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Zur Theorie und Praxis tiergestützter Interventionen mit Hunden

Diplomarbeit 2008 103 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Eine Literaturübersicht

I Abbildungsverzeichnis

II Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichte und Gegenwart der tiergestützten Interventionen

3 Theoretische Annäherung
3.1 Erklärungsansätze und Modelle der Mensch-Tier-Beziehung
3.1.1 Die Biophilie-Hypothese
3.1.2 Das Konzept der Du-Evidenz
3.1.2 Hinweise aus der Bindungstheorie
3.2 Die Mensch-Hund-Beziehung
3.2.1 Die Entstehung der Mensch-Hund-Beziehung
3.2.2 Die Kommunikation zwischen Mensch und Hund
3.2.3 Gemeinsamkeiten und Unterscheide zwischen Menschen und Hunden im Kontext der tiergestützten Interventionen
3.2.4 Besondere Charakteristika im Vergleich zu anderen Tierarten
3.3 Zusammenfassung und Diskussion

4 Forschungsergebnisse: Auswirkungen von Hunden auf den Menschen
4.1 Untersuchungen über das Zusammenleben von Mensch und Hund
4.2 Untersuchungen mit psychisch kranken Menschen
4.3 Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit von Herzinfarktpatienten
4.4 Auswirkungen auf Puls und Blutdruck bei Kindern und Jugendlichen
4.5 Auswirkungen auf verhaltensauffällige Schüler
4.6 Zusammenfassung und Diskussion

5 Ziele, Methoden und Einsatzbereiche der tiergestützten Interventionen
5.1 Formen tiergestützter Interventionen
5.2 Methodische Grundlagen
5.2.1 Interaktionsformen in der tiergestützten Intervention
5.2.2 Funktionsformen in der Interaktion
5.2.3 Die Grundmethoden der tiergestützten Interventionen
5.2.3.1 Die Methode der freien Begegnung
5.2.3.2 Die Hort-Methode
5.2.3.3 Die Brücken-Methode
5.2.3.4 Die Präsenz-Methode
5.2.3.5 Die Methode der Integration
5.3 Der Einsatz von Hunden in unterschiedlichen Praxisfeldern
5.4 Konzepte und Praxisbeispiele von tiergestützten Interventionen mit Hunden
5.4.1 Das Konzept der Canepädagogik
5.4.2 Das Konzept der hundgestützten offene Jugendarbeit
5.4.3 Das Konzept der tiergestützten Heilpädagogik mit Hunden
5.4.4 Das Konzept der hundgestützten Sozialpädagogik mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen
5.4.5 Der Einsatz von Hunden im tiergestützten Besuchsdienst
5.4.6 Der Einsatz von Hunden in Justizvollzugsanstalten
5.5 Zusammenfassung und Diskussion

6 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick

III Literaturverzeichnis

I Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Bevorzugte Kommunikationswege: Mensch und Hund im Vergleich (Quelle: Prothmann, A. 2005, 10)

Abb. 2: Hortmethode: Kontaktaufbau im mobilen Kleingehege (Quelle: Otterstedt 2007, 348)

Abb. 3: Hortmethode mit freier Begegnung (Quelle: Otterstedt 2007, 346f.)

Abb. 4: Brücke mit leichtem Zweig (Quelle: Otterstedt 2007, 352)

Abb. 5: Brücke mit Hand des Begleiters (Quelle: Otterstedt 2007, 353)

Abb. 6: Präsenzmethode: Beobachtung und sensible Annäherung (Quelle: Otterstedt 2007, 355)

II Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Ausschlaggebend für die Themenwahl der vorliegendem Arbeit sind zahlreiche Beobachtungen in der Interaktion zwischen Mensch und Hund. Diese fanden vor allem mit meinem Golden Retriever Rüden statt. So entdeckte ich im Alltag, welche Auswirkungen die Interaktion mit Hunden auf Menschen haben kann.

Da es auf dem Gebiet der tiergestützten Interventionen entsprechende Publikationen gibt, ist es das Ziel dieser Arbeit, den Forschungsstand in Form einer Literaturauswertung vorzustellen und zu überprüfen, ob dieser über Erfahrungsberichte und Annahmen hinaus auch ein wissenschaftliches Fundament besitzt. Hierfür wurden hauptsächlich Quellen aus den Bereichen der Psychologie, der Pädagogik, der Sozialpädagogik, der Sonderpädagogik, der Soziobiologie sowie der Zoologie und Kynologie herangezogen und diskutiert. Des Weiteren soll diese Arbeit einen Überblick über die Theorie und Praxis der tiergestützten Interventionen mit Hunden geben.

Als Basis jeder Theorie und Praxis wird zunächst ein Überblick über die Geschichte und Gegenwart der tiergestützten Interventionen gegeben. Das darauf folgende Kapitel setzt sich mit der Frage auseinander, welche Theorien der Mensch-Tier-Beziehung sowie der Mensch-Hund-Beziehung zu Grunde liegen. Dafür werden verschiedene Erklärungsansätze vorgestellt, die zum einen begründen, welche positiven Wirkungen aus der Mensch-Tier-Beziehung hervorgehen und zum anderen, welche Grundlagen solche Effekte möglich machen. Während sich der erste Teil der theoretischen Annäherung übergrei- fend auf alle Tiere bezieht, setzt sich aufbauend darauf der zweite Teil speziell mit der Mensch-Hund-Beziehung auseinander. Dieser beschäftigt sich mit ihrer Entstehung, ihrer spezifischen Kommunikation sowie den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Mensch und Hund. Ebenfalls werden die beson- deren Charakteristika des Hundes im Vergleich zu anderen Tierarten erörtert. Nach dieser theoretischen Auseinandersetzung soll geprüft werden, ob es empirisch gesicherte Erkenntnisse zu den Wirkungen von Hunden auf den Menschen gibt. In diesem Kontext werden verschiedene Studien vorgestellt. Anschließend folgt eine kritische Diskussion der Studienlage. Nachdem Theorie sowie die erforschten Einflüsse von Hunden auf den Menschen erörtert wurden, geht es dann um die praktischen Umsetzung. Hierfür werden Ziele, Methoden und Einsatzbereiche der tiergestützten Interventionen vorgestellt. Das Kapitel erläutert zunächst die verschiedenen Formen der tiergestützten Interventionen mit ihren spezifischen Zielsetzungen. Daraufhin folgt eine methodische Ausei- nandersetzung: Diese umfasst die verschiedenen Interaktions- und Funktions- formen in der Interaktion mit dem Tier sowie die Grundmethoden der tierge- stützten Interventionen. Im Anschluss daran werden die unterschiedlichen Einsatzbereiche des Hundes vorgestellt. Um die tiergestützte Arbeit mit Hunden für den Leser so transparent wie möglich zu machen, erläutern einige Konzepte und Beispiele die praktische Umsetzung. Die Arbeit endet mit einer Zusammen- fassung, Diskussion und einem Ausblick. Hierbei werden die Lücken und Grenzen sowie das Potential der tiergestützten Arbeit herausgearbeitet.

Um den Lesefluss zu erleichtern, wird in den weiteren Ausführungen die männliche Form für die Verwendung von Personen sowie Personengruppen verwendet.

2 Geschichte und Gegenwart der tiergestützten Interventionen

ARKOW (1993, 7ff.) schildert, dass schon in den vergangenen Jahrhunderten die Menschen die positiven Wirkungsweisen von Tieren kannten. So seien in Belgien bereits im 8. Jahrhundert Tiere für therapeutische Zwecke eingesetzt worden.

Die ersten Aufzeichnungen stammen dagegen aus England. Diese beschreiben die Gründung des „York Retreads“, einer Einrichtung für Geisteskranke im Jahre 1792. Hier bekamen die Patienten u.a. die Möglichkeit, Gärten zu versorgen und sich um kleine Tiere zu kümmern. Der Gründer TUKE ging davon aus, dass die Tiere einen humanisierenden Einfluss auf die Patienten ausüben, indem sie Selbstbeherrschung durch das von ihnen abhängige Tier lernen. In Anlehnung an Tukes Idee entstanden im 19. Jahrhundert die Bodelschwing- schen Anstalten in Bielefeld Bethel, einem Behandlungszentrum für Epileptiker. Auch hier übernahmen Menschen mit neurologischen und psychologischen Erkrankungen Verantwortung für Tiere und Pflanzen. Die therapeutischen Erfahrungen gingen jedoch verloren, da trotz der hohen Bedeutsamkeit von Tieren in der Behandlung keine Aufzeichnungen darüber angefertigt wurden (vgl. HEGEDUSCH 2007, 34 f.; MCCULLOCH 1998, 410 ff.).

KONECZNY (2006, 11) setzt sich im geschichtlichen Kontext mit der empiri- schen Perspektive der Wirkungen von Tieren auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich der pädagogische und therapeutische Einsatz von Tieren zwar schon seit Jahrhunderten bewährt habe, es jedoch erst seit kurzer Zeit auch Forschungen und begleitende wissenschaftliche Untersuchungen über die Wirkungen von Tieren gebe. Den Anstoß gab der amerikanische Kinderpsycho- therapeut LEVINSON (1997, 9ff.). Dieser machte die Erfahrung, dass stark introvertierte Kinder, die Schwierigkeiten hatten zwischenmenschliche Bezie- hungen aufzubauen, problemlos ein gesundes und freundschaftliches Verhält- nis zu seinem Hund herstellen konnten. Zunächst bezogen die Kinder den Hund in ihre Phantasiespiele ein und ignorierten die Aufmerksamkeit des Psychiaters.

Nach und nach konnte sich LEVINSON in die Spiele integrieren und Kontakt zu den Kindern aufnehmen, so dass er eine Therapie beginnen konnte. Sein Hund hatte die Rolle eines „Eisbrechers“ übernommen. Die anfänglich feindselige Haltung und die Zurückhaltung des Kindes konnten gemildert und ein gemein- samer Kommunikationspunkt zwischen dem Klienten und dem Therapeuten geschaffen werden. LEVINSON behauptete später (1978, 1031ff.; 1989, 63 ff.), dass Heimtiere die menschlichen Entwicklung positiv beeinflussen können. Die Eigenschaft des Tieres, Zuneigung und Unterstützung ohne jeglichen Vorbehalt zu geben, sah er als Schlüssel zur Bedeutung von Tieren als Therapieinstru- ment an.

GREIFFENHAGEN (1992, 15 f.) beschreibt den Durchbruch LEVINSONS sowie die darauffolgende Entwicklung: 1969 veröffentlichte er seine Erfahrungen, die er mit Tieren als Co-Therapeuten gemacht hatte. Hiermit löste er eine For- schungswelle aus. So begannen Wissenschafter aus den unterschiedlichsten Disziplinen sowie Angehörige verschiedener Heilberufe Experimente, Versuchs- reihen und Dokumentationen. Später erhielten die Berichte des Psychologen- Ehepaars CORSON, der Soziologin FRIEDMANN sowie des Mediziners KATCHER über die heilsame Wirkung von Tieren auf einsame und kranke Menschen große Aufmerksamkeit. Zum Schlagwort eines neuen Wissen- schaftszweigs der Mensch-Tier-Beziehung wurde der Begriff „pet facilitated therapy“1. In den angelsächsischen Ländern entstanden sogenannte Pet Visiting Programms. Gruppen und Institutionen sowie Tierschutzvereine oder Hundezüchterverbände besuchten mit bewusst für diesen Zweck ausgebildeten Therapietieren Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser oder psychiatrische Anstalten. Sie unterhielten Streichelzoos für Großstadtkinder, vermittelten Heimtiere für kranke und einsame Menschen und bildeten Service-Hunde aus, welche Körperbehinderten bei ihrer Arbeit im Hause zur Hand gingen.

Neben diesen theoretischen und praktischen Aspekten der Entwicklung führt GREIFFENHAGEN (1992, 14ff.) eine länderspezifische Differenzierung an: Tiergestützte Interventionen und Forschungen seien zuerst in den angelsächsi- schen Staaten erprobt und angewandt worden. In Deutschland hingegen habe das Mensch-Tier-Thema zunächst wenig Interesse gefunden. Lediglich im Bereich des therapeutischen Reitens seien hier die ersten Forschungen und Anwendungen durchgeführt worden. Studien und Experimente mit anderen Tieren begannen erst in den achtziger Jahren. Den Hauptgrund hierfür sieht GREIFFENHAGEN in einer fehlenden Akzeptanz für den Einsatz von Tieren in Institutionen.

Daten einer Studie der Forschungsgruppe „TiPi - Tiergestützte Förderpädagogik“ an der Universität zu Köln geben Hinweise auf die aktuelle Situation der tiergestützten Interventionen in Deutschland: Demnach arbeiten mindestens 343 pädagogische Einrichtungen mit Tieren. Diese lassen sich in über 30 verschiedenen Institutionstypen unterteilen. Die Ergebnisse zeigen, dass reflektierte Zielvorstellungen vorhanden sind, jedoch fehlen schriftliche Verankerungen. Die Hauptziele liegen im Bereich der sozio-emotionalen Entwicklung, der Kommunikationsförderung, dem Bewegungsanreiz sowie der Freizeitbeschäftigung (vgl. FITTING-DAHLMANN 2007, 2ff.).

Nach diesem geschichtlichen und gegenwärtigen Überblick soll im nächsten Kapitel die Frage beantwortet werden, welche theoretische Basis der tiergestützten Interventionen mit Hunden zu Grunde liegt.

3 Theoretische Annäherung

In einem Bericht der European Cooperation in the field of Scientific and Techni- cal Research1 (COST) wird beklagt, dass es bisher keine akzeptierte Theorie der Mensch-Tier-Beziehung gibt. So bestehe zwar eine überzeugende empiri- sche Evidenz darüber, dass ein enger Kontakt mit Tieren und Pflanzen die Gesundheit und die Lebensqualität fördere, jedoch fehle eine Erklärung und ein Verständnis über die Wirkungen von Tieren. Dies sei auch die Ursache dafür, dass die vorliegende Evidenz im Gesundheitswesen immer noch weitgehend unbeachtet bleibe (vgl. NILSSON/BAINES/KONIJNENDIJK 2007, 14).

Anknüpfend an dieser kritischen Ansicht soll in diesem Kapitel zunächst die Frage beantwortet werden, aus welchen Gründen die Auswirkungen von Tieren auf den Menschen im Gesundheitswesen auf wenig Akzeptanz stoßen. In diesem Kontext werden verschiedene Paradigmen diskutiert, welche zur Erklärung der hilfreichen Wirkungen von Tieren herangezogen werden. Darauf- hin werden die wichtigsten Erklärungsansätze der Mensch-Tier-Beziehung vorstellt. Anschließend folgt eine Auseinandersetzung mit der Mensch-Hund- Beziehung. Hier soll geklärt werden, wie sich diese Beziehung entwickelt hat und welche Eigenschaften und Verhaltensweisen den Hund charakterisieren. In diesem Zusammenhang werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mensch und Hund erörtert. Des Weiteren werden die Besonderheiten des Hundes im Vergleich zu anderen Tierarten erörtert. Abschließend werden die vorangegangen Inhalte zusammengefasst und diskutiert.

3.1 Erklärungsansätze und Modelle der Mensch-Tier-Beziehung

Für OLBRICH (2007, 1) ist die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung durch ein über eine Millionen von Jahren gelungenes Zusammenleben geprägt. Trotz dieser langen gemeinsamen Geschichte hätten die Auswirkungen von Tieren auf den Menschen in den aktuell vorherrschenden Erklärungsmustern von Gesundheit keinen Platz gefunden. Den Grund hierfür sieht er darin, dass Beziehungen und ihre Effekte nicht in die aktuellen Denkmuster, die in unserer Gesellschaft über die Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit vorherrschen, hineinpassen. Eine weitere Erklärung für die geringe Akzeptanz sieht PROTHMANN (2007, 16) in den für sie spärlichen wissenschaftlichen Untersuchungen zur heilsamen Wirksamkeit von Tieren.

Nach OLBRICH (2007, 1) herrscht in der Medizin und in den das Gesundheits- wesen finanzierenden Institutionen ein mechanistisches Paradigma. Dieses sei an kausales Denken gebunden und verlange jede Veränderung oder Entwick- lung auf rational nachvollziehbare Gründe zurückzuführen. Eine Krankheit werde möglichst präzise diagnostiziert, worauf hin nach empirisch möglichst experimentell gesicherten Theorien biochemische und instrumentelle Mittel eingesetzt werden, die kausal auf die Behebung der Störung hinwirkten. Dieses vorherrschende Paradigma begrenze das Verständnis von lebendigen organis- mischen Prozessen. Ein mechanistisches Paradigma lasse sich nur partiell zur Erklärung hilfreicher Wirkungen von Tieren heranziehen, da Tiere nicht wie bei der Einnahme eines Medikamentes mechanistisch biochemische Störungen im kranken Körper nach eindeutig analysierten Prozessen beeinflussen könnten. OLBRICH empfiehlt ein ökologisches Paradigma, welches die vielfältig vernetz- ten Transaktionen beachte und bei dem auch die reziproken und nicht nur die direktional kausalen Beziehungen zwischen Lebewesen eine Rolle spielten.

Ich möchte darauf hinweisen, dass das von OLBRICH beschriebene mechanisti- sche Paradigma nicht die Sicht der wissenschaftlichen Medizin beschreibt. So betont u.a. KÖBBERLING (2005, Abs. 2-9), dass die Wissenschaft in der Medizin keinesfalls allein als Naturwissenschaft verstanden werden könne. Er bestreitet dabei nicht, dass die Naturwissenschaft Wesentliches zum Fortschritt der Medizin beigetragen habe, jedoch sei die medizinische Wissenschaft mehr als nur Naturwissenschaft. Vielmehr gehe sie häufig nach ganz anderen Methoden als die exakte Naturwissenschaft vor. So sei die Medizin eine Anwendungs- und Handlungswissenschaft, die Methoden und Theorien anderer Wissenschaften wie der Chemie, der Physik, der Biologie, der Psychologie und der Sozialwis- senschaften unter dem Gesichtspunkt ihrer Brauchbarkeit für die Erkennung, Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten auswähle, modifiziere und empirische Regeln für die Anwendung in Forschung und Praxis der Medizin erarbeite.

PROTHMANN (2007, 16) beschäftigt sich mit der Frage, wie sich der wissen- schaftliche Status einer Therapiemethode feststellen lasse. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass zunächst herausgefunden werden müsse, ob es Belege für eine Wirksamkeit gebe. Des Weiteren solle hinterfragt werden, ob sich Anwen- dungsbereiche definieren ließen und ob der therapeutische Ansatz auf dem Fundament einer wissenschaftlichen Theorie basiere. Abschließend solle geprüft werden, ob dieses Fundament auch dem aktuellen psychologischen Erkenntnisstand entspreche. Im Bezug auf empirisch nachgewiesene Wirkfakto- ren gibt OLBRICH (2007, 1f.) zu bedenken, dass die Rückführung dieser Effekte jedoch auch fehleranfällig sein könne. Gerade um fehlerhafte Schlüsse zu vermeiden, sei ein theoretisches Verständnis der Tier-Mensch-Beziehung erforderlich. Dieses bilde eine wichtige Grundlage für die Interpretation von Effekten. Der bloße Nachweis habe weniger Wert als ein Nachweis, der nach einer relevanten Theorie interpretiert werde.

Der nun folgende Teil beschäftigt sich daher mit den wichtigsten Erklärungsansätzen der Mensch-Tier-Beziehung.

3.1.1 Die Biophilie-Hypothese

Der Soziobiologe WILSON (1984, 76ff.) geht davon aus, dass eine vererbte emotionale Affinität des Menschen zu anderen lebenden Organismen besteht, die er als Biophilie bezeichnet. Die Biophilie könne spezifisch sehr individuell sein, da sie nicht einen einzelnen Instinkt, sondern ein komplexes Regelsystem darstelle. Diese Hypothese wird von KELLERT & WILSON (1993, 5 ff.) aufgrund von Erfahrungen, Beobachtungen sowie einiger Feldexperimente bestätigt.

Auch OLBRICH (2003, 184) ist der Ansicht, dass die Biophilie existiert. Diese lasse sich bei Babys beobachten. So interessierten sich diese für ihre Umwelt, ohne sie Neugier oder Interesse gelehrt werden müssten. Dieses Fasziniertsein von der Natur und die daraus erwachsende Beschäftigung, beschreibt für ihn die Biophilie. Er charakterisiert sie zudem als Liebe zum Lebenden. Ein weiterer Aspekt, der die Biophilie verdeutliche, sei, dass für sehr viele Menschen Tiere zum Leben dazugehörten. So mache für viele Menschen erst ein Tier die Familie vollständig.

OLBRICH (2007, 5 f.) führt die Biophilie darauf zurück, dass unsere Vorfahren während mehr als 99 Prozent der Menschheitsgeschichte in Jäger-Sammler- Horden mit Tieren und Pflanzen eng verbunden in der Natur gelebt haben. In dieser Zeit seien sie aus den verschiedensten Gründen auf Interaktionen mit ihren Mitlebewesen angewiesen gewesen, wie beispielsweise zum eigenem Schutz, zur Jagd und Nahrungsbeschaffung, zu den vielen Formen der Nutzung der Fähigkeiten von Tieren sowie der Gestaltung des Zusammenlebens mit ihnen.

KELLERT (1997, 3) beschreibt eine Vielzahl von Formen der physischen, emotionalen und kognitiven Hinwendung zum Leben und zur Natur. Die Biophilie habe eine fundamentale Bedeutung für die Entwicklung einer Person. Sie sei die Grundlage für eine gesunde menschliche Reife.

VERNOOIJ & SCHNEIDER (2008, 5) stellen die Biophilie-Hypothese in Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Situation. Demnach fehle gerade im Zeitalter der Massenmedien, Industrialisierung und Urbanisierung der Bezug zur Natur. Unter Berücksichtigung der großen Bedeutung der evolutionären Verbundenheit zwischen Menschen und Natur ließe sich ihrer Ansicht nach erklären, warum die Begegnung mit Tieren eine positive und oftmals heilsame Wirkung mit sich bringe.

KELLERT (1993, 42 ff.) differenziert zwischen neun Perspektiven der Bezugnahme von Menschen zu Tieren, Pflanzen und allgemein zur Natur. Dabei geht er davon aus, dass jede dieser Perspektiven intensiv erlebt werde und jede Form der Verbundenheit eine spezifische Bewertung der Lebewesen impliziere. Zudem habe jede Perspektive ihren besonderen adaptiven Wert für den Erhalt der eigenen Existenz sowie für den Erhalt der ökologischen Systems. Im folgenden werden KELLERTS Perspektiven vorgestellt:

Die utilitaristische Perspektive der Biophilie betont die Nützlichkeit der Naturbezogenheit. Diese kommt zum Tragen, wenn Menschen Tiere nutzen - um sie u.a. zu essen, als Schlachtvieh ihren Lebensunterhalt zu sichern oder als Blindenhund ihre Lebensführung zu erleichtern.

Fürsorgliche Reaktionen auf ein schreiendes Baby oder die Freude zu teilen fallen in die humanistische Perspektive. Diese beschreibt eine tief empfundene positive Verbundenheit mit anderen Lebewesen mit einer Tendenz zur Fürsor- ge, zu Altruismus, zu Bindung1 und zur Bereitschaft zu teilen. Der adaptive Wert liegt hierbei in einer sozial unterstützenden Form für den Erhalt von Leben.

Die Biophilie impliziert auch eine ä sthetische Perspektive. Diese beschreibt die Schönheit der Natur, die Menschen anspricht. So kann eine unberührte Berg landschaft, ein frei galoppierendes Pferd oder ein spielender Delphin den Menschen ergreifen und ein Erleben in ihm auslösen.

Die moralistische Perspektive der Biophilie umfasst nicht nur das Erleben von Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Natur, sondern auch die Verantwortung oder gar Ehrfurcht von dem Leben. KELLERT vermutet, dass in diesem Bezug auch die Basis der Ethik liegt.

Die Erfahrung des tiefen und ruhigen Ausgefülltseins beim Kontakt mit der Natur wird als naturalistische Perspektive beschrieben. Aus dieser Erfahrung resultieren Neugierde, Faszination und Bewunderung für die Vielfalt und Komplexität der Natur sowie Zufriedenheit.

Die ö kologisch-wissenschaftliche Perspektive umfasst die Motivation zur aufmerksamen und systematischen Beobachtung. Während die ökologische Perspektive stärker das Zusammenspiel zwischen allen lebenden Elementen der Natur erfasst, ist die wissenschaftliche Perspektive eher reduktionistisch auf Analyse ausgerichtet. Der adaptive Wert von Beobachtung und Analyse liegt im Wissenserwerb, der Erklärung der Welt und dem Verstehen.

Des Weiteren wird eine symbolische Perspektive der Biophilie beschrieben. Diese betont die Vielfalt von Schemata und Kategorien in der Natur, die als metaphorische Formen des Ausdrucks, des Befindens, der Interaktion und Kommunikation herangezogen werden. Symbole tauchen beispielsweise in historisch und kulturell übergreifenden Natursymbolen, in Mythen, Märchen, Legenden und Sagen auf. Sie fördern für KELLERT die Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit, die kognitiven Möglichkeiten und geben zudem Anreize für Identifikationsprozesse.

Der Aspekt der Kontrolle und die Tendenz, Leben zu beherrschen, wird als dominierende Perspektive zusammengefasst. In diesem Kontext vermutet KELLERT, dass diese Qualität der Biophilie die Basis für kontrolliertes und machtvolles Handeln sein kann, die zur Entwicklung menschlicher Techniken und Fertigkeiten beitrug.

Viele Menschen verspüren auch Angst, Aversion oder Antipathie im Kontakt mit der Natur. Diese Perspektive wird als negativistische Perspektive bezeichnet . KELLERT geht davon aus, dass der adaptive Wert dieser Form der Affinität den Anstoß zur Erarbeitung von Schutz und Sicherheit gab, der zur Gestaltung eines persönlichen Nahraumes führte.

Die Perspektiven KELLERTS machen für OLBRICH (2008, 8) deutlich, dass die Biophilie sehr viele Gefühle beeinflusst. Diese reichen von der Attraktion bis zur Aversion, von der Ehrfurcht bis zur Gleichgültigkeit sowie von der Friedlichkeit bis zur furchtgetriebenen Angst vor Tieren.

Die von KELLERT herausgestellten Funktion beziehungsweise Wirkungen der Biophilie kommen für VERNOOIJ & SCHNEIDER (2008, 7) im Kontext der tiergestützten Interventionen fast alle zum Tragen. Sie unterscheiden hierbei zwischen impliziten Wirkungen, die kaum sichtbar werden und nicht steueroder kontrollierbar sind, wie z.B. Gefühle von Harmonie, von Seelenverwandtschaft und Anreizen für Identifikationsprozesse sowie Wirkungen, die systematisch genutzt, gesteuert und kontrolliert werden können.

3.1.2 Das Konzept der Du-Evidenz

GREIFFENHAGEN (1992, 26 ff.) definiert die Du-Evidenz als Tatsache, nach der Menschen und höhere Tiere1 Beziehungen miteinander eingehen können, die den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren unter sich ähneln.

In diesem Kontext geht GREIFFENHAGEN (1991, 26) davon aus, dass die Initiative für eine solche Beziehung meist vom Menschen ausgeht. Ob Tiere diese Evidenz erwidern oder nicht, hält sie dabei für unerheblich. Bedeutsam sei die subjektive Gewissheit, dass es sich bei einer solchen Beziehung um eine Partnerschaft handele.

Im Gegensatz zu GREIFFENHAGEN sind VERNOOIJ & SCHNEIDER (2008, 8) der Ansicht, dass Mensch-Tier-Beziehungen vor allem dann entstehen könnten, wenn im körpersprachlichen Ausdruck, den Beweggründen und Empfindungen und bei den spezifischen Bedürfnissen beispielsweise nach Nähe, Berührung, Bewegung, Kommunikation und Interaktion von Mensch und Tier Ähnlichkeiten bestünden. In diesem Falle sei eine gemeinsame Basis gegeben, in der sich beide gegenseitig als „Du“ wahrnehmen könnten. Des Weiteren gehen sie davon aus, dass Menschen in erster Linie mit sozial lebenden Tieren2, vor allem mit Hunden und Pferden, eine solche Du-Beziehung eingehen. Die Erklärung hierfür sehen sie darin, dass diese Tiere ähnliche soziale und emotionale Grundbedürfnisse besäßen und in ihrer Körpersprache und ihren Ausdrucks- formen mit dem Menschen vergleichbar und dementsprechend verstehbar seien. Deshalb gebe es bestimmte Tiere, die der Mensch als Partner, Gefährten oder Vertrauten mit durchaus personalen Eigenschaften und Qualitäten ansehe. Der Delfin „Flipper“ oder die Colliehündin „Lassie“ seien einige von zahlreichen Beispielen für Du-Evidenzen zwischen Menschen und Tieren, die sich im Bereich Film und Fernsehen finden ließen. Auch wenn viele Fähigkeiten dieser Fernsehtiere antrainiert seien, zeige die große Beliebtheit der Sendungen, wie wichtig vielen Menschen die Beziehung zu beziehungsweise Verbundenheit mit Tieren sei. Dass ähnliche Beziehungen zwischen Menschen und Tieren möglich sind, lasse sich vor allem beim Haustier beobachten. Dieses werde meist als Familienmitglied, Gefährte und Ansprechpartner wahrgenommen, zu dem eine emotionale Bindung bestehe. So sehe der Mensch das Tier in diesem Kontext nicht als bloßen Nahrungslieferanten oder als minderwertiges Wesen an, welches sich ihm unterordnen müsse, sondern empfinde vielmehr die Bezie- hung zu ihm als Partnerschaft. Dabei wirke die Du-Evidenz weniger auf der kognitiven, sondern vielmehr auf der sozioemotionalen Ebene. Dies sei die Voraussetzung für die Fähigkeit zur Empathie für andere Lebewesen.

Dass Haustiere die Rolle eines Familienmitgliedes einnehmen, kann eine Studie aus den USA bestätigen: Von 62 Familien aus 11 Bundesstaaten der USA gaben 87% in Fragebögen zum Zusammenleben mit ihren Haustieren an, diese als Familienmitglieder anzusehen (vgl. CAIN 1983, 72 ff.). Auch in Deutschland konnte nachgewiesen werden, dass der Hund sowohl bei Hundebesitzern als auch bei Nichthundebesitzern als Teil der Familie angesehen wird (vgl. KRAFT, o.V. 2007, 2ff.).

Für GREIFFENHAGEN (1992, 26 ff.) stellt die Du-Evidenz die Voraussetzung für den therapeutischen und pädagogischen Einsatz von Tieren dar. Die Breite der Du-Evidenz reiche vom Betrachten und Füttern von Aquarienfischen bis zu einer Partnerschaft, die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr ähnlich sei.

Das Konzept der Du-Evidenz beschreibt die Mensch-Tier-Beziehung, erklärt sie jedoch nicht wie sie zu Stande kommt. Mit der Biophilie-Hypothese ließe sich diese Lücke schließen, denn sie beschreibt die Affinität zum Leben und der Natur: Aufgrund seiner natürlichen Verbundenheit zur Natur ist der Mensch fähig, eine Du-Evidenz zu Tieren aufzubauen.

Zuletzt ist noch die Frage zu beantworten, welchen pädagogischen und therapeutischen Nutzen die Beziehung zu einem Tier hat. BEETZ (2003, 76 ff.) überträgt die Bindungstheorie auf die Mensch-Tier-Beziehung und arbeitet die pädagogischen und therapeutischen Möglichkeiten heraus.

3.1.3 Hinweise aus der Bindungstheorie

Ausgangspunkt der Bindungstheorie ist die Annahme, dass Erfahrungen früherer Bindungen an eine oder mehrere Bezugspersonen beziehungsweise deren Fehlen entscheidenden Einfluss auf die sozioemotionale Entwicklung von Kindern haben können. Alle frühen Verhaltensmuster, die einen engen räumli- chen Kontakt zwischen der Mutter oder einer anderen Bezugsperson und dem Kind aufrechterhalten, gelten als prägungsrelevant. Diese Bindungserfahrungen seien die Grundlage für das spätere emotionale und soziale Verhalten des Menschen, für seine Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, zu bewerten und situationsangemessen auszudrücken sowie für die Qualität von Sozialbezie- hungen (vgl. AINSWORTH 1969, 969ff.).

BEETZ (2003, 76 ff.) überträgt die Bindungstheorie auf die Mensch-Tier- Beziehung. Demnach stellen Tiere und Menschen für einander Bindungsobjekte dar. Die ablaufende Interaktion lasse sich zwar nicht ohne weiteres auf die Mensch-Tier-Beziehung übertragen, jedoch könne die Beziehung zu Tieren das Gefühl von Sicherheit, gefühlter emotionaler Unterstützung sowie Zuverlässig- keit vermitteln. Auf dieser Grundlage seien Zusammenhänge mit Effekten bezüglich sozialer und emotionaler Kompetenzen erklärbar. Ebenfalls geht sie davon aus, dass die Bindung zu einem Tier auch als Modelle für Beziehungen zu anderen Menschen dienen könne. Die Bindung zu einem Tier werde vor allem dann besonders hilfreich sein, wenn die zwischenmenschlichen Bindun- gen gestört seien beziehungsweise unsichere Bindungen bestünden und diese der Grund des Problems sein könnten. Des Weiteren vertritt sie die Hypothese, dass der Aufbau einer Beziehung zu einem zuverlässigen Therapietier für bestimmte Personen anfangs leichter fallen kann, als die direkte Veränderung der Beziehungen zu Menschen.

PROTHMANN (2007, 21) beschreibt die Basis einer Bindung als eine funktionie- rende Kommunikation, die nicht an Worte gebunden sei. Sie geht davon aus, dass der Umgang mit Tieren verschiedene Reaktionen auf interpersonaler Ebene wie der Kommunikation und Bindung bewirken kann. Ebenso könnten intrapersonale Prozesse aus der nonverbalen Kommunikation mit dem Tier ausgelöst werden. So werde gerade bei der Vermittlung von Beziehungsaspek- ten die nonverbale Kommunikation herangezogen, während die verbal-rationale Kommunikation gerade bei Beziehungen zu Kindern oder Tieren eine unterge- ordnete Rolle spiele. Der Mensch sei in der Interaktion mit Tieren überwiegend auf eine intuitive und weniger auf eine kognitive Einschätzung des Gegenübers angewiesen. Dadurch würden erfahrungsbasierte Prozesse und der Aufbau einer Beziehung automatisch trainiert. BEETZ (2003, 82) geht in diesem Kontext davon aus, dass der Umgang mit dem Tier die emotionale Intelligenz fördere. Die von PROTHMANN beschriebenen Prozesse seien Grundlage der emotiona- len Intelligenz. Die gewonnenen Erfahrungen und Fähigkeiten könnten somit auf den Umgang mit Beziehungen zu Menschen übertragen werden.

Auch PORESKY & HENDRIX (1989, 931 ff.) kommen zu dem Schluss, dass Kinder, die mit Tieren aufwachsen, auch als Erwachsene mehr Empathie zeigen. In einer Untersuchung von ASCIONE & WEBER (1996, 188 ff.) konnte nachgewiesen werden, dass Empathie gegenüber Tieren mit Empathie gegenüber Menschen korreliert.

BEETZ (2003; 82) ist der Ansicht, dass Tiere gerade für Personen mit unsicheren Bindungen wichtige Bezugspartner seien. Desweiteren könnten Tiere subjektiv genauso bedeutsam wie sichere Bindungspersonen sein.

„Tiere werden als Gefährten wahrgenommen, die Empathie geben ohne Rücksicht auf kognitive Wertungen.“ (BEETZ 2003, 82)

PORESKY (1996, 159 ff.) vertritt die Ansicht, dass die Beziehung zu einem Haustier die soziale Entwicklung von Kindern erheblich beeinflussen könne. Die Qualität des Tieres sieht er dabei in der uneingeschränkten Akzeptanz: Dem- nach zeigten Tiere unabhängig von Wertvorstellungen und Normen ihre Zuneigung. Das Erleben von bedingungsloser Akzeptanz bilde ein wesentliches Element für eine gesunde emotionale Entwicklung. Tiere reagierten sofort auf nonverbales Verhalten, welches anders als die verbale Kommunikation weniger beeinflusst werden könne. Er geht davon aus, dass Tiere dadurch feinfühliger auf den tatsächlichen Zustand oder das Verhalten des Menschen reagierten. Diese ehrliche und schnelle Rückmeldung biete dem Menschen die Möglichkeit, sein Verhalten und seine Emotionen in diesem Augenblick in sein Selbst zu integrieren und somit seine Authenzität zu fördern.

Ein Tier kann für BEETZ (2003, 82) zwar nicht in allen Situationen wie eine sichere Bindungsperson auf den Menschen eingehen, jedoch hält sie es dennoch für einen sicheren und in seinem Verhalten zuverlässigen Interaktionspartner, dessen Einschätzung für den Menschen einfach sei.

3.2 Die Mensch-Hund-Beziehung

Insgesamt leben 20 Millionen Katzen, Hunde, Kleinsäuger und Vögel in rund elf Millionen deutscher Haushalte. Der Hund ist nach der Katze das beliebteste Haustier. So leben in 14 % aller Haushalte Katzen und in 4,7 % aller Haushalte Hunde (vgl. OECHSNER 2003, 1). Die größere Beliebtheit der Katze könnte sich dadurch erklären lassen, dass der zeitliche und organisatorische Aufwand für einen Hund bei weitem größerer ist als bei einer Katze.

Dieses Kapitel soll die Fragen beantworten, warum der Hund sich für die tiergestützten Interventionen eignet und welche positiven Effekte er beim Menschen auslösen kann.

3.2.1 Die Entstehung der Mensch-Hund-Beziehung

Der Hund stammt ursprünglich vom Wolf ab (vgl. HERRE/RÖHRS 1973, 7). Die Verhaltensforscherin FEDDERSEN-PETERSEN (1989, 24) erklärt, dass sich der Wolf im Zuge der Domestikation zum Hund entwickelte. Den Begriff Domestika- tion beschreibt sie als einen jahrtausendewährenden Prozess, in welchem Tiere genetisch verändert wurden. SAVOLAINEN ET AL. (2002, 1613) definieren Domestikation als die gezielte Züchtung nach bestimmten Körper- und We- sensmerkmalen.

FEDDERSEN-PETERSEN (1989, 27) erläutert den Vorgang der Domestikation: Diese orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen und erfolgt durch Trennung, isolierte Haltung sowie gezielter Vermehrung kleiner Individualgrup- pen. Hierbei sorgt der Mensch für Ernährung und Unterkunft der Wildtiere und ersetzt die natürliche Selektion durch eine künstliche. Die Folgen der Domesti- kation waren Veränderungen im Aussehen, Verhalten, Fortpflanzungsverhalten und in der Sozialstruktur der Tiere. DNA-Analysen datieren den Ursprung der Domestikation des Wolfes um 15.000 vor Christus (vgl. SAVOLAINEN ET AL. 2002, 1613). Damit ist der Hund das älteste Haustier (vgl. FEDDERSEN- PETERSEN 1989, 28).

FEDDERSEN-PETERSEN (ebd.) erklärt, dass die Ursachen der Domestikation heute jedoch nicht mehr eindeutig belegbar seien. Sie geht jedoch davon aus, dass das ausgeprägte Sozialverhalten, das gesellige Wesen sowie das ausge- prägte Rangordnungsdenken des Wolfes wichtige Gründe für seine Domestika tion waren. Im Laufe der Entwicklung habe der Mensch weitere nützliche Fähigkeiten des Hundes entdeckt, wie beispielsweise die Verteidigung des gemeinsam bewohnten Territoriums.

3.2.2 Die Kommunikation zwischen Mensch und Hund

Der Kulturwissenschaftler FLEISCHER (1987, 152ff.) befasst sich anhand einer semiotischen1 Analyse mit der Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Er sieht bei einer Beschreibung des Hundeverhaltens die Gefahr der Anthropo- morphisierung2, hält aber gleichzeitig eine neutrale Verhaltensanalyse mit der menschlichen Sprache für nahezu unmöglich, da jede Beschreibung des Hundewesens mit menschlichen Begriffen an menschliche Eigenschaften und Gefühle gekoppelt sei. Die Grundlage der Kommunikation beider Spezies liegt für ihn darin, dass der Hund im Laufe der Beziehungsentwicklung das Verhalten sowie die Stimmung des Menschen durch ausdauernde Beobachtung zu interpretieren lernte. Hieraus resultiere, dass der Mensch sich vom Hund ohne Worte verstanden fühle. Der Hund interpretiere auf die gleiche Art und Weise wie der Mensch es mache, indem er unser Verhalten „verhundlicht“ um es zu verstehen. Dies begründet der Autor damit, dass Hunde wie die Menschen bei der Einschätzung des Verhaltens einer anderen Spezies nur von sich ausgehen können. So könnten sie nur aus ihrer Erlebniswelt das Verhalten des anderen interpretieren.

Ob Tiere überhaupt ein Bewusstsein besitzen, wurde vielfältig erforscht. Hierbei kann als gesichert gelten, dass bei höheren Tieren wie dem Hund Vorformen eines Bewusstseins von sich selbst vorhanden sind (vgl. HEDINGER 1984f.).

Für VERNOOIJ & SCHNEIDER (2008, 3) zeigen nicht nur Dressurakte, sondern auch die Verhaltensweisen von Tieren, die in der Nähe von Menschen leben, dass ihr Verhaltensrepertoire erweiterbar ist. Die Lernfähigkeit bezogen auf bestimmte Verhaltensweisen sei zwar begrenzt, aber nicht völlig festgelegt. Dies zeigten ausgebildete Therapietiere wie Hunde, Pferde und Delfine.

FEDDERSEN-PETERSEN (1989, 55ff.) beschreibt die Kommunikation des Hundes als ein Interpretieren von Körpersignalen, Mimiken, Bewegungen, Lautäußerungen und Gerüchen. Sie erläutert, dass Hunde über einen hochleis- tungsfähigen Geruchssinn verfügten, der den menschlichen um ein Mehrtau- sendfaches übersteige.

Da der olfaktorische1 Kanal bei Mensch und Hund unterschiedlich ausgeprägt ist, kann es für FLEISCHER (1987, 152ff.) zu Missverständnissen in der Kom- munikation kommen. So nehme der Hund mehr Zeichen wahr, als ihm vom Menschen bewusst gesendet würden, und der Mensch nehme hingegen weniger Zeichen wahr, als ihm gesendet würden. Der Hund sende ständig olfaktorische Signale, die der Mensch jedoch nicht empfangen könne. Der Mensch sende demgegenüber ständig entsprechende Zeichen, die der Hund sehr genau wahrnehme und wodurch er detailliert über die menschliche Gemütslage informiert werde. So produziere der Körper des Menschen bei Gefühlen wie Freude, Aufregung, Wut, Glück, Traurigkeit oder Angst Geruchs- stoffe, die der Hund durch seinen feinen Geruchssinn wahrnehmen könne. FEDDERSEN-PETERSEN (1989, 55ff.) weist darauf hin, dass der olfaktorische Bereich noch weitgehend unbekannt für den Menschen sei. Sie vermutet jedoch, dass er für die Mensch-Tier-Beziehung eine größere Rolle spiele als bisher angenommen.

FLEISCHER (1987, 152ff.) erläutert, dass der akustische Kanal beim Menschen im Gegensatz zum Hund stärker ausgeprägt sei.

[...]


1 Pet facilitated therapy bedeutet tiergestützte Therapie.

1 Die COST ist eine europäische Institution, die die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Forschern in ganz Europa fördert (vgl. COST, o.V., 2008, Abs. 1).

1 Der Terminus Bindung beschreibt das biologisch begründete, Zeit und Ort überdauernde emotionale Band zwischen zwei Personen, insbesondere zwischen Kindern und ihren Eltern. Die Bindung betrifft dabei hauptsächlich den Schutz und die Sicherheit des abhängigen Kleinkindes in der Beziehung zu Bezugsperson (vgl. TENORTH/TIPPELT 2007, 118).

1 Die höheren Tiere werden in der Biologie von den niederen Tieren unterschieden. Zu den niederen Tieren gehören Einzeller und Mehrzeller, an deren Aufbau nur wenige Zellformen beteiligt sind. Niedere Tiere sind desweiteren dadurch gekennzeichnet, dass sie keine Wirbel (Knochen) besitzen. Hierzu gehören u.a. Garnelen, Nacktschnecken, Quallen oder Muscheln (vgl. ZUBI 2008, Abs. 1-2).

2 Soziale Tiere sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Gesellschaft anderer Tiere aus innerem Antrieb suchen und mit Hilfe eines ausgeprägten Nachahmungstriebs zu gemeinsamen Leistungen innerhalb der Gruppe kommen. Soziale Tiere kommen nur unter Spinnentieren, Insekten, Vögeln und Säugetieren vor (vgl. WISSEN.DE o.J., Abs. 1).

1 Die Semiotik ist die Lehre vom sprachlichem Ausdruck bzw. die Wissenschaft der Bedeutung von Sprache (vgl. TANDEM VERLAG, o.V. o.D., 279).

2 Anthropomorphisierung bedeutet die Übertragung menschlicher Züge auf Nichtmenschliches (vgl. ebd., 24).

1 Olfaktorisch bedeutet den Geruchssinn betreffend (vgl. TANDEM VERLAG, o.V. o.D., 212).

Details

Seiten
103
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640810734
ISBN (Buch)
9783640811212
Dateigröße
3.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165158
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Schlagworte
Tiergestützte Förderung Tiergestützte Therapie Tiergestützte Pädagogik Tiergestützt Hund Therapiehunde Auswirkungen von Tieren auf den Menschen Mensch-Tier-Beziehung Mensch-Hund-Beziehung

Autor

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Titel: Zur Theorie und Praxis tiergestützter Interventionen mit Hunden