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Die Baugestalt der St.-Marien-Kirche in Stralsund

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Die Vorgeschichte

3 . Die Baugeschichte

4 . Die Baugestalt

4.1 Die Choranlage
4.2 Das Querhaus
4.3 Das Langhaus
4.4 Die Westanlage

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

7. Bildverzeichnis

8. Abbildungen

Die Baugestalt von St.-Marien in Stralsund

Einleitung

Die Marienkirche in Stralsund ist in vielerlei Hinsicht ein herausragendes Bauwerk, welches unter den Kirchen im norddeutschen Raum und unter den Backsteinbauten weltweit einen gesonderten Platz einnimmt. Obwohl auch sie ihre Vorläufer in der Architektur der Romanik und Gotik hat, bietet sie eine optisch ungewöhnliche und innovative Weiterentwicklung dieser Stile in der Geschichte der Architektur. In der folgenden Abhandlung ihrer baulichen Gestaltung sollen die Gründe hierfür eingehend erläutert werden.

Zu Beginn werde ich kurz auf die geschichtlichen Rahmenbedingen eingehen, in denen sich die mittelalterlichen Bauherren und Förderer dieser bemerkenswerten Basilika befanden. Zudem sollen die Gründe für ihr ambitioniertes Vorhaben dargelegt werden. Im Anschluss daran werden, nach der Betrachtung der Baugeschichte, die architektonischen Bauglieder im Einzelnen genauer beleuchtet, wobei ich dem Gebäudeaufbau von Osten nach Westen folgen werde. Zur Veranschaulichung und Begründung der Besonderheit der baulichen Gegebenheiten der Stralsunder Marienkirche soll hin und wieder ein Vergleich mit der ältesten Pfarrkirche der Stadt der St.-Nikolai-Kirche, herangezogen werden.

In der Schlussfolgerung lassen sich dann die Gründe für die Einzigartigkeit der St.-Marien-Kirche Stralsunds noch einmal zusammenfasst wiederfinden.

Vorgeschichte

1298 wurde zum ersten Mal eine Marienkirche in den Chroniken der Stadt Stralsund erwähnt. Dabei handelte es sich nicht um die Basilika St.-Marien, die heute noch in Stralsund steht, sondern um einen Vorgängerbau, dessen Erscheinung weitgehend unbekannt ist. Man geht von einer einfachen Hallenkirche mit einem Turm im Westen aus; allerdings sind dies stark hypothetische Annahmen, die allesamt nicht bewiesen werden können.

Die heute noch zu bewundernde Marienkirche in Stralsund ist bemerkenswerterweise gleichzeitig die größte Pfarrkirche der Hansestadt das größte mittelalterliche Gebäude in MecklenburgVorpommern und ist zudem von 1625 - 1647, bis zum Einsturz des Westturmes, als das höchste Gebäude weltweit verzeichnet worden. Sie ist nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche, der Mutterkirche der norddeutschen Backsteingotik, erbaut worden, nach deren Vorbild noch etwa 70 andere Kirchen im Ostseeraum gestaltet wurden.

Nachdem die Hanse-Dänemark-Kriege seit 1361 bis 1370 fast ununterbrochen gewütet haben, beschloss man im Jahr 1370 endlich den „Frieden von Stralsund“ ein Vertrag der neben dem Waffenstillstand zwischen König Waldemar IV. von Dänemark und dem Bündnis der Hansestädte auch die Gleichberechtigung der Handwerkszünfte zu den patrizischen Ratsherren definierte. Auch die Zunft der Gewandschneider, seit jeher eine der wohlhabendsten Handwerkszünfte, findet sich von diesem Zeitpunkt an den Ratsherren der Stadt Stralsund ebenbürtig. Um diesen noch jungen und bisher rein formalen Wandel der Machtverhältnisse nun auch anschaulich zu manifestieren und optisch Nachdruck zu verleihen beschloss die Gewandschneiderzunft den Bau eines Konkurrenzprojektes zur bereits seit 1350 bestehenden Pfarrkirche St.-Nikolai1.

Die Nikolaikirche, vom Stadtrat geplant und finanziert, und fast direkt an das Rathaus angebaut, war von jeher die Kirche der Stralsunder Patrizier. Kirchen unter dem Schutzmantel der Mutter Gottes hingegen wurden häufig in der Nähe großer Märkte errichtet und vom Mittelstand der kleineren Kaufleute, sowie von Handwerkszünften gefördert. Mit einem Neubau der Marienkirche - der Vorgängerbau war zu diesem Zeitpunkt bereits aus unbekannten Gründen eingestürzt - präsentierten sich die Gewandschneider der Hansestadt endgültig als bedeutende Gruppe der städtischen Bürgerschaft zudem St.-Marien die Ratskirche St.-Nikolai in ihren Ausmaßen um einiges übertreffen sollte.

Es sei an dieser Stelle jedoch auch erwähnt, dass der oben beschriebene Geltungsanspruch nicht das einzige Motiv für ein Bauprojekt solch gewaltigen Umfanges sein konnte; das „Kirchenbauen“ hat - neben dem Streben nach Repräsentation - auch immer religiöse Ursachen. Schließlich ist es die mit am Gott wohlgefälligste Tat und bringt großen geistlichen Gewinn2.

Bevor nun mit dem Bau der neuen Kirche begonnen werden konnte, musste der Platz der alten Marienkirche erstmal vom Bauschutt der eingestürzten Gemäuer befreit werden. In einer noch heute in Stralsund bekannten Anekdote zeigt sich hier der starke kirchliche Glauben der Stralsunder Bürgerschaft im Mittelalter: damit alle Bürger an der Säuberung des Bauplatzes teilnehmen, ergeht vom Bischof der Aufruf an alle mit dem ungefähren Wortlaut „ Für jeden weggetragenen Stein gibt es 6 Tage Ablass!“. Nach knappen drei Wochen findet sich nicht mehr ein Häufchen Schutt auf dem Gelände, wobei es heißt, dass die Armen die Steine tagsüber trugen, während die Reichen, um in ihrem Status als „Sünder“ unerkannt zu bleiben, hierfür den Schutz der Nacht bevorzugten3.

Baugeschichte

Das genaue Datum des Baubeginns ist nirgendwo überliefert, allerdings ist bekannt, dass es bereits zu Anfang der Bauarbeiten zu einem Einsturz des Turmes und der Choranlagen kam. Dies wird auf 1382-1384 datiert und da man den Bau auch sofort wieder aufnahm gilt diese Zeitspanne allgemein als das Datum des Baubeginns. Generell lässt sich beim Bau der St.-Marien-Kirche von einem sehr zügigen Verlauf sprechen. Die Hauptmasse des Mauerkörpers entstand bis in die Jahre 1430/1440. Auch der genaue Zeitpunkt der Fertigstellung ist nicht bekannt, jedoch konnten im Jahr 1460 bereits die Glocken im Turm angebracht werden; ein Vorgang, für den die Kirche eigentlich schon fast vollends aufgebaut sein musste. Es lässt sich also annehmen, dass es für den gesamten Bauprozess weniger als ein Jahrhundert gebraucht hat, was zu dem Schluss führt, dass St.-Marien ungefähr 100 Jahre nach der Kirche St.-Nikolai fertiggestellt wurde, was St.-Marien zur jüngsten der 3 großen Pfarrkirche der Hansestadt macht und St.-Nikolai zur ältesten. Für das Errichten eines Bauwerks dieses Ausmaßes mag ein Jahrhundert eine kurze Zeit sein; in der Entwicklung der Gotik im norddeutschen Tiefland hingegen, stellt dies einen riesigen Sprung dar. Dieser große Abstand in den Enstehungszeiten führt zu den grundsätzlich unterschiedlichen Erscheinungsformen der Kirchen St.-Marien und St.-Nikolai in Stralsund - hierauf soll jedoch erst im späteren Verlauf der Ausarbeitung näher eingegangen werden.

Der originale Aufriss der Basilika blieb den Stralsundern aber nur bis zum Blitzeinschlag am 10.08.1647 erhalten. Hierbei brannte die ganze Kirche völlig aus, die Turmhaube stürzte ein, und nur das schiere Mauerwerk blieb in großen Teilen erhalten. Auch heute noch lassen sich an einigen Stellen die geschwärzten Backsteine des damaligen Brandes ausmachen4. Erst im Jahre 1710 erhielt der Turm seine neue Haube allerdings hat man hier die Turmspitze dem barocken Geschmack der Zeit angepasst was dazu führt dass das Westwerk nun nicht mehr seine ursprünglichen 151 m (Abb.3) hinauf ragt, sondern nur noch 104 Meter.

Auch im weiteren Zeitverlauf kam es immer wieder zu ähnlichen Tragödien, so explodierte z.B. 1770 nord-westlich der Kirche der alte Pulverturm, was zu erheblichen Schäden an Fenstern, Dach und Mauerwerk führte. Nach der Verwüstung durch die napoleonischen Truppen 1805-1810 galt die Marienkirche ein weiteres Mal als ernsthaft gefährdet, da sie von den französischen Soldaten als Heulager, Kaserne und Pferdestall missbraucht wurde5.

Überdies müssen und mussten aufgrund der regionalen rauen Witterung immer wieder Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden 6. Bei diesen Gelegenheiten wurde die Kirche mehrmals überformt, im romantischen Sinne gotisiert, später aber überwiegend wieder entgotisiert, was dazu führt, dass uns die St.-Marien-Kirche zum großen Teil in ihrer originalen Gestalt erhalten geblieben ist.

Im nächsten Abschnitt soll es erstmal allgemein um die äußere Baugestalt der St.-Marien-Kirche gehen, bevor ich mich später vom Chor im Osten über das Querhaus und das Langhaus schließlich bis zur Westanlage vorarbeiten möchte.

Die Baugestalt

Die St.-Marien-Kirche in Stralsund ist eine stadtbürgerliche Backsteinkathedrale 7 wobei der Begriff „Kathedrale“ etwas irreführend ist da es hierfür korrekterweise auch immer einen Bischofssitz braucht. Diese in der Region übliche Bezeichnung für das sakrale Bauwerk lässt sich wohl eher auf die eindrucksvollen baulichen Ausmaße der Kirche zurückführen. Die 3schiffige, 8jochige Querhausbasilika auf lateinischem Kreuz ist im Außenbau 100 m lang, 41 m breit und erreicht im Mittelschiff eine Höhe von 32,9 Metern. Der ursprüngliche Turm ragte 151 m in den Himmel hinauf, eine Höhe, die sich nur um 6 m von der Höhe der Türme des Kölner Doms unterscheidet. Die Kirche besitzt außerdem einen monumentalen Westbau und einen polygonalen Umgangschor mit Kapellenkranz. Das Baumaterial setzt sich aus rotem Backstein, wobei dieser hauptsächlich verbaut wurde gotländischem Kalkstein Gußstein und Granitstein aus regionalen Findlingen, zusammen.

Der klassische kreuzförmige Grundriss der Basilika (Abb.2), lässt sich bereits von außen deutlich an der Gestalt des Baukörpers ablesen. Die Kirche wirkt optisch wie eine gewaltig aufgetürmte Backsteinmasse von monumentaler Größe, die aber in strenger Ordnung maßvoll gegliedert ist8. Der beeindruckend mächtige Westbau entspricht in seinen Maßen fast dem Querhaus beinahe könnte man von einem Sakralbau mit zwei Querhäusern sprechen; daher findet man hierfür auch häufig die Bezeichnung des „Pseudoquerhauses“.

Die Marienkirche in Stralsund wirkt in ihrem klaren und prägnantem Umriss einfach und mächtig gestaltet, fast wie eine Burg, oder in diesem Fall eine „Kirchenburg“. Die Baugestalt hat keinen organischen Charakter sondern ist kantig und blockhaft dabei aber ausgewogen proportioniert. Durch die auffällige Einheitlichkeit der Bauteile weist die Basilika eine sachliche und abstrakte Schönheit auf, die mit Linearität und Kontinuität überzeugt9.

[...]


1 Nikolaus Zaske „Die St.-Marien-Kirche zu Stralsund“, S. 4

2 Ebenda, S. 5

3 Nikolaus Zaske „Die St.-Marien-Kirche zu Stralsund“, S. 8

4 Silke Kossmann „Die Marienkirche in Stralsund und ihre Nachfolge in Mecklenburg und Vorpommern“, S. 109

5 Ebenda, S. 111

6 Silke Kossmann „Die Marienkirche in Stralsund und ihre Nachfolge in Mecklenburg und Vorpommern“, S. 108

7 Nikolaus Zaske „Die St.-Marien-Kirche zu Stralsund“, S. 4

8 Friedhelm Grundmann „Backsteingotik an der Ostseeküste“, S. 38

9 Nikolaus Zaske „Die St.-Marien-Kirche zu Stralsund“, S. 8

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640809592
ISBN (Buch)
9783640809929
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165186
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Kunstgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Gotik Backstein Kirche Ostsee Mecklenburg-Vorpommern

Autor

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