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Die Katastrophe von Tschernobyl

Ein "medialer Erfolg" in der Ukraine?

Hausarbeit 2006 34 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Damalige Berichterstattung
2.2. Wie die Medien heute über Tschernobyl berichten
2.2.1. Ist Tschernobyl nicht mehr aktuell?
2.2.2. Wer war Schuld?
2.2.3. Die Einstellung des ukrainischen Volkes zur Katastrophe
2.2.4. Die Symbolwandlung
2.2.5. Die Folgen der Katastrophe

3. Fazit

War die Katastrophe von Tschernobyl „medial erfolgreich“?

Anhang:

Bibliographie

1. Einleitung

„Womit assoziiert man die Ukraine?“ - als Antwort auf diese Frage bekommt man in Deutschland meistens „Tschewchenko, Klitschko und Tschernobyl“ zu hören. Bei den ersten beiden ist alles klar - Sport. Was weißt man aber über Tschernobyl? Die meisten Menschen wissen, dass vor zwanzig Jahren eine große Katastrophe in der Ukraine stattgefunden hat und dass sie anscheinend schlimme Folgen für die Menschen hatte. Aber nur sehr wenige, auch in der Ukraine, wissen, was damals wirklich passiert ist. Nur wenige machen sich darüber Gedanken, wie das ukrainische Volk mit der Katastrophe zu Recht gekommen ist, was für Auswirkungen dieser GAU hatte und wie man heute mit den Folgen lebt. Ehrlich gesagt, habe ich mir auch nie großartig darüber Gedanken gemacht, obwohl die Ukraine mein Heimatland ist. Zum Zeitpunkt des GAUs war ich vier Jahre alt und befand mich in meiner Heimatstadt Riwne, ca. 300 km von Tschernobyl entfernt. Ich erinnere mich an fast gar nichts, nur dass ich den ganzen Sommer zu Hause verbrachte und es mir streng verboten war, länger als eine Stunde draußen zu spielen. Außerdem musste ich ständig Tabletten schlucken. Erst jetzt weiß ich, dass sie für die Schilddrüse waren.

Seit 2002 studiere ich in Deutschland an der Universität-Essen-Duisburg Kommunikationswissenschaft. Das Seminar „Sinn von Katastrophen“ im Sommersemester 2005, das ich besucht habe, gab mir Anlass über die Katastrophe nachzudenken. Die Zeit vom 29.05.05 bis zum 12.06.05 habe ich in der Ukraine verbracht. Ich hatte damit eine Möglichkeit, mich vor Ort mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe versucht in verschiedenen Bibliotheken meiner Stadt zu recherchieren, worüber die Medien in der Zeit des GAUs berichteten, was sie heutzutage darüber schreiben, was für Wirkungen das auf die Menschen hatte und was die Bevölkerung der Ukraine fast 20 Jahre nach Tschernobyl darüber denkt. Das Ziel meiner Arbeit ist es festzustellen, ob die Katastrophe in der Ukraine einen „medialen Erfolg“ hatte.

Das erste Problem bei meinen Recherchen, war das komplett fehlende Pressematerial aus den 90er Jahre. In keiner Bibliothek waren Zeitungen oder Zeitschriften, die aus der Zeit von 1986 bis 1995 stammten, vorhanden. Die übliche Erklärung dafür war, die Zeitungen aus dieser Zeit seien nicht mehr aktuell und würden nur zu viel Platz wegnehmen. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass es sich bei meiner Heimatstadt Riwne um eine kleine Stadt mit ca. 300 000 Einwohner handelt. Eventuell existiert in Kiew ein Archiv.

Ich hatte aber genug Material aus den Jahren 1995 - 2005 zur Verfügung, auf die ich mich gestützt habe.

Diese Arbeit besteht im Hauptteil aus zwei Kapiteln. Im ersten von beiden geht es um die ersten Tage nach dem GAU, im darauf folgendem darum, was in den letzten Jahren über Tschernobyl und dessen Auswirkungen in den ukrainischen Zeitungen berichtet wurde. Im Schlussteil wird ein Fazit gezogen, ob die Katastrophe vom Tschernobyl „medial erfolgreich“ war und warum.

2. Hauptteil

2.1. Damalige Berichterstattung

„ Der 27. April 1986 war ein Sonntag. Viele Menschen verbrachten ihren freien Tag außerhalb Kiews, im Grünen. Ü berall herrschte Ruhe. Aber schon am Nachmittag war es schwer nach Hause zurück zu kommen. Die Buße fuhren nur alle 2 bis 3 Stunden. Aus Kiew, Richtung Norden fuhren hunderte Buße und militürische Fahrzeuge. Es gab aber keine offiziellen Meldungen. Am nüchsten Tag wurde es noch schwerer dieöffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Und die Gerüchte, dass etwas Schreckliches passiert war, wuchsen ebenfalls. Die Presse reagierte aber nicht, genau so wenig reagierten die Politiker. Am 1. Mai gingen die Menschen wie gewohnt zu der Parade anlüsslich des Tags der Arbeit .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Parade am 1. Mai 1986 (Schapowal 2004, s. 7)

Das einzige was auffiel, war der genervte und unruhige Ministerprüsident der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf der Tribune, der stündig auf die Uhr schaute.

Tage vergingen, niemand wusste genau, was passiert war. Die wenigen, die etwas erfuhren, unternahmen etwas, um die eigenen Familien zu retten. Erst am 14. Mai, als schon viele Kinder radioaktiv verstrahlt und das ganze Land beunruhigt war, erschien der Generalsekretür der KPdSU, M. S. Gorbatschow auf den Fernsehschirmen und behauptete, dass esüberhaupt keinen Grund zur Beunruhigung gübe. Heute fragt man sich was es war - eine Fehleinschützung der Situation oder eine bewusste Verheimlichung der Tatsachen? “ (Gladun 1996, S. 182 -194; übersetzt durch die Verfasserin).

„ ( … )Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wirüber die Katastrophe erfahren haben. Die Politiker haben es gewusst, haben aber geschwiegen. Dass etwas passiert ist, haben wir von einem Radiosender erfahren, der bei unserer Regierung sehr ungeliebt war. Den Zugang zu diesem Amerikanischen Radiosender „ Swoboda “ ( „ Freiheit “ ) hatte in der Sowjetunion nicht jeder. Aber wie allgemein bekannt ist, verbreiten sich Gerüchte in unserem Volk unglaublich schnell. Die ersten Ratschlüge, wie man sich bei der radioaktiven Strahlung verhalten soll, kamen auch von diesem Sender ( … ).

Weil die Massenmedien so spütüber die Katastrophe berichteten, wuchsen unter der Bevölkerung Gerüchte und Phantasien. Es wurde behauptet, dass in der Nacht zum 27.04., 30 bis 3.000 Menschen gestorben waren. Man redete darüber, dass alles Leben um Tschernobyl herum einfach ausgestorben sei. Menschen versteckten sich zu Hause und die meiste Panik löste der Regen aus ( … ).

Es war wie in einem Horrorfilm! Die Bevölkerung der Stadt Pripjat, der Stadt Tschernobyl und der Umgebung wurde unverzüglich evakuiert. Die Menschen wussten nicht für wie lange sie ihre Hüuser verlassen müssen, einige weigerten sich und sind in dem Sperrgebiet geblieben. Die Regierung war auf so eine Situationüberhaupt nicht vorbereitet. Man wusste nicht, wohin mit den kleinen Kindern, ob sie die Schule in Kiew weiter besuchen sollten, ob sie psychologische Hilfe brauchten. Es fehlte einfach an Informationen und die Regierung schwieg! “ (Schapowal 2004, S. 7; übersetzt durch die Verfasserin).

„ Die erste offizielle Mitteilung der Regierungüber die Katastrophe erschien in den wichtigsten Zeitungen des Landes „ Iswestija “ und „ Prawda “ am 30 April, also erst 5 Tagen nach der Tragödie.

Das Schweigen musste die Regierung aufgeben nachdem es aus verschiedenen Lündern der Welt - Schweiz, Polen, Deutschland, Japan, Australien, USA, Italien und vielen anderen - offizielle Anfragenüber die erhöhte Radioaktivitüt der Luft, die aus der Sowjetunion kam, gab.

Beim einem Gesprüch mit dem amerikanischen Unternehmer und Politiker A. Hammer, versuchte sich M. S. Gorbatschow zu rechtfertigen, wieso eine Informierung der Bevölkerung nicht rechtzeitig stattgefunden hat: „ Die lokale Regierung hat mir Informationen vorenthaltet und wird dafür bestraft. Sobald ich alle Fakten erhalten hatte, habe ichüber alles informiert (...).

Der Direktor, der Hauptingenieur, der stellvertretende Ingenieur, der Verantwortliche für den Reaktor und der Schichtleiter vom 26.04 wurden in den nüchsten Monaten verhaftet und zur 2 bis 10 Jahren Gefüngnis verurteilt. Den Grund, wieso die Bevölkerung in den ersten Tagen nicht informiert und nicht evakuiert wurde hat das Gericht nicht erforschen können, also wurden auch die Schuldigen nicht gefunden (...).

Um die Katastrophe zu verschleiern, wurde auf dem gesamten verseuchten Territorium weiter Landwirtschaft betrieben, es wurden Schulen, Geschüfte und andere soziale Einrichtungen gebaut. Spüter wurden die Menschen von hier umgesiedelt, aber bis dahin wurden die landwirtschaftlichen Produkte (besonders die belastete Milch und das belastete Fleisch), in der ganzen ehemaligen Sowjetunion verkauft ( … ).

Besonders geachtet wurde darauf, dass jede Art von Informationen, die die Ursachen und den Charakter der Katastrophe, die Aufrüumarbeiten und die Folgen der radioaktiven Strahlung für Mensch und Umwelt angingen, geheim blieben. Es fanden neue, zusützliche Formen der Pressezensur und -kontrolle statt. So wurden z.B. Medizinpublikationen streng kontrolliert “ (Wowchenko 2001, S. 6; übersetzt durch die Verfasserin).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Jahr 1986. Der zerstörte RBMK-Reaktor (Wowchenko 2001, S. 6)

Interview mit dem ehemaligen Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates der USSR (Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik) K. Masyk:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: K. Masyk

„… Ich bin 62 Jahre alt und ich hatte zwei Leben, eins vor Tschernobyl und eins danach. Und ich bin nicht der einzige. Tschernobyl hat das Leben von mehr als 680.000 Menschen veründert.

Am Samstag, den 26. April 1986 war ich in Donezk auf einer Konferenz. Dort hat mich der Vorsitzende des Ministerrates der USSR, Oleksandr Ljaschko angerufen. Ohne irgendeine Erklürung habe ich einen Befehl bekommen: 100.000 Menschen aus Pripjat und Tschernobyl dringend zu evakuieren. Ich habe sofort den Verkehrsminister und den Leiter der Süd-West Bahn angerufen. Es war ein Samstag und deswegenüberhaupt nicht leicht die nötigen Verkehrsmittel sofort zu organisieren. Am nüchsten Tag, am Sonntag, hatte ich aber 2364 Busse und 4 Züge zu Verfügung. Was wirklich passiert ist und warum die Evakuierung stattfinden musste, wusste wirklich keiner von uns. Es war nur klar, dass etwas mit dem Reaktorblock IV des Kernkraftwerks Tschernobyl nicht in Ordnung gewesen war. Ich war mit meinen Leuten auf dem Weg nach Tschernobyl, als ich einen neuen Befehl per Telefon bekam. Ich sollte nach Kiew zurückkehren. Das war der schrecklichste Tag meines Lebens. Tausend Anrufe, tausend Fragen und ich konnte sie nicht beantworten, ich wusste selbst nichts genau. Ich - der Vertreter des Ministerprüsidenten!(...).

Damals hatte nur ein Mensch die komplette Entscheidungsgewalt - M. S. Gorbatschow. Aber die KGB-Führung hatte nicht den Mut ihn am Samstagabend zu stören. Wir mussten bis zum nüchsten Morgen warten. Und auch am Sonntag durfte er nicht gestört werden. So konnten die Menschen erst am Montag evakuiert werden und solange waren sie der radioaktiven Strahlung ausgesetzt.

Nach der Evakuierung aus dem Sperrgebiet bekam ich einen Anruf vom Leiter der Bahn. Ich sollte zum Kiewer Bahnhof kommen. Als ich am Bahnhof ankam, würe ich beinahe umgekippt. So ein Chaos habe ich das letzte Mal als Kind wührend des zweiten Weltkrieges erlebt. 80.000 Menschen, darunter Schwangere und Frauen mit Kindern, weinend und schreiend versuchten sie Fahrkarten zu bekommen, um Kiew zu verlassen. Ich habe selbstmüchtig entschlossen, den Vizeministerprüsidenten der Sowjetunion anzurufen, wofür ich spüter beinahe aus der Partei rausgeschmissen wurde. Ich habe ihm die Situation erklürt. Ich brauchte 40 Flugzeuge und 45 Züge in die Richtungen Krim, Russland und Südukraine. In Moskau gibt es 20 Bahnhöfe, in Leningrad 6 aber in Kiew nur einen. Das ganze Chaos in diesen Tagen, die in Panik versetzten Menschen, das alles kann ich heute kaum beschreiben. Aber wir haben es geschafft die Menschen zu evakuieren und heute bin ich stolz darauf

( … ).

Heute wird Scherbitskij (der damalige Ministerprüsident der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik) als der Alleinschuldige dahingestellt. Das finde ich unfair, unobjektiv und unehrlich. Nur ein Mensch ist für alles verantwortlich - M. S. Gorbatschow. Er war derjenige, der versuchte die Katastrophe vor den Menschen zu verheimlichen. Er ist nicht nur gegenüber dem ukrainischen Volk verantwortlich, sondern gegenüber der ganzen Menschheit. Der RBMK-Reaktor wurde nicht nur zur Stromerzeugung benutzt. In ihm wurde heimlich Material zur Herstellung der Wasserstoffbombe angereichert.

Die radioaktive Strahlung der Tschernobyl-Katastrophe war 75-mal gr öß er als die der Hiroshima- oder Nagasaki-Katastrophe. Die radioaktive Wolke ( „ Fall out “ ) ging sechsmal um die Erde und hat die radioaktiven Stoffe auf jedem Kontinent unseres Planeten abgesetzt “ (Zamansky 1999, S. 10-11; übersetzt durch die Verfasserin).

Heutzutage wird offen über die Katastrophe von damals geredet. Heute erzählen Politiker, Feuerwehrleute, Militärs und einfache Menschen wie sie es damals erlebten. Sie graben aus ihrem Gedächtnis die schlimmen Erinnerungen heraus und erzählen sie der nächsten Generation. Wer weiß, was in diesem Moment in diesen Menschen vorgeht? Eins ist klar: es gab Helden und es gab Feiglinge. Es gab Menschen, die alles auf eine Karte gesetzt haben und es gab Menschen, die alles versuchten um die Katastrophe vor der Öffentlichkeit zu verschweigen. Leider war das die Regel so in der Sowjetunion. Die Regierung hat alle schlechten Nachrichten verschwiegen und sie dem Volk vorenthalten. Die Propaganda, das Leben des Sowjetischen Volkes sei das Beste der Welt, wirkte über 70 Jahre. Das Bild, die sowjetische Regierung sei perfekt, sollte ewig wären. Aber diesmal konnten die Fakten nur wenige Tage verschwiegen werden. Durch Aufklärungssatelliten wusste das Ausland noch in der gleichen Nacht von dem GAU. Und jemand musste die Katastrophe verantworten.

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640805181
ISBN (Buch)
9783640805273
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165056
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,9
Schlagworte
medialer Diskurs Symbolwandlung Katastrophe Gau Berichterstattung Pressemeldungen Sowjet Thema GAU

Autor

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Titel: Die Katastrophe von Tschernobyl