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"22. Juni 1941" - Die "Nekritsch-Affäre" im Kontext der sowjetischen Kriegshistoriographie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 47 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Große Vaterländische Krieg und die Entstalinisierung
1.1. Der Krieg im Stalinismus: Lob des Generalissimus
1.2. Die Geheimrede: Eine neue Version
1.3. Die sowjetische Geschichtsschreibung nach der Geheimrede

2. Die Umdeutung unter Brežnev
2.1. Brežnev: der Sieg des Kommunismus auch dank Stalin
2.2. Die neue Linie

3. Exkurs: Tabuthemen
3.1. Der Hitler-Stalin-Pakt
3.2. Die sowjetische Aggression gegen Finnland
3.3. Die menschlichen Verluste des Krieges

4. „22. Juni 1941“
4.1. Rezeption: Ein Überblick
4.1.1. UdSSR
4.1.2. Welt
4.2. Zum Inhalt
4.3. Fokus: Die Gegenargumente
4.3.1. Diskussion im Institut für Marxismus-Leninismus
4.3.2. Der Artikel von Deborin und Tel'puchovskij

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

1967 berichtet der ‚Spiegel’ über eine „stürmische Sitzung“[1], die bereits im Februar 1966 im Institut für Marxismus-Leninismus in Moskau stattgefunden habe, eine Diskussion über das Buch ‚22. Juni 1941’[2] des sowjetischen Historikers Aleksandr Nekrič,[3] „der Stalin für die anfänglichen Niederlagen der Sowjetarmee verantwortlich macht“.[4] Damit erreicht eine Auseinandersetzung auch den Westen, die im Juni 1967 im Parteiausschluss des Historikers gipfelt, der für ihn praktisch ein Verbot von beruflichen Kontakten und das Ende der Forschungstätigkeit bedeutet.[5] Die ‚Affäre’ um Nekrič, die Hildermeier als den „bekanntesten Fall“ eines kritischen Historikers bezeichnet, für den seine „Gegenargumente“ gegen das offizielle Geschichtsbild nach Chruščëvs Sturz „eine umgehende Maßregelung zur Folge hatten“,[6] hat in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre ein beachtliches Echo in der UdSSR[7] und international[8] hervorgerufen. Trotzdem hat es bis heute keine tiefer gehende Forschungsaktivität gegeben, die sich mit diesen Ereignissen beschäftigt hätte. Die umfangreichste und detaillierteste Darstellung stammt nach wie vor von Nekrič selbst.[9]

Wenn in der Forschung der Fall Erwähnung findet, dann wird die Ächtung des Historikers i. d. R. wie von Hildermeier als Zeichen des Machtwechsels und einer damit verbundenen Neubewertung Stalins und des Krieges gewertet. Tumarkin etwa sieht das Verbot des Buches als Folge des sich unter Brežnev etablierenden Kriegskultes,

der keine Abweichungen von der „master narrative“ mehr dulden konnte – und zu der gehörten unverrückbar die Plötzlichkeit des unerwarteten deutschen Angriffs, eine positive Darstellung Stalins und ein Übergehen der anfänglichen Niederlagen.[10]

Selbst Nekrič führt das Schicksal seines Buches auf die Entmachtung Chruščëvs zurück.[11] Zaslavsky reiht das spätere Schicksal Nekričs als „one of the most telling examples“ außerdem in eine Strategie der Brežnev-Ära ein, „active intellectual critics who were catalysts in the democratization movement and the anti-Stalinist struggle“ systematisch ins Exil zu treiben.[12] Eine interessante Alternative präsentiert Heer, die, unter Berücksichtigung der Argumente der Kritik an Nekrič, zum Ergebnis kommt: „Nekrich is simply not working within Marxist-Leninist historical categories“.[13] Es scheint sinnvoll, auch diesem Hinweis auf einen Konflikt des Buches mit den etablierten Kategorien der sowjetischen Geschichtsdarstellung zu folgen.[14]

Es war Stalin selbst, der schon in seiner ersten Ansprache nach dem deutschen Angriff die Idee vom ‚Vaterländischen Krieg’ beschwor und den Grundstein für den späteren sowjetischen Anspruch legte, dem Kriegsgeschehen zwischen 1941 und 1945 eine welthistorische Sonderstellung einzuräumen.[15] Bis zum Ende der UdSSR und darüber hinaus ist das Thema immer wieder neu aufgegriffen und v. a. instrumentalisiert worden, mit dem Kriegskult der Brežnev-Ära wurde der Höhepunkt der Helden-verehrung einerseits und der Feier des Sieges von Partei und Sowjetsystem andererseits erreicht. In diesem Zusammenhang kam es zwar zu einer Rehabilitierung Stalins als militärischer Führer, die Kritik des XX. und XXII. Parteitages wurde aber auch nicht von einem Tag zum anderen aus den Geschichtsbüchern gestrichen. In der Sowjetunion wurde aber der Kampf um die Deutungshoheit über die Geschichte des ‚Großen Vaterländischen Krieges’ zugunsten derer entschieden, die keine weitere Kritik an Stalin wünschten.[16]

Ist es also wirklich der sich ankündigende Perspektivwechsel unter der neuen Führung, von dessen ersten Ausläufern Nekričs Buch getroffen wurde, oder ist ganz im Gegenteil Nekrič daran gescheitert, dass er zu weit über die Grenzen der Kritik hinausging, die Chruščëv in seiner ‚Geheimrede’ auf dem XX. Parteitag geübt hatte? Wie konnte ein Buch, das nicht weniger als fünf Zensurstufen durchlaufen hatte,[17] bevor es im Oktober 1965 mit einer bereits verringerten Auflage von 50.000 Exemplaren erschien,[18] zu einem Politikum werden?[19] Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst geklärt werden, welche Darstellung der Kriegsbeginn in der sowjetischen Geschichtsschreibung erfuhr und wie dabei die Rolle Stalins gewichtet wurde. Da es als gegeben anzunehmen ist, dass die sowjetische Geschichts-wissenschaft sich (wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft) nach den politischen Richtlinien zu richten hatte,[20] wird auch die jeweilige Position der sowjetischen Führung zu berücksichtigen sein.[21] Dabei gehört es zu den Problemen des Themas, dass die Abgrenzung von Quelle und Sekundärliteratur teilweise problematisch ist. Das dramatischste Beispiel dafür dürfte die ‚Geschichte der Sowjetunion’ sein, die Nekrič selbst im Exil mit Heller gemeinsam verfasst hat.[22] Es ist daher wichtig, darauf hinzuweisen, dass für diese Arbeit nicht die Frage primär ist, was um den 22. Juni 1941 herum ‚wirklich’ passiert ist,[23] sondern dass die Instrumentalisierung der Ereignisse v. a. durch die Politik zentral ist.

Als erstes wird ein kurzer Blick auf die offizielle Darstellung zu Lebzeiten Stalins vorgenommen werden.[24] Anschließend soll eine Untersuchung der Ausführungen Chruščëvs in seiner berühmten Geheimrede Umdeutung der offiziellen Lesart durch ihn zeigen.[25] Von großer Bedeutung sind die Auswirkungen der Rede, soweit sie sich in den sowjetischen Geschichtswerken der Zeit niederschlugen, die als Kontrast zu Nekrič dienen sollen. In diesem Zusammenhang liegt das Hauptgewicht auf dem Experten Deborin,[26] ebenfalls berücksichtigt werden aber auch andere sowjetische Beiträge der Zeit[27] und ergänzend einige Artikel sowjetischer und osteuropäischer Wissenschaftler, die in Sammelbänden zum zwanzigsten Jahrestag des deutschen Angriffs[28] bzw. als Materialien einer Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR zum Thema ‚Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg’ zwischen 1960 und 1962 in Berlin erschienen sind.[29] In einem zweiten Schritt werden die Positionen Brežnevs auf Basis einer Reihe von Reden zum Thema umrissen.[30] Danach sollen einige Tabuthemen der sowjetischen Geschichtsschreibung angesprochen werden, deren Behandlung durch Nekrič von Interesse ist, um abschließend die Diskussion um Nekričs Buch auf die gewonnenen Erkenntnisse und unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Reaktionen zu überprüfen. Dabei wird eine genauere Analyse der Argumentation in ‚22. Juni 1941’ unterbleiben, da es, auch wenn es paradox klingen mag, für die Affäre sekundär ist, was wirklich in dem Buch steht. Primär ist die Argumentation der Kritik! Am Ende soll auf diese Weise eine Einordnung des Werkes in die Entwicklungen der Zeit möglich werden.[31]

1. Der Große Vaterländische Krieg und die Entstalinisierung

1.1. Der Krieg im Stalinismus: Lob des Generalissimus

In der offiziellen Darstellung der Großen Sowjet-Enzyklopädie begegnet dem Leser schon beim ersten Aufschlagen Stalin gleich doppelt: erstens in Gestalt des Abdrucks eines Gemäldes, das den „Generalissimus der Sowjetunion“ allein als Planer an einem Tisch stehend zeigt,[32] zweitens in Form eines Zitats aus seiner eigenen Darstellung des Krieges.[33] Der damit vorgegebene Ton ist charakteristisch. Es wird die Vorstellung einer imperialistischen Weltverschwörung beschworen, die über 20 Jahre hinweg die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion vorangetrieben habe. Die wesentlichen Grundlagen des deutschen Angriffs seien daher die Politik Groß-britanniens und Frankreichs und die Aufrüstung durch die USA gewesen.[34] Die „Stalinsche Außenpolitik“ habe jedoch eine „Einheitsfront der kapitalistischen Staaten gegen die UdSSR verhindert“, den „Krieg um anderthalb Jahre hinausgeschoben und Zeit gewonnen, um die Abwehr des Aggressors vorzubereiten“.[35] Letztlich sei dank der klugen sowjetischen Politik das Bündnis der ‚Kapitalisten’ und ‚Imperialisten’ zerbrochen, was erst den Krieg im Westen auslöste und der UdSSR Zeit verschafft habe, um eine „antifaschistische Koalition der Völker“ zu schaffen, mit der Sowjetunion „an führender Stelle“.[36]

Nach dem Sieg im Westen habe Deutschland mit den Vorbereitungen für den Angriff auf die UdSSR im großen Stil begonnen,[37] wogegen sich die UdSSR „[u]nter der Führung der Partei Lenins und Stalins“[38] aber gerüstet habe: in der Wirtschaft durch die „Stalinschen Fünfjahrespläne“,[39] gesellschaftlich durch „[d]ie erfolgreiche Verwirklichung des Lenin-Stalinschen Plans zur Errichtung des Sozialismus“,[40] militärisch durch Stalin, der „der Initiator und Wegweiser des technischen Fortschritts der sowjetischen Flugzeug-, Panzer-, und Geschützindustrie“[41] gewesen sei und die Aufrüstung der Armee, Flotte und Luftwaffe persönlich initiiert habe.[42] Nicht zu vergessen die Beseitigung der inneren Feinde „[u]nter der Leitung Stalins“.[43]

Kennzeichnend ist in dieser Geschichtsdarstellung besonders das Konzept der „aktive[n] Verteidigung“,[44] auf die die Partei die Sowjetunion „[g]emäß den Weisungen Lenins und Stalins“[45] vorbereitet habe und die dann auch erfolgreich den Kriegsverlauf von Anfang an bestimmt habe.[46] Bemerkenswert ist, dass der gewaltige Aufmarsch deutscher und verbündeter Truppen detailliert geschildert wird,[47] gleichzeitig aber ganz selbstverständlich die Überraschung des Überfalls herausgestellt wird,[48] wobei die entsprechenden Stalin-Zitate völlig unreflektiert übernommen werden.[49] Ohne weiter ins Detail zu gehen, sei darauf hingewiesen, das Stalin in der Gesamtdarstellung des Krieges als überlebensgroßer und fehlerloser Anführer erscheint, der den Widerstand von Anfang an mobilisierte,[50] den Krieg praktisch allein führte und der immer alles richtig gemacht habe.[51]

1.2. Die Geheimrede: Eine neue Version

In seiner Rede „über den Personenkult und seine schädlichen Folgen“[52] wendet sich Chruščëv auf dem XX. Parteitag im Namen des ZK und unter Berufung auf die Lehren Marx’, Engels und v. a. Lenins an die Delegierten.[53] Obwohl die Rede nach dem Willen des Parteitagsbeschlusses nur bedingt Verbreitung in der UdSSR und dem Ausland finden sollte, „entfaltete“ sie dennoch „rasch eine derartige Wirkung, als hätte Chruščev sie auf der Straße verlesen“.[54] Es sei nötig, trotz der unbestrittenen „Verdienste“ Stalins, über die es „eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Broschüren, Studien“ gebe, über den „gewaltigen Schaden“ zu sprechen, den der stalinistische Personenkult verursacht habe.[55] Neben einer großen Zahl anderer Punkte behandelt Chruščëv auch die Rolle Stalins im Krieg, wobei er besonders der Anfangsphase und der Vorgeschichte des Konfliktes einigen Raum einräumt. Chruščëv fordert nicht weniger als eine Revision der Geschichte, die in „zahlreichen historischen Romane[n], Filme[n] und historischen ‚wissenschaftlichen’ Studien“[56] falsch – nämlich im Sinne des Personenkultes – dargestellt sei, besonders was die Verherrlichung der „Taktik der aktiven Verteidigung“[57] betrifft, die in Wahrheit völlig versagt habe.

Auch sei aus den Äußerungen und politischen Manövern der Faschisten deutlich ersichtlich gewesen, dass ein Angriff auf die UdSSR geplant war, wie auch die Konzentration militärischer Verbände an der sowjetischen Grenze.[58] Aus neu veröffentlichten Dokumenten gehe hervor, dass Churchill am 3. April 1941 durch den britischen Botschafter Cripps Stalin persönlich vor einem deutschen Überfall warnte und die Warnung am 18. April und den folgenden Tagen in Telegrammen unterstrich.[59] Doch „Stalin wies an, daß derartigen Informationen nicht geglaubt werden solle, um angeblich keine militärischen Handlungen zu provozieren.“[60] Auch zahlreiche Warnungen sowjetischer Vertretungen im Ausland fanden bei Stalin kein Gehör.[61] Selbst ein deutscher Überläufer wurde ignoriert.[62] Neben diesen unmittelbaren Fehleinschätzungen prangert Chruščëv auch strukturelle Versäumnisse an: die unterlassene Mobilisierung der Industrie wie auch die mangelhafte Ausrüstung der Armee.[63] Ebenfalls „sehr schwerwiegende Folgen“ hätten die Terrormaßnahmen gegen die Militärführung seit 1937 gehabt.[64] Somit macht Chruščëv seinen Vorgänger direkt für die anfänglichen militärischen Katastrophen verantwortlich.[65] Schlimmer noch: Stalin habe nach dem Desaster resigniert, sich „über lange lange Zeit“ überhaupt nicht mehr um militärische Angelegenheiten gekümmert und sei erst auf Druck des Politbüros wieder aktiv geworden.[66] Doch auch im weiteren Kriegsverlauf „fügten die Nervosität und Hysterie, die Stalin zeigte (…) unserer Armee ernste Schäden zu“.[67] Daher findet die Glorifizierung Stalins nach dem Sieg, die dieser selbst betrieben habe, bei Chruščëv kein Verständnis und soll korrigiert werden.[68] Er gibt auch gleich die neue Version der Geschichte bekannt, in der nicht das Individuum, sondern das Kollektiv den Ausschlag gab, mit der Partei an erster Stelle.[69]

Die Konsequenz der Ausführungen läuft darauf hinaus, dass die UdSSR den Sieg weniger dank Stalin, sondern eher trotz Stalin errang.[70] Auch wenn Chruščëv am Ende seiner Rede einschränkt, Stalin habe immer im Glauben gehandelt, das Beste im Dienste der Sache zu tun,[71] ist die Forderung nach einer Beseitigung des ‚Personen-kultes’ in allen Bereichen folgerichtig, wofür u. a. neue Bücher zu verfassen seien, „die die Geschichte des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges betreffen“.[72] Bemerkenswert ist, dass Chruščëv nicht grundsätzlich mit allen Mustern der Darstellung bricht, sondern aus dem Sieg von Stalin und Partei einen Sieg der Partei macht.[73] Auf dem XXII. Parteitag sollten einige der Themen später nochmals eine Rolle spielen.[74]

1.3. Die sowjetische Geschichtsschreibung nach der Geheimrede

Im Gefolge der von Chruščëv eingeleiteten Entstalinisierung kam es zu Umwälzungen in der sowjetischen Geschichtswissenschaft, deren wichtigste Wegmarke wohl der Allunionskongress der Historiker im Dezember 1962 darstellte, den das ZK der KPdSU und der Ministerrat als Reaktion auf den XXII. Parteitag einberufen hatte.[75] Die Veränderungen hatten aber bereits direkt nach dem Tod Stalins eingesetzt, zu dessen Lebzeiten die Wissenschaft großer Einflussnahme von Seiten des Staates ausgesetzt gewesen war,[76] und waren nicht unmittelbar von Chruščëvs Entstalinisierungspolik bestimmt.[77] Die von der Partei in der Chruščëv-Zeit erhobene Forderung einer stärkeren Konzentration der Historiker auf die sowjetische Geschichte und die Parteigeschichte, die ja auch in der Geheimrede geäußert wurde, fand tatsächlich große Resonanz.[78] Die Öffnung von Quellen für die Wissenschaft und die Rücknahme des Drucks auf die Forschung sorgten teilweise für ‚realistischere’ Darstellungen u. a. der Kriegszeit. Die von Chruščëv erwünschte Korrektur der Rolle Stalins, die Verurteilung des ‚Verräters’ Berija und die Hervorhebung Chruščëvs selbst führten aber auch zu neuen Leitlinien der Geschichtsdarstellung, die erfüllt werden mussten.[79] Einen Meilenstein der Beschäftigung mit dem Krieg stellt dabei das u. a. von Deborin herausgegebene Monumentalwerk der offiziellen Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges dar,[80] das durchaus ambivalente Beurteilungen geerntet hat, in denen sich fachliche Anerkennung und Kritik an der Umsetzung mischen.[81] Zweifellos stellte diese sechsbändige Darstellung einen Höhepunkt der Kritik an den mangelhaften Kriegsvorbereitungen dar, die nicht nur Stalins Versagen abstrafte.[82] In diese Zeit fällt auch die zunehmende Veröffentlichung von Erinnerungen sowjetischer Militärs, die durchaus schonungslos mit der Lage am ersten Kriegstag ins Gericht gehen.[83] Grigorij Abramovič Deborin,[84] der persönlich mit Nekrič bekannt war[85] und später aktiv an der Diskussion um diesen teilnahm,[86] beschäftigt sich bereits in einem 1960 in der DDR veröffentlichten Buch mit dem Zweiten Weltkrieg.[87] Über die Vorzeit des Kriegs und den Kriegsbeginn selbst lässt er den Leser wissen, es habe sich bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion um einen „Krieg zwischen zwei kapitalistischen Koalitionen“[88] gehandelt, wobei die Koalition der Westmächte aber eigentlich versucht habe, Deutschland zum Angriff auf die UdSSR zu drängen.[89] Das von den USA aufgerüstete Nazideutschland sei durch die Siege der ersten Kriegszeit „zum militärisch stärksten Land der kapitalistischen Welt geworden“[90] und habe nach der französischen Kapitulation mit den Kriegsvorbereitungen begonnen.[91] Deborin räumt ein, dass die deutsche Luftwaffe seit Ende 1940 „in verstärktem Maße die Luftbilderkundung über sowjetischem Gebiet“ durchführte, „die zwei Wochen vor dem Überfall auch auf die inneren Landesteile der UdSSR ausgedehnt wurde“.[92] Er betont aber auch die deutschen Anstrengungen, den Überfall möglichst lange geheim zu halten, während gleichzeitig eine antisowjetische Propaganda zunahm.[93] Große Bedeutung misst er der Mission von Rudolf Heß bei – nur der Wille des britischen Volkes habe hier ein deutsch-britisches Bündnis abgewehrt.[94]

[...]


[1] „Mit Lagern machst du uns nicht bange!“. Sowjetische Historiker und Offiziere diskutieren über Stalins Verbrechen. In: Der Spiegel 13/1967. S. 132-138, hier S. 132. http://wissen.spiegel.de/wissen/image/ show.html?did=46437702&aref=image036/2006/03/27/PPM-SP196701301320138.pdf&thumb=false (16. Oktober 2010).

[2] Hier zitiert nach [Aleksandr Nekrič]: [22. Juni 1941]. In: Alexander Nekritsch / Pjotr Grigorenko. Genickschuß. Die Rote Armee am 22. Juni 1941. Hrsg. und eingeleitet von Georges Haupt. Wien / Frankfurt / Zürich 1969. S. 29-177.

[3] Die Schreibweise der Namen in dieser Arbeit orientiert sich an der wissenschaftlichen Transkription. In wörtlichen Zitaten und bei Literaturangaben wird aber die jeweils verwendete Schreibweise beibehalten.

[4] „Mit Lagern machst du uns nicht bange!“. S. 132.

[5] Vgl. Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. Erinnerungen eines Historikers. Aus dem Russischen von A. von Meyerberg. Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1983 (= Ullstein-Buch Nr. 38041). S. 7f., S. 179 und S. 250-315. Vgl. auch Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. Studien zur Methodologie- und Organisationsgeschichte. München 1995 (= Osteuropastudien der Hochschule des Landes Hessen. Reihe II. Marburger Anhandlungen zur Geschichte und Kultur Osteuropas. Band 34). S. 88, Anm. 95.

[6] Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. München 1998. S. 605. Das offizielle Geschichtsbild meint, dass „[v]on der sowjetischen Geschichtswissenschaft […] im wesentlichen apologetische Hinweise auf die Perfidie des Aggressors und die Überlegenheit der deutschen Kriegsmaschinerie zu hören [waren]“ (ebd.).

[7] Vgl. das Protokoll der Diskussion über das Buch von A. M. Nekritsch im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU am 16. Februar 1966. In: Alexander Nekritsch / Pjotr Grigorenko. Genickschuß. S. 189-201; G. A. Deborin / B. S. Telpuchowski: Im ideologischen Bann von Geschichtsfälschern. In: ebd. S. 203-232; Pjotr Grigorenko: Die Verheimlichung der historischen Wahrheit ist ein Verbrechen am Volk. In: ebd. S. 233-296; Lew Kopelew: Ist eine Rehabilitierung Stalins möglich? In: ebd. S. 297-304; Brief an einen Genossen. In: ebd. S. 305-311; G. Fedorov: A Measure of Responsibility. In: „June 22, 1941“. Soviet Historians and the German Invasion. By Vladimir Petrov. Columbia 1968. S. 262-270.

[8] Vgl. Georges Haupt: Einleitung. In: Alexander Nekritsch / Pjotr Grigorenko. Genickschuß. S. 9-28; Nancy Whittier Heer: Politics and History in the Soviet Union. Cambridge / Massachusetts / London 1971. S. 175-178 und 253-256; Vladimir Petrov: Prologue. In: „June 22, 1941“. S. 1-23; Vladimir Petrov: The Book. In: ebd. S. 24-30.

[9] Vgl. Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 184-257.

[10] Vgl. Nina Tumarkin: The Living & the Dead. The Rise and Fall of the Cult of World War II in Russia. New York 1994. S. 135. Vgl. auch Erich Ferdinand Pruck: Wehrpolitische Bilanz. In: Osteuropa 9/10 (1981). S. 888-895, hier S. 894.

[11] Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 185. So auch Alexander I. Boroznjak: Ein russischer Historikerstreit? Zur sowjetischen und russischen Historiographie über den deutschen Angriff auf die Sowjetunion. In: Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. Hrsg. von Gerd R. Ueberschär / Lev A. Bzymenskij. Darmstadt 1998. S. 116-128, hier S. 117. Ein Exempel sieht auch Bonwetsch (vgl. Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. Die Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ in der Sowjetunion. In: Krieg und Erinnerung. Fallstudien zum 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Helmut Berding, Klaus Heller und Winfried Speitkamp. Göttingen 2000 (= Formen der Erinnerung Band 4). S. 145-168, hier S. 153).

[12] Victor Zaslavsky: The Neo-Stalinist State. Class, Ethnicity, and Consensus in Soviet Society. With a New Introduction. Armonk, New York 1994. S. 19. Ähnlich Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. S. 87ff.. Vgl. auch Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. Chancen und Schwierigkeiten einer demokratischen Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit am Beispiel der Tätigkeit der Gesellschaft MEMORIAL. Hamburg 2000 (= Osteuropa Band 23). S. 77f. Wie Kulavig zeigt, waren Parteiausschlüsse auch in der Chruščëv-Zeit nicht selten, aber i. d. R. durch das Fehlverhalten des Betroffenen (v. a. Alkoholismus) bedingt (vgl. Erik Kulavig: Dissident in the Years of Khrushchev. Nine Stories about Disobedient Russians. Houndmills / New York 2002. S. 84-98).

[13] Nancy Whittier Heer: Politics and History in the Soviet Union. S. 254.

[14] Vgl. auch Roger D. Markwick: Thaws and freezes in Soviet historiography, 1953-64. In: The Dilemmas of De-Stalinization. Negotiating cultural and social change in the Khrushchev era. Edited by Polly Jones. S. 173-192, hier S. 181: Nekrič „’for the first time in Soviet literature’ argued that the non-aggression pact had advantaged Nazi Germany rather than the Soviet Union“.

[15] Vgl. Andreas Langenohl: Erinnerung und Modernisierung. Die öffentliche Rekonstruktion politischer Kollektivität am Beispiel des Neuen Rußland. Göttingen 2000 (= Formen der Erinnerung Band 7). S. 153f. Langenohl sieht darin die Begründung „einer Erinnerungstradition, die in gewisser Weise als ‚Zivilreligion’ beschrieben werden kann“ (ebd. S. 153). Es wäre allerdings anzumerken, dass schon Molotov am 22. Juni an den Krieg gegen Napoleon erinnerte (vgl. Alexander Werth: Russland im Krieg. 1941-1945. Mit 21 Karten. 1.-30. Tausend. München / Zürich 1965. S.132-137); vgl. auch Bernd Bonwetsch: Der „Große Vaterländische Krieg“: Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breschnew. In: „Wir sind die Herren dieses Landes“. Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Hrsg. von Babette Quinkert. Hamburg 2002. S. 166-187, hier S. 166f.

[16] Vgl. grundlegend: Bernd Bonwetsch: Der „Große Vaterländische Krieg“ und seine Geschichte. In: Die Umwertung der sowjetischen Geschichte. Hrsg. von Dietrich Geyer. Göttingen 1991 (= Geschichte und Gesellschaft. Sonderheft 14). S. 167-187; Martin Hoffmann: Der Zweite Weltkrieg in der offiziellen sowjetischen Erinnerungskultur. In: Krieg und Erinnerung. S. 129-143; Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. S. 145-168; Bernd Bonwetsch: Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breschnew. S. 166-187; Peter Jahn: Stütze der Erinnerung – Last der Erinnerung. In: Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerungen an den Krieg 1941-1945. Ausstellung 5. Mai – 28. August 2005. Hrsg. von Peter Jahn, Museum Berlin-Karlshorst. Berlin 2005. S. 9-19.

[17] Vgl. Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 187-199. So wurde z. B. die deutliche Infragestellung des ‚unerwarteten’ Angriffs bereits auf der ersten Seite gestrichen (vgl. ebd. S. 187 und [Aleksandr Nekrič]: [22. Juni 1941]. S. 31).

[18] Vgl. Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 199. Ursprünglich sollte die Auflage 80.000 betragen (vgl. ebd.).

[19] Die Veröffentlichung erfolgte außerdem in einer Reihe der Akademie der Wissenschaften und war für das „breite, gebildete Publikum bestimmt“ (Georges Haupt: Einleitung. S. 9).

[20] Natürlich handelt es sich dabei um einen vielschichtigen Prozess, der über Jahrzehnte hinweg verschiedene Formen annahm. Vgl. grundsätzlich Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichts-wissenschaft 1953 bis 1991. bes. S. 295-302; für den hier wichtigen Zeitraum vgl auch ebd. S. 72-90; Kurt Marko: Sowjethistoriker zwischen Ideologie und Wissenschaft. Aspekte der sowjetrussischen Wissen-schaftspolitik seit Stalins Tod, 1953-1963. Köln 1964 (= Abhandlungen des Bundesinstituts zur Erforschung des Marxismus-Leninismus (Institut für Sowjetologie) Band VII). passim; Roger D. Markwick: Thaws and freezes. S. 173-192. Die Entstalinisierung „bedeutete (…) durchaus nicht, daß sich jemand erlauben konnte, den Rahmen der Forderungen der augenblicklichen politischen Lage, geschweige den der Ideologie des Marxismus zu verlassen – der Stalinismus wurde vom sowjetischen Konformismus abgelöst“ (Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 145; vgl. auch ebd. S. 295-300). Vgl. auch die Überlegungen Feins zur Definition von „Geschichtspolitik“ (Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. S. 9-12) und das Fazit (ebd. S. 241ff. und S. 258).

[21] Entsprechend dem, was Fein als „ offizieller Standpunkt“ (ebd. S. 6 [Hervorhebung im Original]) definiert: der Standpunkt „der betreffenden Staats-, insbesondere aber der Parteiführung in Person ihres ‚Ersten’ bzw. Generalsekretärs und seiner unmittelbaren Umgebung“ (ebd.).

[22] Michail Heller / Nekrich, Alexander: Geschichte der Sowjetunion. Zweiter Band: 1940-1980 von Alexander Nekrich. Teil V in Zusammenarbeit mit Michail Heller. Königstein/Ts. 1982.

[23] Für einen aktuelleren Stand der Forschung vgl. Gabriel Gorodetsky: Die große Täuschung. Hitler, Stalin und das Unternehmen „Barbarossa“. Aus dem Englischen von Helmut Ellinger. Berlin 2001. Gorodetsky, dessen Monographie ein Beitrag zur Präventivkriegsdiskussion sein will (vgl. ebd. S. 9-16), bestätigt die zahlreichen Warnungen vor dem deutschen Angriff (vgl. z. B. ebd. S. 170f. und S. 177-185). Die Einmischungen Stalins stellt Gorodetsky aber in differenzierter Weise dar: so seien Geheimdienstberichte und Botschaftsmitteilungen bewusst zwiespältig formuliert worden, da niemand Stalins Meinung widersprechen wollte (vgl. ebd. S. 182-184, S. 293-297, S. 318f.). Dass Gorodetsky dabei eine Position einnimmt, der der des Nekrič-Kritikers Deborin ähnelt (s. u.), kann leider nicht weiter diskutiert werden. Vgl. auch ebd. S. 262-292 (über Botschafter Schulenburg), S. 320-353 (über Hess und die sowjetische Bewertung seines Englandfluges), S. 369-376 (über die TASS-Meldung vom 14. Juni 1941), S. 403-412 (Schlussgedanken).

[24] Als Quellen dazu: Große Sowjet-Enzyklopädie. Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Band I. Hrsg. unter der Redaktion von S. I. Wawilow u. a. Verantwortlich für die deutsche Ausgabe Jürgen Kuczynski / Wolfgang Steinitz. 2. Auflage. 41. bis 80. Tausend. Berlin 1952; Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. Redaktion der deutschen Ausgabe: R. Sommer. Berlin 1953 (= Große Sowjet-Enzyklopädie. Reihe Geschichte und Philosophie 15) [nach Große Sowjet-Enzyklopädie. 2. Auflage. Moskau 1951. Band 7. S. 157-208]. Grundsätzlich ist darauf hinzuweisen, dass zu Stalins Lebzeiten kaum Darstellungen des Krieges erschien, das Deutungsmonopol beanspruchte Stalin persönlich (vgl. Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. S. 149ff.).

[25] [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. Rede des Ersten Sekretärs des ZK der KPdSU, Gen. N. S. Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, 25. Februar 1956. In: Die Geheimrede Chruschtschows. Über den Personenkult und seine Folgen. Berlin 1990. S. 7-85. Dazu der Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkultes und seiner Folgen, 30. Juni 1956. In: ebd. S. 86-113.

[26] G. A. Deborin: Der Zweite Weltkrieg. Militärpolitischer Abriss. Berlin 1960; G. A. Deborin: Die internationale politische Krise am Vorabend des zweiten Weltkrieges. In: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Materialien der wissenschaftlichen Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR zum Thema „Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg“ vom 14. bis 19. Dezember 1959 in Berlin. Band 2. Beiträge zum Thema: „Die Vorbereitung des zweiten Weltkrieges durch den deutschen Imperialismus“. Hrsg. von der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR. Berlin 1961. S. 545-561; G. A. Deborin u. a.: Die Sowjetunion am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges. In: Juni 1941. Beiträge zur Geschichte des hitlerfaschistischen Überfalls auf die Sowjetunion. Redaktion Alfred Anderle und Werner Basler. Berlin 1961 (= Veröffentlichungen des Instituts für Geschichte der Völker der UdSSR an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Reihe B. Abhandlungen Band 2). S. 102-156.

[27] Geschichte des Zweiten Weltkrieges. 1939-1945. Militärhistorischer Abriss. Teil I. Unter der Redaktion von Generalleutnant S. Platonow, Generalmajor N. G. Pawlenko, Oberst I. W. Parotkin. Berlin 1961; Geschichte des Zweiten Weltkrieges. 1939-1945. Militärhistorischer Abriss. Teil II. Unter der Redaktion von Generalleutnant S. Platonow, Generalmajor N. G. Pawlenko, Oberst I. W. Parotkin. Berlin 1961.

[28] Alfred Anderle: Der Weg zum 22. Juni 1941. In: Juni 1941. S. 9-43; Ilse Heller: Die Berichte sowjetischer Kriegsteilnehmer – ein wichtiger Bestandteil der Literatur über den Großen Vaterländischen Krieg. In: ebd. S. 326-342.

[29] Leo Stern: Die Gesetzmäßigkeit und die historische Bedingtheit der Niederlagen des deutschen Imperialismus in den beiden Weltkriegen. In: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Materialien der wissenschaftlichen Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR zum Thema „Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg“ vom 14. bis 19. Dezember 1959 in Berlin. Band 1. Hauptreferate und Dokumente der Konferenz. Hrsg. von der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR. Berlin 1960. S. 68-110; N. G. Pawlenko: Die entscheidende Rolle der Sowjetunion und ihrer Streitkräfte bei der Zerschlagung des deutschen Imperialismus. In: ebd. S. 111-144; Peter Schäfer: Die ökonomische Unterstützung Hitlerdeutschlands durch die USA vor dem zweiten Weltkrieg. In: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Band 2. S. 153-159; Helmuth Stoecker: Zur Politik der Westmächte zu Beginn des zweiten Weltkrieges. In: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Materialien der wissenschaftlichen Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR zum Thema „Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg“ vom 14. bis 19. Dezember 1959 in Berlin. Band 3. Beiträge zum Thema: „Der deutsche Imperialismus während des zweiten Weltkrieges und seine militärische, wirtschaftliche und moralisch-politische Niederlage“. Hrsg. von der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR. Berlin 1962. S. 7-15; Antonín Šnejdárek: Die Bonner Regierung – Die Front der Monopolherren, Militaristen und Revanchisten. In: Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg. Materialien der wissenschaftlichen Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR zum Thema „Der deutsche Imperialismus und der zweite Weltkrieg“ vom 14. bis 19. Dezember 1959 in Berlin. Band 5. Beiträge zum Thema: „Die Ergebnisse und Folgen des zweiten Weltkrieges und der Zerschlagung des deutschen Imperialismus“. Hrsg. von der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR. Berlin 1962. S. 505-514; Rudi Goguel: Die Forderung der westdeutschen Imperialisten und Revanchisten nach den Grenzen von 1937. In: ebd. S. 521-528.

[30] [Leonid Brežnev]: Der große Sieg des sowjetischen Volkes. Rede auf der Festverantstaltung im Kongreßpalast des Kreml anläßlich des 20. Jahrestages des Sieges des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg, 8. Mai 1965. In: L. I. Breshnew. Auf dem Wege Lenins. Reden und Aufsätze. Band 1. Oktober 1964-April 1967. Berlin 1971. S. 125-163; [Leonid Brežnev]: Ansprache auf einem Empfang im Kreml zu Ehren der Absolventen der Militärakademien, 3. Juli 1965. In: ebd. S. 164-174; [Leonid Brežnev]: Rede auf der Festsitzung anlässlich der Verleihung der Medaille „Goldener Stern“ an die Heldenstadt Kiew im Oktober-Kulturpalast von Kiew, 23. Oktober 1965. In: ebd. S. 245-263; [Leonid Brežnev]: Rede auf der Festveranstaltung aus Anlaß der Verleihung des Lenin-Ordens an Georgien im Sportpalast in Tbilissi, 1. November 1966. In: ebd. S. 478-496; [Leonid Brežnev]: Rede zur Einweihung des Heldendenkmals in Wolgograd, 15. Oktober 1967. In In: L. I. Breshnew. Auf dem Wege Lenins. Reden und Aufsätze. Band 2. April 1967-April 1970. Berlin 1971. S. 71-77; [Leonid Brežnev]: 50 Jahre große Siege des Sozialismus. Rede und Schlußwort auf der gemeinsamen Festsitzung des Zentralkomitees der KPdSU, des Obersten Sowjets der UdSSR und des Obersten Sowjets der RSFSR im Kongreßpalast des Kreml, 3.-4. November 1967. In: ebd. S. 81-154; [Leonid Brežnev]: Rede auf der Jubiläumssitzung des Sejm anlässlich des 25. Jahrestages der Volksrepublik Polen, 21. Juli 1969. In: ebd. S 437-445.

[31] Grundlegend ist dabei von den „drei Phasen“ der Kriegserinnerung auszugehen, die Bonwetsch unterscheidet: „Die erste dauerte vom Kriegsende bis zum Tode Stalins 1953; die zweite reichte vom ‚Tauwetter’ nach Stalins Tod bis zur Absetzung Chruschtschows 1964 (…); die dritte umfaßte die Jahre vom Machtantritt Leonid Breschnews bis zum Beginn der ‚Perestroika’ 1987“ (Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. S. 145).

[32] „Generalissimus der Sowjetunion J. W. Stalin (nach einem Gemälde von F. P. Reschetnikow). Staatliche Tretjakow-Galerie Moskau“ (Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. Zw. S. 2 und 3).

[33] „J. W. Stalin: Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion“ (vgl. ebd. S. 3; wurde für diese Arbeit nicht herangezogen). Die kritiklose Verwendung von Stalin-Zitaten prägt den ganzen Text, auf Einzelnachweise sei daher verzichtet. Sehr aufschlussreich ist auch die Liste der verwendeten Literatur (vgl. ebd. S. 203-206), die sich mehr oder weniger auf offizielle Äußerungen und Veröffentlichungen der sowjetischen Führung beschränkt. Wie sehr Stalin selbst am eigenen militärischen Nimbus mitarbeitete kritisierte Chruščëv scharf (vgl. [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 69f.).

[34] Vgl. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. S. 5ff. Vgl. auch Große Sowjet-Enzyklopädie. Sp. 734f.

[35] Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. S. 8. Vgl. auch Große Sowjet-Enzyklopädie. Sp. 735f.

[36] Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. S. 8. „Das war ein großer historisch bedeutsamer Sieg der Stalinschen Außenpolitik“ (ebd.). Dagegen verfolgte der Westen angeblich nur verräterische Absichten (vgl. ebd. S. 42ff.).

[37] Vgl. ebd. S. 10-13.

[38] Ebd. S. 14.

[39] Ebd.

[40] Ebd. S. 16.

[41] Ebd. „[E]r überprüfte persönlich die Konstruktionen von Flugzeugen, Panzern und Kanonen. Er erzog ausgezeichnete Kader von Konstrukteuren, die unter seiner unmittelbaren Leitung und nach seinen Weisungen arbeiteten“ (ebd.).

[42] Vgl. ebd. S. 18f.

[43] Ebd. S. 20.

[44] Ebd. S. 14.

[45] Ebd.

[46] Vgl. ebd. S. 14-22 („Die Vorbereitung der Sowjetunion auf die aktive Verteidigung“), S. 22-73 („Die aktive Verteidigung vom Juni 1941 bis zum Herbst 1942“). Zu Stalin als ‚genialer’ Stratege vgl. auch ebd. S. 155f.

[47] Vgl. ebd. 11ff.

[48] „Als die Sowjetregierung den sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakt abschloß, zweifelte sie nicht daran, daß das faschistische Deutschland früher oder später die UdSSR überfallen würde“ (ebd. S. 21). Angeblich wurde auch der „Befreiungsfeldzug in der Westukraine und in Westbelorußland“ vom Gedanken bestimmt, sich auf die Verteidigung vorzubereiten; „die Sowjetregierung [ließ] an der neuen Westgrenze Verteidigungsanlagen errichten“ (ebd.). Doch später heißt es: „am ersten Kriegstage waren die zahlenmäßig geringen sowjetischen Grenzschutztruppen [!] dem (…) Ansturm der deutsch-faschistischen Wehrmacht ausgesetzt“ (ebd. S. 24). Als Sündenbock für die Fehlschläge des Kriegsbeginns müssen die Westalliierten herhalten (ebd. S. 55: „Stalin zeigte die Ursachen für die zeitweiligen Mißerfolge der Sowjetarmee auf, deren hauptsächlichste das Fehlen einer zweiten Front in Europa und der Mangel an Panzern und Flugzeugen waren“; vgl. auch ebd. S. 63f., S. 99, S. 104f., S. 119). Am verblüffendsten dürfte wohl die Behauptung sein, die „Sowjetarmee (…) rettete viele Völker Europas vor der faschistischen Sklaverei und der anlo-amerikanischen imperialistischen Knechtschaft“ (ebd. S. 137), die praktisch unterstellt, die UdSSR habe gegen Nazideutschland, die USA und Großbritannien gleichermaßen gekämpft! Vgl. auch Große Sowjet-Enzyklopädie. Sp. 735f. und Sp. 738-743.

[49] Dazu gehört auch Stalins Behauptung einer zeitweise bestehenden unvermeidbaren deutschen Überlegenheit (vgl. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion 1941-1945. S. 13-26). Diese werde dann langfristig durch die „ständig wirkenden Faktoren“ ausgeglichen (ebd. S. 155).

[50] Vgl. ebd. S. 26 („In dieser außerordentlich schweren und gespannten Lage leitete (…) Stalin den Kampf des Sowjetvolkes und seiner Streitkräfte (…). In der Hand des Staatlichen Verteidigungskomitees war die ganze militärische und wirtschaftliche Führung des Landes vereinigt“) und S. 26-34 („Die historische Rede Stalins vom 3. Juli 1941“); wieso sich Stalin nicht eher bei seinem Volk meldete, bleibt freilich offen.

[51] „Als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und des Staatlichen Verteidigungskomitees, als Volkskommissar für Verteidigung und oberster Befehlshaber vereinigte Stalin in seiner Person die Spitze der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führung des Landes, konzentrierte er alle Bemühungen des Volkes, des Staates und der Armee auf die Erringung des Sieges über das faschistische Deutschland“ (ebd. S. 34). Vgl. auch ebd. S. 154 („Der Heroismus der sowjetischen Soldaten und Partisanen (…) war kein Heroismus einzelner – es war ein Heroismus der Massen. (…) Ihre welthistorischen Siege verdanken die Völker der UdSSR dem großen Führer und Feldherrn (…) J. W. Stalin.“). Die Verehrung geht so weit, dass die „Chronologie der wichtigsten Ereignisse des Großen Vaterländischen Krieges“ (ebd. S. 163-201), neben den militärischen Entwicklungen nicht nur verschiedenste Reden Stalins auflistet, sondern sogar die Glückwünsche Stalins an die Belegschaften und Kollektive von Kraftwerken, Bauorganisationen, Montagekollektive usw. (vgl. z. B. ebd. S. 196). Anderseits werden die amerikanischen Atombomben-abwürfe auf Japan nicht erwähnt (vgl. ebd. S. 200)! Allerdings wurde auch in der Chruščëv-Zeit der Sieg über Japan als sowjetisches Verdienst dargestellt (vgl. Geschichte des Zweiten Weltkrieges. 1939-1945. Teil I. S. 12f.). Anzumerken wäre noch, dass Stalin wohl (ungeachtet aller Übertreibungen) tatsächlich eine ehrliche Popularität bei Volk und Soldaten genoss (so berichten Werth und Kopelev aus eigener Anschauung: vgl. Alexander Werth: Russland im Krieg. S. 15f.; Lew Kopelew: Ist eine Rehabilitierung Stalins möglich? S. 300).

[52] [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 8.

[53] Vgl. ebd. S. 8-14, S. 17-24, S. 30f., S. 75 usw. Es sei dahingestellt, wie sehr er dabei selbst einen Personenkult um die Ikonen des Kommunismus betrieb.

[54] Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. S. 44. Zur Rede und dem begleitenden Kontext vgl. Vladimir Naumov: Zur Geschichte der Geheimrede N. S. Chruščevs auf dem XX. Parteitag der KPdSU. In: Forum 1 (1997). S. 137-177; Anne Sunder-Plaßmann: Rettung oder Massenmord? Die Repressionen der Stalinära in der öffentlichen Diskussion seit dem Beginn der Perestrojka. Hamburg 2000 (= Osteuropa Band 25). S. 19-29; Elke Fein: Geschichtspolitik in Rußland. S. 40-53; vgl. auch das Fazit ebd. S. 70ff.; Stephan Merl: Entstalinisierung, Reformen und Wettlauf der Systeme 1953-1964. In: Handbuch der Geschichte Russlands. Band 5.1. 1945-1991. Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Hrsg. von Stefan Plaggenborg. Stuttgart 2002. S. 175-318, bes. S. 175-181, S. 191-199 und S. 314-318; Thomas Schütze: „Stalinpolitik“ in der Sowjetunion. Eine politikwissenschaftliche Fallstudie über Stalin als Legitimationsfigur der sowjetischen Politik unter Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow. Hamburg 2002. S. 79-99.

[55] [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 8f. Im Einzelnen auf die Trennung in einen ‚guten’ und einen ‚schlechten’ Stalin einzugehen, soll an dieser Stelle unterbleiben. Der Idee, die Erfolge könnten die Verbrechen aufwiegen, erteilt Chruščëv aber eine Absage (vgl. ebd. S. 76f.). Vgl. auch die Literatur der vorhergehenden Fußnote.

[56] Ebd. hier S. 44.

[57] Ebd.

[58] Vgl. ebd. S. 45. Vgl. auch Chruschtschow erinnert sich. Hrsg. von Strobe Talbott. Eingeleitet und kommentiert von Edward Crankshaw. 1.-50. Tausend. Hamburg 1971. S. 149.

[59] Vgl. [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 45. Allerdings betont Chruščëv, dass Churchill dabei „seine imperialistischen Ziele“ im Auge gehabt habe, Deutschland und die Sowjetunion in einen Krieg zu stürzen. (ebd.)

[60] Ebd. S. 45f.

[61] Vgl. ebd. S. 46.

[62] Vgl. ebd. S. 49. Hier spricht er wohl sogar aus eigener Erfahrung, vgl. Chruschtschow erinnert sich. S. 178. Allerdings erwähnt er in seinen Memoiren – anders als in der Geheimrede – dass es durchaus eine Warnung aus Moskau gab (vgl. ebd. S. 177 und die Fußnoten ebd. und S. 180).

[63] [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 47f. Offenbar bezieht er sich auch hier teilweise auf eigene Beobachtungen, vgl. Chruschtschow erinnert sich. S. 179.

[64] [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 49f. Wie er erklärt, wurden die Listen, „die viele tausend Partei-, Sowjet-, Komsomol-, Militär- und Wirtschaftsfunktionäre betrafen“ von Stalin persönlich gebilligt (ebd. S. 40). Nicht weniger bestürzt zeigt sich Chruščëv auch über die Verfolgung von hohen Militärs nach dem Krieg, die Stalins Mythos als Architekt des Sieges im Wege standen (vgl. ebd. S. 54)

[65] Wie er ebd. S. 49 und 51 explizit betont.

[66] Ebd. S. 50. Vgl. auch ebd. S. 24.

[67] Ebd. S. 51. Da sich diese Arbeit auf den Kriegsbeginn konzentriert, sollen die weiteren Ausführungen Chruščëvs nicht weiter besprochen werden. Es sei aber auf die Anekdoten über Stalins Planung am Globus usw. erinnert, die Stalin als inkompetent und lächerlich erscheinen lassen (vgl. ebd. S. 51-54). Noch nach seinem Sturz schreibt Chruščëv: „Stalin verlor die Nerven, als er von Frankreichs Niederlage erfuhr“ (Chruschtschow erinnert sich. S. 146; vgl. auch ebd. S. 175-188). Vgl. dazu Thomas Schütze: „Stalinpolitik“ in der Sowjetunion. S. 95f.

[68] Er übt Kritik an Filmen und Büchern „die Brechreiz hervorrufen“ ([Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 54). Vgl. auch ebd. S. 68ff. (über Stalins ‚Kurze Lebensbeschreibung’) und dazu Thomas Schütze: „Stalinpolitik“ in der Sowjetunion. S. 97.

[69] „Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenhafte Armee, ihre talentierten Kommandeure und tapferen Soldaten, das ganze sowjetische Volk – das ist es, was den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewährleistete“ ([Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 55). „Die Hauptrolle und das Hauptverdienst bei der siegreichen Beendigung des Krieges fallen unserer Kommunistischen Partei, den Streitkräften der Sowjetunion und Dutzenden Millionen von Sowjetmenschen zu, die von der Partei erzogen wurden“ (ebd. S. 56).

[70] Vgl. auch den Beschluß des Zentralkommitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkultes und seiner Folgen. S. 100.

[71] Vgl. [Nikita Chruščëv]: Über den Personenkult und seine Folgen. S. 82.

[72] Ebd. S. 84. Vgl. auch den Beschluß des Zentralkommitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkultes und seiner Folgen. S. 86-113. Allerdings bestand das ZK auf einer Abmilderung der Verurteilung Stalins bezüglich des Krieges (vgl. Vladimir Naumov: Zur Geschichte der Geheimrede. S. 173). Auch in seinen Memoiren hält Chruščev an den Vorwürfen Stalin gegenüber fest, betont hier aber auch das Versagen Vorošilovs als Volkskommissar für Verteidigung und die Beeinflussung Stalins durch verschiedene Mitarbeiter (u. a. durch Molotov); inwieweit er dabei persönliche Konflikte austrägt, bleibt natürlich offen (vgl. Chruschtschow erinnert sich. S. 167-188).

[73] Vgl. Andreas Langenohl: Erinnerung und Modernisierung. S. 158.

[74] Hier wurde besonders die Vernichtung der militärischen Führung 1937 enthüllt (vgl. Thomas Schütze: „Stalinpolitik“ in der Sowjetunion. S. 118). Schütze weist auch darauf hin, dass Mitte 1961 der Artikel eines Marshalls, „in welchem er Stalin für die zu Beginn des deutschen Angriffs auf die UdSSR erlittenen Rückschläge verantwortlich machte“ ein Vorbote für den XXII. Parteitag und die „zweite Entstalinisierungs-kampagne“ gewesen sei (ebd. 116f.).

[75] Es war erst die zweite Allunionskonferenz überhaupt nach 1928/9 und bot Raum für Diskussionen über den Schaden, den der Personenkult in der Geschichtswissenschaft angerichtet hatte. Beschlüsse wurden aber nicht gefasst, die Materialen erscheinen nur gekürzt in einer geringen Auflage von 5000 Exemplaren (vgl. Kurt Marko: Sowjethistoriker zwischen Ideologie und Wissenschaft, bes. S. 41-71; Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S.109-165, bes. S. 156-159; Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichts-wissenschaft 1953 bis 1991. S. 72-82).

[76] Vgl. Nikolai Korenjuk: Die Akademie der Wissenschaften der UdSSR als elitäre Korporation. In: Im Dschungel der Macht. Intellektuelle Professionen unter Stalin und Hitler. Hrsg. von Dietrich Beyrau. Göttingen 2000. S. 65-83; Bernd Faulenbach: Deformationen der Geschichtswissenschaft unter Hitler und Stalin. Die Akademie der Wissenschaften der UdSSR als elitäre Korporation. In: ebd. S. 260-274.

[77] So Hösler (vgl. Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. S. 295ff.); vgl. auch Roger D. Markwick: Thaws and freezes. S. 173-192.

[78] Vgl. Joachim Hösler: Die sowjetische Geschichtswissenschaft 1953 bis 1991. S.95-102.

[79] Vgl. Alexander Werth: Russland im Krieg. S. 18-21. Das Verhältnis der Politik zur Geschichtsschreibung war auch Schwankungen unterworfen, die sich aus der jeweiligen politischen Lage ergaben; so hatten die Aufstände in Polen und Ungarn 1956 und die Geschehnisse um die Anti-Parteigruppe wieder Verhärtungen zur Folge (vgl. Roger D. Markwick: Thaws and freezes. S. 178f.). Vgl. auch Gerd R. Ueberschär: Die militärische Kriegsführung. In: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht. Erweiterte und vollständig überarbeitete Neuausgabe der 1997 auf englisch erschienen Fassung. Darmstadt 2000. S. 73-224, hier S.78-81 und S.85-88; Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. S. 151-154..

[80] Laut Bonwetsch wurde das Werk auf einen Beschluss des ZK der KPdSU vom 17. September 1957 hin in Angriff genommen (vgl. Bernd Bonwetsch: Der „Große Vaterländische Krieg“ und seine Geschichte. S. 168).

[81] Vgl. Alexander Werth: Russland im Krieg. S. 14 und S. 704; Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 138. Sie sei „bis auf den heutigen Tag immer noch die anspruchsvollste sowjetische Darstellung geblieben“, urteilt Bonewtsch kurz vor dem Ende der UdSSR (Bernd Bonwetsch: Der „Große Vaterländische Krieg“ und seine Geschichte. S. 168). Eine mit zwölf Bänden umfangreichere aber inhaltlich viel schwächere offizielle Kriegsgeschichte folgte erst 1973-1982 (vgl. ebd. S. 169) – der Auftrag dafür erfolgte aber schon 1965 durch das Politbüro (vgl. Bernd Bonwetsch: „Ich habe an einem völlig anderen Krieg teilgenommen”. S. 154).

[82] Vgl. dazu die Zusammenfassung von Alexander Werth: Russland im Krieg. S. 113-122 und S. 130. „Die Kriegsgeschichte wurde zu einem integralen Bestandteil der Entstalinisierung. Sie war einer der wenigen Bereiche, in dem die Stalin-Kritik aufgenommen wurde“ (Bernd Bonwetsch: Der „Große Vaterländische Krieg“ und seine Geschichte. S. 168). Für diese Arbeit wurde dieses Werk nicht herangezogen. Allerdings handelt es sich bei G. A. Deborin u. a.: Die Sowjetunion am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges. S. 102-156 um einen Auszug aus Band I (entspricht Kap. IX, S. 395-435 der sowjetischen Ausgabe, Moskau 1960).

[83] Vgl. Alexander Werth: Russland im Krieg. S. 122-129. Vgl. auch Ilse Heller: Die Berichte sowjetischer Kriegsteilnehmer. S. 326-342: Heller beschäftig sich mit den Kriegserinnerungen der 50er-Jahre, die offensichtlich vom „Glauben an die Kommunistische Partei“ (ebd. S. 327) geprägt waren und sich auch auf Stalin als ihren Inspirator im Kampf beriefen (vgl. 337 und S. 339). Hellers Beitrag ist auch selbst eine aufschlussreiche Quelle, da sie die ‚wahre’ und ‚objektive’ Schilderung des Krieges in den sowjetischen Erinnerungen feiert und den ‚erlogenen’ Erinnerungen von Wehrmachtsgenerälen gegenüberstellt (vgl. ebd. S. 341). Vgl. auch Gerd R. Ueberschär: Die militärische Kriegsführung. S. 73-83 und, Gerd R. Ueberschär: Verdrängung und Vergangenheitsbewältigung. In: Hitlers Krieg im Osten. S. 410-434, hier S. 410-417.

[84] Laut dem Herausgeber Haupt war Deborin außerdem „langjähriger Professor an der Obersten Parteischule des Zentralkomitees unter Stalin, […] stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR“ (G. A. Deborin / B. S. Telpuchowski: Im ideologischen Bann von Geschichtsfälschern. S. 203).

[85] Nekrič erinnert sich an den „Doktor der Wirtschaftswissenschaften Professor und Oberst a. D. Grigoij Abramowitsch Deborin (…), de[n] älteste Sohn des berühmten Philosophen und sogenannten menschewisierenden Idealisten Abram Moissejewitsch Deborin“ (Alexander Nekritsch: Entsage der Angst. S. 121). Er erwähnt auch, dass für die Erstellung der sechsbändigen Kriegsgeschichte eine eigene Abteilung im Institut für Marxismus-Leninismus geschaffen wurde (vgl. ebd. S. 138). Dabei ist anzumerken, dass das Verhältnis der beiden möglicherweise von persönlichen Differenzen geprägt war, da Deborin als Hauptzeuge gegen einen Freund Nekričs in einem späten Schauprozess auftrat (vgl. ebd. S. 121ff.). Kurioserweise verband Nekrič mit dem Vater, dem Philosophen Deborin, eine lebenslange Freundschaft (vgl. u. a. ebd. 14-19 und S. 160ff.). Übrigens waren die Deborins, wie Nekrič selbst, Juden (vgl. ebd. S. 11f. und S. 14); daher ist ein antisemitischer Hintergrund wohl auszuschließen.

[86] Vgl. G. A. Deborin / B. S. Telpuchowski: Im ideologischen Bann von Geschichtsfälschern. S. 203-232; Protokoll der Diskussion über das Buch von A. M. Nekritsch. S. 189-201.

[87] G. A. Deborin: Der Zweite Weltkrieg.

[88] Ebd. S. 64.

[89] Vgl. ebd. S. 57-65.

[90] Ebd. S. 128.

[91] Vgl. ebd. S. 128-139.

[92] Ebd. S. 129f.

[93] Vgl. ebd. S. 131ff.

[94] Vgl. ebd. S. 137ff.

Details

Seiten
47
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640810215
ISBN (Buch)
9783640810581
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165161
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Nekritsch Zweiter Weltkrieg Großer Vaterländischer Krieg Stalin Entstalinisierung Chruschtschow UdSSR Sowjetunion Kriegshistoriographie

Autor

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Titel: "22. Juni 1941" - Die "Nekritsch-Affäre" im Kontext der sowjetischen Kriegshistoriographie