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"Traduttore, Traditore"

Eine postkoloniale Betrachtung des Malinche-Mythos und seiner Verarbeitung in der Kunst

Seminararbeit 2010 27 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Ergründung eines Mythos
a. Malinche als „historische“ Figur
b. Gründe für ihre ambivalente Bedeutung

III. Einführung in die Postkoloniale Theorien
a. Einleitung: Wesen und Funktion von Literaturtheorie
b. Literaturtheoretische Einbettung der Postcolonial Studies
c. Grundpfeiler der Postkolonialen Theorien
i. Edward Said
ii. Homi K. Bhabha
iii. Gayatri Chakravorty Spivak

IV. Ein Blick auf die künstlerische Adaption des Malinche – Mythos
a. José Clemente Orozco, „Cortés y La Malinche”
b. Malinche in weiteren Adaptionen

V. Fazit

VI. Bibliografie

I. Einleitung

„Traduttore, Traditore“ – obwohl in dieser Seminararbeit „Malinche“ als historische und künstlerisch „abstrahierte“ Figur sowie die Bewertung „ihres“ Mythos aus der Perspektive postkolonialer Theorien die zwei Zentren der Untersuchung bilden, soll dieser dennoch ein italienisches Sprichwort als Motto übergestellt werden. Mit der visuellen wie phonetischen Analogie zwischen der elliptischen Aneinanderreihung von „traduttore“, also Übersetzer, und „traditore“, also Verräter, wird in größter Präzision und Knappheit auf den dritten Verwandtschaftszweig zwischen diesen beiden Substantiven hingedeutet, nämlich der semantischen Analogie. Damit umschrieben ist zuallererst das seit den Anfängen der Translationswissenschaft immer mitschwingende Vorurteil, der Übersetzer arbeite immer und unumgänglich verfälschend und fehlerhaft, da es eine vollkommen „richtige“ Übertragung vom Prätext zum Translat niemals geben könne. Hinsichtlich der Malinche-Sage lässt sich in diesen zwei Worten außerdem ein Resümee ihrer Lebensumstände ablesen: Als Übersetzerin von Hernán Cortés, dem Anführer der spanischen „Conquista“ Mittelamerikas in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, vertritt Malinche in den Augen der meisten Mexikaner die Rolle der Kollaborateurin, der die Schuld an der gewaltsamen Eroberung mit einhergehender Ausrottung der antiken Hochkultur der Culua-Mexica, oder, wie es sich im internationalen Sprachgebrauch eingebürgert hat, der Azteken, aufzubürden ist. Gleichzeitig gilt der gemeinsame Sohn von Cortés und Malinche, ein Kind zwischen Eroberer und Eroberter, Martín Cortés, symbolisch als erster „Mestizo“, also als erster Mexikaner überhaupt. Neben ihrem Image der Opportunistin schwebt daher immer auch das Bild Malinches als eigentliche „Mutter“ des heutigen Mexikos.

Die starke Ambivalenz in der Einordnung dieser Frau findet ihren Widerhall selbstverständlich auch in der künstlerischen Adaption ihres Schicksals. Zwar deutet der Begriff „Literaturtheorie“ eine Spezialisierung auf schriftlich fixierte Medien an, jedoch soll in der Analyse des Malinche-Mythos aus dem Blickwinkel postkolonialer Theorien ein sehr weit gedehnter Textbegriff verwendet werden. Nach einer kurzen Einführung in die begriffliche Welt der Postcolonial Studies sollen neben einer ausführlicheren Interpretation von José Clemente Orozcos Wandmalerei „Cortés y La Malinche“ aus dem Jahre 1926 unter anderem ein weiteres Werk der Bildenden Kunst sowie ein Liedtext und dessen musikalische Umrahmung in gezwungenermaßen eklektizistischer Weise für eine literaturtheoretische Anwendung fruchtbar gemacht werden.

II. Die Ergründung eines Mythos

a. Malinche als „historische Figur“

Auch wenn mangels biographischer Aufzeichnungen nicht selten der Eindruck entsteht, Malinche als historische Figur sei gar nie existent gewesen, so ist dennoch vorab zu versichern, dass die Übersetzerin von Cortés und dessen Gefolge wirklich eine Frau aus Fleisch und Blut war. Der fragmentarische Charakter der Lebensdaten dieser „abwesenden, immer anwesenden Person“, „el personaje ausente siempre presente“[1], ist letztlich auch mitverantwortlich für die divergierende Legendenbildung um den Mythos Malinche. Zwar wird ihr Dasein bei allen diplomatischen Verhandlungen zwischen den Eingeborenen und den spanischen Eroberern sowohl in Chroniken und zeitgenössischen Zeichnungen bezeugt, trotzdem ist von ihr keine einzige persönliche, also nicht nur in dem Übersetzungsprozess getätigte Aussage aufgezeichnet worden. Erhalten sind in mannigfaltiger Ausführungen die sich noch heute über sie bildenden Meinungen, ihre eigene aber fehlt schlichtweg. Nahezu jeder Mexikaner von heute kennt ihren Namen, in der Abwandlung „Malinchista“, was soviel wie Opportunitätsdenken und allzu leichtes Nachgeben fremder Einflüsse bedeutet, wird er sogar als Schimpfwort verwendet. Doch obwohl sie es war, die den Anliegen der Konquistadoren ihre Stimme ver- und geliehen hatte, so ist es gleichzeitig auch ihre eigene Stimme, ihre Reflexion über die Eroberung ihres Landes sowie ihr Verhältnis zu den Eroberern, die für allezeit stumm bleibt. Die vielen Bilder, die im Laufe der Jahrhunderte von Malinche erstellt wurden, rekurrieren also zwangsläufig auch immer auf Aussagen über und nicht von ihr selbst. Mit auf der Expedition von Cortés befand sich ein damals noch sehr junger Offizier namens Bernal Díaz del Castillo, der der Nachwelt eine Chronik der Ereignisse hinterließ. In seiner „Wahrhaften Geschichte der Eroberung Neuspaniens“, der „Historia Verdadera de la Conquistade la Nueva Espana“, finden sich die sonst nur so spärlich vorhandenen Textstellen, die später und trotz ihrer eigentlichen Neutralität als Basis für das zwiegespaltene Image Malinches dienen werden.

Malinche, auch als „Malintzin“ oder – nach ihrer christlichen Taufe durch die Spanier – „Doña Marina“ bekannt, wird etwa um 1500 in Jaltipan an der Ostküste Mexikos im heutigen Veracruz geboren. Zwar ist es höchstwahrscheinlich richtig, dass ihre Eltern dem Provinzadel angehörten, jedoch zählt die Zuweisung, sie sei eine Aztekenprinzessin gewesen, eindeutig in das Reich märchenhafter Legendenbildung. Ebenso sind die zahlreichen Erklärungen zu deuten, warum Malinche als etwa Zehnjährige als Sklavin an die Maya verkauft wurde. Während die spanische Seite ihrer Sage einem biblischen Gleichnis nahe mit einer machthungrigen und intrigierenden Mutter, die ihren Sohn weit mehr als ihre Tochter liebt und deswegen diese aus dem Weg geräumt haben will, operiert, beruft sich die indianische Seite auf die verwechselbare Nähe der Namen von Malinche und „Malinalli“. Ihrer Interpretation nach hätten sie ihre Eltern in „weiser“ Voraussicht verstoßen, da die unter dem Zeichen dieses Namens geborenen Kinder einer äußerst schwierigen und glücklosen Zukunft ausgeliefert sein werden würden.

Neben den vielen Ungenauigkeiten in dieser mehrdeutigen „Erzählung“ gelten die Geschehnisse Ende März 1519 aber als erwiesen: An diesem Tag übergeben die Maya von Potonchan Malinche zusammen mit 19 anderen Frauen den spanischen Eroberern um Hernán Cortés zum Geschenk. Der altehrwürdige Indio-Brauch, dem Feind die eigenen Frauen zur Besänftigung zu reichen, wurde von den Europäern dankbar und mit nicht geringem Gefallen aufgenommen. Nur etwa drei Wochen vergingen bis einer der Gefolgsleute von Cortés die Mehrsprachigkeit Malinches entdeckt hatte und diese seit jenem Augenblick zu einem immer wichtiger werdenden Instrument der Conquista avancierte. Durch ihre Kenntnis sowohl des Nahuatl, also der Azteken-Sprache, als auch der Sprache der Maya kompensierte Malinche das fehlende Glied in der Übersetzerkette: In den Überlieferungen oft vereinfacht dargestellt, übersetzt die „Indianerin“ nämlich zunächst keinesfalls alleine, sondern in einem Übersetzer-Duo. Während Malinche das in Nahuatl Gesagte in die Maya-Sprache übertrug, wurde dies wiederum von Gerónimo de Aguilar, einem spanischen Franziskanermönch, ins Spanische transferiert. Inhalte und Bedeutungen wurden somit zugleich an drei Bruchstellen von Cortés zu Aguilar über Malinche zu den Culua-Mexica und zurück modifiziert und verändert, was das offensichtliche Funktionieren dieser mehrfachen Kommunikationsebenen umso erstaunlicher wirken lässt. Als die Spanier im November 1519 die Hauptstadt Tenochtitlán erreichen, erwähnt der Florentiner Codex, eine zwölfbändige und in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter Bernardino de Sahagún fertiggestellte Enzyklopädie, die heute als die Hauptquelle über die aztekische Kultur schlechthin gilt, Gerónimo de Aguilar bereits nicht mehr, es ist also anzunehmen, dass er aufgrund der indessen immer weiter fortgeschrittenen Spanisch-Kenntnisse Malinches aus der Translationskette ausgeschieden ist. Über den emotionalen Gehalt der Verbindung von Cortés mit einem seiner wichtigsten Werkzeuge auf dem Weg zur Eroberung Mittelamerikas ist so gut wie nichts bekannt: In den Jahren von 1521 bis 1524 verschwindet „Doña Marina“ meist aus dem Blick der Chronisten, einzig die Geburt ihres gemeinsamen Kindes mit Hernán Cortés im Frühsommer des Jahres 1522 ist festgehalten. Cortés erkennt diesen Sohn mit all seiner bedeutungsvollen Symbolträchtigkeit wie alle seine vorherigen und folgenden unehelichen Kinder an, benennt ihn mit „Martín“ nach seinem hochgeschätzten Vater und reist später mit dem etwa Sechsjährigen – ohne Beisein von dessen Mutter – nach Spanien ab. Im Herbst des Jahres 1524 schließlich heiratet Malinche auf ihrer letzten gemeinsamen Reise als Dolmetscherin für Cortés den Spanier Juan Xaramillo de Salvatierra und bekommt mit ihm zwei Jahre später eine Tochter namens María. Diese Expedition Richtung Süden dauerte etwa zwei Jahre und sollte sich als größtes politisches wie persönliches Desaster für Cortés erweisen. Der genaue Zeitpunkt ihres Todes ist nicht bekannt, wohl aber lassen Kaufurkunden für den Besitz von Ländereien darauf schließen, dass Malinche im Frühjahr von 1528 verstorben sein müsste.

b. Gründe für ambivalente Beurteilung Malinches

„Es ist eines der Geheimnisse des Schicksals, dass alle Nationen ihren Untergang und ihrer Schande einer Frau zu verdanken haben.“[2]

Als Ignacio Ramirez diesen Satz in seine Rede zur Feier anlässlich der Erklärung der mexikanischen Unabhängigkeit von Spanien einbaute, war seinen Zuhörern unmissverständlich klar, dass er weder von Eva und der Vertreibung aus dem Paradies noch von Helena und der Zerstörung Trojas sprach: Drei Jahrhunderte nach ihrem Tod ist es plötzlich Malinche, die mit Aufkeimen nationalistischer Lager als Folie des versinnbildlichten Verrats dient. Paradoxerweise wird sie aber nicht von den Eingeborenen oder Mestizo-Mexikanern wegen ihres Bündnisses mit den Spaniern verurteilt, ganz im Gegenteil, ihre Gegner entspringen allesamt der ausschließlich von spanischen Vorfahren abstammenden weißen Elite der einflussreichen „criollos“. Diese sehnten sich nach der endgültigen Abnabelung ihrer europäischen Wurzeln und liehen sich – um das Defizit ihrer „mexikanischen“ Vergangenheit auszubügeln – deshalb die Geschichte der Culua-mexica zu ihren eigenen Zwecken aus.

„Und diese traurige Verzerrung der mexikanischen Vergangenheit führte auch zur Neuerschaffung Malinches als Verräterin. Sie war eine Feindin der Culua-Mexica gewesen. Daraus folgte, dass sie auch eine Feindin der neuen Nation Mexiko war.“[3]

Der offensichtlichste Antrieb, warum das Bild Malinches als hinterhältige Intrigantin bis heute Bestand hat, ist in dem Umstand ihrer widerstandslosen Instrumentalisierung zu eruieren. Indem sie bereitwillig zum Sprachrohr und in gewisser Weise auch zu kulturellen Vermittlerin von Cortés wurde, leistete sie einen bedeutenden Beitrag zum Erfolg der Conquista. Nicht nur hätte sie den Spaniern diesen Dienst verweigern müssen, aus der Sicht der sich betrogen Fühlenden hätte sie ihre durchaus mit Macht versehene Position ja darüber hinaus auch gegenteilig nutzen können, indem sie die Translate hätte sabotieret. Außerdem brach die junge Frau mit ihrer Übersetzertätigkeit ein großes Tabu ihres eigenen Landes, nämlich als weibliches Wesen in der Öffentlichkeit die Stimme zu erheben, ganz zu schweigen vom Sprechen bei hochdiplomatischen Verhandlungen. Als wohl schwerstwiegender Grund ihrer gesellschaftlichen Dämonisierung ist aber der Umstand zu nennen, dass ihr Sohn, symbolisch der erste Mexikaner überhaupt, in den Augen vieler Mexikaner das Resultat einer zweifachen Vergewaltigung darstellt: Neben dem zuvor bereits erwähnten europäischen ist es besonders der am Anfang der Geschichte Mexiko stehende biologische Missbrauch, der Malinche zur nationalen Übeltäterin werden lässt. Das Bekennen zu ihr als Mutter Mexikos wäre gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, als heutiger Mexikaner selbst Nachkomme eines Verbrechens zu sein, und diese Schande will – weil kaum jemand die Möglichkeit einer emotionalen Verbindung zwischen Eroberer und Eroberter in Betracht zieht oder ziehen will – niemand so leicht auf sich nehmen.

Entgegengesetzt dazu finden sich interessanterweise im Umkreis der vermuteten Herkunft Malinches, also in der Gegend um Jaltipan, Deutungslinien, die die Indianerin als Prophetin interpretieren. Nicht Malinche, sondern Moctezuma, der Herrscher Tenochtitláns, hätte sich anders verhalten müssen, um den Untergang des Aztekenreiches zu verhindern. Malinche indes habe die ihr vom Schicksal aufgetragene Rolle erfüllt, indem sie Moctezuma durch ihre seherische Gabe gewarnt hätte. Ein anderer Aspekt auf Seite der positiven Konnotierung Malinches ist in der Formation der Conquista selbst auszumachen: Die Lüge der „terra nullius“, das besitzerlose Land als Inbegriff für die Leichtigkeit der Eroberung Amerikas durch die Europäer, ist ein Mythos der Geschichtsschreibung und so eindeutig zu falsifizieren. Entscheidend für Cortés Sieg in Tenochtitlán waren neben der rasanten und erbarmungslosen Ausbreitung der Pocken vor allem seine Allianzen mit den alteingesessenen Länder Tlaxcala und Huejotzingo, heute den kleinsten Staat Mexikos bildend. Ohne deren Unterstützung wäre die Conquista Mexikos mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schlichtweg misslungen, trotzdem gelten diese ebenfalls eingeborenen Indianer, die die Spanier nicht nur ideell, sondern auch im Kampf und mit Waffengewalt unterstützen, nicht als opportunistische Verräter. Ganz anders als Malinche hatten sich diese Männer aber freiwillig auf die Seite der Spanier geschlagen und sind nicht sklavenähnlich an sie und unter ihrer Willkür stehend verschenkt worden.

Wenn auf den nachfolgenden Seiten die Analyse Malinches in der Kunst unter literaturtheoretischen Perspektiven im Mittelpunkt steht, sollte dennoch eine kurze aber nicht unbedeutende etymologische Anekdote vorweggeschickt werden: Das erste mexikanische Äquivalent zum europäischen „Indios“, aufgezeichnet im Florentiner Codex oder „Historia general de las cosas de Nueva España“, so der spanische Originaltitel dieses 1569 fertiggestellten Werkes, entsteht in direktem Zusammenhang mit Malinche, nämlich mit „nican tlaca“, also „die Leute hier“, „die Hiesigen“. Während es all die Jahrhunderte zuvor keinen sprachlichen Oberbegriff in Mittel- und Südamerika für die dort lebende Bevölkerung gab, ändert sich dieses Defizit ausgerechnet durch eine im heutigen Mexiko so polarisierend wirkend wie keine zweite Figur der eigenen Geschichte. Anna Lanyon spricht daher zu Recht von Malinche als Katalysator einer „ersten Regung kollektiver Identität“[4].

[...]


[1] Lanyon, Anna: „Malinche. Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos.“ btb-Verlag. München, 2003. S.14

[2] Lanyon, Anna: „Malinche. Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos.“ btb-Verlag. München, 2003. S.197

[3] Ebd., S.198

[4] Lanyon, Anna: „Malinche. Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos.“ btb-Verlag. München, 2003. S.115

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640807192
ISBN (Buch)
9783640807345
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165046
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
Schlagworte
Malinche Eroberung Mexicos Cortés Postkoloniale Theorien Said Bhabha Spivak Gabino Palomares Octavio Paz Conquista

Autor

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