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Die Nietzsche-Rezeption der Künstlergruppe die BRÜCKE - Selbstfindungsprozesse auf dem Weg zu einem neu definierten Künstlerbegriff

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 35 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhalt

Einführung

I Friedrich Nietzsche - biographisches

II Friedrich Nietzsche - zentrale Thesen seines Denkens

III Das Erbe Nietzsches / Wie lebbar sind Nietzsches Lebensvorstellungen

Exkurs: Friedrich Nietzsches Stil

III.1 Absurde Nietzsche-Rezeption im Alltag der Jahre 1890-1914

III.2 Die nietzscheanische Lebensrezeption der Avantgarde

IV Die BRÜCKE und Nietzsche: eine Analyse

Schlussbetrachtung

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Literatur

Einführung

Es gibt eine Unzahl von Nietzsche-Literatur. Und nach einer Odyssee in den Nietzscheblättern, fiel mir ein entscheidendes Buch zu: Friedrich Nietzsche - Biographie seines Denkens, geschrieben von Rüdiger Safranski1. Ein Buch, geschrieben voller Witz und Ironie, Gründlichkeit und Tiefe, unterlegt mit exakten wissenschaftlichen Fakten und einer unglaublich mitreißenden Sprache. Ein Buch, das im heutigen deutsch verfasst, glasklare Fakten liefert, ohne in staubtrockener Wissenschaftsschrift die Strukturen oder Zusammenhänge des nietzscheanischen Denkens noch undeutlicher erscheinen zu lassen. Dieses Buch hat entscheidend dazu beigetragen, dass diese Arbeit - so wie sie ihnen vorliegt - geschrieben wurde. Überschrieben ist sie mit dem Titel: „Nietzsche-Rezeption. Selbstfindungsprozesse auf dem Weg zu einem neu definierten Künstlerbegriff? - besonderer Betrachtungsgegenstand: die BRÜCKE“.

Um sich der gestellten Thematik zu nähern, wählte ich folgende Gliederung: in Kapitel I werden Fragen, wie „Wer war Friedrich Nietzsche?“, „Wo liegen seine Wurzeln?“, „Wer oder was, wodurch oder inwiefern wurde sein Geist genährt?“ geklärt. Die Biographie ist entscheidender Ausgangspunkt, um sich Kapitel II zu nähern, den Werken. Dieses Kapitel hat Nietzsches Denken zum Gegenstand. In konzentriert philosophischer Form, werden drei zentrale Werke Nietzsches diskutiert. Denn wie kann ein Versuch unternommen werden, eine Rezeptionsgeschichte über Nietzsche zu verfassen, ohne die Ursachen für ihren Auslöser zu kennen? Da keine mir bisher bekannte Arbeit einen Gesamtüberblick über den Verlauf einer Nietzsche-Rezeption gibt, kann Kapitel III nur als Ansatz einer solchen verstanden werden. Finale: in Kapitel IV betritt die Künstlergruppe BRÜCKE die Bühne. Diskussionspunkt ist hierbei das `Nietzsche-Brücke- Verhältnis`, sowie die Einordnung dieser Künstlervereinigung in die Nietzsche- Rezeption.

„Demnach wollen wir stets den Stillstand der Gleichartigkeit, die Bewegung aber der Ungleichartigkeit zuschreiben. Das Wesen der Ungleichartigkeit hat aber in der Ungleichheit seinen Grund“.

(PLATON: Timaios C II / 4: Erklärung der immerwährenden Bewegung der Körper)

I Friedrich Nietzsche - biographisches

Mit dem Aufwachsen in Großpapas Aura trat ein Knäuel zutage, das von nun an Friedrich Nietzsches Lebensweg bestimmen sollte. Um nicht zu sagen, ein rotes Band. Dieses ist in mehreren Facetten des Nietzscheschen Lebens anzutreffen: Geist (Ausbildung) - Freundschaft - Familie. Wobei letzterer Punkt unerheblich für meine Betrachtung bleiben wird. Und Geist und Freundschaft stets als Zahnrad zu denken sind.

Die ersten Lebensjahre verbrachte Friedrich Nietzsche in vollkommener Idylle. Er lebte auf dem Land und verbrachte sehr viel Zeit mit seinen Großeltern. Der Großpapa - ein Landpope - barg die Polarität von bäuerlicher Vitalität und Frömmigkeit sowie umfangreicher geistiger Interessen in sich. Friedrich Nietzsche verbrachte sehr viel Zeit in seiner Studierstube, um in den alten Büchern und Heften herumzustöbern, was - wie er in den Autobiographischen Notizen schreibt - seine „größte Lust“ war. Neben der Literatur besaß die Musik in dem großelterlichen Haus einen hohen Stellenwert, so wie es sich eben für einen treuen Protestantenhaushalt schickte. Und nicht zu vergessen: das Sein in der Natur. Doch wie jede Idylle ging auch diese bald zu Ende: durch den Tod des Vaters (1849) und den des Bruders (1850). Die Familie zog vom Land in die Stadt (Naumburg) um. „Die großen Kirchen und Gebäude, der Marktplatz und Brunnen, die ungewohnte Menge des Volkes erregte meine Bewunderung. Dann erstaunte ich, wie ich bemerkte, dass die Leute oft miteinander unbekannt waren; denn auf dem stillen Dorfe kannte sich jedermann.2 “ Als `kleiner Pastor` von seiner neuen Umgebung verspottet, floh er in die Einsamkeit3 - eine Frühform des `Pathos der Distanz`, so wie es später heißen wird. Dem stark zurückgezogenen Sein entgegen suchte Friedrich Nietzsche stets einen intensiven geistigen Austausch, der seinen Ausdruck in engen Freundschaften fand. Grundlage waren dabei stets ähnliche geistige Interessen und Ideale. Die ersten Freunde hießen Wilhelm Pinder und Gustav Krug und gehörten mit ihren Familien zu der kulturellen Elite Naumburgs. Friedrich Nietzsche fand in dem Pinder-Vater eine Ersatzautorität und in seinem Hause eine sehr große Bibliothek. Er war die Person, der die drei Jungen als erster mit dem Goetheschen Opus Magnum vertraut machte. In der Familie Krug fand hingegen ein reichhaltiges Musikleben statt. Nietzsche fand hier ein Haus, in dem namenhafte Musiker ein- und ausgingen, und in dem man die Muse pflegte. Von der Musik seinerzeit besonders erfasst, schrieb Friedrich Nietzsche bereits 14jährig ein erstes Traktat. Wie sich in diesem Ersten Versuch zeigt, so musste Nietzsche unbedingt immer selbst produktiv werden - all das Gehörte, Gesehene, Erlebte aufschreiben oder in Töne setzen. Etwas mit dem ihm vorgeworfenen Material tun, etwas schaffen4. Im Jahre 1851 erfolgte ein Schulwechsel - das Privatinstitut des Herrn Weber wurde in Vorbereitung auf den Unterricht im Domgymnasium besucht. Hier erhielten Nietzsche, Pinder und Krug den ersten Unterricht in den alten Sprachen. Und auch der Unterricht in Religion hatte seinen ganz eigenen Stellenwert und mit ihm die Gesundheit (pantheistische Gott - Natur). So wurden sehr oft ausgedehnte Wanderungen unternommen. Im Oktober 1854 wechselten dann alle drei wie vereinbart an das Domgymnasium. Nietzsche empfand diese Zeit als nicht sehr positiv: er fühlte sich einsam und auserwählt und schien diese Zeit einfach nur zu dulden. Da er aber ein sehr guter Schüler war, wurde er für einen Freiplatz an der Königlichen Landesschule in Pforta vorgeschlagen. Er erhielt den Platz und studierte von 1858-1864 an dieser Schule. Für Nietzsche was dieser Schulwechsel gut, denn seinerzeit war diese Ausbildungsstätte die erste fundierter und humanistischer Bildung. Das Humboldtsche Bildungsideal mitsamt seiner ganzheitlichen Charakterbildung aus dem Geist der Antike war Ansatzpunkt, Maßstab und Richtschnur. Die ausgewählten hervorragenden Pädagogen sollten die Schüler „zum Gehorsam gegen das Gesetz und den Willen der Vorgesetzten, an Strenge und pünktliche Pflichterfüllung, an Selbstbeherrschung, an ernste Arbeiten, an frische Selbsttätigkeit aus eigener Wahl und Liebe zur Sache, an Gründlichkeit und

Methode in den Studien, an Regel der Zeiteinteilung, an sicheren Takt und selbstbewusste Festigkeit im Umgang mit ihresgleichen gewöhnt werden [...]“5. In diesem Zusammenhang kamen der Ausbildung in den alten Sprachen und der musischen Erziehung oberste Prioritäten zu. Im Rahmen des Griechisch- und Lateinunterrichtes entdeckte Friedrich Nietzsche die Antike, und ihre Ideale bestimmten fortan sein Leben in Pforta. Für ihn war es selbstverständlich, dass die Erkenntnis in das Leben eingreifen und von da ab fruchtbar für dieses sein muss. Dieser Denkansatz hat seinen Ursprung in den zahlreichen Lektüren der Pfortaer Jahre: so in den antiken Klassikern und von ihnen bevorzugt Platon und Sallust; aber auch in Shakespeare, Byron, Paul, Kleist, Rousseau u.a. Diese von Nietzsche erworbene literarische Basis diente ihm zugleich als Anregung für das eigene Schaffen: indem er die Autoren nachahmte und sich in dieser Technik der Nachahmung übte, konnte er nach und nach ein Gespür für einen eigenen Stil (in Inhalt und Form) entwickeln. Das erste Mal ist dieser in Nietzsches Schriften in dem von Pinder, Krug und Nietzsche gegründeten künstlerischen und literarischen Verein Germania 6 aufzufinden - hier übrigens: die Kunst als entscheidendes Motiv eines Freundschaftsbundes7. Beide Schriften (Faktum und Geschichte / Willensfreiheit und Faktum) sind Zeugnisse von Nietzsches regem 17jährigen Geist und dessen philosophischer Begabung. Sein unzeitgemäßes Denken ist in beiden Werken vorgebildet, angelegt und kann mit den folgenden Schlagwörtern charakterisiert werden: das Denken ist diesseitig - der Mensch = die Mitte - das Christentum wird angegriffen- die Moral ist relativ - Ansätze der Philosophie des Werdens und der Unschuld des Werdens - der Gedanke, dass der Mensch etwas ist, das untergeht und zu überwinden gilt - der Gedanke der Wiederkehr - der Gedanke, dass Philosophen und Historiker die Propheten und Gesetzesgeber sind, die die Weltvergangenheit umstürzen - die Kritik des Bewusstseins und des Geistes / die Problematik des Individuums in Gesellschaft und Geschichte / die absolute Ablehnung der Idee von der Gleichheit der Menschheit.

Die Zeit in Bonn als Theologiestudent ab 1865 ist wiederum insofern interessant, da Nietzsche hier relativ schnell erkennt, dass seine Gedanken mit denen des Christentums nicht mehr konform gehen (können). Er lässt von nun ab die Theologie ruhen und fasst vielmehr den Entschluss, in Leipzig Philologie zu studieren. Die Jahre in Leipzig werden Nietzsche fortan sehr prägen - hier wird er entscheidende Bildung (seine philologische Ausnahmebegabung wird von seinem Mentor Prof. Ritschel erkannt und gefördert) erfahren sowie bedeutende Menschen (Richard Wagner) und Werke (Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung) kennenlernen. Zu letzt genanntem: ganz am Anfang seiner Leipziger Zeit entdeckt Nietzsche Schopenhauers Werk. Neben der pessimistischen und kunstmetaphysischen Philosophie Schopenhauers ist Nietzsche vor allem von der geistesaristokratischen Haltung und dem kompromisslosen Wahrhaftigkeitstrieb dieser Schrift tief beeindruckt8. In seinem Traktat Schopenhauer als Erzieher zeigt er deutlich, was ein Philosoph sein und können muss: 1. zu höheren Idealen erziehen, 2. einen sprachlichen Ton finden, aus dem unmittelbar Vertrauen und Wahrhaftigkeit sprechen, 3. Haltung besitzen und bewahren, denn diese macht einen Philosophen letztlich aus. Anfangs von ihm begeistert, wendet er sich später explizit von ihm ab. Wie auch von Richard Wagner. „Jeder Meister hat nur Einen Schüler und der gerade wird ihm untreu. Denn er ist auch zur Meisterschaft bestimmt.9 “ Doch zunächst lernten Wagner und Nietzsche einander kennen und teilten uneingeschränkt eine große Zuneigung für die Philosophie Schopenhauers.

In Leipzig tritt eines deutlich zutage: trotz großer Erfolge auf dem Gebiete der Philologie mitsamt einer Berufung an die Baseler Universität als Professor für Philologie ist für Nietzsche letztlich eines von Bedeutung: die philosophische Erkenntnis. Und diese steht seit Leipzig explizit im Vordergrund. Nichts konnte Nietzsche von da an in seinem Denken aufhalten. Und hier beginnt sein reichhaltiges Schaffen, welches in einigen ausgewählten und markanten Auszügen im nächsten Kapitel thematisiert werden soll.

„Nietzsche war ein existentieller Denker. Er wollte durch das Denken das eigene Leben gestalten; das Denken kommt bei ihm aus der persönlichen Erfahrung und wirkt darauf zurück. Für Nietzsche war das Denken eine Leidenschaft, es war so vital wie bei anderen Leuten das Empfinden“.

(Rüdiger Safranski über Friedrich Nietzsche. Ein Interview mit dem Hanser Verlag)

II Friedrich Nietzsche - zentrale Thesen seines Denkens

Erfüllt von einem tiefen Unbehagen gegenüber der eigenen Gegenwart - gegenüber den Lebensverhältnissen und der tonangebenden Mittelmäßigkeit der Wilhelminischen Gesellschaft - löst Friedrich Nietzsche dieses Gefühl in sich auf, indem er schöpferisch - also geistig - tätig wird. In diesem Zusammenhang werden drei Werke betrachtet, welche als grobe rote Fäden durch die einzelnen und sich einander bedingenden Schaffensperioden Nietzsches führen mögen.

Zu dem ersten Buch10: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik (1872). Ihm stehen zwei Vorträge - „Das griechische Musikdrama“/„Sokrates und die Tragödie“ - aus dem Jahr 1870 voran. In beiden entwickelt Nietzsche die Grundthesen für die ` Geburt`: 1. die griechische Tragödie entspringt den dionysischen Festen und wurde 2. durch die Karriere des Logos vernichtet. Die Ursache in dem Zerfall der Tragödienkultur sieht Nietzsche in dem Auftritt von Sokrates (470 - 399 v. Chr.): „alles muß bewusst sein, um gut zu sein.11 “ Und nicht nur das. Nietzsche geht sogar einen Schritt weiter und begreift Sokrates als Symptom seiner Zeit: ER ist der Anfang eines Seins ohne Tiefe, eines Wissens ohne Weisheit12.

Im Frühsommer 1870 hat Nietzsche einen Geistesblitz: er entdeckt, dass polare Grundmächte innerhalb der Natur (Frühling-Herbst/Leben-Tod, etc.) zusammenspielen. Er projiziert seine Entdeckungen auf die griechische Tragödie, und dabei eben auch konkret auf ihre Antipoden, die beiden Götter Apoll und Dionysos. Nach ästhetischer Betrachtung ist Apollon „der verklärende Genius des principii individuationis 13 “ , welcher durch Bewusstsein und Abgrenzung von seiner Umgebung charakterisiert wird und der in der Plastik als schöner, harmonieerfüllter Mensch dargestellt wird. Dionysos indes, der Gott des Rausches und der Musik, verkörpert die Sehnsucht, Grenzen des Personseins und der Alltagswelt zu überspringen, sich im Rausch oder der Hingabe an den Tanz zu verlieren und das Gefühl des Einsseins mit den anderen Menschen und der Natur zu empfinden.14

Über diese erste ästhetisch angelegte Analyse hinausgehend, versucht Friedrich Nietzsche anhand der Antagonisten Apoll und Dionysos eine metaphysische15 Deutung des menschlichen Seins. An dieser Stelle muss auf die Schriften Arthur Schopenhauers und Nietzsches intensive Beschäftigung mit ihnen verwiesen werden, da diese entscheidend für den gedanklichen Fortgang Nietzsches sind. Die Welt als Wille und Vorstellung (Arthur Schopenhauer, Teil I: 1818 oder 1819, Teil II: 1844) gab Nietzsche den Anreiz, sich mit dem Leben als menschlicher Welterfahrung und als Begrifflichkeit auseinanderzusetzen, es zu definieren. Schopenhauer teilt in seinem Buch die Welt in Vorstellung (Intellekt) und in Wille ein. Das meint: die Welt ist Äußeres: „Die Welt als Vorstellung ist die raum - zeitliche Wirklichkeit [indem] der menschliche Intellekt der Natur die Gesetze vorschreibt.“16 und Inneres: als leibliches Wesen ist der Mensch Teil dieser Welt, in welcher er das Weltgeschehen immer auch in Bezug auf sich und seine Existenz empfindet. Als Vermittelndes steht der menschliche Körper als unmittelbares Objekt zwischen Erkenntnis (Intellekt) und erkennendem Subjekt, mit welchem er in Einklang gebracht wird.17 “ Schopenhauer bezeichnet diese Identitätserfahrung als Wille. Der Wille besitzt jedoch eine Intention / einen Drang (Mensch = Tier), der sich im Geschlechtlichen zentriert. Nach Schopenhauer sind die menschlichen Bedürfnisse der Vernunft übergeordnet und da sie als Bedürfnisse unauflösbar / unüberwindbar sind, kann der Mensch sich von ihnen nicht befreien und das Leben nur als Leiden in einem ewigen Kreislauf wahrnehmen. Die einzige Erlösung des Menschen sieht Schopenhauer in der radikalen Verneinung des menschlichen Willens zum Leben (durch Keuschheit, Entsagung, Askese).

Auf Nietzsches Antipoden übertragen bedeutet das, dass die Welt des triebhaften Willens dem Dionysischen und die Welt der Vorstellung dem Apollinischen gleichgesetzt wird. Entscheidend ist und von Schopenhauer unterscheidend, dass Friedrich Nietzsche das Dionysische positiv deutet. Für ihn ist es der ungeheure Lebensprozess selbst, der schöpferisch und vital, zugleich aber auch grausam, ungeheuer und heillos sein kann. Wieso kann die dionysische Welt so furchterregend sein? Der Auslöser ist hier konkret im Ausbruch des Deutsch - Französischen Krieges18 (1870/71) zu sehen. Nach Nietzsche ist der Krieg prinzipiell der Vater aller Dinge und in dem Ausbruch des Krieges an sich sieht er den Durchbruch des Dionysischen. Mit Blick auf das antike Griechenland entwickelt Nietzsche ein so genanntes `Metamorphosen - Konzept`. Das meint: die Umwandlung kriegerischer Antriebe in die Form des Wettstreits und somit die Umwandlung dionysischer Energien in lebbare apollinische Formen. Nietzsches oberstes Ziel ist bei alldem das Gedeihen der Kultur. „Um ihretwillen soll alles geschehen. Sie ist der oberste Zweck, und wo er eine Unterordnung der Kultur unter die Zwecke des Staates oder der Wirtschaft zu bemerken glaubt, empört er sich.19 “ Im Hinblick auf die Wilhelminische Gesellschaft und die Zeit, in der er lebt, greift er die Theodizeefrage20 auf und überträgt sie auf die Kunst. „Wie lässt sich angesichts der Übel in der Welt das vergleichsweise luxurierende Unternehmen der Kunst rechtfertigen? Ist nicht die Tatsache, dass die einen Kunst machen, während die anderen Leiden, ein skandalöser Beweis der Ungerechtigkeit in der Welt? Der Jammer der Welt und das Singen der Kunst - wie soll das zusammenstimmen?21 “ Nach Nietzsche wächst die Kunst aus Ungerechtigkeit hervor und zu ihr gehören Grausamkeit und Opfer. In der Zeit der sozialen Fortschritte schockierte diese Aussage. Nietzsche wollte bewusst eine derartige Provokation, denn er sah im sozialen Fortschritt eine Bedrohung für die Kunst.

[...]


1 Frankfurt am Main 2002.

2 Friedrich Nietzsche: „Aus meinem Leben. Teil I: Die Jugendjahre 1844-1858.“ In: Friedrich Nietzsche - Werke. S. 582.

3 „Von Kindheit an suchte ich die Einsamkeit und befand mich da am wohlsten, wo ich mich ungestört mir selbst überlassen konnte. Und dies war gewöhnlich im freien Tempel der Natur...“ In: Friedrich Nietzsche - Werke. S. 582.

4 „Die ersten Naumburger Jahre zeigen in nuce schon den ganzen Nietzsche: das Gefühl, auserwählt zu sein und die Last damit, Musik und Naturerlebnis als Lebensmittel, Freundschaftskult, Schreiben als entscheidendes Erkenntnismittel, der Wille Kunst zu schaffen.“

5 Aus der Festschrift der Königlichen Landesschule Pforta, 1843.

6 „Wir beschlossen damals eine kleine Vereinigung von wenigen Kameraden zu stiften, mit der Absicht, für unsere produktiven Neigungen in Kunst und Literatur eine feste und verpflichtende Organisation zu finden“. In: Über die Zukunft der Bildungsanstalten. Erster Vortrag. Jahr unbekannt.

7 „Lukasbund“, gegründet 1809 von F. Overbeck. Siehe dazu auch Fußnote 87.

8 „Ich gehöre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da und ist jetzt dasselbe wie vor neun Jahren. Ich verstand ihn, als ob er für mich geschrieben hätte: um mich verständlich, aber unbescheiden und töricht auszudrücken.“

9 In: Böse Wahrheit - Sprüche und Sprichwörtliches. Pfeile, 1883.

10 Hierbei impliziert „erstes Buch“ eine Dualität: erster Betrachtungsgegenstand und erste philosophische Schrift Friedrich Nietzsches.

11 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. München 1980. Band I, S. 540.

12 Safranski S. 55/56.

13 Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik. Frankfurt am Main 1999. Kapitel 16, S. 73.

14 Vgl. Christoph Helferich: „Drei Einzelgänger.“ In: ders.: Geschichte der Philosophie. München 2002. S. 349.

15 Unter Metaphysik wird die Lehre von den letzten Gründen des Seins, seinem Wesen und seinem Sinn verstanden. Sie zerfällt in die Lehre vom Seienden selbst (Ontologie), vom Wesen der Welt (Kosmologie) und von der Existenz und dem Wesen der Gottheiten (Theologie). Die Metaphysik bildet einen wesentlichen Bestandteil der Weltanschauung.

16 Ferdinand Fellmann: „Die Lebensreformbewegung im Spiegel der deutschen Lebensphilosophie.“ S. 152. In: Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Darmstadt 2001.

17 Ebd.

18 Krieg zwischen Frankreich und Preußen mit seinen Verbündeten.

19 Safranski S. 63.

20 Griech.: theos - Gott; dikë - Gerechtigkeit. Frz.: théodicée. Ist die Rechtfertigung Gottes gegenüber dem Vorwurf, dass er für das Übel und das Böse in der Welt verantwortlich sei, da es in seiner Allmacht gestanden haben müsste, es nicht zuzulassen. Vgl. Römer 3, 5: „Ist´s aber so, dass unsre Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit ins Licht stellt, was sollen wir sagen? Ist Gott dann nicht ungerecht, wenn er zürnt? - Ich rede nach Menschenweise.“

21 Safranski S. 69.

Details

Seiten
35
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638213356
ISBN (Buch)
9783656380436
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16488
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Kunst-und Musikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Nietzsche-Rezeption Künstlergruppe BRÜCKE Selbstfindungsprozesse Künstlerbegriff Hauptseminar

Autor

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