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Georg Heym - Berlin III (1911): Gedichtinterpretation

Interpretation des expressionistischen Gedichts

Referat / Aufsatz (Schule) 2006 5 Seiten

Didaktik - Deutsch - Erörterungen und Aufsätze

Leseprobe

Georg Heym – Berlin III (1911)

Eine Gedichtinterpretation

Matti Kraatz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kontextualisierung

Georg Heym gehörte zu einer Gruppe von Expressionisten, die es sich selbst zur Aufgabe machten, durch ihre Kunst, ob Literatur oder Malerei, den Menschen in ein besseres Individuum zu verwandeln.
Umgesetzt hat Georg Heym diese Versuche mit der Beschreibung einer Großstadterfahrung, die die Angst vieler Expressionisten vor dem Weltuntergang aufnahm und in lyrischer Form zum Ausdruck brachte..
Innerhalb kürzester Zeit entstanden mit den Städten Ballungsräume für Millionen von Menschen. Und selbst der Begriff der Arbeit unterlag revolutionären Veränderungen. So verlor der Begriff der Arbeit selbst, mit dem vor dem 20. Jahrhundert noch gemeinhin "Mühe und Plage", Anstrengung und Schmerz, verbunden war, seine Bedeutung. Diese Angst entstand auf natürliche Weise,denn der Mensch sah sich in der rasanten Phase der Industrialisierung immer neuen Maschinen ohnmächtig gegenüber. Diese Mächte konnten mit Hilfe der Vernunft nicht mehr rationalisiert werden. Was waren das für Mächte? Unter diesen Mächten versteht man gemeinhin die rasante Entwicklung der Großstädte und der Technik in der Industrialisierung. Dies geschah dadurch, dass die einzelnen Arbeitsprozesse technisiert und rationalisiert wurden. Namentlich mit dem System der Akkordarbeit. Die Maschinen übernahmen teilweise die Arbeit des Menschen und machten ihn überflüssig. Auch das schürte eine große Angst in den Herzen der Menschen.

Die Dinge nahmen damit einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert ein. So auch in der Großstadt selber. Die Menschen fühlten sich gleichermaßen beängstigt und eingeschüchtert durch Automobile, Eisenbahnen, Hochhäusern, Straßenbahnen und anderen neuen Entwicklungen.

Wichtigkeit hatten diese Fortschritte deswegen, weil nun Überschussproduktionen vermehrt möglich wurden. Es wurde nicht mehr produziert, um den täglichen Bedarf zu decken. Die Produktion ging über den täglichen Bedarf hinaus, bis hin zur Produktion eines Überschusses, der über das Leben selbst hinausging. Durch diese Veränderung der Produktionsverhältnisse veränderte sich die Denkweise vieler Menschen. Es war ein gesellschaftliches Novum. Es konnte erstmals sehr viel mehr produziert werden, als verbraucht wurde. Man bezwang im übergeordneten Sinne die eigene Endlichkeit. Die Versorgung der Menschen mit Waren aller Art war ein direkter Angriff gegen den eigenen Tod, denn die Dinge selbst sollten uns überdauern. Ungeachtet dessen, dass die Dinge selbst nur für ihre Zerstörung, d.h. für ihren Verbrauch produziert wurden.

Die angesprochene Veränderung im Leben des Menschen zu einem besseren Individuum sah Georg Heym darin, ihm auf dem Weg zum "Übermenschen", wie Nietzsche ihn nannte, weiter zu helfen. Es ist ein Mensch, der es geschafft hat, sich selbst zu berwinden. Sich jenseits der Menschen zu stellen, sich zu eine Art Gott zu machen. Erst dadurch war es laut Nietzsche möglich "Gott zu töten". Die Transzendenz in ihrem eigentlichen Sinne wurde abgeschafft. Gott war "tot". Der Mensch verlor eine wichtige Quelle des Trosts für das irdische Leben - die Religion. Aber das natürlich nicht nur durch Nietzsche. Nietzsche selbst versinnbildlicht nur den Höhepunkt einer Entwicklung, die viel früher einsetzte. Es ist die Frage, ob jeder Glaube und jede Metaphysik im Nihilismus mündet.

In diesem Licht steht das Gedicht "Berlin III". Georg Heym beschreibt die Stadt Berlin. Auf düsterer und bedrückender Weise schildert er seinen subjektiven Eindruck des berliner Stadtbildes. Dieser Stil des Beschreibens von subjektiv-erlebten Bildern ist typisch für die Epoche des Expressionismus, in der auch dieses Gedicht geschrieben wurde. Außerdem ist die Thematik des Gedichts, welche sich mit der Bedrückung und den dunklen Mächten, die nicht mehr mit Hilfe des Verstandes zu verstehen sind, typisch expressionistisch. Trotzdem gibt es in Georg Heyms Gedicht eine Besonderheit. Er probiert den Leser durch seine Art von Kunst zu erziehen und damit zu verbessern, während Expressionisten sich mehr auf die Kunst der Darstellung konzentrieten.

Form des Gedichts

Das Gedicht hat die Struktur eines Sonetts. Die beiden Quartette weisen einen umarmenden Reim und die Terzette einen übergreifenden Kreuzreim auf (ABBA, CDDC, EFE-FEF).

Diese Form steht im absoluten Kontrast zum Inhalt. Sie spiegelt normalerweise Harmonie und Ordnung wider. Der Inhalt selbst steht jedoch für Untergang und Tod.

Durch alle vier Strophen setzt sich ein 5-hebiger Jambus, der in jedem Vers mit einer männlichen Kadenz endet.

So wird in der ersten Strophe - dem ersten Sinnabschnitt - noch von einer weit entfernten Perspektive die Stadt von oben und der Himmel selbst von einem lyrischen Sprecher beschrieben.

In der zweiten Strophe, die gleichzeitig zweite Kompositionseinheit ist, werden Bereiche am Rande der Stadt gezeigt; dort wo die Natur noch in rudimentäre Form vorhanden ist.

Dritte und vierte Strophe gehören, wie das Reimschema schon vermuten lässt, zusammen. Der lyrische Sprecher befindet sich nun auf einem Friedhof.

Die durch das ganze Gedicht gesteigerte düstere Atmosphäre steht nicht im Einklang zu der harmonischen Form. Das Neue des Inhalts steht dem Alten der Form direkt gegenüber. Es wirkt kontrastierend und befremdend. Alles das, was in der Intention des Dichters gelegen haben könnte.

Das ganze Gedicht ist durchzogen von Wörtergruppen, die für eine düstere und dunkle Stimmung sorgen. Der Zeitpunkt für die Beobachtung ist mit: "Wintertag" (Z. 2) klar vorgegeben. Auch dies ist ein Indiz für die bedrückende Stimmung des Gedichts.

Der Himmel selbst wird als schwarz dargestellt ("schwarzen Himmels", Z. 3), der eine Last für die Schornsteine der Stadt darstellt. Die Schornsteine werden personifiziert durch das Verb "tragen" (Vgl. Z. 2). Die Sonne brennt "wie goldne Stufe" (Z. 4). Mit dem Stilmittel des Vergleichs wird ein eher neutrales Bild der Sonne beschrieben. Die Sonne scheint nicht oder bringt Helligkeit. Lediglich ihr "niedrer Saum" (Z. 4) brennt.
Der einst für das Paradies stehende Himmel ist nun eine Last für die Stadt. Er ist dunkel und schwaz. Der Verlust der Transzendenz, sehr oft thematisierte Problemstellung der expressionistischen Dichter, bildet sich in dieser ersten Strophe ab.

In der zweiten Strophe befindet man sich dort, "wo die Weltstadt ebbt" (Z. 6). Fern von dem Zentrum der Stadt Berlin. Dort gibt es noch Überbleibsel des Prozesses der Verstädterung, die die Natur verdrängt und zerstört hat. Diese Überbleibsel sind nur noch "kahle[n] Bäume" (Z. 5). Die Atmosphäre wird weiter verdunkelt. Das Adjektiv "kahl" (Vgl.: Z. 5) greift diese Thematik auf. Auch am Rande der Stadt, kann die Natur nicht wachsen.
Selbst der "Güterzug" (Z. 8) kann der Stadt nur entfiehen. Die Stadt wird selbst für das, was sie geboren hat, für die Eisenbahn zur Anstrengung – ein Ballungsraum der Hoffnungslosigkeit.
Der Zeilensprung kombiniert mit der Inversion3in Zeile 8 und 9 macht selbst das Lesen des Gedichts beschwerlich und mühsam. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Kumulierung der dumpfen Vokale „u” und „ü” in „mühsam” (Z. 7) und „Güterzug” (Z. 8). Die Langsamkeit und die Mühe werden dem Leser auf diese Weise nahe gebracht.
Der „Armenkirchhof ragt” (Z. 9) hinauf und wird personifiziert. Auf diesem Friedhof steht „Stein an Stein” (Z. 9), d.h. in dieser Vision sind bereits viele Menschen gestorben. Die Alliteration4verstärkt die düstere ‚Friedhofsstimmung’.

Im nächsten Vers wird zum ersten Mal das Thema Apokalypse direkt aufgegriffen: „Untergang” (Z. 10). Verbunden wird es mit der Farbe rot, die für den Kommunismus stehen könnte. Dieser Untergang wird von den Toten angeschaut und schmeckt wie „starker Wein” (Z. 11). Mit starkem Wein assoziiert man zumindest einen nicht sehr angenehmen Geschmack. Viel wichtiger ist, dass anscheinend nur die Toten diesen „roten Untergang” (Z. 10) sehen können. Indirekt kritisiert Georg Heym die lebenden Menschen, und warnt vor der kommenden Apokalypse, die in Form eines Weltkrieges stattfinden könnte. Unüblich ist außerdem das Verb „schauen” (Vgl.: Z. 10) an dieser Stelle. Nicht nur, dass die Toten zum Leben erweckt werden – man schaut nicht etwas. Viel eher sieht man es. Demzufolge elliptisch ist dieser Satz aufgebaut.

Es fehlt zumindest die Vorsilbe: „zu”, welche die Dativform des nächsten Artikels bedingen würde. An dieser Stelle wurde „schaun” (Z. 10) benutzt, um das Bild der Toten noch weiter zu verfremden.

Im nächsten Vers sollen diese, die Toten, „strickend an der Wand entlang” (Z. 12) sitzen. Die Verfremdung wurde erneut verstärkt. Ihre Schädel sind mit Ruß bedeckt und das „Schläfenbein” (Z. 13) nackt. Die Satzstruktur ist im 13. Vers vollends durcheinander geraten, höchstwahrscheinlich um den Leser weiter zu verwirren und betroffen zu machen.

Eine letzte Komponente kommt im letzten Vers dazu. Es ertönt die Marseillaise, eine Revolutionshymne.

Das Bild wird nach dem „roten Untergang” in Vers 10 noch weiter politisiert. Diese Interpretation wird verstärkt durch die mit Ruß bedeckten Mützen. Bekannt sind die roten Mützen der Jakobiner. Die Farbe erkennt man auf Grund des Rußes nun jedoch nicht mehr. So wurde der französische Zusammenhang bereits durch die Marseillaise geschaffen. Demnach sind die Toten vielleicht Revoluzzer. Georg Heym deutet an, welche Veränderungen er verlangt oder gutheißt. Denn durch das Bild des Friedhofs erinnert er an diesen alten Kampf, und daran, dass der Untergang bevorsteht. Vielleicht müsse man sich also den Revoluzzers anschließen, um die Apokalypse zu erkennen und bekämpfen zu können.

Dieses Gedicht ist ein Aufruf und eine Warnung an die Menschen. Georg Heym sah schon früh voraus, dass ein Krieg bevorstand. Das Gefühl der Entfremdung führt unentwegs zu einem großen Verderben. Ohne Verwurzelung kann man sich an nichts halten. Nicht an Moral, nicht an von außen kommende Gesetze. Es bleibt nur das Innere – der eigene Körper. Dass dies in einem Wahn endet – das fühlten nicht nur die Expressionisten. Aber nur sie waren in der Lage, die richtigen Wörter für diese Gefühle zu finden. Die Entfremdung des Menschen, welche sich überall auf der Welt der neuzeitlichen Geschichte abspielte, war für Heym Grund genug, den Untergang zu prophezeien. Stadt und Himmel passen nicht zueinander. Der schwarze Himmel ist eine Last für die Stadt. Die Überflüssigkeit der Religion für die Städter oder als die Verlust der Transzendenz wird thematisiert. Des weiteren zeigt er die Entfremdung der Natur anhand seiner zweiten Strophe auf. Die Großstadt verdrängt die Natur und alles Natürliche aus ihrem Gebiet. Er zeigt typisch expressionistische Thematik auf, um den Menschen zu warnen. Die Besonderheit an diesem Gedicht ist sein erzieherischer Charakter. Der lyrische Sprecher gibt klare Anhaltspunkte, wie sich der Leser orientieren sollte. Die Revolution scheint der einzige Ausweg zu sein. Doch die nähere politische Richtung wird nicht näher genannt. Georg Heym wollte dem Menschen auf diese Weise helfen. Durch seine Kunst, nicht durch die Schaffung eines politischen Weges. Trotzdem gibt es für ihn nur die unausweichliche Folge: den Untergang, falls es so weiter geht wie bisher. Entfremdung der Natur und das Verlieren des Glaubens stehen in diesem Gedicht für die Faktoren dieses Untergangs. Inwieweit dieser politisch orientiert ist, muss der Leser für sich selbst entscheiden.

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Details

Seiten
5
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640800667
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164921
Note
1,3
Schlagworte
Deutsch LK Georg Heym Expressionismus Gedichtinterpretation
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Titel: Georg Heym - Berlin III (1911): Gedichtinterpretation