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Der Erzähler als Ironiker in Andrej Beyjls Roman "Petersburg"

Hausarbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die ironische Erzählhaltung
2.1 Einleitung der Kapitel
2.2 Erzähler und Leser

3 Ironische Stilmittel
3.1 Namen
3.2 Charaktere
3.3 Dialoge
3.4 Schlüsselworte
3.5 Ironische Details

4 Ausblick

5 Bibliographie

1 Einleitung

Ironie durchläuft Belyjs „Petersburg“ vom Detail bis zur Fabel. Der ganze Plot ist eine Farce, bei dem nach anfänglich geschäftigem Treiben keiner bekommt was er will. Das Bombenattentat schlägt fehl, Apollon Apollonowitsch Ableuchov wird nicht Minister, Nikolaj Ableuchovs Liebe zu Sofia Petrowna bleibt unerfüllt, Dudkin wird um seine Ideale betrogen und Lippantschenko gar ermordet. Bezeichnenderweise endet die Ableuchovsche Verfolgungsjagd innerhalb des minimalistischen Showdowns auf dem Klo.

Im Folgenden soll nun versucht werden, die ironischen Mittel zu beschreiben, die Belyj in den verschiedenen Konstruktionsebenen seines Romans „Petersburg“ einsetzt.[1] Die Methode ist dabei, von den großen Bausteinen des Romans, wie der Erzählhaltung, auf die kleinen Bausteine, wie die ironischen Details, überzugehen.

Das erste Kapitel widmet sich der ironischen Erzählhaltung. Es ist in zwei Kapitel untergliedert. In „Einleitung der Kapitel“ wird auf die Form der Kapiteluntergliederung in „Petersburg“ eingegangen. Im zweiten Kapitel werden die Beziehungen zwischen „Erzähler und Leser“ veranschaulicht. Mit den „Ironischen Stilmitteln“ beschäftigt sich das dritte Kapitel, das in fünf Unterkapitel gegliedert ist. Die „Namen“ einiger Protagonisten werden untersucht, danach die „Charaktere“ und deren Verhalten, gefolgt von den „Dialogen“. Im Unterkapitel „Schlüsselworte“ werden einige von Belyj in ihrer Bedeutung erweiterten Worte und deren Einsatz vorgestellt. „Ironische Details“ ist das letzte Unterkapitel. Darin werden Einzelbeispiele des ironischen Erzählens angeführt.

Schließlich folgt der „Ausblick“, in dem auf die Funktion der Ironie eingegangen wird. Nach der in den vorausgegangenen Kapiteln aufgezeigten Beschreibung der Einsatzmöglichkeiten, soll nun nach Beleuchtung verschiedener Aspekte der Zweck der Ironie herausgearbeitet werden. Dies jedoch mit der Einschränkung, daß weitere Untersuchungen auf im Ausblick näher beschriebenen Gebieten erforderlich sind.

Am Ende der Arbeit findet sich eine Bibliographie der verwendeten Sekundärliteratur.

2 Die ironische Erzählhaltung

Nach Volker Klotz[2] gibt es zwei grundlegende Erzählhaltungen in „Petersburg“. Die erste Erzählhaltung durchleuchtet nicht und läßt durch einen Mangel an Information den Leser im Ungewissen. Die zweite ist die ironische Erzählhaltung, die im weiteren näher betrachtet werden soll.

Um die Jahrhundertwende war der Engländer Laurence Sterne einer der beliebtesten ausländischen Schriftsteller Rußlands. Sein Markenzeichen, eine die Figuren, den Leser und den Erzähler mit einbeziehende ironische Erzählhaltung, wurde zum festen Begriff als „sternesche Ironie“[3].

Auch Belyj bedient sich des leichten Plaudertons Sternes, das einfache Übertragen dieses Stils in die Moderne mit ihrer eigenen Problematik wirkt jedoch unzeitgemäß und entwickelt daraus eine eigene Komik.

2.1 Einleitung der Kapitel

Belyj benutzt ironisch das aus der Mode gekommene “Argumentum“, eine vorangestellte Erläuterung oder kurze Zusammenfassung des Inhalts am Anfang eines Kapitels. Dieses Argumentum ist auch bei Sterne wiederzufinden, ebenso wie bei dem Sterne-Gegner William Makepeace Thackeray, bei Miguel de Cervantes und Jonathan Swift, der damit Daniel Defoe parodierte.

Belyj setzt zusätzlich ein Motto, und zwar einen Gedichtauszug Puschkins vor jedes Kapitel. Dieses Motto, bei dem es sich um die nicht durchleuchtende Erzählhaltung handelt, die dem Leser keinen Lösungsvorschlag mitliefert, bildet den Gegenpol zum ironischen Argumentum.

Teilweise schwer nachvollziehbar sind die Überschriften innerhalb der Kapitel. Nicht immer geben sie einen direkten Hinweis auf das nachfolgende Unterkapitel, sondern sind oftmals aus dem Kontext herausgelöste Zitate. Sie können erst nach Wiedererkennung beim Lesen des Textes rückwirkend Aufschluß geben. Diese Art der Kapiteluntergliederung kann ebenfalls bei Sterne gefunden werden (dort gelegentlich mehrmals hintereinander dieselbe Überschrift); aber auch bei Dostojewskijs „Brüder Karamasov“, woraus überdies nach Holthusen[4] das Vatermordmotiv in „Petersburg“ stammt.

2.2 Erzähler und Leser

Die Distanz zwischen dem Erzähler und dem Leser wechselt oder wird ganz aufgehoben. In dem Unterkapitel „Unsere Rolle“ macht der Erzähler sich selbst und den Leser, dessen Einverständnis voraussetzend, zum Agenten der Geheimpolizei: „Wir wollen nun einen Blick in seine Seele tun; doch zuvor wollen wir das Restaurant untersuchen“ (S. 40). Und nur kurz darauf, in der „Plötzlich“-Episode wird der Leser direkt mit du angesprochen (S. 43).

Zu Beginn des achten Kapitels wird berichtet, daß selbst der Autor seinen Blick in den weiten Seelenräumen verloren hat. Die Ehefrau Apollons Anna Petrowna hatte er ganz vergessen. Die Helden des Romans hatten sie ebenfalls vergessen (S. 403).

Dieses Eigenleben der Figuren wird bereits am Ende des ersten Kapitels deutlich. Der Erzähler weist darauf hin, daß Apollon Apollonowitsch Ableuchov nur eine „Ausgeburt der Phantasie des Autors“ ist, gleich darauf ergänzt er „unserer Phantasie“. Apollon Apollonowitsch wiederum kann kraft seiner Phantasie den Unbekannten entstehen lassen. Durch dessen Existenz werden auch seine beiden Schatten real (der Mann mit der Warze und Lippantschenko). Die Schatten werden im weiteren Verlauf den Unbekannten verfolgen, der Unbekannte den Senator und der Senator wird uns, die Leser, in seiner schwarzen Kutsche verfolgen (S.60).

Volker Kotz bewertet Belyjs Anwendung unterschiedlicher Erzählhaltungen folgendermaßen: „Das wahre Gesicht der Stadt offenbart sich in der Grimasse. Streik, Attentat, religiöse und politische Schwärmerei auf der einen Seite - Polizeimacht, Spitzeltätigkeit, Paraden und Bürokratie auf der anderen sind Erscheinungen, die umweglos dem Humus des nebeldurch-drungenen, menschenballenden, räumlich und gesellschaftlich widersprüchlichen Petersburg entsprießen.“

Belyj setzt diese vielschichtige Erzählweise ein „um diesem [...] vielfratzigen Phänomen [...], das jedem Zugriff sich zu entziehen sucht und jeden einmal gewonnenen Teilaspekt durch den nächsten entkräftet [...] gerecht zu werden“. Das Stadtgeschehen erschließt sich „erst aus seiner Darbietungsweise [...]“.

„Überspitzt gesagt: der Stil ist die Stadt“.[5]

3 Ironische Stilmittel

In nahezu allen Werken Belyjs wird man seinem Humor begegnen, und zwar in einer „Mischung aus Ernstem und Heiterem, was man bei Belyj seltsamerweise nie trennen kann.“[6] Auch in „Petersburg“ streut er seine Parodien und seine teils symbolistische, teils unverschlüsselte Ironie ein. Dabei verwendet Belyj die Komik konstruierend und vielschichtig - so, wie er auch die übrigen Stilmittel einsetzt.

3.1 Namen

Eine der Hauptfiguren ist Apollon Apollonowitsch Ableuchov. Sein Name spiegelt einen den Roman durchziehenden Ost-West-Konflikt wider. Gerade die Gefahr aus dem Osten taucht immer wieder auf, was historisch leicht darauf zurückzuführen ist, daß Rußland gerade den Krieg gegen Japan verloren hatte. An der Niederlage waren übrigens der Tabak und der Schnaps Schuld, wie eine Romanfigur bei Tolstoj gelesen haben will.

Apollon, Sohn des Zeus und der Leto, ist dem westlichen Kulturkreis zuzuordnen. Der Name Apollonowitsch ist eine Verknüpfung zwischen westlicher Hemisphäre und Rußland. Ableuchov schließlich ist eine Verbindung zwischen Rußland und dem Osten. Denn der ursprüngliche Name lautete Ab-lai-Uchow und stammte von Turaniern, einem Volk aus dem Tiefland am Kaspischen Meer.

Sofja Petrowna Lichutina ist eine Parodie auf Solovjevs „Sophia“, der Reinkarnation des Heiligen Geistes in Frauengestalt.

Der am wenigsten greifbare Name ist das lautmalerische Pepp Peppowitsch Pepp. Einmal steht es für die Erinnerung Nikolajs an das Geräusch eines auf den Fußboden aufspringenden Gummiballs (S. 243), dann für die Bombe in der Sardinenbüchse (S. 335) und schließlich sind es auf einmal zwei verschiedene Namen für die verhafteten Personen Peppowitsch und Pepp (S. 303).

Offensichtlich lächerlich ist der Name Soja Sacharowna Fleisch (‘Sachar’ bedeutet ‘Zucker’).

[...]


[1] Grundlage für diese Hausarbeit ist die zweite Fassung des Romans von 1922 in der

Übersetzung von Gisela Drohla

[2] Klotz, Volker: „Die erzählte Stadt“, Carl Hanser Verlag München, 1969, S. 257

[3] „Geschichte der Literatur“, Hg. Golo Mann und Alfred Heuß, Propyläen Verlag Berlin,

Band VI, 1988, S. 127

[4] Holthusen, Johannes: „Belyj × Petersburg“, in: „Der russische Roman“, Hg. Bodo

Zelinsky, August Bagel Verlag Düsseldorf, 1979, S. 287

[5] Klotz, Volker: „Die erzählte Stadt“, Carl Hanser Verlag München, 1969, S. 254

[6] „Geschichte der russischen Literatur“, Hg. Dmitrij S. Mirskij, R. Piper & Co. Verlag München, 1964, S. 429

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640812745
ISBN (Buch)
9783640812639
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165567
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Germanistik
Note
1
Schlagworte
erzähler ironiker andrej beyjls roman petersburg

Autor

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Titel: Der Erzähler als Ironiker in Andrej Beyjls Roman "Petersburg"