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Minderheiten in den Streitkräften: Homosexuelle in der Bundeswehr

von Anja Meisner (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 24 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 BEGRIFFLICHKEITEN UND PROBLEMSTELLUNG
2.1 MILITÄR UND MINDERHEITEN
2.2 HOMOSEXUALITÄT

3 BEISPIELE VOM UMGANG DER STREITKRÄFTE MIT HOMOSEXUELLEN
3.1 ... AUS DEUTSCHLAND
3.2 ... AUS DEN USA
3.3 ... AUS WEITEREN LÄNDERN

4 HOMOSEXUALITÄT UND MILITÄR
4.1 POLICY DER BUNDESWEHR
4.2 DISKUSSION
4.3 AUSBLICK: INTEGRATION VON MINDERHEITEN IN DEN US-STREITKRÄFTEN

5 ZUSAMMENFASSUNG

6 QUELLEN
6.1 LITERATUR
6.2 PRESSE/ZEITUNGEN

1 Einleitung

Die größte Frage, die im Zusammenhang mit der Integration von Homosexuellen im Militär steht, ist:

„The issue is not whether gays and lesbians are good soldiers as individu- als, but instead the effect of these individuals on the group“ (Kier 1998: 6).

Es ist eine kulturelle und moralische Frage nach der Akzeptanz von Homosexuel- len in der Gesellschaft und im Militär. Hier zeigen sich die Spaltung der Gesell- schaft und ihre Fähigkeit zur Toleranz von Minderheiten und Eigenarten von Gruppen, die uns auf den ersten Blick fremd scheinen. Die Bundeswehr scheint nicht die Rolle eines Vorreiters übernehmen zu wollen, sie passt sich den Mei- nungen an, von denen sie glauben, dass sie vorrangig herrschen. Aber künstliche Massen oder Gruppen bedürfen einer bestimmten Fürsorge und eine Integration von Minderheiten muss stattfinden. Das wird vor allem das Kapitel 2.1 zeigen. Kapitel 2.2 dieser Arbeit erklärt noch einmal Homosexualität und macht damit deutlich, dass die Argumente, die weiter unten beschrieben und erläutert werden, nicht haltbar sind. Homosexuelle stellen in unserer Gesellschaft zwar eine Min- derheit, aber Rückschlüsse auf fehlende Autorität, Charakterschwächen oder mangelnde Eignung lassen sich daraus nicht ziehen. Oder sind Vorurteile einzel- ner Truppenteile Grund genug, Menschen in ihren Freiheiten zu beschränken (und damit sogar im Grundgesetz festgeschriebene Rechte zu verletzen) und sie in Positionen zu verbannen, in denen sie kaum noch Kontakt zu anderen haben? Die Ausführungen zur Integration von Minderheiten in den US-Streitkräften in Ka- pitel 4.3 werden u. a. Strategien zeigen, wie ein Miteinander verschiedener Men- schen, Kulturen, Rassen im Militär möglich gemacht werden kann.

Wir werden sehen, dass in Deutschland Prozesse in Gang gesetzt wurden, die auf eine verstärkte (oder überhaupt) Integration von Homosexuellen abzielen. Die Beispiele in Kapitel 3 deuten das schon an und zeigen auch tendenziös den Umgang mit Homosexuellen in anderen Ländern.

Die ausführliche Betrachtung der Vorgänge und Erkenntnisse bezüglich der Inte- gration von Minderheiten in die US-Streitkräfte ist Bestandteil dieser Arbeit (Kapi- tel 2.4 und 3.3), da hierzu einerseits mehr Material zur Verfügung stand. Anderer- seits sind die Tatsachen durchaus vergleichbar mit den Deutschen und sie können zum Teil beispielhaft für die Bundeswehr herangezogen werden.

Manche Quellen (wie Rosa Rauschen, eine Radiosendung bei Karlsruhes freiem Radiosender Querfunk) werden etwas merkwürdig anmuten und auch die Frage aufkommen lassen, ob sie nicht in einer wissenschaftlichen Hausarbeit deplatziert sind. Ich habe mich im vollen Bewusstsein der Subjektivität dieser bzw. vieler Me- dien entschieden, sie zu benutzen (ein Schutz ist die umfangreiche Auswahl). Die Quellenlage war und ist desolat, die Bundeswehr selbst hat nur wenige Materia- lien zu diesem Thema zu bieten und auch Anfragen an entsprechende Organisa- tionen (wie die zivile Beratungsstelle für homosexuelle Soldaten oder die Kampa- gne gegen Wehrpflicht und Zwangsdienste Brandenburg und Berlin) stießen auf wenig Willen oder sogar auf Unfähigkeit zur Information. Ein Problem mit der exis- tierenden Literatur bestand wegen sprachlicher Schwierigkeiten aber auch aus Mangel an speziellem Wissen, denn die Bundeswehr bzw. Streitkräfte an sich sind eher ein exklusiver Klub. Und dieser Klub mit seiner eigenen Sprache, Sym- bolik und Ordnung ist nach außen nur schwer verständlich und zu wenig bekannt. Aufgrund dieser Tatsachen zeigt diese Arbeit wahrscheinlich eher Tendenzen als Tatsachen, umso mehr, da sich derzeit ein Denkprozess und -wandel vollzieht.

2 Begrifflichkeiten und Problemstellung

2.1 Militär und Minderheiten

Die modernen Streitkr ä fte

„Ist es die primäre Aufgabe eines Staatswesens, den Frieden zu sichern, so ist es im Blick auf den Frieden nach außen gegenüber anderen Staa- ten, unabhängig von den unveränderlichen und den wandelbaren Bedin- gungen des äußeren Staatenverhältnisses, sei es regional, sei es weltweit, für jeden Staat notwendig, in welchem Umfang und mit welchen Modifika- tionen auch immer, an der Institution von Streitkräften festzuhalten. Streit- kräfte sind für jeden Staat notwendiges Instrument seiner Sicherheitspoli- tik“ (Baumgartner in Maier 1993: 19).

Die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland konnten nach dem Zweiten Weltkrieg „nicht ungebrochen an militärische Traditionen anknüpfen“ (Rudzio 1991: 432). So wurde dem Prinzip des Militärs (der Bundeswehr) ein starkes zivi- les Element beigefügt, um die demokratische Zuverlässigkeit zu sichern. Einer- seits existiert neben der parlamentarischen Kontrolle „der Primat der zivilen F ü h- rung “ (Rudzio 1991: 4331 ):

Die „Befehls- und Kommandogewalt [...] [liegt, Anm. d. Verf.] im Kriegsfalle beim Bundeskanzler (Art. 65a und 115b GG). [Und, Anm. d. Verf.] im Verteidigungsministerium rangieren die zivilen Staatssekretäre ranghöher als die höchsten Militärs, als der Generalinspekteur der Bundeswehr und die Inspekteure der drei Waffengattungen“ (Rudzio 1991: 433).

Andererseits wurde mit dem Prinzip der Inneren Führung das Konzept vom „Staatsbürger in Uniform“ (vgl. Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) 1999, Rudzio 1991) umgesetzt. Das heißt, der Soldat ist mit bürgerlichen Rechten ausgestattet, er ist freier Mensch, verantwortungsbewusster und vollwertiger Staatsbürger und zugleich einsatzbereiter Soldat (BMVg 1999). Das bedeutet dennoch, dass der Soldat „im Rahmen militärischer Notwendigkeiten“ (Rudzio 1991: 433) den Hierarchien und Befehlen Folge leisten muss, da sie selbst in modernen Streitkräften unverzichtbar sind (BMVg 1999).

Wichtig für den Vergleich der Bundeswehr mit Streitkräften anderer Länder ist:

„Die Innere Führung ist eine deutsche Konzeption, die nur vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte verständlich wird, daher gilt sie zu Recht als Markenzeichen unserer Bundeswehr. Sie ist somit nicht direkt auf die Verhältnisse anderer Länder übertragbar; Teile dieser Konzeption sind jedoch auch anderswo nutzbar“ (BMVg 1999: 7).

Minderheiten

In einer Gesellschaft kann eine Minderheit verschiedene Formen annehmen, sie kann „(a) eine zahlenmäßig kleinere Gruppe, (b) eine zahlen- und machtmäßig unterlegene Gruppe od. (c) eine machtunterlegene, aber zahlenmäßig stärkere Gruppe“ (Schmalz-Jacobsen/Hansen 1997: 222) darstellen. Diese Gruppen unterscheiden sich aber immer durch bestimmte Merkmale vom Rest der Gesell- schaft (von der Mehrheit) (vgl. Nohlen/Barrios 1996, Schmalz-Jacobsen/Hansen 1997). Als entsprechende Merkmale sind hauptsächlich rassische, religiöse, sprachliche oder kulturelle Unterschiede zu nennen. Aber auch Homosexuelle stellen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung eine Minderheit innerhalb der Ge- sellschaft und demzufolge auch innerhalb der Streitkräfte dar2.

In demokratischen Gesellschaften besteht der Anspruch, den Willen der Mehrheit unter Beachtung der Bedürfnisse der Minderheiten durchzusetzen. Mittels Individualrechten sollen die Interessen kleinerer Gruppen gesichert werden (vgl. Nohlen/Barrios 1996). So konstituiert schon das Grundgesetz (GG):

„[Handlungsfreiheit, Freiheit der Person]

Jeder hat das Recht auf eine freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Artikel 2 GG).

Und: „[Gleichheit vor dem Gesetz]

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. [...]

Anja Meisner: Homosexuelle in der Bundeswehr

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder be- vorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (Artikel 3 GG).

Ein Problem: Milit ä r und Minderheiten?

Minderheiten in den Streitkräften sind ähnlich den Minderheiten, die in der Gesell- schaft existieren. Es können in der Truppe religiöse (Moslems u. a.), kulturelle (Spätaussiedler) Minderheiten genauso auftreten wie Minoritäten durch Ernäh- rungsgewohnheiten (Vegetarier o. Ä.) oder eben sexuelle Präferenzen (Homose- xuelle). Neuerdings sind als Minderheit in den Streitkräften zusätzlich Frauen zu nennen.

Auch wenn der Soldat nach dem Prinzip der Inneren Führung ein freier Mensch und Bürger ist, besteht in Kampf- bzw. Krisensituationen ein Ausnahmezustand. Hierarchien, Befehl und Gehorsam spielen hier die primäre Rolle, das heißt, sie müssen dem Willen der Generäle oder Politiker (vgl. BMVg 1999) folgen. Das bringt aber auch eine gewisse Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten mit sich. Im Einsatz muss die Truppe trotz aller angestrebten Individualität des Einzelnen eine homogene Gruppe darstellen, Einzelinteressen können deren Bestand ge- fährden. Das betrifft allerdings nicht nur die Interessen der Minoritäten, sondern auch spezielle Interessen des Einzelnen außerhalb von Gruppenkategorien.

Da der Alltag eines Soldaten immer Training für den Ernstfall ist, müssen hier an- nähernd dieselben Maßstäbe gelten. Das heißt, eine Integration von Partikularin- teressen stellt mitunter ein Problem dar. Diese ergeben sich zum Beispiel durch spezielle Handlungsweisen wie Feiertage, Betzeiten oder Speisevorschriften bei Moslems. Weitere Integrationsschwierigkeiten können sich aber auch durch Grenzen der Akzeptanz oder durch Vorurteile und Einstellungen zu bestimmten Gruppen ergeben. Das Militär bzw. die Truppe ist gewissermaßen auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Und wenn in dieser bestimmte Gruppen oder auch Sze- nen abgelehnt werden, wird sich das auch in den Streitkräften widerspiegeln. Und für eine homogene Truppe (die kampffähig ist) ist die gegenseitige Akzeptanz und das Verständnis füreinander unerlässlich.

Dennoch ist der bewusste Umgang und die Integration von Minderheiten für das Bestehen der Streitkräfte unerlässlich Sigmund Freud (1921 in Münkler 1997) fragt danach, wie künstliche Massen (wie Heere oder Kirchengemeinschaften) zusammengehalten werden. Er kommt zu dem Schluss, dass der entscheidende Punkt der Glaube daran ist, die Führungsspitze tue das Beste für die Mitglieder der Organisation. Wenn nun aber die Führungsspitze des Militärs Minderheiten vernachlässigt, kann das auch den Glauben an das Wohlwollen der Führungs- spitze von Personen außerhalb der betroffenen Minderheit erschüttern. Das heißt, die Unterstützung und Legitimation der Führungsspitze ist gefährdet, wenn Sol- daten sehen, dass eine Minderheit nicht rechtens behandelt wurde und das Ge- fühl haben, es könne sie in anderen Situationen genauso treffen. Sie ist aber auch gefährdet, wenn sich die Soldaten mit der Minderheit identifizieren oder sich für sie eingesetzt haben und nun selbst dem Gefühl der Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn ein Homosexueller (vgl. Beispiel Winfried Stecher) trotz des Fürsprechens seiner Vorgesetzten und trotz der mas- siven Unterstützung durch die ihm Unterstellten entlassen wird, und der Grund dafür durch gesellschaftliche Entwicklungen o. ä. nicht mehr im Ganzen schlüssig ist, fühlen sich auch die, die ihn unterstützt haben ungerecht behandelt und ihr Glaube an das Wohlwollen der Führungsspitze wird durch diese selbst untergra- ben.

2.2 Homosexualität

Es gab eine Vielzahl von Versuchen, das „Phänomen“ Homosexualität zu erklären. Während man bis weit in das 20. Jahrhundert hinein annahm, diese sexuellen Präferenzen wären abnormal oder sogar krankhaft oder pervers, ist man sich zumindest in der Wissenschaft heute sicher, dass dem nicht so ist.

Homosexualität entsteht laut Storm (1981 in Oerter/Montada 1998: 339ff.), wenn frühreife Jugendliche beim Erwachen ihres Geschlechtstriebes sich hauptsächlich in homosexuellen Gruppen befinden3. Das heißt, jedes Kind durchlebt Phasen, in denen es sich mehr mit Personen des eigenen Geschlechts umgibt. Wenn in die- ser Zeit die sexuelle Entwicklung eines Kindes beginnt (Frühentwicklung), ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Kind homosexuell veranlagt sein wird, als dass es heterosexuelle Beziehungen präferieren wird. Bei Normal- oder Spätent- wicklern kommt es dagegen häufiger zu Heterosexualität, da bei Ihnen der Ge- schlechtstrieb in der Phase der heterosexuellen oder gemischten sozialen Bezie- hungen erwacht.

Wenn es sich also bei Homosexualität nur um ein Zusammentreffen von Entwick- lungsstufen bzw. -phasen handelt, kann man davon ausgehen, dass Homosexua- lität als Tatsache erst einmal keinen weiteren Einfluss auf die Person und den Charakter an sich hat. Erst die Einflüsse durch die Umwelt und bestimmte Ereig- nisse im Leben prägen den Menschen. Das ist individuell und geschieht bei homosexuellen genauso wie bei Heterosexuellen. Das heißt, man kann einem Homosexuellen nicht bestimmte Fähigkeiten oder Fertigkeiten nur aufgrund seiner sexuellen Orientierung absprechen.

[...]


1 Hervorhebung nicht durch Verfasser sondern in Quelle.

2 Man kann davon ausgehen, dass etwa 10 % der Männer insgesamt (Kinsey-Report in Fleckenstein 1993: 3) und dass zwischen 2,2 % und 13,5 % der Soldaten homosexuell sind (vgl. Fleckenstein 1993: 4). Die Zahlen wurden zwar für das Jahr 1985 genannt, man kann aber davon ausgehen, dass sie sich heute in einem ähnlichen Rahmen bewegen.

3 Fleckenstein (1993) nennt genetische Ursachen für die Herausbildung von Homosexuali- tät. Da genetische Zusammenhänge aber noch weitgehend ungeklärt und nur schwer verständlich sind, werde ich mich an dieser Stelle auf eine andere (nachvollziehbarere) Theorie beziehen.

Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (Buch)
9783640812592
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165574
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Politisches System der BRD
Note
2,0
Schlagworte
Homosexuelle Bundeswehr Streitkräfte Minderheiten Integration

Autor

  • Anja Meisner (Autor)

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