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Die Pest in Boccaccios Decamerone

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 21 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Boccaccio, Das Dekameron und die Pest
2.1 Die Selbstständigkeit der Pestbeschreibung nach Otto Löhmann
2.2 Boccaccios Erfahrungen mit der Pest

3 Der Rahmen
3.1.1 Der diskursive Rahmen
3.1.2 Der Erzählrahmen
3.2 Eingliederung in das Dekameron
3.3 Fiktion und Realität

4 Die Schilderung der Pest
4.1 Die Bezeichnung der Pest
4.2 Schuld
4.3 Bestimmung der Zeit
4.4 Herkunft der Pest
4.5 Bestimmung des Ausmaßes der Krankheit
4.6 Krankheitsbild nach Boccaccio
4.7 Die Verbreitung der Seuche
4.8 Heilungsversuche
4.9 Das Leben zur Zeit der Pest
4.10 Veränderte Lebensbräuche
4.11 Zwischenfazit

5 Funktion der Pestschilderung
5.1 Der vollständige Titel

6 Ergebnis

7 Literatur
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Internetquellen
7.4 Illustrationen

1 Einleitung

Die Bedrohung der Menschheit durch tödliche Infektionskrankheiten, die sich mittels Übertragung zu verheerenden Epidemien ausweiten, ist so alt wie die Menschheit selbst. Der radikale Einbruch dieser todbringenden Seuchen in die menschliche Gesellschaft hat zu allen Zeiten eine literarische Verarbeitung herausgefordert. Vor allem zu der für Europa katastrophalsten Epidemie des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, der Pest, sind zahlreiche schriftliche Zeugnisse übermittelt: Thukydides berichtet über die Pest im 5. Jahrhundert v. Chr., Prokop schildert die Pest um 541 – 544, Boccaccio beschreibt die Vorgänge während des Ausbruchs der Seuche im Florenz des Jahres 1348, Alessandro Manzoni und Daniel Defoe verarbeiten die Erfahrungen mit der Pest im 17. Jahrhundert in Mailand bzw. London. Dabei gilt besonders die Beschreibung Boccaccios als eine der illustrativsten. Dabei ist dieses Werk schon früh gewürdigt und gelobt worden. So erkannten schon Petrarca[1] und Machiavelli[2] die herausragende Schilderung Boccaccios.

In der Rahmenhandlung des Novellenzyklus des „Dekameron[3] “ beschreibt er literarisch aber mit einem hohen Grad an Genauigkeit und Detailreichtum die Ereignisse jener Zeit.

Ziel dieser Ausarbeitung ist es zu ermitteln, wie Boccaccio die Pestepidemie beschreibt und wie er sie literarisch einsetzt.

Seine Beschreibung wird mit geschichtlichen Beschreibungen verglichen um den Autentitätsgehalt der Beschreibung zu ermitteln.

2 Boccaccio, Das Dekameron und die Pest

2.1 Die Selbstständigkeit der Pestbeschreibung nach Otto Löhmann

Boccaccios Pestschilderung gilt als ein grandioses und packendes Werk der Erzählkunst. Dabei stellt sich die Frage, ob Boccaccio bei der Schilderung der Pest inspiriert oder beeinflusst wurde. Bei der Suche nach Parallelen in der Pestbeschreibung Boccaccios wird die Pestbeschreibung Thukydides, der die Pest von 430- 428 v. Chr. ausführlich beschreibt, und die Schilderung der Pest von 1138- 1286 von Lucrez herangezogen. Generell ist festzuhalten, dass mehrere Philosophen der Frage nachgegangen sind, ob Boccaccio von diesen Werken beeinflusst wurde oder ob er die Pest aus eigenen Erfahrungen heraus beschrieben hat. Besonders ausführlich und nachvollziehbar erörtert Otto Löhmann[4] diese Frage. Dabei teilt er die Forscher, die zuvor schon dieser Frage nachgegangen sind, in Gruppen ein. Eine Gruppe von Philosophen[5] sieht nach Voretsch eine Abhängigkeit Boccaccios von den Schilderungen Thukydides bzw. Lucrez. Dabei erachtet diese Gruppe die Schilderung Boccaccios den älteren Schilderungen unterlegen. Eine zweite Gruppe[6] sieht diese Abhängigkeit der Werke untereinander nicht und hält generell die Version Boccaccios den Versionen der Vorläufer gegenüber für überlegen. Löhmann geht der Frage systematisch nach und legt die möglichen Parallelen offen, analysiert diese und kommt zu dem Schluss, dass die Schilderung Lucrez höchstens ein geringen Teil der Schilderung Boccaccios ausmacht und das Werk Thukydides Boccaccio nicht bekannt gewesen sein dürfte. Löhmann kommt zu der Folgerung, dass Boccaccio selbstständig und aus eigener Anschauung geschildert haben muss.

Demnach muss Boccaccio persönlich in Kontakt mit der Pest gekommen sein, um die Pest realistisch und ausführlich beschreiben zu können.

2.2 Boccaccios Erfahrungen mit der Pest

Obwohl Boccaccio die Pest im Jahre 1348 in Florenz nicht selbst erlebte, da er sich zu dieser Zeit in Neapel aufhielt, hat er direkte Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht. Die Pest drang bis Neapel vor, obwohl das Ausmaß weniger verheerend war als in Florenz. 1340 lernt Boccaccio den Dichter Francesco Petrarca kennen. Später sollte sich daraus eine tiefe Freundschaft entwickeln. Petrarcas unerfüllte Liebe, Laura de Sade, die Gattin des Hugo de Sade starb am 6.4.1348 an der Pest und ließ den Dichter einsam zurück. Im gleichem Jahre des Ausbruches der „großen Pest“ schreibt Boccaccio das Dekameron. Nur zwei Jahre später stirbt sein Vater an dieser Krankheit. Vermutlich sind noch viele Bekannte und Freunde an der Krankheit gestorben, obwohl es darüber keine genauen Belege gibt. Jedoch ist von einer starken Prägung durch die Pest auszugehen, da seine Heimatstadt Florenz stark betroffen war und jeder Dritte in Europa Opfer der Epidemie wurde.

Die Eindrücke, die Boccaccio durch diese Pest gewonnen hat, ermöglichten es ihm eine Schilderung der Epidemie aus der eigenen Erfahrung und Sicht heraus. Boccaccio schildert die Pest aus der Sicht eines Beobachters, der durch die sterbende Stadt wandelt und das grausame Leid der Betroffenen auflistet.

3 Der Rahmen

Boccaccios Dekameron stellt ein in sich geschlossenes Werk dar, ,,dass durch eine Grundidee zusammengehalten und in ein ganz bestimmtes moralisches Gefüge eingefasst ist, dessen kostbares, aber notwendiges Element der sogenannte ,Rahmen`“ ist.[7]
Hier ist Boccaccio in der Tat innovativ und erstellt einen inneren Dialog, denn

,,nicht der Autor selbst erzählt, und er spricht nicht aus dem Buch heraus, sondern durch zehn Sprecher läßt er (...) erzählen."[8]

Das Proemio, die Conclusione dell'autore und die Vor-, Zwischen- und Nachgeschichte des Dekameron bilden zwei ineinander verwobene Rahmen: Nämlich einmal den Rahmen, in dem Boccaccio selbst seiner Leserschaft Anweisung und Hilfe gibt, wie man das Dekameron lesen und verstehen sollte, und andererseits den eigentlichen Rahmen mit der Schilderung der Pest, dem Zusammentreffen, dem Aufenthalt auf dem Landgut und dem Auseinandergehen der Brigata.[9] Man unterscheidet hier einen diskursiven und einen erzählerischen Rahmen.

3.1.1 Der diskursive Rahmen

Die Funktion des diskursiven Rahmens wird von Boccaccio recht klar dargestellt: Boccaccio macht schon mit der Verwendung des Beinamens ,,Prencipe Galeotto" deutlich, welchen Zweck er mit dem Dekameron verfolgt: Er will diejenigen, die Liebeskummer haben, erheitern und trösten: ,,Als Hilfe und Zuflucht der Liebenden (...) will ich hundert Geschichten (...) erzählen."[10] Ganz besonders spricht er die Frauen an, denn Männer haben einen solchen Trost nicht so sehr nötig, weil sie sich durch ihre Arbeit oder andere Betätigungen von ihrem Liebeskummer ablenken können.[11]

,, E chi negherá questo, quatunque egli sia, non molto più alle vaghe donne che agli uomini convenirsi donare? (...) Addunque, acciò che in parte per me s'ammendi il peccato della fortuna, la quale dove meno era di forza, sì come noi nelle dilicate donne veggiamo, quivi più avara fu di sostegno, in soccorso e rifugio di quelle che amano, per ciò che all'altre è assai l'ago e 'l fuso e l'arcolaio, intendo di raccontare (...) Nelle quali novelle piacevoli e aspri casi d'amore e altri fortunati avvenimenti si vederanno così né moderni tempi avvenuti come negli antichi; delle quali già dette donne, che queste legeranno, (...)."[12]

3.1.2 Der Erzählrahmen

Ebenfalls im Titel wird der Erzählrahmen, welcher die hundert Geschichten umschließt, angedeutet. Es handelt sich nicht nur um eine Anzahl lose gesammelter Stücke, sondern diese werden von sieben Damen und drei jungen Männern erzählt. Der eigentliche Erzählanlass, wird jedoch erst in der Vorrede des ersten Tages dargelegt.

3.2 Eingliederung in das Dekameron

Die Schilderung der Pest erscheint im Erzählrahmen. Sie bildet den eigentlichen Erzählanlass. Im Jahre 1348 wütete die Pest in ganz Europa und rafft Tausende von Menschen dahin. Besonders stark betroffen war die Stadt Florenz. Man suchte Trost im Gebet und so trifft es sich, dass zehn junge Menschen sich zufällig in der Kirche Santa Maria Novella begegnen und einen Entschluss fassen. Sie möchten ihr Recht auf Selbsterhaltung wahrnehmen und die Stadt verlassen, um auf einem Landsitz außerhalb der Stadt Zuflucht zu nehmen. Dort angekommen, werden am ersten Tag die Spielregeln für den Aufenthalt festgelegt: Jeder soll einmal König sein und über das Tun und Lassen der anderen bestimmen. Anschließend vergnügt man sich, singt Lieder und tanzt, und nach einem ausgiebigen Mittagsschläfchen versammeln sich alle, um am ersten Tag ,,jeder eine Geschichte von beliebigem Inhalt"[13] zu erzählen. So werden an zehn Tagen einhundert Geschichten erzählt, jedes Mal unter dem Vorsitz einer neuen Königin oder eines neuen Königs, welcher auch das Thema des Tages vorgibt. In Anlehnung an die ,,Fragespiele und Liebeskasuistik der französischen Minnehöfe" werden die Geschichten dann von den Mitgliedern der Brigata kommentiert.[14]

Nach vierzehn Tagen, denn am Freitag und am Samstag wurde nicht erzählt[15], kehrt die Brigata auf den Vorschlag Panfilos hin nach Florenz zurück, da dieser befürchtet, dass ein noch längerer gemeinsamer Aufenthalt den Anstand der Gruppe gefährden könne. Man trifft sich noch einmal in der Kirche Santa Maria Novella und geht dann auseinander.

Die Pestbeschreibung als solche bleibt außerhalb der eigentlichen Treffen der zehn Personen. Boccaccio setzt ein „mahnendes `memento mori `“ an den Eingang, wie es Kindler beschreibt[16], dem eine „unbeschwerte, daseins- und sinnenfrohe Szenerie der hundert Geschichten, Fabeln und Parabeln, die sich die zehn jungen Leute erzählen“ folgt.

Dadurch tritt die Erscheinung der Pest gewissermaßen als Rahmen um den Rahmen des Geschehens dar. Sie ist der Ausgangspunkt der eigentlichen Rahmenerzählung[17].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Novellen (Kern)

Der erste Erzählrahmen stellt die Pestbeschreibung in Florenz dar. Erst durch den ersten Rahmen wird die Handlung ermöglicht. Die Handlung selbst spielt sich im zweiten Rahmen ab und beginnt mit dem Treffen der sieben Frauen (Fiammetta, Emilia, Pampinea, Neifile, Lauretta, Elisa, Filomena) und drei Herren (Panfilo, Filostrato, Dioneo) in der Kirche Santa Maria Novella, die sich zur Flucht aus Florenz entschließen. Diese jungen Personen stellen im weiteren Verlauf die Erzähler der Novellen dar. Die 100 Novellen sind der Kern der Erzählung. Sie dominieren auch von der Anzahl der Seitenzahlen. Der zweite Rahmen hakt immer wieder zwischen den Novellen ein und gerät so nicht in Vergessenheit, während der erste Rahmen nur ganz am Anfang erscheint. Die Pestbeschreibung wird somit vom Leser schnell vergessen. Diese grausame Beschreibung der Pest und des Todes gerät in den Hintergrund, obwohl sie grundvoraussetzend für den Erzählverlauf ist.

[...]


[1] Petrarca, Opera Omnia, a cura di Pasquale Stoppelli.

[2] Machiavelli, Niccolo: Storie Fiorentine II.

[3] (griech.“deka“: zehn, „hêmera“: Tag). Oftmals auch als Decameron, Il Decamerone (ital.) bezeichnet im

folgenden Text aber einheitlich als Dekameron. Vgl. dazu: Radler: Kindlers Neues Literatur Lexikon, 1989, S.

824- 825.

[4] Löhmann: Die Rahmenerzählung des Decameron

[5] Löhmann zählt zu dieser Gruppe Vertreter wie: Manni, Foscolo, Dunlop-Liebrecht, Tallarigo, Antona-

Traversari und Hauvette.

[6] Vertreter dieser Gruppe nach Löhmann: Landau, Körting, Hortis und Cian

[7] Branca: Die neuen Dimensionen des Erzählens, S. 125.

[8] Pabst: Novellentheorie und Novellendichtung, S. 326.

[9] zu Deutsch ,,Gesellschaft, Schar“

[10] Boccaccio, Il Decamerone Livio Appoloni (Hrsg.), S. 9.

[11] Brockmeier: Boccaccio: Decameron, S. 8.

[12] Boccaccio, Il Decamerone Livio Appoloni (Hrsg.), S. 11.

[13] im Original: “..., per questa prima giornato voglio che libero sia a ciascuno di quella materia ragionare che

piu gli sarà a grado” in: Boccaccio, Il Decamerone Livio Appoloni (Hrsg.), S. 25.

[14] Pabst: Novellentheorie und Novellendichtung, S. 254.

[15] Boccaccio, Il Decamerone Livio Appoloni (Hrsg.), S. 201.

[16] Kindlers Neues Literatur Lexikon, 1989, S. 824.

[17] Löhmann, Die Rahmenerzählung des Decameron,

Details

Seiten
21
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638213806
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16557
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Romanisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Pest Boccaccios Decamerone

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