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Das Leben Philipp Jakob Speners im Zeichen der Reform

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 32 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Unglücklich das Land, das keine Helden hat. - Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Einleitung

2. Vater des Pietismus oder Kind einer kritischen Zeit - Das Leben Philipp Jakob Speners im Zeichen der Kirchenreform
Hauptteil
2.0. Der Pietismus - Frömmigkeit, Erneuerung oder Vollendung der Reformation?
2.1. Zwischen erbaulicher Unterweisung und orthodoxer Realität
2.1.1. Speners Jugendjahre
2.1.2. Studienzeit in der lasterhaften Metropole
2.1.3. Lehre und Lernen - Gewinn prägender Erfahrungen in Genf, Tübingen und Straßburg
2.2. Speners Frankfurter Jahre
2.2.1. Kampf gegen soziale Missstände und Sammlung der Frommen
2.2.1.1. Das Sozialengagement Philipp Jakob Speners
2.2.1.2. Das Collegium pietatis
2.2.2. Das Reformprogramm der Pia Desideria
2.2.2.1. Diagnose - Kritik am vorherrschenden Zustand der Kirche
2.2.2.2. Prognose - Die Hoffnung besserer Zeiten als Chance
2.2.2.3. Therapie - Speners Reformvorschläge
2.2.3. Das Ende einer Ära - Die letzten Frankfurter Dienstjahre als Kampf gegen die Separation
Exkurs: Die Umsetzung des Reformprogrammes in anderen Reichsstädten
2.3. Spott und Resignation - Das Dresdner Intermezzo zwischen 1686 bis
2.4. Berlin - Speners letzte Lebens- und Schaffensjahre im Zeichen einer toleranten Obrigkeit

3. Spener - Reformator in Wort und Tat Zusammenfassung und Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1. Quellen
4.2. Literatur
4.2.1. Monographien
4.2.2. Aufsätze in Sammelbänden
4.2.3. Lexikon- bzw. enzyklopädische Artikel
4.2.4. Zeitschriftenartikel
4.3. Abkürzungen

1. „Unglücklich das Land, das keine Helden hat. - Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Einleitung

Wenn man einen Blick auf die Menschheitsgeschichte wirft, fällt einem schnell auf, das bedeutende Persönlichkeiten stets dann auftauchten, wenn Not und Leid am größten waren. Man denke nur an Jesus, der auftrat als sich das Judentum seiner Zeit bedingt durch die Fremdherrschaft Roms und die damit einhergehenden, gesellschaftlichen Missstände im Land - in eine strenge Jenseitsfrömmigkeit geflüchtet hatte, wodurch die vorherrschenden Bedürfnisse der Menschen ignoriert wurden; an Martin Luther (1483-1546), der die falschen Lehren und Riten der Kirche anprangerte und das Christentum auf seine ursprünglichen Wurzeln bringen wollte oder - um ein etwas aktuelleres Beispiel anzufügen - an Mahatma Gandhi (1869-1948), der seine Heimat auf friedlichem Wege von der britischen Hegemonie befreien und die lang verwehrte Unabhängigkeit aufrichten wollte. In diese Reihe gehört auch Philipp Jakob Spener.

Spener lebte und wirkte in einer gesellschaftlich-sozialäußerst desolaten Zeit. Der Dreißigjährige Krieg, der den gesamten europäischen Kontinent erschüttert hatte, war erst wenige Jahre vorbei. Die Menschen kämpften noch immer mit den Nachwehen dieses Jahrhundertkrieges - Seuchen, Missernten, Hungersnöten, hohe Mortalität, Entwurzelung und Vertreibung u.v.m. -, unter denen v.a. das geistig- spirituelle Leben litt. In die leidvolle Gegenwart wurde von Seiten der einfachen Gläubigen kaum mehr Hoffnung investiert. Die Kirche - katholischer als auch protestantischer Konfession -, der eigentlich die Bekämpfung des religiösen Leids oblag, hatte sich selbst in feste, orthodoxe Bahnen manövriert. Sie war objektiv betrachtet kaum in der Lage, Hoffnung zu schüren bzw. die Missstände zu beseitigen. In eben dieser Zeit agierte Spener ganz im Sinne des Brecht Zitates - sein Land, seine Heimat, seine Kirche1, seine Mitchristen - ja seine ganze Epoche waren unglücklich und hatten es nötig, von jemanden auf den rechten Weg zurückgebracht zu werden. Kurz gesagt: die Zeit war günstig für eine erneute Reform. Spener nahm die reformatorische Herausforderung an und machte sie zu seiner Lebensaufgabe.

In den nachfolgenden Ausführungen sollen beide Aspekte - erneuernde Reformation und Lebensaufgabe -, die m. E. in der Person Philipp Jakob Speners untrennbar mit einander verbunden sind, betrachtet und entsprechend seines Reformprogrammes gedeutet werden. Die dahinterstehende Frage, auf die zum Ende dieser Arbeit der Versuch einer Antwort unternommen wird, betrifft v.a. den Charakter der Spenerschen Reform. Ist sie als Neuschöpfung oder als Vermächtnis anderen Gedankenguts zu verstehen?

2. Vater des Pietismus oder Kind einer kritischen Zeit - Das Leben Philipp Jakob Speners im Zeichen der Kirchenreform

Hauptteil

Bevor jedoch der Blick auf die zentrale Gestalt Speners gerichtet wird, erscheint eine einführende Definition des Begriffs „Pietismus“ notwendig zu sein. Diese terminologische Fixierung ist jedochäußerst schwierig, weshalb die nachfolgende Definition nur als Versuch gewertet werden darf.2

2.0. Der Pietismus - Frömmigkeit, Erneuerung oder Vollendung der

Reformation?

Etymologisch betrachtet, leitet sich der Begriff „Pietismus“ vom lateinischen pietas (Gen. Sg. pietatis) ab, was mit Liebe, Pflichtgefühl, Gehorsam und Frömmigkeitübersetzt werden kann. In der Tat war der Pietismus eine protestantische Erneuerungs- und Frömmigkeitsbewegung des späten 17. Jahrhunderts und des 18. Jahrhunderts, welche sich der Liebe gegenüber Gott und den Mitmenschen verpflichtet fühlte, pflichtbewusst und gehorsam das Wort Gottes zu achten strebte und auf eine Individualisierung und Verinnerlichung des religiösen Lebens, d.h. auf Frömmigkeit ausgerichtet war.3 Hartmut Lehmann betrachtet diese Neuausrichtung als eine zeitgeschichtliche Erscheinung, die auf die katastrophalen Zustände des späten 16. bis zu denen des frühen 18. Jahrhundert zu reagieren versuchte. Unter diesen Vorzeichen sorgten sich die Menschen stärker um ihr Seelenheil und unternahmen besondere Anstrengungen, um die Gnade Gottes wieder zu erlangen.4 Diese Bestrebungen wurden von den Vertretern der Orthodoxie argwöhnisch beäugt. Aus dieser kritischen Haltung gingen schlussendlich die Begrifflichkeiten „Pietisten“, „Pietisterey“ und schließlich „Pietismus“ als Spottnamen hervor, deren Verwendung sich um das Jahr 1675 für die Anhänger Philipp Jakob Speners in Frankfurt eingebürgert hatte.5 Es handelte sich also keinesfalls um eine Selbstbezeichnung. Und obwohl der Begriff „Pietismus“ in den nachfolgenden Ausführungen verwendet wird, geschieht dies nur der Einfachheit halber und darf nicht als Eigenbezeichnung missverstanden werden.

Als Bewegung war der Pietismus zu vergleichen mit der Reformation als bis dato wichtigster Erneuerungs- und mit dem mittelalterlichen Mönchtum als bedeutendster Frömmigkeitsbewegung.6 Etwa zeitgleich kam es im angelsächsischen Protestantismus zu einerähnlich gelagerten Bewegung, dem sog. Puritanismus. Beide Bewegungen bedingten und beeinflussten sich gegenseitig, was sich u.a. auch an der Rezeption englischer Erbauungsliteratur bei führenden Pietisten niederschlug. Neben der englischen Frömmigkeitsbewegung lassen sich noch andere vorbereitende Strömungen und Gestalten ausmachen. So konstatiert Johannes Wallmann, dass ebenso der mystische Spiritualismus - inspiriert durch Thomas Müntzer (1489-1525), Andreas Karlstadt (1482-1541), Johann Arndt u.v.m. -, die romantische Mystik Spaniens und Frankreichs - die unterschiedlich stark wirkte und v.a. vom reformierten Pietismus und vom sog. Radikalpietismus aufgegriffen wurde sowie die Theologie Martin Luthers als Wegbereiter des protestantischen Pietismus aufgefasst werden müssen. Wie noch zu sehen sein wird, bediente sich Philipp Jakob Spener tatsächlich den Gedanken dieser Strömungen. Traugott Messner greift die Rezeption Speners auf und nimmt darin eine Dominanz lutherischer Ideen wahr. Demzufolge versteht er den Pietismus als Reformation, die die noch nicht zur Vollendung gekommene Reformation Luthers zu Ende führen will.7 M. E. ist diese Ansicht zu einseitig. Spener bediente sich zwar den lutherischen Ideen, doch erkor sie nicht zum Maß aller Dinge.

Von der zeitlichen Ordnung her erfolgte der deutsche Pietismus in drei Phasen: der Phase der frühen Anfänge zwischen 1670-1690, der Hauptphase von 1690-1740 und dem sog. Spätpietismus bis ca. 1780.8

Mit der Fokussierung auf den Lebens- und Schaffensweg Philipp Jakob Speners befinden wir uns in der Adoleszenzphase des Pietismus. Wenn man Spener als den geistigen „Vater des Pietismus“ versteht, d.h. wenn man die Bewegung unter dezidiert persönlichkeitszentrierten Gesichtspunkt betrachtet, stellt sich die Frage, was er seinem „Kind“ - das den Vater gut sieben Jahrzehnteüberleben sollte - mit auf den Weg gab.9 War Spener wirkliche der leibliche Vater dieser Bewegung oder hatte er sie von längst verstorbenen Eltern adoptiert?

2.1. Zwischen erbaulicher Unterweisung und orthodoxer Realität

2.1.1. Speners Jugendjahre

Philipp Jakob Spener wurde am 13. Januar 1635 im oberelsässischen Rappoltsweiler geboren. Sein Vater Johann Philipp Spener, Sohn eines Straßburger Goldschmiedes, war Jurist und Rat der Herren von Rappoltstein; seine Mutter Agatha entstammte der bekannten und einflussreichen Straßburger Patrizierfamilie Saltzmann.10 Schon in jungen Jahren fiel Spener durch eine außergewöhnliche Gedächtniskraft auf, weshalb er in vielerlei Hinsicht seinen Hauslehrern baldüberlegen war. Beeindruckt von den Fähigkeiten des Jungen sorgte sich alsbald die Gräfin Agatha von Rappoltstein († 1658), die Patin Philipps, um seine Erziehung. In zweierlei Hinsicht muss diese pädagogische Fürsorge als richtungsweisend im Leben Speners angesehen werden. Zum einen stand Agatha von Rappoltstein in freundschaftlicher Beziehung zu Johann Valentin Andreae (1586-1654), der als einer der ersten Theologen die Fehlentwicklung in der lutherischen Kirche anprangerte und zu Veränderungen aufrief und zum anderen zeigte sich die Gräfin v.a. von englischen Erbauungsschriften tief beeindruckt - beide Impulse gab sie an den jungen Spener weiter.11 Als Antwort auf die Schieflange, in der sich die Kirche befand und bedingt durch die von der Gräfin an ihn herangetragenen Einflüsse entwickelte Spener alsbald eine schwärmerische Jenseitsfrömmigkeit, die jedoch - nach dem Tod Agathas von Rappoltstein im Jahre 1658 - in eine Todessehnsucht ausartete.12 Mit dem Verlust seiner größten Förderin verlor der Dreizehnjährige jedweden Mut in die Gegenwart. Der Hofprediger Joachim Stoll (1615-1678) erkannte die schwere seelische Krise, in welcher der Heranwachsende steckte. Erübernahm die weitere Ausbildung des Jungen und konfrontierte ihn sowohl mit klassischer Philosophie als auch mit der diesseitigen, ethisch ausgerichteten Innerlichkeitsfrömmigkeit Johann Arndts. Spener begann daraufhin Arndts Werke zu lesen, v.a. die „ Vier Bücher vom Wahren Christentum “, welches er später neben der Bibel als wichtigstes Buch seines Lebens ansah.13 Diese Leidenschaft Speners, die v.a. in den Pia Desideria zum Ausdruck kommt, setzte ihn und sein späteres Denken in eine nahtlose Kontinuitätslinie zur Frömmigkeitsbewegung Johann Arndts, so zumindest urteilt Martin Brecht.14

2.1.2. Studienzeit in der lasterhaften Metropole

1561 immatrikulierte sich Spener an der Universität Straßburg. Die Stadt, die zu diesem Zeitpunkt von ihrem Status her noch Freie Reichsstadt war und als „[…] eine der schmucksten Städte der Christenheit“15 angesehen wurde, galt als eine Hochburg des Protestantismus. Während des Reformationszeitalters stand sie als eine der ersten Reichsstädte auf Seiten der Reformation, sie engagierte sich im Schmalkaldischen Bund sowie in der Protestantischen Union und trat während des Dreißigjährigen Krieges offen auf die Seite der schwedischen Invasoren - Straßburg war also eine Stadt mit bewegter Vergangenheit und einem Prestige europäischen Ausmaßes. Doch um solche Äußerlichkeiten kümmerte sich der junge Spener nicht sonderlich. Die Wahl seines Studienortes basierte v.a. auf dem akademischen Ruf, den sich die Universität erworben hatte. Dieser beeindruckte den jungen Mann mehr als alle profanen Vergnügungen, die die Stadt durchaus zu bieten hatte. Er hielt sich von Tanz, Alkohol und v.a. auch vom weiblichen Geschlecht fern und sorgte sich vornehmlich um seine Studien und um sein spirituelles Vorankommen.16 Dass sich etliche seiner Kommilitonen weltlichen Amüsements hingaben, lehnte Spener ab. Er hingegen versammelte seine engsten Studienfreunde um sich, um gemeinsam mit ihnen geistliche Lieder zu singen und erbauliche Schriften zu lesen. So glaubte er, dem schändlichen Treiben in der Stadt entgehen zu können.17 Dieses Vorgehen behielt Spener zeitlebens bei - später in abgewandelter Form des sog. Collegium pietatis. Abkehr aller Weltlichkeiten, v.a. am gottgeweihten Sonntag, wurde nicht nur zu einem wesentlichen Reformvorschlag seiner Pia Desideria, sondern in seinen späteren Funktionen als Senior des Frankfurter Ministeriums und als Oberhofprediger in Dresden rief er auch seine Gemeinden dazu auf.18 Die während seiner Studienzeit selbstauferlegte Disziplin zeigte bald Früchte. Bereits zwei Jahre später erwarb Spener den philosophischen Magistergrad und konnte 1654 mit dem Studium der Theologie beginnen. In seiner Magisterarbeit setzte er sich mit der natürlichen Theologie melanchtonischer Prägung auseinander und führte sie hinsichtlich ihrer ethischen Relevanz gegen Thomas Hobbes (1588- 1679) an.19 Hobbes als Vertreter des Skeptizismus lehnte Erkenntnisseüber die Welt ab, die auf menschlicher Wahrnehmung basierten. Infolgedessen existierten seiner Ansicht nach keine universell gültigen Moralstandards. Spener jedoch verwehrte sich dieser Haltung.20 Um seinen weiteren Studienverlauf finanzieren zu können, nahm er im gleichen Jahr eine Informatorenstelle bei zwei jungen Pfalzgrafen an, für die er v.a. genealogische Forschungen zu betreiben hatte.21

Die folgenden Jahre waren für Spener von entscheidender Bedeutung, da er hier auf seine geistigen Väter traf, deren Einflüsse sich bis in die Pia Desideria nachweisen lassen. Der Bibelexeget Sebastian Schmidt (1617-1696) unterrichtete ihn in der Bibelwissenschaft und schärfte ihm die Wichtigkeit der exegetischen Analyse ein.22 Im Straßburger Kirchenpräsident und Universitätsprofessor Johann Schmidt (1594- 1658), der ebenfalls großer Verehrer Arndts und Förderer der englischen Erbauungsliteratur war, fand Spener einen weiteren Gesinnungsgenossen. Neben diesen Männern wurde Spener v.a. durch Johann Conrad Dannhauer (1603-1666) geprägt. Dannhauer war führender Kopf der Straßburger Orthodoxie, ein auf dem Gebiet der Theologie universal gebildeter Theologe und ein herausragender Prediger. Sein kompendienhaftes Hauptwerk „ Hodosophia christiana sive Theologia positiva “ (1649) verband die Lehrsätze der Konkordienformel mit den Denkmitteln der aristotelischen Schulphilosophie und galt als dogmatisches Lehrbuch schlechthin. In symbolisch-allegorischer Form entfaltete Dannhauer die gesamte lutherische Orthodoxie: „der Mensch ein Wanderer, das Leben der Weg, die Heilige Schrift das Licht, Gott das Ziel, der Himmel die Heimat“.23

Auch Spener berief sich - abgesehen von der Eschatologie Dannhauers - auf dieses Werk und konnte es selbst im hohen Alter noch wörtlich zitieren. Den pädagogischen Wert der Dogmatik Dannhauers stufte er so hoch ein, dass er später sogar Tafeln veröffentliche, d.h. Lernhilfen, die den Studenten die Aneignung der Hodosophia erleichtern sollten.24

2.1.3. Lehre und Lernen - Gewinn prägender Erfahrungen in Genf, Tübingen und Straßburg

Am 23. Juni 1659 beendete Spener sein Straßburger Theologiestudium und wechselte in die Schweizüber. In Basel nahm er Privatunterricht bei dem Hebraisten Johann Buxtorf (1599-1664) und hielt daneben historische Disputationen ab. Buxtorf bestärkte Spener in der lutherisch-orthodoxen Ansicht der Verbalinspiration der Schrift. Die daraus resultierende Ablehnung jeglicher Bibelkritik, d.h. das göttliche Wort als Menschenwort zu verstehen, machte sich Spener zeitlebens zu Eigen und vermittelte sie an den Pietismus weiter.25 Eine Reise nach Paris im darauffolgenden Jahr musste Spener krankheitsbedingt abbrechen. Um sich auszukurieren, kehrte er in Genf ein. Hier lernte er 1661 Jean de Labadie (1610- 1674) kennen, der eine Reformation der Kirche nach dem Modell des Urchristentums propagierte.26 Nachdem Labadie aufgrund interner Differenzen aus dem Jesuitenorden ausgetreten war, betätigte er sich als Weltpriester in Bordeaux, Paris und Amiens. Bereits dort scharrte er Laien um sich, mit denen er zusammen die Bibel las, betete und meditierte.27 Nach einer Tätigkeit als Professor der Theologie in Montauban wurde er 1659 Pfarrer in Genf, wo er ebenfalls Versammlungen, sog. Konventikel, abhielt. Ab 1666 war Jean de Labadie in den Niederlanden tätig. Hier radikalisierten sich seine Vorstellungen, was schlussendlich zur Separation von der lutherischen Kirche führte. Labadie betrachtete die Mitglieder seiner „Hausgemeinden“ als die einzig wahren Christen, als die Bekehrten oder Wiedergeborenen, denen ausschließlich die göttliche Gnade gewiss und für die allein die Sakramente bestimmt waren.28 Obwohl es historisch nicht nachweisbar ist und eher als Reaktion der lutherischen Spätorthodoxie auf das Wirken und die Forderungen Philipp Jakob Speners aufgefasst werden muss, ist der Vorwurf, Spener hätte die Idee zu den in Frankfurt begründeten Collegia pietatis von Labadieübernommen, nicht haltbar.29 Sicher ist jedoch, dass Spener persönlich auf Labadie traf und sich zumindest von dessen Drang zur Reformation der Kirche tief beeindruckt zeigte.

Nachdem er in Genf genesen war, weilte Spener bis Oktober 1661 in Tübingen, wo er Kollegsüber Heraldik und Genealogie hielt. Hier freundete er sich mit dem Alttestamentler Balthasar Raith (1616-1683) an, der ihn mit der Schrift „ Wächterstimme aus dem verwüsteten Zion “ des Rostocker Theologen Theophil Großgebauers (1627-1661) in Kontakt brachte. Diese Schrift, die das „[…]

radikalste Kirchenreformprogramm der lutherischen Orthodoxie [enthielt,öffnete] [Spener] die Augen für den Verfall der Frömmigkeit und für die Reformbedürftigkeit der lutherischen Kirche.“30 1675 bei der Abfassung seiner Pia Desideria sollte sich Spener erneut an die diagnostische Bestimmung des IstZustandes der Kirche zurückerinnern, die Großgebauer formuliert hatte, jedoch ohne dessen puritanischen Radikalismus gänzlich zu folgen.31

Obwohl er in Tübingen die Möglichkeit gehabt hätte, eine historische Professur anzunehmen, entschied sich Spener Anfang 1662 eine Stelle als Freiprediger in Straßburg anzunehmen, da ihm diese genug Zeit für seine wissenschaftliche Betätigung ließ.

Der Lohn seiner Studien folgte zwei Jahre darauf, denn bereits am 23. Juni 1664 erwarb er den theologischen Doktorgrad mit einer Dissertationüber die Apokalypse des Johannes.32 Während dieses biblische Buch von orthodoxer Seite so gedeutet wurde, dass sämtliche darin enthaltenen Prophezeiungen bereits erfüllt waren und nur noch der Jüngste Tag bevorstünde, kam Spener in seiner Analyse zu einem anderen Ergebnis, das ihn auf eine noch bevorstehende bessere Zeit hoffen ließ. Diese Hoffnung - die im Zusammenhang seines Reformprogrammes nochmals expliziert wird -, brachte Spener in Konkurrenz zur Theologischen Fakultät und zum Straßburger Rat.

Im Sommer 1666 erhielt er - gerade einmal 31 Jahre alt - unerwartet den Ruf auf die Stelle des Seniors des lutherischen Predigerministeriums der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main. Martin Brecht schildert diesen Ruf als „[…] Zufall und Verlegenheitslösung.“33 Die Frankfurter Geistlichkeit sprach sich zwar gegen einen auswärtigen Theologen an der Spitze aus, doch der Rat als kirchliche Obrigkeit wünschte einen ortsfremden Senior. Nach langwierigen Diskussionen brachte ein Altbürgermeister, dessen Name zwar nichtüberliefert ist, von dem jedoch vermutet wird, dass er in freundschaftlicher Beziehung zu Johann Philipp Spener stand, Philipp Jakob Spener ins Spiel. Dieser verhielt sich anfänglich ablehnend, da ihm die Seelsorgeverpflichtungen und die Leitung des Kollegiums Angst einflößten.34

Bei wichtigen Entscheidungen in seinem Leben pflegte Spener - ein Vorgehen, dass er im Übrigen auch seinen Gemeindemitgliedern ans Herz legte - nicht unbedacht zu agieren, sondern sich Rat bei seinen Freunden zu holen bzw.übergeordnete Instanzen entscheiden zu lassen. Da der Straßburger Rat und die Theologische Fakultät nichts unternahmen, Spener in der Stadt zu halten und da sich etliche Freunde brieflich für den Wechsel aussprachen, nahm Spener das Angebot an.35

[...]


1 Diese verstand er trotz aller Kritik stets als wahre Kirche. Vgl. WINTER: Kirchenreform, Seite 110.

2 Vgl. WALLMANN: Begriff, Seite 196.

3 Dem entsprechend wirft Johannes Wallmann ein, dass es durch alle Zeitalter hinweg fromme

Menschen gegeben hat. Eingedenk dessen distanziert sich diese Arbeit von einer typologisierenden Bestimmung und versteht unter Pietismus stets einen epochalen Begriff. Vgl. Ebd., Seite 192.

4 Vgl. LEHMANN: Pietismusbegriff, Seite 23/ Auch Spener erwähnt diesen Zustand in PD 104,31-34.

5 Vgl. WALLMANN: „Pietismus“, Sp. 1342/ Nur am Rande verstand Spener seine Bemühungen als

Reformation. Er betrachtete sie als notwendige Besserung der Kirche. Vgl. WINTER: Kirchenreform, Seite 109.

6 Vgl. JUNG: Pietismus, Seite 3.

7 Vgl. MESSNER: Die Position Speners, Seite 35.

8 Vgl. WALLMANN: „Pietismus“, Sp. 1343-1345.

9 Hartmut Lehmann wirft im Hinblick auf die temporale Ausdehnung der pietistischen Bewegung die Frage auf, wie stabil Errungenschaften sind, wenn sie an eine Person geknüpft werden. Dieser Frage soll in den Ausführungen indirekt nachgegangen werden, indem an verschiedenen Stellen aktuelle Bezüge eingeschoben werden. Vgl. LEHMANN: Pietismusbegriff, Seite 31.

10 Vgl. WALLMANN: „Spener“, Seite 652.

11 Zu nennen wären hier v.a. Lewis Baylys (1565-1631) „ Praxis pietatis “ und Emanuel Sonthoms „ Güldenes Kleinod der Kinder Gottes “ .

12 Vgl. WALLMANN: „Spener“, Seite 652.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. BRECHT: Reformprogramm, Seite 280.

15 Zit. nach: von BORRIES: Straßburg, Seite 110f.

16 Dieses Vorgehen fordert er später von allen Theologiestunden. Vgl. SPENER: PD 222,10-244,20.

17 Vgl. WALLMANN, Johannes: Art. „Spener“, Seite 652/ BRECHT, Martin: Studium, Seite 96.

18 „Und zwar lasset uns doch ja nicht meinen / es seie gnug mit ein oder andern stunden / die wir vormittag dahin anwendeten / da wir in der predigt waren / dieübrige nachmittags-zeit seie zu unserm lust / da sie doch / wo man keinen weitern offentlichen Gottesdienst haben konte / auffs wenigste zu lesen / beten und betrachten / und solchen geistlichenübungen angewendet werden solte.“ SPENER: Göttliches Wort, Seite 255.

19 Vgl. BRECHT: Reformprogramm, Seite 281.

20 Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Betätigung entwirft Spener eine Ethik, die basierend auf der Wiedergeburt des Menschen im Glauben, moralische Standards formuliert. Diese sind nicht ausschließlich den frommen Gläubigen, sondern allen Menschen zugänglich. Aus Gründen des Umfangs kann leider nicht näher auf die Spenersche Ethik eingegangen werden. Ich empfehle daher das Werk Jan Olaf Rüttgardts („Heiliges Leben in der Welt. Grundzüge christlicher Sittlichkeit nach Philipp Jakob Spener, Bielefeld 1978“).

21 Auch wenn Philipp Jakob Spener vornehmlich mit der Theologie in Verbindung gebracht wird, darf sein reges Interesse an der Geschichtswissenschaft nicht vergessen werden. Noch bis zu seiner Dresdner Schaffenszeit betätigte sich Spener mit der Heraldik und der Genealogie und gab richtungsweisende Werke auf diesen Gebieten heraus. Vgl. WALLMANN: „Spener“, Seite 653.

22 Unter dem Reformvorschlag „das Wort Gottes reichlicher unter uns zu bringen“ (SPENER: PD

192,34-202,21) finden sich die Erkenntnisse und Anforderungen Sebastian Schmidts wieder, d.h. die biblischen Botschaften nicht nur nach dem Literalsinn, sondern nach der dahinterliegenden Bedeutung zu befragen. Vgl. BRECHT: Reformprogramm, Seite 282.

23 Zit. nach: BAUTZ: „Dannhauer“.

24 Vgl. BRECHT: Reformprogramm, Seite 282f.

25 Vgl. JUNG: Pietismus, Seite 83.

26 Vgl. Ebd., Seite 49.

27 Vgl. KÖSTER, Beate: Art. „Labadie“.

28 Vgl. Ebd.

29 Vgl. WALLMANN: „Spener“, Seite 653.

30 Ebd., Seite 654.

31 In der diagnostischen Bestimmung des vorherrschenden Zustandes der Kirche (PD 104,28- 156,33) greift Spener die Ansichten Großgebauers auf. Dieser Rückgriff sollte jedoch eher als Impuls, denn als Vorbild aufgefasst werden. Vgl. BRECHT: Reformprogramm, Seite 284.

32 Vgl. WALLMANN: „Spener“, Seite 654.

33 BRECHT: Reformprogramm, Seite 285f.

34 Vgl. Ebd., Seite 286.

35 Man sollte nun meinen, dass Spener entsprechend des ihm entgegengebrachten Unmuts sein Amt mit strenger Hand ausübte. Dies war jedoch nicht der Fall. Während seiner Frankfurter Dienstzeit trat er stets als primus inter pares auf, was wahrscheinlich seinem Verständnis des Predigtamtes geschuldet war. Vgl. MORGNER: Speners Reformprogramm, Seite 315.

Details

Seiten
32
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640814510
ISBN (Buch)
9783640814176
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165777
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Theologische Fakultät
Note
keine Benotung, aber sehr gut
Schlagworte
Philipp Jakob Spener Pietismus 17. Jahrhundert Lutheraner Reform praxis pietatis collegium pietatis Pia desideria Hoffnung besserer Zeiten Luthertum

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