Lade Inhalt...

Hippodamos, Aristoteles und die Stadtplanung im Griechenland der klassischen Antike

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Aristoteles und Hippodamos

III. Lügen und Wahrheiten

IV. Milet

V. Piräus

VI. Thurii

VII. Rhodos

VIII. Fazit

IX. Bibliographie

X. Kartenmaterial

I. Einleitung

„Hippodamos von Milet erscheint in der antiken Überlieferung als der Vater der Urbanistik; sein Name ist untrennbar mit dem ‚hippodamischen Schachbrettsystem‘ verbunden. Aber obwohl er in der Geschichte der Urbanistik zweifellos einen wichtigen Platz einnimmt, so ist doch offensichtlich, dass die antike Neigung, für grundlegende Neuerungen einen primus inventor zu postulieren, zu einer übersteigerten Darstellung seiner Verdienste geführt hat.“[1]

Mit diesem Satz beginnt Frank Kolb ein Kapitel über die ionisch-hippodamische Stadtplanung und weist den Leser darauf hin, dass es sich bei Hippodamos von Milet um eine eher ambivalente Person handele. Es ist in der Tat heutzutage schwer festzustellen wie weit die Leistungen des Hippodamos tatsächlich reichten. Ob es sich wirklich, wie bei Kolb beschrieben, um eine übersteigerte Darstellung handelt oder Hippodamos der größte oder erst Städteplaner der antiken Geschichte war, versuche ich in dieser Hausarbeit zu beleuchten.

Dazu möchte ich im ersten Teil den Textbeitrag über Hippodamos von Milet in Aristoteles‘ „Politik“ interpretieren. Im Anschluss daran soll eine Entschlüsselung der wahren Errungenschaften des Hippodamos erfolgen unter dem Titel "Lügen und Wahrheiten“, um dann schließlich ein Fazit zu ziehen.

Wir werden sehen, dass Hippodamos, trotz seiner Berühmtheit, eine schwer fassbare Figur ist und dass sich viele Quellen widersprechen. War er Erfinder oder lediglich der Erste, der ein „neues“ Arrangement systematisierte? War er ein praktischer Planer oder nur Theoretiker? Um diese Fragen zu beantworten werde ich jeweils einen kurzen Blick auf Beispiele der klassischen griechischen Stadtplanung werfen, die Hippodamos von Milet sowohl in neuerer als auch in älterer Geschichtsschreibung zugeschrieben werden.

Der Forschungsstand erwies sich dabei als recht umfangreich, wohl gerade deshalb weil Hippodamos eine so schwer greifbare und schon fast mythische Figur der antiken Welt darstellt. Besonders deutsche Archäologen, allen voran Armin von Gerkan, widmeten sich der Darlegung des griechischen Städtebaus und der Frage wie viel Wahrheit in der Person Hippodamos steckt.[2] Von Gerkan war es auch, der schrieb, dass es sich bei den angeblichen Schriften des Hippodamos mit den Titeln „peri politeias“ und „peri eudaimonias“ um neupythagoreische Fälschungen handelt, welche sowohl an die von Aristoteles überlieferten Theorien als auch an Platos Staatslehre anknüpfen und viele widersprechende Elemente enthalten.[3] Die politischen Ideen des Hippodamos sollen hier jedoch nicht weiter besprochen werden.

II. Aristoteles und Hippodamos

„Hippodamos aber, der Sohn des Euryphon, aus Milet - der auch eine Abteilung der Städte erfand und den Piräus ebenfalls unterteilte, ein Mann, der in seinem Privatleben aus Eitelkeit so ins Maßlose verfiel, dass er auf manche einen fast geckenhaften Eindruck machte, sowohl durch sein langes, wohlgepflegtes Haar, wie durch das Prahlen mit einem wohlfeilen, sehr warmen Kleid, das er gleichmäßig im Sommer und Winter trug, der dann aber auch noch die Schwachheit hatte, als gründlicher Naturforscher gelten zu wollen -, dieser Hippodamos also war der erste, der, ohne praktischer Staatsmann zu sein, es unternahm, etwas über die beste Staatsverfassung zu sagen.“[4]

Aristoteles stellt uns hier in seiner „Politik“ die Person Hippodamos und seine Errungenschaften, sowie seine politische Theorie vor. Hippodamos schien nach Ansicht des Aristoteles ein Exzentriker zu sein und er war ein politischer Theoretiker, der eine Abhandlung über die ideale politische Verfassung schrieb.

Es besteht Uneinigkeit darüber, was Aristoteles mit der Phrase „[…] welcher die Einteilung der Städte erfand […]“ genau meinte. Zum einen gibt es eine Hand von Gelehrten, die der Meinung sind, dass Aristoteles dem Hippodamos von Milet die Erfindung der rechtwinkligen Stadtplanung zuschrieb. Diese Interpretation scheint Unterstützung in einer späteren Passage im gleichen Werk von Aristoteles zu finden, indem diese Methode der Stadtplanung als „die neuere, hippodamische Methode“[5] betitelt wird. Archäologische Ausgrabungen von griechischen Städten rings um das Mittelmeer haben jedoch gezeigt, dass einige Kolonien tatsächlich schon im achten Jahrhundert vor Christi Geburt nach einem bewussten Plan gebaut wurden, also etwa dreihundert Jahre vor der Lebenszeit des Hippodamos.[6]

Eine zweite Interpretation der Phrase „der auch eine Abteilung der Städte erfand“ hat Glaubwürdigkeit unter einer anderen Gruppe von Gelehrten erlangt. Sie ist eine Interpretation, die besser unterstützt durch den unmittelbaren Kontext zu sein scheint und die es vermeidet Aristoteles Unklarheit oder einen Fehler zu unterstellen.[7] Laut dieser Ansicht bezieht sich diese Textstelle nicht auf die Stadtplanung im Allgemeinen, sondern führt in die politische Theorie von Hippodamos ein – eine Theorie, die Aristoteles im Anschluss daran im Detail diskutiert.[8] Diese Interpretation wird von der Wortwahl Aristoteles im unmittelbaren Kontext unterstützt, da Hippodamos‘ Theorie eine Dreiteilung der Bewohner in verschiedene Klassen und Ländereien fordert. Hinzu kommt, laut dieser Interpretation, dass der Gebrauch von geraden Straßen, die sich im rechten Winkel treffen, die hippodamische Methode im Buch 7 genannt wird. Jedoch wird sie nicht so bezeichnet weil Hippodamos von Milet diese Methode erfunden hat, sondern weil er sie auf dem griechischen Festland popularisiert hat durch die Mitarbeit beim Neuaufbau des Piräus. Man kann auch ganz allgemein sagen, dass sich das gesamte zweite Buch des Aristoteles nicht mit neuartigen Erfindungen beschäftigt, sondern dass es sich um eine Abhandlung über den idealen Staat handelt und er die Ideen des Hippodamos diskutiert. Somit muss man Aristoteles nicht unbedingt einen Fehler unterstellen oder ihn gar als Lügner hinstellen. Inwieweit Aristoteles richtig oder falsch lag mit seiner Darstellung soll das nächste Kapitel zeigen.

III. Lügen und Wahrheiten

Immer wieder in der Debatte um Hippodamos von Milet und seine Mitarbeit oder Planung griechischer Kolonien geht es um das genaue Geburts- und Sterbedatum und an welchen Städten er tatsächlich beteiligt war. Aufgrund verschiedener Quellen antiker Schreiber sind jedoch einige dort als Fakten dargestellte Ereignisse falsch.

Allen Quellen zufolge war Hippodamos ein Bürger aus Milet, jedoch gibt es keine antiken Berichte über seine Aktivitäten in seiner Heimatstadt. Im Scholium zu Aristophanes‘ Die Ritter heißt es sogar, dass einige Milet, andere Thurii und wiederum andere Samos als seine Heimat sahen.[9] Strabon schreibt, dass Rhodos während des Peloponnesischen Krieges vom gleichen Architekten gegründet wurde, der auch den Piräus plante.[10] Neben Aristoteles‘ Beschreibung sind das so gut wie alle Informationen, die wir aus antiken Quellen über Hippodamos erfahren.[11] Mit der Ausnahme von Strabons Bezug zu Rhodos-Stadt, ordnet niemand Hippodamos Aktivität außerhalb des Piräus zu.

Anhand der folgenden Koloniegründungen soll nun versucht werden zu klären an welchen Projekten Hippodamos wirklich beteiligt war.

[...]


[1] Kolb, Frank: Die Stadt im Altertum. Beck: München, 1984.

[2] Bezug auf: von Gerkan, Armin: „Hippodamos“ in: von Boehringer, Erich [Hrsg.]: Von antiker Architektur und Topographie : gesammelte Aufsätze. Kohlhammer: Stuttgart, 1959: S. 8 – 9.

[3] Ebd. S. 9.

[4] Aristoteles: Politik II. 1267b, 22-29.

[5] „Die Anlage der Privathäuser gilt für geschmackvoller und den sonstigen praktischen Rücksichten entsprechender, wenn sie geradlinig ist und der neueren, hippodamischen Bauart folgt, für die Sicherheit im Kriege dagegen ist das Gegenteil, wie es in alten Zeiten Brauch war, besser.“ Aristoteles: Politik VII. 1330b21-31.

[6] Dazu: Gorman, Vanessa B.: “Aristotle’s Hippodamos (Politics 2.1267b22-30)” in: Historia 44. Franz Steiner Verlag: Stuttgart, 1995: S. 386.

[7] Hierzu besonders ausführlich: Burns, Alfred: “Hippodamus and the Planned City” in: Historia 25. Franz Steiner Verlag: Stuttgart, 1976. S. 414 – 428.

[8] Aristoteles: Politik II. 1267b30-1269a28.

[9] Vgl. Burns: Hippodamos. S. 421.

[10] Strabon: The Geography of Strabo : in Eight Volumes. Cambridge UP: Cambridge, 1956: XIV, ii 9 = Vers 654.

[11] Laut Burns (Hippodamos 421) wird Hippodamos noch erwähnt von Photios und Hesychios. Bei Photios heißt es, dass Hippodamos aus Milet oder Thurii stamme. Hesychios stellt Hippodamos als Milesier dar, der sich in Thurii niederließ.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668023055
ISBN (Buch)
9783668023062
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164987
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,3
Schlagworte
städteplanung orthogonal aristoteles politik wahrheit lügen hippodamus

Autor

Zurück

Titel: Hippodamos, Aristoteles und die Stadtplanung im Griechenland der klassischen Antike