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Russlanddeutsche Evangelikale (Band 2)

Das religiöse Erscheinungsbild russlanddeutscher Freikirchen in Deutschland

Forschungsarbeit 2011 368 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeiner Überblick: Russlanddeutsche in Deutschland
1.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen
1.2 Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen
1.3 Überregionale Strukturen russlanddeutscher Freikirchen
1.4 Bund Taufgesinnter Gemeinden als Untersuchungsge- genstand

2 Gemeindepädagogisches Konzept als Rahmen der Untersu- chung
2.1 Definition von Gemeindepädagogik
2.2 Gemeindepädagogisches Konzept

3 Evangelistisch-missionarische Bemühungen
3.1 Auswertung der Umfrage
3.2 Die biblische Begründung des missionarischen Handelns
3.3 Die Förderung des missionarischen Bewusstseins
3.4 Die Verwirklichung von Evangelisation und Mission
3.5 Beurteilung der evangelistisch-missionarischen Bemü- hungen
3.6 Abschließende Bemerkungen zu den einzelnen Schritten der Evangelisation

4 Weiterführung im Glauben
4.1 Evangelisation als Anfang der Nacharbeit und Weiter- führung im Glauben
4.2 Auswertung der Umfrage zur Nacharbeit
4.3 Praktische Bemerkungen zur Nacharbeit und Weiterfüh- rung im Glauben
4.4 Taufe als Aufnahme in die Gemeinde
4.5 Kinder- und Jugendarbeit
4.6 Erwachsenengruppen

5 Zurüstung von Mitgliedern der Gemeinde
5.1 Regelmäßige Gottesdienste und Veranstaltungen
5.2 Schulungen verschiedener Art
5.3 Andere Möglichkeiten der Zurüstung

6 Theologische Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern und Leitern der Gemeinde
6.1 Auswertung der Umfrage
6.2 Die Gemeindebibelschule
6.3 Theologische Fernschule
6.4 Prediger- und Mitarbeiterkonferenzen
6.5 Fortbildungskurse für Pastoren und Bibelschul- absolventen
6.6 Ordination als Voraussetzung zum Leitungsdienst
6.7 Praktische Reflexionen zur theologischen Aus- und Wei- terbildung

Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Zum Autor

Vorwort

Die freikirchliche Landschaft in Deutschland hat in den letzten 35 Jahren gravierende Veränderungen erlebt, die durch den Zuzug russlanddeutscher Christen aus der ehemaligen Sowjetunion verursacht wurden. Ihre Kirchengemeinden zählen zu den größten und schnellwachsensten in Deutschland. Neben großen Gemeindezentren haben sie vielerorts eigene Missionswerke, Hilfsorganisationen, Verlage, christliche Privatschulen, theologische Ausbildungsstätten und andere christliche Einrichtungen ins Leben gerufen. Mittlerer weile sind sie zum festen Bestandteil der Evangelikalen Bewegung in Deutschland geworden.

Aufgrund dieser ermutigenden Entwicklung innerhalb der kirchlichen Landschaft in Deutschland hegte man anfangs die Erwartung, dass die Leidenschaft für den christlichen Glauben, den die russlanddeutschen Christen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland mitgebracht haben, auch auf die Christen in Deutschland überspringen würde. Doch leider hat der Prozess der gegenseitigen Bereicherungen zwischen einheimischen und russlanddeutschen Christen noch nicht stattgefunden. Man ist sich auch nach mehr als 35 Jahren des Zusammenlebens in Deutschland fremd geblieben. Während die russlanddeutschen Christen sich in ihre kulturell-religiöse Enklaven zurückgezogen haben, stehen die einheimischen Christen ratlos da und wissen nicht, wie sie ihre Glaubensgeschwister aus der ehemaligen Sowjetunion in ihre kirchliche Landschaft effektiv integrieren können.

Dieser Zustand muss jedoch nicht so bleiben. Wo es einen Willen gibt, gibt es auch einen Weg. Daher ist es nie zu spät, aufeinander zuzugehen, um gemeinsam die christliche Botschaft den Menschen in Deutschland zu verkündigen. Eine effektive Zusammenarbeit zwischen russlanddeutschen und einheimischen Christen setzt allerdings die Bereitschaft voraus, aufeinander zuzugehen, um sich näher kennenzulernen. Diesem Ziel dient die vorliegende Forschungsarbeit, die der Dissertation „Gemeindepädagogik in Russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ entnommen und aktualisiert wurde. Sie kann einheimischen Christen helfen, die Denk- und Vorgehensweise russlanddeutscher Christen besser zu verstehen. Anderseits kann sie auch den russlanddeutschen Christen bei der Suche nach der eigenen Identität dienlich sein.

Abkürzungsverzeichnis

Die Abkürzungen der biblischen Bücher richten sich nach dem Abkürzungsverzeichnis der dritten Auflage des „Evangelischen Kirchenlexikons“. Die allgemeinen Abkürzungen entsprechen dem DudenTaschenbuch „Wörterbuch der Abkürzungen“. Darüber hinaus haben folgende Abkürzungen Verwendung gefunden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Das Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit ist die Darstellung des religiösen Erscheinungsbildes russlanddeutscher Freikirchen in Deutschland. Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, wurde ein Verband als Gegenstand der Untersuchung gewählt, der sich aufgrund der Zusammensetzung seiner Gemeinden und der Quellenlage für dieses Projekt am geeignetsten erwies. Als Grundlage dieser Arbeit diente zum größten Teil eine Umfrage unter den Gemeinden des Verbandes aus dem Jahre 1996. Zusätzlich wurden Berichte der Verbandszeitschrift herangezogen und ausgewertet. Das junge Alter der Gemeinden spiegelt sich naturgemäß in den Antworten und Berichten. Es ist aber auch interessant, zu erfahren, wie sich eine kirchliche Bewegung, die aus einer alten Tradition kommt, in der neuen Freiheit versteht. Die Informationen und Antworten sind so zu nehmen, wie zum größten Teil wissenschaftlich nicht ausgebildete Mitarbeiter sie formulieren. Viele Aussagen aus den Gemeinden ähneln sich, weil die Gemeinden und ihre Mitarbeiter sich in einer ähnlichen Situation befinden. Darum wird vieles in die Fußnoten aufgenommen. Das Gesamtmaterial ist beim Verfasser verfügbar.

Die Umfragen innerhalb des Verbandes wurden anhand eines gemeindepädagogischen Konzeptes durchgeführt. Dieses Konzept wurde gewählt, weil es alle außer - und innerkirchlichen Aktivitäten der Gemeinden erfasst und dadurch am objektivsten das religiöse Erscheinungsbild dieser Kirchengemeinden darstellen lässt.

Im ersten Kapitel wird ein allgemeiner Überblick der Russlanddeutschen in Deutschland dargeboten. Dabei geht es um die statistischen Angaben zu den Aussiedlerzahlen, die Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen, die überregionalen Strukturen russlanddeutscher Freikirchen und um den Kirchenverband, der als Untersuchungsgenstand gewählt wurde. Im zweiten Kapitel wird das gemeindepädagogische Konzept als Rahmen der Untersuchung dargestellt. Anhand dieses gemeindepädagogischen Konzeptes werden in den folgenden Kapiteln die außer- und innerkirchlichen Aktivitäten der Gemeinden präsentiert.

Im dritten Kapitel wird zuerst die Auswertung zu den evangelistisch- missionarischen Bemühungen der Gemeinden präsentiert. Anschließend wird nach der biblischen Begründung des missionarischen Handelns der Gemeinden gefragt, die Förderung des missionsarischen Bewusstseins untersucht und die Verwirklichung von Evangelisation und Mission darge- stellt. Zum Schluss werden die evangelistisch-missionarischen Bemühungen beurteilt und kritische Bemerkungen zu den einzelnen Schritten der Evangelisation gemacht, die als praktische Hilfe gedacht sind.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Weiteführung im Glauben von Christen, die aufgrund der evangelistisch-missionarischen Bemühungen für den christlichen Glauben gewonnen wurden. In diesem Teil der Arbeit geht er vor allem um all die Bemühungen der Gemeinden, die zum Wachstum von neuen Christen beitragen. Dabei werden Bereiche der Gemeindearbeit wie Nacharbeit, Taufe als Aufnahme in die Gemeinde, Kinder- und Jugendarbeit sowie Erwachsenenbildung thematisiert. Es werden auch praktische Bemerkungen zur Nacharbeit und Weiteführung im Glauben eingebaut.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Zurüstung von Mitgliedern in der Gemeinde, die zum Ziel hat, Mitarbeiter für die Gemeindearbeit zu gewin- nen. Hier werden Aktivitäten der Gemeinden wie regelmäßige Gottesdienste und Veranstaltungen sowie Schulungen verschiedener Art dargestellt und kritisch beurteilt. Das letzte Kapitel setzt sich mit der Frage der theolo- gischen Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern und Leitern der Gemeinde auseinander. Dabei wird auch auf die Frage der Ordination als Voraussetzung zum Leitungsdienst eingegangen. Den Höhepunkt dieses Kapitels bilden praktische Reflektionen zur theologischen Aus- und Weiterbildung, die sich nicht nur auf die russlanddeutschen Freikirchen beziehen. Hier werden Zukunftsperspektiven für die Aus- und Weiterbildung von Theologen in Deutschland erarbeitet.

Im Anhang des Buches sind mehrere Glaubensbekenntnisse russlanddeutscher Freikirchen vorzufinden, die einen guten Einblick in das theologische Denken dieser evangelikalen Bewegung vermitteln. Dort ist auch der Umfragebogen vorzufinden, der als Grundlage für die Umfrage innerhalb russlanddeutscher Freikirchen diente.

1 Allgemeiner Überblick: Russlanddeutsche in Deutschland

1.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen

12In der Zeit von 1950 bis 2005 sind 4.481.882 Aussiedler nach Deutschland eingewandert: 2.334.334 aus der ehemaligen Sowjetunion, 1.444.847 aus Polen, 430.101 aus Rumänien, 105.095 aus der ehemaligen CSFR, 90.378 aus dem ehemaligen Jugoslawien, 21.411 aus Ungarn und 55.716 aus sons- tigen Gebieten.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aussiedlerzahlen 2005

Die Statistik und die politisch-wirtschaftliche Situation in den Herkunfts- ländern der Aussiedler sprechen dafür, dass das zahlenmäßige Verhältnis sich auch in Zukunft kaum ändern wird. Auch wenn die allgemeine Zahl der Aussiedler in Deutschland zurückgeht, muss davon ausgegangen wer- den, dass in den nächsten Jahren immer noch viele Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwandern werden.4 Dieser Trend hat Auswirkungen auf die christlichen Gemeinden der russlanddeutschen Freikirchen.

1.2 Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen

Als Ergänzung zu den Zahlen der Aussiedler soll hier die Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen präsentiert werden. Da es bei dieser Veröffentlichung um russlanddeutsche Freikirchen geht, sollen diese etwas detaillierter vorgestellt werden.

Allgemeine Informationen

1976, als die Zahl der Einwanderer aus der Sowjetunion noch nicht so hoch war, sah die Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen fol- gendermaßen aus: 41,3% Evangelische Christen, 30,8 % Katholiken, 16,4% Baptisten, 8,5% Mennoniten, 3% andere konfessionelle Gruppen.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Konfessionszugehörigkeit 1976

30 Jahre später, im Jahre 2005 sehen die Zahlenverhältnisse wie folgt aus: 42,2% der Einwanderer waren evangelisch, 12,4 % katholisch, 20,6 % Orthodox und 6,5 % gehörten anderen Konfessionen an.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Konfessionszugehörigkeit 2005

Die hohe Zahl der orthodoxen Einwanderer aus der Ehemaligen Sowjet- union ist dadurch zu erklären, dass in den letzten Jahren vermehrt russisch- stämmige Immigranten nach Deutschland gekommen. In den Reihen der Aussiedler sind es auch oft Familien, wo ein Elternteil deutschstämmig und der andere russischstämmig ist. Wir sprechen hier kulturell von Mischehen.

Russlanddeutsche Christen mit freikirchlichem Hintergrund

Aufgrund des ununterbrochenen Zuzugs von Aussiedlern und weil die meisten russlanddeutschen Gemeinden weder eine Statistik führen noch bereit sind, Zahlen herauszugeben, ist es schwierig, genaue Angaben zu den russlanddeutschen Freikirchen zu machen. Laut den Untersuchungen von John N. Klassen kann von etwa 420.000 russlanddeutschen Personen ausgegangen werden, die sich im Jahre 2006 entweder zu den Baptisten oder Mennoniten zählten.7 Etwa 94.000 davon zählen zu getauften Mitgliedern einer örtlichen Gemeinde.8 „Die übrigen sind [laut Klassen] ethnische Mennoniten oder ethnische Baptisten (einschließlich Kinder und Erwachsene, die an den Versammlu1ngen teilnehmen, aber nicht selbst Mitglieder sind)“.9 Im Jahre 2010 können wir bei vorsichtiger Schätzung von ungefähr 500.000 Baptisten/Mennoniten ihren Angehörigen ausgehen. Davon zählen etwa 100.000 zu getauften Mitgliedern.

Wenn man diese Zahl mit den Mitgliedskirchen der Vereinigung Evangeli- scher Freikirchen (VEF) vergleicht, so ergibt sich hier folgendes Bild:10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aussiedler im Vergleich zu anderen Freikirchen 1997/2010

1.3 Überregionale Strukturen der russlanddeutschen Freikirchen

Da es in dieser Arbeit um die Freikirchen täuferischer Prägung geht, be- schränke ich mich auf die baptistisch-mennonitischen Gruppierungen. Die Glaubenstaufe wird außerdem bei den Pfingstlern, den Adventisten und der Gemeinde Gottes praktiziert, die jedoch nicht Gegenstand der Untersu- chung sind. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Klassifizierung der russlanddeutschen Freikirchen. Man kann sie nach ihren Verbänden oder nach ihrer Zugehörigkeit zur mennonitischen oder baptistischen Richtung einteilen.

1.3.1 Der mennonitische Flügel

Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung in Mennonitengemeinden (AGUM)11

Diese Arbeitsgemeinschaft stellt einen Dachverband der sogenannten kirchlichen Mennonitengemeinden dar.12 Zusammen mit einigen einheimi- schen Gemeinden zählte diese Arbeitsgemeinschaft im Jahre 2004 5.335 Mitglieder in 27 Gemeinden.13 Die Zielsetzung dieser Gruppe war anfänglich die Betreuung neu angekommener Aussiedler. Nach und nach hat sich diese Arbeitsgemeinschaft mehr zu einem festen Dachverband entwickelt, der einen Verlag, ein Missionswerk, eine Zeitschrift und eine Gemeindebibelschule unterhält.14 Weder zu den Baptisten noch zu den Mennonitenbrüdern bestehen seitens dieser Gruppe enge Kontakte.15

Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Brüdergemeinden in Deutschland (AMBD) und Verband der Evangelischen Freikirchen Mennonitischer Brüdergemeinden in Bayern (VMBB)

Die AMBD entstand im Jahre 1960, als sich Vertreter der Mennonitenbrü- der in Nordamerika um mennonitische Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg kümmerten.16 Im Jahre 2008 betrug die Zahl der Mitglieder ca. 1.623 in 15 Gemeinden.17 Die Gemeinden der AMBD setzen sich aus ein- heimischen, süd- und nordamerikanischen und russlanddeutschen Christen zusammen. Der Verband arbeitet eng mit einigen russlanddeutschen Gemeinden und Verbänden zusammen,18 sieht sich aber nicht als ein Teil der russlanddeutschen Freikirchen. Die Theologie und das Glaubensbekenntnis der AMBD sind in beidem den nordamerikanischen Mennonitenbrüdern ähnlich.19

Der VMBB steht in der AMBD Tradition und zählte im Jahre 2008 306 Mitglieder in 5 Gemeinden, die auf Gemeindegründungsaktivitäten der AMBD in Bayern zurückzuführen sind.20

Arbeitsgemeinschaft der WEBB-Gemeinden

Die lose Arbeitsgemeinschaft der vier WEBB-Gemeinden (Wolfsburg, Es- pelkamp, Bechterdissen und Bielefeld) zählte im Jahre 2004 1.617 Mit- glieder.21 Die Mehrheit der Mitglieder hat einen russlanddeutschen oder russlanddeutsch-südamerikanischen kulturellen Hintergrund. Theologisch sind diese Gemeinden der täuferisch-mennonitischen Tradition zuzuord- nen.

Unabhängige Gemeinden mennonitischer Prägung (UGM)

Diese Gemeinden sind statistisch schwer zu erfassen, weil immer wieder neue Gemeinden ins Leben gerufen werden. Nach den Recherchen von John N. Klassen umfasste diese Gruppe 2008 etwa 4.757 Mitglieder in 32 Gemeinden. Trotz ihrer Unabhängigkeit haben diese Gemeinden einen en- gen Kontakt zur Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland, zum Bund Taufgesinnter Gemeinden oder zu anderen russlanddeutschen Ge- meindeverbänden.

1.3.2 Der baptistische Flügel

Vereinigung der EvangeliumsChristen-Baptisten (VEChB)

Dieser Verband wurde im Jahre 1976 ins Leben gerufen, nachdem mehrere Christen aus den Reihen der Evangeliumschristen-Baptisten nach Deutsch- land gekommen waren.22 Von Anbeginn sah sich diese Gruppe sehr eng mit der Untergrundkirche in der ehemaligen Sowjetunion verbunden.23 Diese Verbindung, die bis heute noch besteht, wurde insbesondere durch das Missionswerk „Friedensstimme“ repräsentiert. Dieses Werk sah sich als Vertreter der leidenden Evangeliumschristen-Baptisten in der Zeit der Verfolgung.24 Die VEChB-Gemeinden sind in der Regel sehr konservativ und pflegen nur wenige Kontakte zu anderen Gemeindeverbänden und einheimischen Christen.25 In den letzten Jahren hat die VEChB mehrere Teilungen erlebt, die sie 1995 auf etwa 38 Gemeinden und 5.000 Gemein- demitglieder schrumpfen ließ.26 Bis 2004 ist diese Gruppe auf 9.071 Mit- glieder in 72 Gemeinden und Gemeindefilialen angewachsen.27 Zu den kirchlichen Mennoniten und teilweise auch Mennonitenbrüdern hat man allgemein wenig Kontakt.

Bruderschaft der EvangeliumsChristen-Baptisten (BEChB)

Diese Gruppe formierte sich im Januar 1993. Der Kern dieser Gruppe kommt ursprünglich aus der VEChB. Die Bruderschaft trennte sich von der Vereinigung, weil diese für die Bruderschaft zu offen wurde und in ihren Augen nicht konservativ genug war. Zusätzlich hatte man Mühe mit der straffen Leitungsform der VEChB. Von ihrer Theologie und ihrem Gemeindeverständnis her gesehen kann die BEChB zum baptistischen Flügel der russlanddeutschen Freikirchen gerechnet werden. Die Bruderschaft möchte jedoch noch konservativer als die VEChB sein und legt großen Wert auf die Selbständigkeit der Gemeinden.28 Im Jahre 2004 zählte die BEChB 6.801 Mitglieder in 62 Gemeinden.29

Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden (AeG) und Arbeitsgemeinschaft freier Gemeinden (DeG)

Die AeG entstand im September 1993 unter dem Namen „Arbeitsgemein- schaft unabhängiger und bibeltreuer Gemeinden“ und zählte 2004 2.342 Gemeindemitglieder in 13 Gemeinden.30 Die Vertreter der AeG stellten ursprünglich den progressiven Flügel der VEChB dar.31 Nachdem sie es nicht geschafft hatten, das Ruder der Vereinigung in eine offenere Rich- tung umzuschlagen, haben sie sich von ihr getrennt. Genauer gesagt, sie wurden aus der Vereinigung ausgeschlossen, weil sie für die konservativen Christen zu unbequem wurden. Bezüglich ihrer Theologie und ihrem Ge- meindeverständnis können sie als progressive Baptisten gesehen werden. Im November 1996 wurde der Name „Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Gemeinden“ angenommen.

Die Arbeitsgemeinschaft freier Gemeinden ist eine jüngere Gruppe, die sich auch von der VEChB getrennt hat. Sie ist in ihrer Ausrichtung der AeG sehr ähnlich und zählte 2004 2.105 Gemeindemitglieder in 10 Ge- meinden.32

Unabhängige Gemeinden baptistischer Prägung (UGB)

Die unabhängigen Gemeinden in diesem Flügel bildeten im Jahre 2004 eine Gruppe von 13.070 Gemeindemitgliedern in ca. 114 Gemeinden.33 Sie pflegen in der Regel einen guten Kontakt zur Bruderschaft der Chris- tengemeinden in Deutschland oder zum Bund Taufgesinnter Gemeinden.34

Russlanddeutsche Baptisten im Bund Evagenlisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG)

Ein Teil der eingewanderten Baptisten aus der Sowjetunion und den Nach- folgestaaten schloss sich dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemein- den in Deutschland (Baptisten- und Brüdergemeinden) an. Zuerst wurde diese Gruppe im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschris- ten-Baptisten unter dem Dach des BEFG aktiv betreut.35 Die Anfänge die- ser Arbeitsgemeinschaft, die sich im Jahre 1990 formierte, sind in den siebziger Jahren zu suchen.36 Der Initiator seitens der Baptisten war Günter Wieske, der wie kein anderer Christ im Westen sich unermüdlich um die Integration von Aussiedlern bemühte. Die Arbeitsgemeinschaft zählte im Juni 1997 etwa 6.200 Mitglieder in 40 Gemeinden und kleineren Grup- pen.37

Außerdem haben seit Beginn der Rückwanderung viele russlanddeutsche Christen direkt in den bestehenden Gemeinden des Bundes Evangelisch- Freikirchlicher Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden.38 Inzwischen wurde die Arbeitsgemeinschaft aufgelöst und die russlanddeutschen Ge- meinden in den BEFG integriert. Die genaue Zahl russlanddeutscher Chris- ten im BEFG lässt sich schwer ermitteln, weil diese Christen und Gemein- den nicht extra geführt werden. Laut dem Aussiedlerbeauftragten im BEFG Pastor Rudolf Janzen kann Zahl zwischen 6.000 bis 10.000 liegen.39

1.3.3 Der gemischte Flügel

Ein Teil der russlanddeutschen Freikirchen kann sowohl dem baptistischen als auch dem mennonitischen Flügel zugeordnet werden. Diese Gemeinden werden in dieser Arbeit als „gemischter“ Flügel bezeichnet.

Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) Diese Gemeinden haben sich im Sommer/Herbst 1989 zum Dachverband vieler Aussiedlergemeinden formiert, die in Russland zu den registrierten Gemeinden gehörten.40 Sowohl in ihrer Theologie als auch in der Zusam- mensetzung der Leitung und ihrer Gemeindemitglieder können sie als bap- tistische Mennonitenbrüder gesehen werden. Etwa die Hälfte der Mitglie- der der Gemeinden sieht sich als Vertreter der Mennonitenbrüder. Die an- dere Hälfte der Mitglieder fühlt sich zum baptistischen Flügel hingezo- gen.41 Im Jahre 2004 zählte dieser Verband 19.693 Mitglieder in 86 Ge- meinden.42 Auch dieser Verband unterhält kaum Kontakte zu anderen Ver- bänden und einheimischen Christen. Theologisch vertreten sie die Linie des Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten in Russland. Die ersten Vertreter dieser Gruppe hatten sich im Jahre 1976 von der Vereini- gung der Evangeliumschristen-Baptisten getrennt, weil diese von den ehemals in der Sowjetunion registrierten Christen Reue und Buße für ihre loyale Haltung zur Regierung forderten. Dies trennt diese Verbände immer noch, obwohl sie sich in vielen ethischen und theologischen Fragen einig sind. Beide legen großen Wert auf Gemeindezucht und eine straffe Bun- des- und Gemeindeleitung.

Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG)

Der BTG bildet eine Arbeitsgemeinschaft von Gemeinden, die entweder einen baptistischen oder mennonitischen Hintergrund haben. Dieser Ver- band mit 26 Gemeinden, der 2008 6.359 Gemeindemitglieder zählte,43 kann auch zum progressiven Flügel der russlanddeutschen Freikirchen ge- rechnet werden. Der Schwerpunkt dieser Gemeinden liegt primär nicht in der Einhaltung festgeschriebener Gemeinderegeln, sondern in der Mission und in der theologischen und praktischen Zurüstung von Gemeindemit- arbeitern. Die Zurüstung geschieht wesentlich durch das Bibelseminar Bonn.44

1.4 Bund Taufgesinnter Gemeinden als Untersuchungsgegenstand

Der Bund Taufgesinnter Gemeinden hat sich als ein geeignetes Untersu- chungsfeld ergeben, weil er von der konfessionellen Zusammensetzung seiner Gemeinden, von den außer- und innergemeindlichen Aktivitäten seiner Mitglieder, von seiner Größe und nicht zuletzt auch von der Quellenlage her gesehen einen Verband russlanddeutscher Freikirchen darstellt, an dem das religiöse Erscheinungsbild russlanddeutscher Frei- kirchen am objektivsten dargestellt und untersucht werden kann. Da es hier um den Untersuchungsgenstand geht, wird dieser Verband etwas ausführlicher dargestellt.

Geschichte

Am 18. September 1989 trafen sich in Lemgo Vertreter aus sieben russlanddeutschen Freikirchen, um sich gemeinsam im Lichte der Bibel, der Geschichte und der gegenwärtigen Situation in Deutschland Gedanken über eine mögliche Zusammenarbeit von Gemeinden zu machen.45 Nach langem Austausch und intensiver Gebetsgemeinschaft waren sich alle Teilnehmer einig, Schritte in Richtung einer Zusammenarbeit zu unternehmen. Was ursprünglich nur als ein unverbindliches Treffen gedacht war, wurde zur Geburtsstunde des Bundes Taufgesinnter Gemeinden. Noch am gleichen Abend wurden sieben Personen gewählt, die sich mit der Gründung des Bundes intensiver beschäftigen sollten. Schon am 14. Oktober des gleichen Jahres fand die erste Mitgliederversammlung statt, die sich aus den Vertretern der Mitgliedsgemeinden zusammensetzte.46 Hier wurde der Bund Taufgesinnter Gemeinden offiziell ins Leben gerufen, der im Herbst 1989 sieben Gemeinden mit insgesamt ca. 2.500 Mitgliedern zählte.47 Bis Mitte 1997 ist der Bund auf 20 Gemeinden angewachsen und zählte ca. 5.000 Mitglieder.48 Im Jahre 2008 setzte sich der BTG aus mehr als 6.000 Mitgliedern zusammen.49 Mit Hilfe eines Diagramms lässt sich das Wachstum der Mitglieder im BTG wie folgt darstellen:50

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wachstum der Mitglieder im BTG 1989-2008

Der Bund besteht aus Gemeinden, deren Mitglieder in den letzten 35 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Die Bezeichnung „taufgesinnt“ bringt zum Ausdruck, dass der BTG ein Verband von täuferischen Gemeinden ist. Diese haben sowohl einen mennonitischen als auch baptistischen Hintergrund. Bei den mennonitischen Gemeinden des BTG geht es um die Mennonitenbrüder.

Grundlage

Die Grundlage der Zusammenarbeit der BTG-Gemeinden bei der Gründung im Jahre 1989 bildete das revidierte Glaubensbekenntnis der Vereinigten Christlichen Taufgesinnten Mennonitischen Brüdergemeinden in Russland von 1902 und die Chicago-Erklärung zur Bibel.51 Obwohl das Glaubensbekenntnis von 1902 die Handschrift der Mennonitenbrüder trägt, war es in seiner ursprünglichen Fassung eine Kopie des Glaubensbekenntnisses der deutschen Baptisten mit mennonitischen Ergänzungen wie Wehrlosigkeit, Eidesverweigerung und Fußwaschung.52

Grundsatz

Obwohl der BTG den Namen „Bund“ führt, sieht er sich eher als eine Arbeitsgemeinschaft von selbständigen Gemeinden. Der wichtigste organisatorische Grundsatz des BTG ist daher auch die Selbständigkeit der Mitgliedsgemeinden. Die Zusammenarbeit der Gemeinden wird nur in den Bereichen angestrebt, in denen man die Aufgaben gemeinsam besser erledigen kann. Um jegliche Einmischung des Bundes in die inneren Angelegenheiten der Gemeinden zu verhindern, wurde auf der Mitglieder- versammlung des Bundes folgender Beschluss gefasst: „In der Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und im sonstigen Gemeindeleben ist jede Gemeinde unabhängig und selbständig. Die Ausgestaltung der Gemeindestruktur und der Gemeinderichtlinien ist Sache der betreffenden Mitgliedsgemeinde“.53 Weiter heißt es: „Bei Streitfragen innerhalb einer Gemeinde und beim Auftreten von Lehrunterschieden oder anderen Differenzen darf der Bund einigen Brüdern einen Schlichtungsauftrag erteilen, [nur] wenn die Gemeinde dies mit einer 2/3 Mehrheit so beschließt und beantragt“.54 Diese starke Betonung der Selbständigkeit der Gemeinden liegt in den schlechten Erfahrungen begründet, die man in Verbänden mit zentralistischer Führung in der ehemaligen Sowjetunion und in Deutschland gemacht hat.55

Grundziele

Bei der Gründung 1989 hatte sich der BTG zum Ziel gesetzt, den Gemeinden in der Verwirklichung ihres dreifachen Auftrages behilflich zu sein: (1) Gott zu verherrlichen (Eph 1, 3-14); (2) Christen zuzurüsten (Eph 4, 11-16); (3) Verlorene für Christus zu gewinnen (Mt 28, 18-20).56 Um dies zu erreichen, werden vom Bund laut der Satzung folgende Aufgaben wahrgenommen:

Förderung der Gemeinschaft zwischen einzelnen Gemeinden; Schulung und Weiterbildung aller Gemeindemitarbeiter; Förderung der Innen- und Außenmission einschließlich sozialer, jugenderzieherischer und senio- renausgerichteter Dienste in praktischer Betätigung christlicher Nächs- tenliebe im Sinne der Diakonie, insbesondere in Entwicklungsländern; Herausgabe einer gemeindebezogenen Zeitschrift und anderer christ- licher Schriften sowie deren Verbreitung; Durchführung von Tagungen und Glaubenskonferenzen; Aus- und Umsiedlerbetreuung einschließlich Hilfestellungen zur geistlichen und sozialen Integration; Hilfestellungen zur Gründung neuer Gemeinden.57

An einer anderen Stelle werden die Aufgaben noch konkreter formuliert:

1. Betreuung von rußlanddeutschen Aussiedlern; 2. Schulung und Zurüstung von Gemeindemitarbeitern; 3. Förderung der Jugend- und Kinderarbeit in den Gemeinden; 4. Gemeinsame Missions- und Evangelisationsprojekte; 5. Förderung der Zusammenarbeit von Gemeinden durch Kanzeltausch, gegenseitige Besuche von Gemeinden und anderen gemeinsamen Aktivitäten; 6. Förderung des Gesanges und der Musik in den Gemeinden; 7. Förderung von Publikationen.58

Um diese Aufgaben verwirklichen zu können, wurden schon in den ersten Sitzungen folgende Ausschüsse konzipiert: (1) Komitee für Aussiedlerbetreuung; (2) Komitee für Schulung und Zurüstung der Gemeindemitarbeiter; (3) Komitee für Jugend- und Kinderarbeit; (4) Komitee für Missions- und Evangelisationsarbeit; (5) Komitee für Zusammenarbeit von Gemeinden; (6) Komitee für Musik und Gesang; (7) Komitee für Publikationen und Veröffentlichungen.59

Inwieweit es dem Bund und den einzelnen BTG-Gemeinden gelungen ist, die im Jahre 1989 gesetzte Ziele zu verwirklichen, wird die im Jahre 1996 durchgeführte Umfrage zeigen, mit deren Hilfe das religiöse Erscheinungs- bild der russlanddeutschen Freikirchen in Deutschland hier dargestellt werden soll.

2 Gemeindepädagogisches Konzept als Rahmen der Unter- suchung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das religiöse Erscheinungsbild russ- landdeutscher Freikirchen in Deutschland darzustellen. Im Rahmen dieser Arbeit wurde nach einem Begriff gesucht, der all die religiösen Aktivitäten der jeweiligen Kirchengemeinden und der christlichen Organisationen zu- sammenfasst. Dabei wurde festgestellt, dass der Begriff „Gemeindepäda- gogik“ sich dafür am besten eignet. Bevor eine eigene Definition von Ge- meindepädagogik präsentiert und angewandt werden kann, muss zuerst die Wortbedeutung von Gemeindepädagogik in der Literatur geklärt werden.

2.1 Definition von Gemeindepädagogik

Gemeindepädagogik ist ein relativ junger Begriff, der am Anfang der 70er Jahre dieses Jahrhunderts in Erscheinung getreten ist und in kurzer Zeit eine große Akzeptanz seitens führender Religionspädagogen gefunden hat.60 Die Anfänge der Gemeindepädagogik können jedoch schon in der Zeit des Dritten Reiches gesehen werden. Aufgrund der veränderten politi- schen Lage der 30er Jahre und der damit verbundenen Veränderung in der Beziehung zwischen Kirche und Staat wurde es für die Kirche notwendig, die Verantwortung für die religiöse Erziehung mehr in die eigene Hand zu nehmen. Unter dem Stichwort „Gesamtkatechumenat“ wurde eine eigen- ständige kirchlich christliche Erziehung aufgebaut, die Kinder und Jugend- liche in die volle Gemeinschaft der Kirche einführen sollte. Nach 1945 wurde diese Bemühung auch auf die Erwachsenen ausgeweitet. Das Ge- samtkatechumenat wurde als Bezugsrahmen gesehen, innerhalb dessen sowohl das Hauskatechumenat als auch das Schulkatechumenat ihren Platz fanden. Die Verantwortung für diese Aufgabe wurde von Pfarrern, aber auch von Katecheten, Gemeindehelfern und christlichen Lehrern wahrge- nommen.61

Im Jahre 1974 wurde der Begriff „Gemeindepädagogik“ von Enno Rosen- boom und Eva Heßler durch öffentliche Vorträge ins Gespräch gebracht und in den darauf folgenden Jahren sehr schnell rezipiert.62 Die Hinter- gründe der überraschend schnellen Rezeption sind in der gesellschaftlichen Herausforderung und in der pädagogischen und kirchlichen Situation der 70er Jahre zu finden. Die rasanten Veränderungen innerhalb der Gesell- schaft63 führten in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zum Wertever- fall, zur Aufgabe traditioneller Verhaltensmuster, zu Orientierungslosigkeit und Sinnverlust, die eine Umgestaltung des Bildungs- und Erziehungswe- sens notwendig machten. Mit Hilfe einer Bildungsreform wurde versucht, auf diese Situation zu reagieren. Diese konnte jedoch nicht viel bewirken. Die fehlenden finanziellen Mittel, der Widerstand der konservativen Kräfte und die Aufgabe aller moralischen Normen und Werte ließen keine lang- fristigen Ergebnisse entstehen. In den meisten Fällen blieb es bei Reform- versuchen, um kurzfristig Defizite zu beseitigen.64

Diese Entwicklung ging auch an der Kirche nicht spurlos vorbei. Sie for- derte die Kirche heraus, ihr traditionelles pädagogisches Konzept in Frage zu stellen. Im Jahre 1971 wurde diese Frage auf der EKD-Synode ausführ- lich diskutiert mit dem Ergebnis, dass man sich für eine Reform des kirch- lichen Bildungswesens aussprach. Doch im Jahre 1978 wurde die eigent- lich darauf aufbauende „Bildungssynode“ der EKD mit der Resignation der Bildungspolitik in der Gesellschaft konfrontiert. Die Kirche musste sich nun noch intensiver den allgemeinen Bildungsproblemen stellen.

Die Umwälzungen innerhalb der Gesellschaft der 70er Jahre trugen dazu bei, dass die Kirche von Unsicherheit und Unbeweglichkeit geprägt wur- de.65 Immer mehr Menschen der neuen Lerngesellschaft investierten Zeit und Geld in die Bildung. Eine Folge war, dass „die Bindung an die Kirche ... proportional zum formalen Bildungsstand“ immer mehr abnahm.66 Denn „je höher das Bildungsniveau, rein formal, von den Bildungsab- schlüssen her betrachtet [war], desto wahrscheinlicher ... [war die] Distanz und Kritik gegenüber der Kirche“.67 Diese Entwicklung innerhalb der Ge- sellschaft forderte die Kirche heraus, Reformversuche in Bereichen der kirchlichen Bildung einzuführen. Sie fanden ihren Niederschlag in der Entwicklung des Religionsunterrichts und in der Gestaltung traditioneller und neuer pädagogischer Handlungsfelder der Gemeinde. Dies trug dazu bei, dass man mit dem Begriff „Gemeindepädagogik“ hohe Erwartungen verband.68 Die inhaltliche Füllung des Begriffes war jedoch von der jewei- ligen Begründung und Absicht, mit der er verwendet wurde, abhängig.

Bei der Definition von Gemeindepädagogik weist Reimund Blühm auf mehrere wichtige Elemente hin: „Gemeindepädagogik ist die Theorie und Praxis der Bildungs-, Erziehungs- und Lernvorgänge, die sich aus dem Evangelium ergeben und für das Leben in der Gemeinde und ihren Dienst in der Welt von Bedeutung sind“.69 Ziele der Gemeindepädagogik sind für ihn die Einführung in den christlichen Glauben und die Befähigung zum Bekenntnis und Dialog. Gemeindepädagogik befasst sich „mit den päda- gogischen Aufgaben und Möglichkeiten, die der Erkenntnis des christli- chen Glaubens wie seiner Deutung und Bewährung im Leben dienen“.70

In der Bemühung um eine Definition bibelorientierter Gemeindepädagogik unter der Berücksichtigung der Ekklesiologie, Anthropologie und Pädagogik kommt Markus Printz zu folgendem Ergebnis:

Von Gott beauftragte Glieder der Gemeinde versuchen unter Beach- tung der besonderen Charakteristika einer gemeindlichen Erziehung auf biblischer Grundlage zu helfen, daß andere Gemeindeglieder (oder Menschen, die es werden wollen) nach dem biblischen Zeugnis er- wünschte Kenntnisse, Haltungen und Fähigkeiten erwerben, erworbene dauerhaft verbessern und erhalten und unerwünschte ablegen bzw. erst gar nicht annehmen.71

[...]


1 Teile dieses Kapitels wie „Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen“ und „Konfessionszugehörigkeit der Russlanddeutschen“ sind dem ersten Band des Bu- ches „Russlanddeutsche Evangelikale“ entnommen worden.

1Falls nicht anders angeben, werden die Begriffe „Aussiedler“ und „Russlanddeut- sche“ synonym verwendet.

InfoDienst Deutsche Aussiedler 118 (Nov 2005).

4 Vgl. Ebd., 10.

5 Schnurr, „Aussiedler“ 29.

6 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 84.

7 Klassen, Jesus Christus leben 227.

8 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

9 Coggins, „Aussiedler“ 2.

10 Laut ideaSpektrum 47 (2010): 8 sehen die Zahlen der Freikirchen wie folgt aus: Mitglieder der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF): Bund Evangelisch- Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten- und Brüdergemeinden) 83.285; Evangelisch- methodistische Kirche 55.400; Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden 46.000; Bund Freier evangelischer Gemeinden 38.000; Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden 5.000; Die Heilsarmee 4.000; Gemeinde Gottes (pfingstkirchlich) 3.000; Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden 3.000; Frei- kirchlicher Bund der Gemeinde Gottes 2.200; Kirche des Nazareners 1.300. Insge- samt 241.985 Zu den Gastmitglieder der VEF zählen: Freikirche der Siebenten- Tags-Adventisten 35.386; Herrnhuter Brüdergemeine 6.100; Freikirchliches Evan- gelisches Gemeindewerk 2.200; Anskar-Kirche 800. Insgesamt 44.486. Die Zahlen für das Jahr 1997 sind entnommen Löwen Gemeindepädagogik 19.

11 Die Abkürzungen für die einzelnen Verbände werden nicht in jedem Fall von den Verbänden selbst geführt. Sie sollen hier lediglich als Hilfe dienen.

12 In der Kirchengeschichtsschreibung wird bei den russlanddeutschen Mennoniten zwischen den kirchlichen Mennoniten und den Mennonitenbrüdern unterschieden. Bei den kirchlichen Mennoniten geht es um die ursprünglich eingewanderten Men- noniten aus Preußen, die ihre Wurzeln in der Täuferbewegung der Reformationszeit sehen. Die Mennonitenbrüder entstanden 1860 als Erweckungsbewegung unter den Mennoniten in Russland. Sie wurden wesentlich vom deutschen Baptismus und dem deutschen Pietismus beeinflusst. Auch wenn zwischen den kirchlichen Men- noniten und den Mennonitenbrüdern in der Entstehungszeit der Mennonitenbrüder gravierende Unterschiede vorhanden waren (vgl. Epp, Verschiedenheiten), sah die Situation nach dem zweiten Weltkrieg doch ganz anders aus. Auch die kirchlichen Mennoniten wurden von der Erweckungsbewegung der Nachkriegszeit erfasst und entwickelten ein Gemeindeleben, das sich von den Mennonitenbrüdern und den Baptisten fast ausschließlich in der Form der Taufe unterschied; die ersteren tauften mit der Untertauchstaufe - die letzteren praktizierten die Besprengungstaufe.

In Deutschland wird von vielen Kirchengemeinden, die ihre Wurzeln bei den kirch- lichen Mennoniten haben, unter anderem auch die Untertauchstaufe praktiziert, wenn diese von den Taufkandidaten gewünscht wird. Sowohl in der theologischen

Ausrichtung als auch im religiösen Erscheinungsbild kann man heute in Deutsch- land keine wesentlichen Unterschiede zwischen diesen zwei Gruppen feststellen. Im Jahre 2010 verfassten die Vertreter der Mennonitenbrüder (Bund Taufgesinnter Gemeinden und Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Brüdergemeinden in Deutsch- land) ein „Statement der Aussöhnung - Pfingsten 2010“, in dem sie sich bei den Vertretern der kirchlichen Mennoniten für das falsche Verhalten ihren Glaubensge- schwistern gegenüber entschuldigen. Dort heißt es: „Wir wollen unser Fehlverhal- ten der geistlichen Überheblichkeit, wann immer sie auch im Verlauf des Bestehens der Mennoniten-Brüdergemeinde zum Ausdruck kam, als sündhaft bekennen und um Vergebung bitten.“ Klassen, Jesus Christus leben 227. Das war ein sehr wichti- ger und notwendiger Schritt, der erst nach 150 Jahren des Bestehens der Mennoni- tenbrüder erfolgte.

13 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

14 Siehe MonatsBlatt (Januar-Juni 1997); Christliche Missions-Verlags-Buchandlung; Gemeindebibelschule der Mennonitengemeinde Bielefeld.

15 Zur AGUM siehe Klassen, „200 Jahre“ 6.

16 Vgl. Klassen, „200 Jahre“ 8; siehe auch Tibusek, Ein Glaube 273.

17 Klassen, Jesus Christus leben 227.

18 Vgl. Mennonitisches Jahrbuch, 1996, 173.

19 Vgl. Glaubensbekenntnis, 1991 und Loewen, One Lord 175-178.

20 Klassen, Jesus Christus leben 227.

21 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

22 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.

23 Vgl. Klassen, „200 Jahre“ 9.

24 Das Missionswerk „Friedensstimme“ bringt seine Beziehung zu den verfolgten Christen in seiner Selbstdarstellung „Missionswerk Friedensstimme: Im Auftrag der Verfolgten Christen in der UdSSR“ sehr deutlich zum Ausdruck. Vgl. Missions- werk Friedensstimme.

25 Mit „konservativ“ ist nicht die theologische Einstellung der Gemeinden oder Ge- meinderichtungen gemeint, sondern eine konservative Haltung bezüglich bestimm- ter Traditionen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gebracht wurden.

26 Statistische Erhebungen des Autors. Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.

27 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

28 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 282.

29 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

30 Ebd., 373.

31 Mit dem Begriff „progressiv“ werden Gemeinden beschrieben, die bemüht sind, sich in Deutschland effektiv zu integrieren, und die gelernt haben, zwischen ethi- schen Normen der rußlanddeutschen Tradition und der Bibel zu unterscheiden. Zu- sätzlich sind es Gemeinden, die großen Wert auf Mission und theologische Zurüs- tung ihrer Mitarbeiter legen.

32 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

33 Ebd., 373.

34 Klassen, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.

35 Vgl. Tibusek, Ein Glaube 310f.

36 Vgl. „Arbeitsgemeinschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten“.

37 Krell, Telefonisches Interview mit dem Autor, 26. Juni 1997.

38 Krell, Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997 und Rust, Telefonisches Interview mit dem Autor, 1. Juli 1997. Vgl. auch Wieske, „Spätaussiedlergemein- den“ 1875.

39 Janzen, Telefonisches Interview mit dem Autor, 23. Dezember 2010.

40 Bei den registrierten Gemeinden geht es um Kirchengemeinden, die Teil des staat- lich zugelassenen Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten in der Sowjet- union waren.

41 Fast, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Berg, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Töws, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997; Ens, Telefonisches Interview mit dem Autor, 27. Juni 1997.

42 Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373.

43 Klassen, Jesus Christus leben 227.

44 Dieser Verband wird noch ausführlicher vorgestellt werden, weil er die Gruppe von Aussiedlern darstellt, die im Rahmen dieser Arbeit den Untersuchungsgegenstand darstellen.

45 Vgl. Löwen, „Konzept“.

46 Vgl. Protokoll der MV des BTG vom 14.Oktober 1989.

47 „Neu: Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 28. Vgl. auch Loewen, „Churches“; ders., „New association“.

48 Statistische Erhebung von John N. Klassen.

49 Klassen, Jesus Christus leben 227.

50 Löwen, Gemeindepädagogik 28, Klassen, Russlanddeutsche Freikirchen 373 und Klassen, Jesus Christus leben 227.

51 Vgl. Glaubensbekenntnis, 1902 und Schirrmacher, Bibeltreue in der Offensive.

52 Zur Geschichte des Glaubensbekenntnisses der Mennonitenbrüder siehe Löwen, Beziehungen 38-40. Die vorläufige Fassung des revidierten Glaubensbekenntnisses, wie es 1997 dem Autor vorlag, ist im Anhang dieser Arbeit zu finden.

53 Satzung des BTG § 3.2-3.3.

54 Ebd., § 3.4.

55 Auch 21 Jahre nach der Gründung des Bundes ist das Prinzip der Selbständigkeit der Gemeinden ein wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses geblieben. In der Selbstdarstellung heißt es: „Ein wichtiger Grundsatz des BTG ist die Selbständig- keit der Mitgliedsgemeinden und Werke. In der Regelung von Gemeindeinternen Fragen sind die Mitgliedsgemeinden und -werke unabhängig. Eine Werk- bzw. Gemeindeübergreifende Zusammenarbeit wird hauptsächlich in Bereichen ange- strebt, in denen die Aufgaben gemeinsam besser und effektiver bewältigt werden können.“ http://www.btg-online.de/wer-wir-sind.html (28.12.2010)

56 Löwen, „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 123.

57 Satzung des BTG § 2.2.

58 Löwen, „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 123.

59 Protokoll der Vorstandssitzung des BTG vom 15. Januar 1990.

60 Zur Geschichte des Begriffes siehe Foitzik, Gemeindepädagogik. Vgl. auch Wegenast und Lämmermann, Gemeindepädagogik 32-56; Goßmann, „Evangelische Gemeindepädagogik“ 137-154.

61 Goßmann und Kaufmann, „Gemeindepädagogik“ 73.

62 Rosenboom, „Gemeindepädagogik“ 25-40; Heßler, „Zeitgemäße Gedanken“. Eva Heßler bringt den Begriff in der ehemaligen DDR im gleichen Jahr ins Gespräch wie Enno Rosenboom in der Bundesrepublik Deutschland. Laut Grethlein, Ge- meindepädagogik 4, greift Eva Heßler diesen Begriff ohne erkennbaren Bezug zur Erwähnung des Begriffes von Rosenboom auf. Zur Entwicklung des Begriffes in der ehemaligen DDR siehe Henkys, „Gemeindepädagogik“ 55-86.

63 Vgl. Mette und Blasberg-Kuhnke, Kirche 116ff und Beck, Risikogesellschaft, zit. in Foitzik, Gemeindepädagogik 21.

64 Ebd., 22.

65 Vgl. Kuphal, Abschied; Feige, Kirchenaustritte; Hild, Kirche, zit. in Foitzik, Ge- meindepädagogik 23.

66 Foitzik, Gemeindepädagogik 23.

67 Lange, „Bildung“ 199, zit. in Foitzik, Gemeindepädagogik 23.

68 Foitzik, Gemeindepädagogik 25-37.

69 Blühm, Handlungsfelder 41f.

70 Ebd., 42.

71 Printz, Gemeindepädagogik 62.

Details

Seiten
368
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783640812295
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165557
Note
Schlagworte
russlanddeutsche evangelikale band erscheinungsbild freikirchen deutschland

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Titel: Russlanddeutsche Evangelikale (Band 2)