Machthaber eingeschränkt, da auch er sich (seinen eigenen) Regeln unterwerfen muss. Durch den Übergang zur normierenden Macht erhöht sich zudem die Chance der Integration in eine umfassende gesellschaftliche Ordnung (ibid.: 242f).

Die dritte Stufe der Institutionalisierung der Macht ist der Übergang zur Herrschaft. Die normierende Macht kann zur positionellen Macht gesteigert werden, wenn sie zur überpersonalen Machtstellung wird. Diese überpersonale Machtstellung bedeutet, dass sich in einem sozialen Gefüge eine Funktion gebildet hat, die übertragbar geworden ist. Wenn dieser Platz nicht besetzt wird, wird er als vakant empfunden. Solche Funktionen können die Auslegung von Traditionen, die Rechtsprechung oder die Organisation gemeinsamen Handels sein. Der erste Erfolg einer Positionalisierung lässt sich am Anfang immer darauf zurückführen, dass auf einen machtbegründenden Machthaber ein nächster folgt, der ungefähr die gleichen Funktionen ausübt. Eine Gefahr für die Macht-Positionierung besteht allerdings in der Durchsetzung von Nachfolgeregeln (ibid.: 244f).

Die vierte Stufe von Popitz‘ Modell zeigt sich durch die Bildung von Herrschaftsapparaten, die sich um die zentrale Postion eines Herrn bilden. Kann ein Herrscher dauerhaft eine Anhängerschaft um sich bilden, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Gruppe eine Arbeitsteilung erfährt und sich zentrale Herrschaftsapparate bilden. Dadurch wird auch die Entpersonalisierung, die Formalisierung und die Integration in ein soziales Gefüge weiter gefördert. Die Dominanz über grössere Gebiete ist nur über die Bildung von Herrschaftsapparaten möglich. So ist diese vierte Stufe der Institutionalisierung der Macht üblicherweise mit Gebietsherrschaft verbunden (Popitz 1999: 255-258).

Die letzte Stufe, die Popitz aufführt, ist die staatliche Herrschaft und die Veralltäglichung institutionalisierter, zentralisierter Herrschaft. Es wird versucht eine Monopolisierung der zentralen Gebietsherrschaft durchzusetzen, die sich auf die drei klassischen Normfunktionen staatlicher Herrschaft beziehen: der Normsetzung, Rechtsprechung und Normdurchsetzung. Es kann jedoch keine Zentrale alle Normen festlegen, die in einer Gesellschaft Anerkennung finden. Die Monopolisierung zentraler Herrschaftsinstanzen hat deshalb auch nicht die Ausschaltung aller nichtstaatlichen Machtkonzentrationen zur Folge (ibid.: 258f).

3. Basislegitimitäten: Stabilisierung von Herrschaftsordnungen

Nach Ansicht von Trutz von Trotha sind Herrschaftsordnungen insbesondere darauf gegründet, dass sich Basislegitimitäten entwickeln und aufrecht erhalten lassen. Er arbeitete sechs verschiedene Ordnungen von Basislegitimitäten heraus, die in den Prozess der Institutionalisierung staatlicher Herrschaft eingebunden sind, ebenso Herrschende wie Beherrschte mit einbeziehen und denen Herrschaftsordnungen unterschiedlichster Art zugrunde liegen können (von Trotha 1994: 88f). Die sechs Formen von Basislegitimität, die von Trotha ausdifferenziert, sind die Basislegitimität überlegener Gewalt, die Basislegitimität der Organisationsmacht, der Ordnungswert der Ordnung, die Basislegitimation der Teilhabe, der Demonstrationswert und die Basislegitimität der kulturellen Zugehörigkeit (ibid.: 75). Überlegene Gewalt ist ein grundlegender Aspekt bei der Basislegitimation von Herrschaft und von Trotha betont, dass auch das staatliche Gewaltmonopol auf ihr basiert. Durch Gewaltanwendung oder Androhung entsteht immer eine Ordnung, die nur zwei Seiten haben kann. Es gibt ausschliesslich Überlegene und Unterlegene. Der Besiegte wird getötet oder zumindest zum Unterlegenen und der Sieger hat die Macht der Ordnung. Die Gewalt zerstört eine Ordnung und lässt sie wieder oder neu erstehen. Die überlegene Gewalt ist aber nicht auf die Verletzung des Körpers beschränkt. Sie erniedrigt die unterlegene Person immer auch psychisch. Die Unterlegenheit des Besiegten einerseits und die Überlegenheit des Siegers andererseits ist die Basis für die Legitimation des Siegers und seiner Herrschaft (ibid.: 76f).

Als Organisationsmacht der Herrschenden bezeichnet von Trotha die Fähigkeit der Herrschenden, die Mitglieder seiner Gruppe oder Teile einer Gesellschaft für gesamtgesellschaftliche Ziele zu koordinieren und einzusetzen. Diese Ziele können kultureller, sozialer, ökonomischer und politischer Art oder aber auch verknüpft sein. Die Organisationsmacht ist grundlegend für die Selbstlegitimation der Herrschenden und zudem gekennzeichnet durch Produktivität. Es wird etwas bewirkt und verändert und nicht, wie bei der überlegenen Gewalt, bedingungslose Legitimation erwartet. Weil die Herrschenden aber die Organisationsmacht nicht selten mit Grausamkeit gegen die Beherrschten durchsetzen und letztere zur Arbeit gezwungen werden, ist die Organisationsmacht mit der überlegenen Gewalt zu vergleichen. Von Trotha zieht zudem Parallelen zwischen der Basislegitimation der Organisationsmacht und der datensetzenden Macht bei Popitz, weil beide Prozesse die materielle Welt zu ändern vermögen. Indem der Herrscher Materielles schafft, das sichtbar, greifbar und von Dauer ist, beweist er, dass seine Ansprüche und Forderungen, die er vom Beherrschten verlangt, nicht bloss Worte sind und/oder auf Gewalt beruhen (von Trotha 1994: 77f). Ausserdem können zwischen den Prozessen der Aktionsmacht, instrumentellen und autoritativen Macht, die Popitz klassifizierte, und der Basislegitimität der überlegenen Gewalt Vergleiche gezogen werden. Die überlegene Gewalt und die drei verschiedenen Durchsetzungsformen von Macht, handle es sich um physische oder psychische, um einmalige oder dauerhafte Handlungen, bedingen lediglich eine (zumindest geringe) Organisation innerhalb der machtausübenden Gruppe. Bei der Organisationsmacht oder auch datensetzenden Macht allerdings, werden auch die Unterlegenen in die Organisation mit einbezogen.

Den Ordnungswert der Ordnung als Basislegitimation institutionalisierter Herrschaft erklärt von Trotha damit, dass die Menschen sich einer Ordnung unterwerfen, weil sie sich selbst erhalten oder ein angenehmes Leben führen wollen. Weil die meisten Menschen eine sichere Ordnung der Freiheit vorziehen, um ein friedliches Leben zu führen, kann eine von Menschen geschaffene Ordnung gerechtfertigt werden. Wenn die Herrscher dauerhaft Ordnung bieten können, ist ihre Legitimität von Erfolg gekennzeichnet (ibid.: 79f). Den Begriff Ordnungswert übernimmt von Trotha von Popitz, der diesen Begriff für das Fortbestehen von Verhältnissen verwendete (vgl. Popitz 1999: 224).

Bei der Basislegitimation der Teilhabe können Menschen auch dann verantwortlich gemacht werden, wenn sie nicht zu den Hauptakteuren zählen. Diese Basislegitimation verweist auf Mitläufer, die etwas tun, weil alle anderen es auch tun, jedoch keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Weil sie keine aktive Opposition zu den Herrschern darstellen, besteht, allein aus dem Grund der Passivität, die Voraussetzung der Legitimation der bestehenden Herrschaftsverhältnisse (von Trotha 1994: 81). Bei der Teilhabe übernimmt von Trotha wiederum einen Begriff von Popitz: den Investitionswert einer bestehenden Ordnung (vgl. Popitz 1999: 225). Die Mitglieder einer Herrschaftsordnung wollen ihre getätigten Investitionen in die bestehende Ordnung nicht verlieren, weil sie, aufgrund der Dauer der Ordnung, viel Zeit investiert haben. Sie möchten das Erreichte nicht durch einen Umsturz verlieren. Zudem kommt der Alltagswert der bestehenden Ordnung hinzu. Die Mitglieder haben in der bestehenden Ordnung etwas erreicht; sei es sozial oder materiell. Die Ordnung ist ihnen mittlerweile so gewohnt und vertraut, dass sie nichts daran ändern möchten (von Trotha 1994: 81f).

Der Demonstrationswert ist eine eigenständige Form von Basislegitimation durch Teilhabe, die nach von Trotha in jeder Phase, am Beginn einer Herrschaftsordnung, grundlegend ist. Die Teilhabe von Handelnden wird von Aussenstehenden beobachtet und erfahren. Diese Handelnden sind nicht nur die Mitglieder der Gruppe, die Herrschaft ausübt, sondern eben all diejenigen, die sich nicht ausdrücklich gegen die bestehende Herrschaftsordnung, in der sie leben, stellen. Der Demonstrationswert rechtfertigt sich dadurch, dass sich

[...]


1 Innerstaatliche Konflikte und Kriege spielen sich zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren innerhalb bestehender staatlicher Grenzen ab, substaatliche primär zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren innerhalb oder über Staatsgrenzen hinaus (Chojnacki 2008: 180).

2 Der Begriff Figuration wurde von Norbert Elias geprägt. Damit schuf er einen Begriff, der das Individuum und die Gesellschaft nicht als gegensätzlich darstellt, sondern in Bezug auf ihre Verflechtungen. Denn, wenn ein Mensch mit anderen Menschen zusammentrifft und gewisse Handlungen begeht, sind immer das Individuum und die Gesellschaft in diese Handlungen involviert (Elias 1986: 141).

3 Diese Idealtypen nichtstaatliche Gewaltakteure hat Wolfram Zunzer für eine Studie für die „Berghof Foundation for Peace Support“ klassifiziert (vgl. Zunzer 2005: 10-16). In dieser Arbeit soll Zunzers Typologie übernommen werden, weil sich, meiner Ansicht nach, alle bewaffneten Gruppen, die an heutigen inner- und substaatlichen Konflikten beteiligt sind und zudem Einfluss auf die internationale Politik ausüben können, in die einzelnen Typen einordnen lassen. Allerdings gibt es nicht selten auch Mischformen. Aber durch die idealtypische Einordnung lassen sich die einzelnen Akteursfigurationen besser miteinander vergleichen.

4 Das bedeutet nicht, dass alle bewaffneten Gruppen einen hohen Grad an Organisation aufweisen. Doch dazu später in dieser Arbeit. 1

5 Die Feldforschungen wurden in El Salvador, Eritrea, Kanada, Libanon, Nicaragua, Serbien, Sri Lanka, Sudan und Uganda durchgeführt (Schlichte 2009b: 4). Die Ergebnisse der Forschungsgruppe sind online verfügbar unter: www.ipw.ovgu.de/inipw_media/.../NWGSchlussbericht.pdf.

6 Wobei bei einem funktionierenden staatlichen Gewaltmonopol zumeist keine körperliche Gewalt, z.B. durch das Militär oder durch die Polizei, gegen die Zivilbevölkerung (mehr) angewendet werden muss, da der Staat wirtschaftliche und soziale Leistungen (z.B. Sicherheit) erbringt (Schlichte 2009a: 202).

7 Die Begriffe Macht und Herrschaft im gesellschaftlichen Zusammenleben wurden in den Sozialwissenschaften von Max Weber geprägt (vgl. Weber 1972: 28f). Weber bezeichnete Herrschaft als die charakteristischen Beziehungen zwischen Machtausübenden und Machtabhängigen. Popitz kritisiert an Weber die fehlende begriffliche Ausdifferenzierung der Transformation von Macht zu Herrschaft. Weber habe Herrschaft begrifflich nicht genauer bestimmt, sondern stereotyp die Begriffe „Befehlsgewalt“ und „Gehorsamspflicht“ verwendet (Popitz 1999: 233).

Details

Seiten
33
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640817900
ISBN (Buch)
9783640821341
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165882
Institution / Hochschule
Universität Basel – Ethnologisches Seminar
Note
1.5
Schlagworte
Konflikte Forces Nouvelles Krieg armed actors Macht Herrschaft

Autor

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Titel: Legitimität und Delegitimisierung bewaffneter Gruppen