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"Work can be such a production." - Selbstreflexive Fernsehdiskurse und satirische Industriekritik in der US-Serie "30 ROCK"

Hausarbeit 2010 38 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Fernsehen macht offenbar eben doch verrückt - zumindest wenn man dort arbeitet. - Eine Einleitung

2. Die Sitcom 30 Rock - Ausgangspunkt und Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit
2.1 Einleitendes zur Serie
2.2 Übersicht über die wichtigsten Hauptcharaktere
2.3 Medienaneignung im soziokulturellen Kontext
2.4 Mögliche Rezeptionspositionen bzw. Lesarten von Medientexten

3. Analyse: Wie die Fernsehserie 30 Rock das Fernsehen repräsentiert
3.1 Selbstreflexivität und Spiel mit Genrekonventionen
3.2 Parodie und Satire der Fernsehindustrie
3.3 Das (Arbeits-)Verhältnis zwischen Jack Donaghy und Liz Lemon

4. Abschließende Bemerkungen und Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang A: Übersicht über die erste Staffel

1. Das Fernsehen macht offenbar eben doch verrückt - zumindest wenn man dort arbeitet. - Eine Einleitung

Liz Lemon, Chefautorin der NBC-Sketchshow ,TGS with Tracy Jordan’ hat es wahrlich nicht leicht: Sie muss nicht nur ihren neuen, exzentrischen Programmchef - der vom Fernsehbusiness so gar keine Ahnung zu haben scheint - zufrieden stellen, sondern auch den gegen ihren Willen ins Team geholten, narzisstischen Hauptdarsteller der Show zähmen, das Ego ihrer labilen Freundin und (ab sofort) Nebendarstellerin stärken, ihre faulen Autoren auf Trab halten, versuchen, ihr Privatleben in den Griff zu bekommen - und nebenbei immer wieder so allerhand Schwierigkeiten und Hürden meistern, die der Alltag im Unterhaltungsgeschäft mit sich bringt.

So weit an dieser Stelle und in aller Kürze der Inhalt der US-amerikanischen Sitcom 30 Rock, die im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen soll. In ihrem Produktionsland feiert die Serie große Erfolge, wird mit Auszeichnungen überhäuft und stellte so etwa im vergangenen Jahr mit insgesamt 22 Emmy-Nominierungen unlängst einen neuen Rekord auf. - Seit dem 1. November 2009 läuft 30 Rock auch in Deutschland, wenn auch mit deutlich geringerer Resonanz: Zu seinem Sendestart hatte sich der digitale Spartenkanal ZDFneo besonders stolz und zuversichtlich über die gesicherten Rechte an der Comedy-Serie gezeigt und sie zu einem der Zugpferde in der Bewerbung des neuen Senders auserkoren (vgl. ZDF 2009: o.S.). Die deutsche Free-TV-Premiere von 30 Rock am 1. November 2009, einem Sonntagabend, enttäuschte jedoch auf ganzer Linie: 0,0 Prozent Marktanteil lautete das Quotenergebnis, bei dem man unwillkürlich noch ein zweites Mal auf die Zahl sehen muss. Das bedeutet, dass die Zahl der Zuseher unterhalb der Messschwelle gelegen haben muss, d.h. insgesamt weniger als 5.000 Menschen eingeschaltet hatten - ein Ergebnis, dass in der Folge auch in der US-amerikanischen Berichterstattung für einiges Aufsehen gesorgt hat (vgl. Roxborough 2009: o.S.).

Diese kleine Anekdote - die so oder so ähnlich wiederum sicherlich auch Stoff für eine humorvolle Auseinandersetzung innerhalb der Serie selbst liefern würde - verweist gleichzeitig auch auf eine wichtige Beobachtung, auf welche diese Arbeit aufbauen soll. Denn - wie zu zeigen sein wird - ist es eines der wichtigsten Charakteristika von 30 Rock, mit Mitteln der Parodie und Satire unterschwellig

Kritik auf eine Dimension zu üben, zu der sie selbst gehört bzw. als Produkt wiederum selbst Teil davon ist: die Rede ist von der US-amerikanischen Fernsehindustrie. Dieses paradoxe und von Widersprüchen durchzogene Verhältnis zeigt sich schon daran, dass in der Serie ganz unverblümt die Arbeit hinter den Kulissen einer (fiktiven) Show des Fernsehsenders NBC persifliert wird - 30 Rock selbst aber auch im Auftrag von NBC produziert und ausgestrahlt wird. Und wie das folgende Kapitel, in dem wir das übliche Setting und die Hauptcharaktere von 30 Rock kennen lernen werden, noch genauer darstellen wird, darf angenommen werden, dass es ganz bestimmt nicht Anspruch des Senders ist, den Zuschauern ein wahrheitsgetreues Bild von den eigenen „Zuständen“ zu geben.

Zum Aufbau dieser Arbeit im Einzelnen:

Zielsetzung dieser Arbeit ist es, anhand der Betrachtung der speziell zu diesem Zweck ausgesuchten Sitcom 30 Rock deren Funktionsweise von Humor und insbesondere der in die Serie eingeschriebenen Kritik genauer zu verstehen. Zu den Gründen, die zur Wahl eben dieses Genres für die Untersuchung geführt haben, zählen neben der Aktualität und Popularität des gewählten Beispiels im Speziellen auch die allgemeine Anerkennung des Genres der Sitcom als eine der ältesten Formen in der Geschichte des Fernsehens. Auf ein ausführliches Eingehen auf die Anfänge und Entwicklung des Genres muss hier jedoch leider verzichtet werden, da dies den Rahmen sprengen würde. Nichtsdestotrotz soll einleitend festgehalten werden, dass die Sitcom über die Jahre einen steten Bedeutungszuwachs auch für die wissenschaftliche Auseinandersetzung erfahren hat, insbesondere etwa seit den 90er Jahren, als mit Formaten wie Roseanne, Eine schrecklich nette Familie oder Die Simpsons die ironischerweise zuvor auch und vor allem in Sitcoms medial konstruierten Familiennormen erstmals offen kritisiert wurden (vgl. Morreale 2003: 247). Inzwischen hat sich die Praxis stark ausgebreitet und es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht von einer Serie thematisiert und dabei mal mehr, mal weniger auch unter kritischen Gesichtspunkten repräsentiert wird. Heute lassen sich darüber hinaus auch ästhetische Veränderungen innerhalb des Genres feststellen. So wird immer häufiger auf die in der Vergangenheit das Genre noch konstituierenden „Lachschleifen“ bewusst verzichtet. Dies ist auch bei 30 Rock der Fall.

An diese Einleitung schließt sich zunächst ein Überblick über den festen „Mikrokosmos“ von 30 Rock, d.h. die Kerninhalte, den vertrauten Ort der Handlung und die grundlegende Figurenkonstellation. Dieser ist absichtlich kurz und kompakt gehalten, denn als Untersuchungsgegenstand wird die gesamte erste Staffel betrachtet. Wenn es im Zuge der Analyse sinnvoll erscheint, wird auf spezielle Handlungsstränge deshalb noch einmal im entsprechenden Kontext im Detail eingegangen. Außerdem fasst eine tabellarische Zusammenstellung im Anhang zu dieser Arbeit die wichtigsten Plot-Inhalte sowie spezifische Beobachtungen und technische Auffälligkeiten zu jeder einzelnen Folge - sofern zutreffend - kurz zusammen. In Kapitel 3 folgt dann eine Art „Exkurs“ zu den Cultural Studies und der von Stuart Hall maßgeblich geprägten semiotischen und diskursanalytischen Herangehensweise an „Medientexte“. Dies soll ein Verständnis für die gewählte Arbeitsweise und Methodik der Untersuchung erzeugen, die schwerpunktmäßig schließlich in Kapitel 4 vorgenommen wird. Unter Berücksichtigung beispielsweise der verwendeten Zeichen und Konnotationen, dem Zusammenspiel und Verhältnis der Figuren, Kommentaren auf Dialogebene oder dem Brechen mit tradierten Genrekonventionen soll darin gezeigt werden, wie die Serie mit Themen- bzw. Konfliktfeldern aus dem Medienbereich umgeht.

2. Die Sitcom 30 Rock - Ausgangspunkt und Untersuchunqsqeqenstand dieser Arbeit

2.1 Einleitendes zur Serie

New York City, Rockefeller Plaza, Hausnummer 30 - hier schlägt sowohl in der Fiktion von 30 Rock als auch in der Realität das Herz des Senders NBC und hier arbeitet Hauptprotagonistin Liz Lemon (alias Tina Fey) zusammen mit ihrem Team aus Produzenten, Autoren und Schauspielern an fünf Tagen in der Woche an einer Sketch-Comedyshow, die am Ende jeder Arbeitswoche live aus dem angeschlossenen Studio auf Sendung geht.1 Ihre Welt gerät jedoch gehörig ins Wanken, als ihr in Form von Jack Donaghy, der zuvor im NBC-Mutterkonzern General Electric für die Entwicklung von Mikrowellengeräten verantwortlich war, ein neuer Programmchef in der Hierarchie des Sendergefüges vorgesetzt wird, der vom ersten Tag an nicht davon ablassen kann, sich in den kreativen Prozess der Show einzumischen und auch sonst den gewohnten Lauf der Dinge kräftig zu verändern. Die Handlungsstränge der jeweiligen Episoden konzentrieren sich dabei neben dem Umfeld des Arbeitsplatzes, dem Sendergebäude und der Fernsehindustrie allgemein auch immer wieder auf das Privatleben der Figuren bzw. hier insbesondere der Protagonistin Liz Lemon.

30 Rock als mediales Produkt erfüllt dabei die meisten Kriterien einer Sitcom und kann daher wohl zweifelsfrei diesem Genre zugeordnet werden: Fiktionalität, ein festes Kernset von Figuren und ein limitierter Handlungsraum, Humor, der aus Alltagssituationen heraus generiert wird sowie überwiegend in sich geschlossene Episoden von (ohne Werbung) rund 22 Minuten durchschnittlicher Dauer (vgl. Knop 2007: 87). Auf bestimmte, bislang für die Sitcom typische Mittel der Inszenierung verzichtet die Serie jedoch bewusst, wie zum Beispiel die Aufzeichnung vor einem Live-Publikum oder untergemischte Lacher vom Band - und folgt damit dem Beispiel vieler Sitcom-Produktionen neueren Datums (vgl. Mills 2009: 31). Dennoch besteht in der wiederholten Reproduktion nach einem Modell ein zentrales Charakteristikum der Serialität. Zusammen mit der oben schon erwähnten Abgeschlossenheit der einzelnen Folgen ergibt sich konkret im Fall von 30 Rock: Zu Beginn jeder Episode wird meist sehr rasch ein Problem aufgeworfen (erster Plot Point); es tritt zum Beispiel eine „Störung“ ein, die den sonst gewohnten Ablauf der Showvorbereitung bedroht, welche am Ende aber schließlich gelöst werden kann. Oftmals endet die Episode unmittelbar nach diesem zweiten Plot Point - denn auch dies ist auffällig bei 30 Rock: Während des Abspanns bzw. der Nennung der „Credits“ setzt die Serie nicht wie weitgehend üblich auf eine finale Szene bzw. letzten Gag, sondern die Einblendungen erfolgen lediglich vor schwarzem Hintergrund und Musik (wobei dies nicht immer eine Version der Titelmusik ist, sondern in einigen Fällen Musik aus der vorangegangen Handlung sein kann und deshalb nicht selten auf eine gesehene Szene anspielt und doch wieder humorellen Wert besitzt). Auch sonst dient die Musik in der Serie oftmals dazu, bestimmte Stimmungen zu inszenieren oder witzige Stellen - obgleich ein „Lacherband“ fehlt - zu kennzeichnen.

An dieser Stelle soll entsprechend auch der Vorspann der Serie nicht außer Acht gelassen werden: Wie bei Sitcoms üblich, korreliert auch bei 30 Rock eine hohe Anzahl von schnell wechselnden Bildsequenzen mit der (instrumentalen) Titelmusik. Generell lässt sich festhalten, dass die „Opening Credits“ an das konservative Vorspannschema von Serien und Soap Operas angelehnt zu sein scheinen, d.h. die Portraits der einzelnen Figuren - wenn auch hier nur sehr kurz - in den Vordergrund stellen. Der Stil, mit dem dies geschieht, ist aber originell gewählt und wirkt wie bei einer Collage: Die Figuren werden in einer Abfolge von schwarz-weißen Standbildern vor verschiedenen Ansichten des General Electric- Gebäudes, dem zentralen Ort der Handlung, präsentiert. Auffällig hierbei ist, dass dieses häufig aus der Froschperspektive gezeigt wird, was es besonders bombastisch und eindrucksvoll, fast schon dämonisch, erscheinen lasst (vgl. Bratslavsky 2009: 44f.). Die verwendete Blendetechnik zwischen den Bildsequenzen erinnert zudem an die in Fernsehstudios vielfach genutzten und auch in 30 Rock häufig zur Sprache kommenden „Cue-Cards“, von denen Moderatoren und Schauspieler unbemerkt von den TV-Zuschauern Informationen und Texte ablesen können und die einfach nach vorne umgekippt werden, damit die nächste Seite dahinter sichtbar wird - so ähnlich geschieht es als Anspielung auch mit den Bildern hier.

Im Vorspann wird außerdem schon deutlich, worauf auch in der Komposition der normalen Handlungsstränge offenbar besonderen Wert gelegt wurde: einen möglichst hohen Realitätswert bzw. Authentizität des Gezeigten: So gibt es immer wieder Ansichten des „echten“, real existierenden Gebäudes, der es umgebenden Statuen, das originale Pfauen-Logo von NBC und selbst bekannte Gesichter bzw. Stars des Senders in Cameo-Auftritten zu sehen. Eine absichtliche Verfremdung findet nicht statt. - Umso interessanter wird es in Abschnitt 4 sein, die für diese Arbeit besonderen Elemente der Handlung näher unter die Lupe zu nehmen. Dann nämlich, wenn die Serie gezielt darauf eingeht, wie die „Show in der Show“ produziert und welche Unternehmenskultur dabei transportiert wird oder beispielsweise wenn sie sich auf gängige Industriepraktiken wie Marktforschung und Werbung oder die Arbeitsmoral der Autoren bezieht.

Zunächst wollen wir die wichtigsten Figuren von 30 Rock jedoch näher kennen lernen.

2.2 Übersicht über die wichtigsten Hauptcharaktere

Die Figurengestaltung in 30 Rock ist gekennzeichnet von einer Art Dichotomie aus originellen und bisweilen „einzigartigen“ Charaktereigenschaften sowie der Konstruktion von klassischen Stereotypen. Da die Charakterisierung hier neben der in Dialogen getroffenen Aussagen und vertretenen Meinungen auch (insbesondere für neue Zuschauer) leicht erschließbar über die Kleidung und das äußere Erscheinungsbild der Figuren erfolgt, wird hierauf in der folgenden Übersicht ebenfalls eingegangen werden.

Liz Lemon (gespielt von Tina Fey) ist die Chefautorin der im Auftrag von NBC produzierten Comedy-Show ,The Girlie Shorí, die schon bald nach Ernennung ihres neuen Programmchefs gegen ihren Willen in ,TGS with Tracy Jordan’ umbenannt und mit dem gleichnamigen Schauspieler als neuen „main act“ besetzt wird. In ihrer Arbeit, die auch in großem Maße ihr übriges Leben bestimmt, ist sie das Bindeglied zwischen dem kreativen Prozess, der im Kreise ihrer Autoren und Schauspieler stattfindet, und der „Chefetage“, die immer wieder in die gewohnten Arbeitsabläufe eingreift und ökonomische Interessen und Ziele durchzusetzen versucht. Auch ihr Privatleben wird - wie schon erwähnt - hauptsächlich von ihrem Berufsleben dominiert, wobei sich ihr neuer Vorgesetzter selbst in diesen privaten, intimen Bereich ständig ungefragt einzumischen versucht. Zwar führt Liz Lemon eine immer mal wieder neu einsetzende Beziehung mit Dennis Duffy, der wiederum als Prototyp eines - wenn auch liebenswürdigen - männlichen Versagers dargstellt wird, doch in der Regel ist sie als „Single“ charakterisiert. Denn auch in den Episoden, in denen Dennis eine Rolle in Liz’ Leben spielt, stört sie sich zumeist daran, dass ihre Beziehung zu ihm mehr dem Muster zwischen einer fürsorglichen Mutter und deren „faulem Sohn“ gleicht. Entsprechend zu ihrer leitenden geschäftlichen Position und dem einsamen Privatleben ist auch ihre Kleidung codiert: Meist trägt Liz ein legeres Unisex-Outfit, welches ihrem neuen Chef und auch nicht gerade wenigen von ihren Kollegen immer wieder Anlass zu sarkastischen Kommentaren gibt.

Mal mehr Liz’ Freund, mal mehr ihr Gegenspieler, immer jedoch ihr Chef und Vorgesetzter: Jack Donaghy (Alec Baldwin), der in der Pilot-Folge der Serie sein neues Büro am Rockefeller Plaza 30 bezieht und damit zugleich symbolisch seine neue Stelle in einem ihm eigentlich fremden und durchaus paradox klingenden Aufgabenbereich antritt: Er ist „Vizepräsident für Fernsehen Ostküste und Mikrowellengeräte-Programmierung“ bei General Electric, hofft jedoch, eines Tages zum CEO des Konzerns befördert zu werden. Als Liz ihn in der ersten Episode der Serie verwundert aber auch zynisch darauf anspricht, dass dies so klinge, als habe er zuvor Haushaltsgeräte programmiert, statt für das Fernsehprogramm verantwortlich zu sein, stimmt dieser trocken zu. Denn so ist es. Diese trockene, nüchtern-sachliche Art macht viel vom Charakter des Jack Donaghy aus und ist es auch, die das Team der Show ab sofort regelmäßig zur Weißglut - und die Zuschauer zum Lachen - bringt. Denn für Jack zählen nur Zahlen, Statistiken und alles, was sich sonst noch in den Verhandlungen mit den Werbekunden oder der Zusammenarbeit mit der Marketingabteilung des eigenen Konzerns zu Geld machen lässt. Doch dazu später mehr. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass Jack Donaghy in der Regel im teuren, der Position eines Managers angemessenen Anzug oder gar Smoking zu sehen ist. In letzterem trifft Liz ihn beispielsweise in Episode 7 (,Tracy vs. Conan’) in seinem Büro an. Auf die sichtlich überraschte Liz erwidert er: „Es ist schon nach Sechs. Was bin ich denn, ein Bauer?“2.

Zur weiteren Besetzung der „Show in der Show“ gehört Jenna Maroney (Jane Krakowski), Liz’ beste Freundin und Hauptdarstellerin von ,TGS’, die von nun an allerdings im Schatten des Neuzugangs stehen muss. Nicht erst seitdem benötigt sie stets den Rückhalt und die mentale Aufrichtung durch ihre Freundin Liz, was nicht selten ihrem mangelnden Talent geschuldet ist. Sie entspricht dabei dem Stereotyp der naiven Blondine - ein Image, was sie aber selbst umso stolzer vertritt und intensiv pflegt, denn sie ist sich sehr wohl darüber bewusst, dass ihre Reize ihr so allerlei Türen öffnen. Äußerlich entspricht sie dabei in Kleidung und Verhalten - im Gegenteil zu Liz - einem als besonders „weiblich“ und „sexy“ konnotiertem Frauenbild.

Außerdem mit dabei: Der schon angesprochene „Neue“ im Schauspieler­Ensemble der Show, Tracy Jordan (Tracy Morgan), ein afroamerikanischer, vom Publikum gefeierter Filmstar, der jedoch nur in recht zweifelhaften Komödien mitgespielt hat und nach dem Wunsch von Jack neue, für die Werbeindustrie besonders relevante Zielgruppen ansprechen soll. Der Umgang mit ihm fällt dem Rest des Teams jedoch alles andere als leicht, denn er gilt als unberechenbar in seinen Reaktionen, verhält sich zudem sehr divenhaft und darf wohl treffend als „durchgeknallt“ beschrieben werden. Mit seiner Kleidung bedient er zudem sämtliche Klischees des „Ghetto-Schwarzen“. - Autor Toofer (Keith Powell) darf da als direkter Gegenentwurf gelten, denn er ist zwar auch Afroamerikaner, allerdings hat er einen Harvard-Abschluss vorzuweisen, gibt sich konservativ bis zugeknöpft sowie äußerst gesellschaftskritisch, weshalb er auch mit dem in seinen Augen allzu klischeehaften Tracy häufig aneinander gerät. Seine Kleidung ist entsprechend elegant, vermittelt ein Gefühl von elitärer „upper class“ und „Spießigkeit“. Überflüssig zu erwähnen, dass auch dies vereinzelt Sprüche von den Kollegen nach sich zieht. - Ganz anders ist da schon wieder Frank Rossitano (Judah Friedlander), den die Zuschauer in jeder Folge im eher sportlich-lockeren Freizeitlook zu sehen bekommen bzw. anders formuliert: der eher wenig Wert auf ein gepflegtes Äußeres zu legen scheint, denn sein Erscheinungsbild driftet teils ins Schlampige, was im weiteren Verlauf der Serie auch als deutlicher Verweis auf dessen Arbeitsmoral bewertet werden kann. Zu einem „Markenzeichen“ der Serie sind außerdem seine Baseball-Kappen geworden, denn in jeder Folge trägt Frank ein oder sogar mehrere Exemplare mit einem anderen Schriftzug auf der Stirnseite. Mal handelt es sich dabei um scherzhafte Anspielungen auf seinen Charakter (z.B. „Joystick Master“, „Extra Cheese“, „Arcade Champ“, „Smells“) oder auf den Plot der jeweiligen Folge (z.B. „Liz Rocks“, „Coool As Ice“). Die übrigen Autoren von ,TGS’ kommen hingegen in der ersten Staffel kaum vor bzw. nehmen mehr die Rollen von Statisten ein und sind allenfalls nur selten in kleinen Sprechrollen vertreten.

Zu den weiteren Charakteren des Kernsets aus Figuren von 30 Rock gehören: Pete Hornberger (Scott Adsit), der halbglatzköpfige und leicht untersetzte Produzent der Show, dessen Ehefrau im oft genug das Leben schwer macht; NBC-Etagenpage Kenneth Parcell (Jack McBrayer), der dem Sender und den Menschen, für die er arbeitet, fast schon hoffnungslos untergeben ist, das Fernsehen jedoch einfach liebt und dessen beste Freundin nach eigener Aussage seine Mutter ist; und Cerie (Katrina Bowden), Liz’ junge, flatterhafte und attraktive Assistentin, die den Männern im Autorenteam die Konzentration raubt.

Somit wird bei der Figurenbetrachtung schon deutlich, dass in 30 Rock durch die Verwendung von - mitunter geschickt kombinierten - Stereotypen verschiedene konfliktträchtige Lebensstile konstruiert und so auf vielfältige Weise im Zusammenspiel der Charaktere Komik erzeugt werden kann. Deutlich wird dabei, dass dies auf Seite der Zuseher ein gewisses Maß an mentalem Schemawissen und vorhandene Strukturen für den Prozess der Dekodierung voraussetzt, um diese diskursive Symbolik verstehen zu können. Sonst wird der Witz schlicht nicht verstanden - oder als nicht witzig aufgefasst. Im folgenden Kapitel soll dieser Prozess weiter beleuchtet werden.

3. Exkurs: Das ,Encoding/Decoding’-Modell von Stuart Hall als Bezugsrahmen für die weitere Untersuchung

2.3 Medienaneignung im soziokulturellen Kontext

Was machen die Medien mit den Menschen? Lange Zeit stand diese Frage im Fokus der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Dabei ist das Bild der „übermächtigen Medien“, die auf den passiven Rezipienten in einer Art „kommunikativen Einbahnstraße“ einwirken, schon lange überholt (Reiz- Reaktions-Modell: Medium sendet Reiz, Rezipient empfängt und reagiert).3 Fest steht: Menschen nehmen Medienangebote selektiv wahr. Was dem einen gefällt, gefällt noch lange nicht dem anderen. Insofern muss die eingangs gestellte Frage neu formuliert werden: Was machen die Menschen mit den Medien? Eine Antwort hierauf liefert der Uses and Gratification-Ansatz (Nutzen und Belohnungs-Ansatz): Ihm liegt die Auffassung zu Grunde, dass der Mensch bestimmte Bedürfnisse an ein Medium heranträgt, zum Beispiel den Wunsch nach Information oder Ablenkung. Der besondere Fortschritt dieses Modells gegenüber dem Reiz- Reaktions-Modell liegt darin, die Nutzer eines Mediums als aktiv Rezipierende zu betrachten.

Der britische Soziologe Stuart Hall deckte in den zahlreichen Theorien der Medienforschung seiner Zeit jedoch einen entscheidenden Defizit auf: Rezipienten, wie zum Beispiel Fernsehzuschauer, werden als isolierte Individuen betrachtet, losgelöst von jeglichem Kontext. Hall entwickelte einen Ansatz, in dem „aktive“ Rezipienten sowie die sie umgebende Gesellschaft und geltende Machtverhältnisse eine zentrale Rolle einnehmen und der davon ausgeht, dass beispielsweise hinsichtlich der Bedeutungszuschreibung bei der Rezeption von Fernsehsendungen ständig zwischen Rezipient und Medientext vermittelt wird. Hall gilt nicht zuletzt wegen dieses subjektbezogenen Ansatzes, der als Encoding/Decoding-Modell bekannt wurde, als einer der Begründer der Cultural Studies (vgl. Hepp 2004: 110f.).

[...]


1 Eine genauere Beschreibung der wichtigsten Charaktere wird noch im folgenden Abschnitt 2.2 erfolgen.

2 (Staffel 1, Eps. 7, 15:47 Min.)

3 Erstmals widerlegt von: Paul Felix Lazarsfeld (1944): The people’s choice. How the voter makes up his mind in a presidential campaign. New York.

Details

Seiten
38
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640799893
ISBN (Buch)
9783640834846
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164854
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
Medien Medienwissenschaft Fernsehen TV Fernsehwissenschaft Filmanalyse Inhaltsanalyse Serie Fernsehserie Sitcom Comedy 30 Rock NBC Tina Fey Alec Baldwin Fernsehdiskurse Fernsehkritik Charaktere Figuren Medienaneignung Rezeption Repräsentation Selbstreflexivität Genre Parodie Satire Figurenkonstellation Staffel Interpretation

Autor

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