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Der Aufbau der Force de Frappe unter Charles de Gaulle (1959-1969) und die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart

Seminararbeit 2005 33 Seiten

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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Internationale politische Einordnung

3. Entwicklung der Force de Frappe
3.1 Von den Anfängen bis 1958
3.2 Von 1958 bis 1969
3.2.1 Die Rolle des Staatspräsidenten
3.2.2 Technik, Waffensysteme
3.2.3 Atomversuche
3.2.4 Kosten
3.3 Ab 1969 bis heute

4. Charles de Gaulles Gründe für den Aufbau der Force de Frappe
4.1 Verhinderung eines Krieges auf französischem Boden
4.2 Grandeur und ind é pendence
4.3 Auswirkungen auf Bündnisse und internationale Organisationen, Abkommen
4.3.1 NATO
4.3.2 EURATOM
4.3.3 PTBT und NPT

5. Innen- und außenpolitische Meinungen
5.1 Innenpolitische Meinungen
5.2 Außenpolitische Meinungen

6. Aktuelle Situation und Ausblick

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis und Internetquellen

1. Einleitung

Weltweit gibt es heute fünf offizielle Atommächte: die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich.1 Elf Prozent aller bis 1995 getätigten Nukleartests wurden von Frankreich durchgeführt2, welches Anfang der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem Aufbau einer eigenen Atomstreitmacht, der Force de Frappe, begann. Die wohl entscheidende Kraft hinter dem Wunsche Frankreichs, eigene Nuklearwaffen zu besitzen, ist in der Person des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle zu finden.

Daher wird diese Hausarbeit einerseits beschreiben, wie sich die Force de Frappe im Laufe der letzten sechzig Jahre bis zur Gegenwart, in der Frankreich nach den USA, Russland und China die vierstärkste Atommacht der Welt ist, entwickelt hat und warum auch noch heute die Idee der Abschreckung durch den Besitz von Nuklearwaffen im französischen Selbstverständnis vorhanden ist. Andererseits wird erklärt werden, wieso die Force de Frappe das zentrale Element in Charles de Gaulles Außen- und Sicherheitspolitik war und welche persönlichen Erfahrungen und politischen Umstände ihn von der Notwendigkeit des Atomwaffenbesitzes überzeugten.

2. Internationale politische Einordnung

Da der Schwerpunkt dieser Hausarbeit auf der französischen Atompolitik während der Amtszeit von Charles de Gaulle liegt, folgt als Einstieg in die Thematik eine internationale Einordnung der Jahre 1958 bis 1969.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte auf europäischer Ebene die Integration der Staaten, vorrangig im Wirtschaftsbereich, begonnen: 1949 wurde der Europarat, 1951 die Montan-Union, 1957 als deren Nachfolgeorganisation die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und 1958 das Europäische Parlament gegründet.

Zeitgleich mit dieser Entwicklung auf dem europäischen Kontinent, war die Weltgemeinschaft mit dem Kalten Krieg zwischen den beiden Supermächten USA und der damaligen Sowjetunion konfrontiert worden. Die Staaten mussten sich für die Zusammenarbeit in einem der zwei großen Bündnisse3 entscheiden: Die USA banden ihre Verbündeten in der 1949 gegründeten NATO (Nordatlantik-Pakt- Organisation)4 an sich, woraufhin die damalige Sowjetunion 1955 mit der Gründung des Warschauer Paktes reagierte.

Einen der Höhepunkte des Kalten Krieges erlebte die Welt 1958, als im November der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow die zweite Berlin-Krise einleitete, indem er das Vier-Mächte- Statut Berlins kündigte und in einem Ultimatum eine entmilitarisierte Freistadt Westberlin forderte. Die USA, die NATO und die Bundesrepublik Deutschland lehnten eine Änderung des Berlin-Status jedoch ab, woraufhin Chruschtschow sein Ultimatum zurückzog.

Mit der Anzahl ihrer Mitgliedstaaten wuchs auch die internationale Rolle der 1945 gegründeten Vereinten Nationen. So leitete sie 1950 militärische Maßnahmen gegen die nordkoreanischen Angreifer während der Korea-Krise5 ein.

Andererseits scheiterte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen aber darin, zur Lösung weiterer internationaler Konflikte, zum Beispiel den britisch-iranischen Ölstreit 19516 oder den Kaschmir- Konflikt 19577, beizutragen. Die Arbeit der Organisation wurde teilweise auch durch den Kalten Krieg erschwert; so setzte zum Beispiel die damalige Sowjetunion einige Male ihr Veto-Recht als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat ein, um Beschlüsse, die von der US-amerikanischen Seite unterstützt wurden, zu verhindern. Dies geschah zum Beispiel 1950, als es zu einer von den USA geforderten Verurteilung chinesischer Freiwilligenverbände in Korea kommen sollte, die durch das sowjetische Veto verhindert wurde.

Im Nahen Osten wurde während der Suez-Krise in Ägypten 1956 zwar eine Zuspitzung des Ost-West- Konfliktes durch die Weigerung der USA, seinen Verbündeten Großbritannien und Frankreich Unterstützung zuzusagen, verhindert. Es kam jedoch zu einer französisch-britischen Militäraktion in der von diversen Krisen und Konflikten belasteten Region8, die nur durch die Verurteilung durch die Vereinten Nationen und die USA auf der einen Seite und die Androhung einer militärischen Intervention der damaligen Sowjetunion auf der anderen Seite beigelegt werden konnte.

In Südostasien wurden der Koreakrieg (1951-53) mit Teilung des koreanischen Staates und der erste Indochina-Krieg (1946-54) mit einer Niederlage Frankreichs beendet. Aber bereits 1957 hatte der zweite Indochina-Krieg, der Vietnamkrieg, begonnen.

Auf dem afrikanischen Kontinent hatte 1951 mit der Unabhängigkeit Libyens die Entkolonialisierung begonnen, der im Jahre 1956 die Unabhängigkeit des Sudans, Tunesiens und Marokkos und im Jahre die Unabhängigkeit 1957 Ghanas als erster schwarzafrikanischer Staat folgten. Im November 1954 hatte die Front de Lib é ration Nationale in Algerien den Unabhängigkeitskampf gegen die französischen Truppen begonnen.9

3. Entwicklung der Force de Frappe

Force de Frappe heißt wörtlich übersetzt Schlagkraft und symbolisiert die Doktrin der französischen Militärstrategie, die von Charles de Gaulle in den 1950er und 1960er Jahren geprägt wurde. Verbunden mit dem Aufbau der Force de Frappe war die Strat é gie du faible au fort, die besagt, dass aus einem ausgewachsenen Atomkrieg jeder Gegner als Verlierer herausgehen würde und dass aus dieser Aussicht heraus der stärkere Gegner, der mehr verlieren würde, Angriffe unterlassen würde. Bis in die Mitte der 1990er Jahre basierte die Force de Frappe, die in einigen Statistiken in die Bereiche FNS (Forces Nucl é aires Strat é giques) und ANT (Armes Nucl é aires Tactiques) gegliedert wird, auf drei strategischen Komponenten: die Forces A é riennes Strat é giques (FAS, luftgestützte Streitkräfte), die Force Oc é anique Strat é gique (FOS, seegestützte Streitkräfte) und landgestützte Streitkräfte.

3.1 Von den Anfängen bis 1958

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts leisteten französische Forscher, unter ihnen zum Beispiel Henri Becquerel, Marie und Pierre Curie oder Irène Joliot-Curie, bedeutende Beiträge im Bereich Atomphysik. Einige von ihnen untersuchten bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Möglichkeiten einer Atomkernspaltung.

Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Jahre 1940, unterbrachen sie ihre Forschungen, ließen Materialien, die für die Atomphysik wichtig geworden waren, wie zum Beispiel Uranoxyde, verbergen und begaben sich größtenteils ins ausländische Exil, um zu verhindern, dass die deutschen Nationalsozialisten in den Besitz Ihres Wissen gelangen würden.

Im Juli 1944, einen Monat nach der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie und dem Beginn der Befreiung Frankreichs von den deutschen Besatzern, reiste Charles de Gaulle, der bereits seit 1940 im Londoner Exil lebte, nach Ottawa. Dort traf er sich mit in Kanada im Exil lebenden französischen Physikern. Während dieser Treffen wurde ihm berichtet, dass die USA mit dem Bau einer Atombombe begonnen hätten.

Bereits am 18. Oktober 1945, zwei Monate nach den Abwürfen der zwei Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, denen die Kapitulation Japans und schließlich das Ende des Zweiten Weltkrieges folgten, ließ de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung Frankreichs auf Grundlage eines Dekrets die staatliche Atomenergie-Agentur CEA (Commissariat à l ’É nergie Atomique) unter der Leitung von Irène Joliot-Curie aufbauen. Die Zuständigkeit der Agentur lag in der Entwicklung atomarer Energie für die Bereiche Wissenschaft, Industrie und Verteidigung. De Gaulle, der von der Wirkung der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki „sehr beeindruckt10 war, hatte entschieden, dass es für Frankreich nun ebenfalls notwendig und an der Zeit war, über eigene Atomwaffen zu verfügen.

In den folgenden Jahren begann die französische Regierung damit, geeignetes Personal für die CEA zu rekrutieren11 und günstige Standorte zu finden, an denen man die notwendigen Einrichtungen wie nukleare Reaktoren errichten konnte.

Der erste Kernreaktor wurde im Juli 1946 in der Nähe von Paris errichtet, der nur zwei Jahre später, im Dezember 1948, seine maximale Leistung erreichte. Es handelte sich dabei um den Reaktor des Typs „EL-1“ bzw. „ZOE“, mit dem man infinitesimale Mengen von Plutonium und auch künstliche Radiumisotope herstellen konnte. Beide Stoffe wurden in der Forschung in den Bereichen Medizin, Biologie und Industrie genutzt. Außerdem wurde an diesem Reaktor zukünftiges Personal geschult. Später übernahm das Atomforschungszentrum in Saclay, das sich zur wichtigsten Forschungs- und Ausbildungseinrichtung der CEA etablierte, diese Tätigkeitsfelder.

Für die Herstellung atomarer Sprengköpfe benötigte Frankreich einerseits spaltfähige (Uran-235, Uran238, Plutonium-239) und andererseits thermonukleare Materialien (Tritium, Deuterium, Lithium-6). Hierbei handelt es sich um Materialien, die alle künstlich hergestellt werden mussten, bis auf Uran-238, das in der Natur vorkommt und nach langer Suche im September 1948 in La Crouzille und dann im Jahre 1954 in Limouzat in der Nähe von Vichy gefunden wurde.12

Die Plutoniumgewinnung in Salzform begann 1949 unter anderem in den Schwerwasser-Reaktoren „Célestin 1“ und „Célestin 2“ in den Marcoule-Anlagen, wo sich bis Ende der 1990er Jahre alle bedeutenden Plutonium-Einrichtungen des Landes befanden.13 Tritium wurde ebenfalls in den „Célestin“-Reaktoren hergestellt, wofür diese ursprünglich ausschließlich vorgesehen waren. Außerdem wurde Plutonium in Salzform auch in zivilen Stromkraftwerken gewonnen. Da zwischen den zivilen und militärischen Sphären der Atomenergienutzung in Frankreich kaum unterschieden wurde, kam es gelegentlich auch dazu, dass ursprünglich auf zivile Zwecke ausgerichtete Reaktoren Materialien für Nuklearwaffen produzierten.

Im April 1951 wurde Francis Perrin zum Hochkommissar der CEA ernannt und im August 1951 Félix Gaillard als Staatssekretär für Atomenergie eingesetzt.

Im November 1951 wurde Pierre Guillaumat Generalgeschäftsführer der CEA und erarbeitete den Entwurf eines Gesetzes, das loi de programme pour la r é alisation du plan de d é veloppement de l' É nergie atomique (1952-1957), welches die französische Nationalversammlung im Juli 1952 verabschiedete. Dieser Plan sah den Bau von Reaktoren mit dem Ziel der Plutoniumherstellung vor. Obwohl militärische Absichten nicht klar genannt wurden, implizierte der Plan die Haltung, dass wenn es zu dem Bau einer französischen Atombombe käme, die benötigte Infrastruktur auf militärischer Seite zur Verfügung stehen müsse und würde.

Das seinerseits sehr an Nuklearwaffen interessierte Militär begann gleichzeitig, verschiedene auf den Besitz von Nuklearwaffen ausgerichtete Institutionen einzurichten: das Commandement des Armes Sp é ciales im Jahr 1951, die É cole Militaire de Sp é cialisation Atomique in Lyon, die Ausbildungszentren in Bourges und Cherbourg, an denen das Verhalten bei Angriffen mit Atomwaffen geschult wurde oder das Centre Interminist é riel d ’ Irradiation et de D é contamination Radioactive in Aubervilliers sind nur einige.

In Marcoule, in der südfranzösischen Region Languedoc-Roussillon, wurde das loi de programme pour la r é alisation du plan de d é v é loppement de l ’É nergie atomique schließlich umgesetzt: In den Plutonium erzeugenden Reaktoren in Marcoule begann Frankreich, sein waffenfähiges Plutonium herzustellen: der erste Reaktor G1 ging im Sommer 1954, Reaktor G2 vier Jahre später in Betrieb. Waffenfähiges Plutonium konnte später auch aus bereits benutzten Sprengköpfen oder Bomben, recycelt werden.

Am 26. Dezember 1954 traf sich der damalige Premierminister Pierre Mendès-France mit dem Kabinett und weiteren offiziellen Vertretern aus Industrie und Militär, um die Vorzüge des Besitzes einer Atombombe zu besprechen, mit dem Ergebnis, dass ein geheimes Programm für die Entwicklung einer Atombombe genehmigt wurde.

Am 20. Mai 1955 erhielt die CEA auf der Grundlage eines Geheimprotokolls erstmals finanzielle Mittel aus dem Haushalt des Minist è re des Forces Arm é es für die nukleare Aufrüstung. Die Zusammenarbeit zwischen dem Minist è re des Forces Arm é es und der CEA wurde in den folgenden Jahren intensiviert.

Am 11. April 1958 unterschrieb der letzte Premierminister der Vierten Republik, Félix Gaillard, den offiziellen Auftrag zum erstmaligen Bau einer Nuklearwaffe, deren Test für das erste Quartal 1960 anvisiert wurde. Es handelte sich hierbei um die erste an die Öffentlichkeit getragene Entscheidung zu Gunsten einer Atomwaffe, deren Entwicklung jedoch bereits seit mehreren Jahren geplant worden war.

3.2 Von 1958 bis 1969

3.2.1 Die Rolle des Staatspräsidenten

Nachdem Charles de Gaulle im Mai 1958 zum Ministerpräsidenten ernannt worden war, wurde er am 21. Dezember 1958 mit 78 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt und prägte in den kommenden Jahren die französische Verteidigungspolitik, ebenso wie die Rolle des französischen Staatspräsidenten. Letzteres war eine wichtige und notwendige Veränderung, die dazu beitrug, dass die Force de Frappe sich so entwickeln konnte, wie sie es tat.

Die französische Verfassung von 1958 definiert den Staatspräsidenten in Artikel 15 als Oberbefehlshaber der Streitkräfte und schreibt ihm den Vorsitz in den obersten Ausschüssen für Landesverteidigung, zum Beispiel im Conseil de la D é fense Nationale, zu. Der Staatspräsident ist laut Artikel 5 „le garant de l’indépendance nationale, de l’intégrité du territoire [...].“14

Laut der Verordnung vom 7. Januar 1959 ist das erklärte Ziel die „globale Verteidigung“15, die die Bevölkerung, das französische Staatsgebiet und die „freie Ausübung der Souveränität“16 gewährleisten soll.

Der Premierminister seinerseits ist unter anderem laut Artikel 21 „[...] responsable de la défense nationale“. De Gaulle sah diese so genannte „Dyarchie in der Exekutive“, d.h. die Verteilung der Kompetenzen auf den Premierminister und den Staatspräsidenten, als Hindernis an, um Frankreich sicherheitspolitisch angemessen schnell handeln lassen zu können.

Obwohl sich dies im Grunde nicht von der Verfassung ableiten ließ, weitete de Gaulle die Rolle und Zuständigkeiten des Staatspräsidenten aus. So war er es, der zum Beispiel später den Algerienkrieg beenden würde und nicht der Premierminister, wie es die Verfassung eigentlich vorsah. Dieses Verständnis von der Kompetenzerweiterung des Staatspräsidenten wurde auch von den folgenden Staatspräsidenten übernommen.17

Den ersten Schritt zur Kompetenzverschiebung zwischen Premierminister und Staatspräsidenten tat de Gaulle am 18. Juli 1962: Er beauftragte durch ein Dekret Ausschüsse und Räte, die ihm direkt unterstellt waren, damit, sich mit Fragen aus dem Bereich Sicherheitspolitik auseinanderzusetzen, wodurch der Premierminister erste Kompetenzen verlor.

Da die Verfassung keine Regelung über die Entscheidungsbefugnis über Nuklearwaffen beinhaltete und de Gaulle es als Unabdingbarkeit ansah, dass der Befehl zum Einsatz von Nuklearwaffen aus Gründen der Glaubwürdigkeit im Verantwortungsbereich einer einzigen Person liegen müsste, leitete er aus dem fünften Verfassungsartikel ab, dass die Befugnis, Entscheidungen über Nuklearwaffen zu treffen, bei ihm, dem Staatspräsidenten liegen müsse. Das Resultat war der Erlass 64-66 vom 14.1.1964. Dieser Erlass, der sich quasi über die Verfassung stellte18, legte fest, dass der Staatspräsident allein entscheiden kann, wann und wie Frankreich Nuklearwaffen einsetzen würde.

Diesen Mangel an verfassungsrechtlicher Legitimität der „monarchie nucléaire“19 wusste de Gaulle mit einer weiteren, durch ihn und seinen Premierminister Michel Debré initiierten Veränderung auszugleichen: die am 28. Oktober 1962 durch ein Referendum angenommene Einführung der allgemeinen und direkten Wahl des Staatspräsidenten durch das französische Volk nach dem Prinzip der Mehrheitswahl in zwei Wahlgängen. Auf dieser Direktwahl und der damit verbundenen Legitimation durch das Volk begründeten dann auch die folgenden Staatspräsidenten ihre alleinige Entscheidungsgewalt in der französischen Nuklearwaffenpolitik.

Obwohl erst der offizielle Erlass 64-66 dem Staatspräsidenten die absolute Macht in der Nuklearwaffenpolitik übertrug, war Charles de Gaulles seit Amtsantritt 1958 darum bemüht, die Entwicklung der Force de Frappe voranzubringen.

3.2.2 Technik, Waffensysteme

Für den Aufbau der Force de Frappe sah die französische Regierung Fünfjahrespläne vor. Nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt wurde von de Gaulles Regierung der erste Fünfjahresplan für die Force de Frappe (1960-1964)20 vorgelegt, der die Entwicklung der Mirage IV-Jagdflugzeuge, den Bau einer Urananreicherungsanlage in Pierrelatte, die Entwicklung von Atom-Unterseebooten (SNLE, SousMarin Nucl é aire Lanceur d ’ Engins) und von strategischen Raketen beinhaltete.

Im Juli 1960 wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, der die Finanzierung der oben genannten Projekte und einer Studie über die Entwicklung von thermonuklearen Bomben bis 1964 vorsah. Nachdem die Finanzierung genehmigt worden war, begann im Juni 1962 das Coelacanthe Programm, welches durch die Zusammenarbeit zwischen der CEA, dem Verteidigungsministerium und der Marine zur Verwirklichung des ersten Atom-Unterseebootes und fünf Jahre später zur Einrichtung der FOS als Betreiber der künftigen Atom-Unterseebootflotte führte.

[...]


1 Israel, Indien, Pakistan, Argentinien, Brasilien, Südkorea, Taiwan, Südafrika und Nordkorea verfügen über die notwendige Technik, Materialien und Einrichtungen, um Nuklearwaffen zu produzieren.

2 Müller, Harald / Schaper, Annette (Hgg.): „Fatale Versuche. Zur Wiederaufnahme der französischen Kernwaffentests“, Holos-Verlag, Bonn 1995, S. 67

3 Es bildeten sich auch einige kleinere neutrale Bündnisse, zum Beispiel die Arabische Liga im Jahre 1945.

4 Die USA konnten Partnerstaaten auch in den folgenden Jahren an sich binden, so zum Beispiel 1957 durch die Eisenhower-Doktrin 1957.

5 Siehe auch Anhang Nr. 1, Seite 28.

6 Siehe auch Anhang Nr. 2, Seite 28.

7 Siehe auch Anhang Nr. 3, Seite 28.

8 Als Beispiele seien hier die Libanon-Krise (1958) und der irakische Militärputsch (1958) genannt.

9 Siehe Anhang Nr.4, Seite 30.

10 Müller/Schaper, S. 84

11 Anfang 1946 waren ca. ein Dutzend Mitarbeiter der CEA unterstellt. Ein Jahr später belief sich die Zahl auf über 230 und im Jahr 1950 arbeiteten 1.610 Mitarbeiter in der CEA. Aus: Müller/Schaper, S. 84

12 Der Fund in Limouzat war einer der größten Funde von Uran-238 weltweit. Weitere Funde durch die französische Regierung erfolgten noch in Gabun (1961), Madagaskar (1953-68) und Niger (1971).

13 Müller/Schaper S. 84

14 Wisotzki, Simone: „Die Nuklearwaffenpolitik Großbritanniens und Frankreichs: eine konstruktivistische Analyse“, Campus-Verlag, Frankfurt/Main 2002, S. 307

15 Ministère de la Défense: „Frankreich in der Welt - Die Verteidigungspolitik“, Ministères des Affaires étrangères, http://www.diplomatie.gouv.fr/france/de/politiq/08.html, Zugriff: 22.11.2004

16 Ebenda.

17 Vgl. Wisotzki, S. 309

18 Vgl. Wisotzki, S. 305

19 Vgl. Cohen, Samy: „La Monarchie Nucléaire - les coulisses de la politique étrangère sous la Ve République“, Hachette, Paris 1986, S. 15ff

20 Quid: „Puissances Nucléaires“, 2000, http://www.quid.fr/2000/Q054960.htm, Zugriff: 03.01.2005

Details

Seiten
33
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640810857
ISBN (Buch)
9783640811151
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165286
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Charles de Gaulle de Gaulle Gaulle Force de Frappe Frankreichs Atompolitik Frankreich Atompolitik grandeur indépendence PTBT NPT Forces Nucléaires Stratégiques Célestin CEA Atomenergie Ministère des Forces Armées monarchie nucléaire IRBM SSBS

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