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"Großmutter, warum hast du so große Zähne?" Die Sprache der Transparente und die öffentliche Kommunikation im Herbst 1989

Eine analytische Betrachtung typologisch erfasster Losungen

Seminararbeit 2010 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
1.2 Zielsetzung
1.3 Struktureller Aufbau der Arbeit

2 Der Herbst 1989 im Zeichen Politischer Losungen
2.1 Der Wandel im Sprachgebrauch und seine Dynamik
2.2 Politische Losungen – eine Merkmalsbestimmung

3 Typologie - Linguistische Phänomene der Losungen
3.1 Aktantenverhältnis
3.2 Themen
3.3 Sprachhandlung
3.4 Mustermischung, intertextuelle Bezüge und Stilmittel
3.5 Mustermischung im außersprachlichen Bereich
3.6 Wortschatz und Syntax

4 Analyse ausgewählter Transparente
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Die Auswahl
4.2.1 Transparent: „Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei“
4.2.2 Transparent: „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“
4.2.3 Transparent: „Demokratisch! Durchschaubar! Rechtsstaat“

5 Diskussion

6 Literaturverzeichnis

INTERNETQUELLEN:

Anhang

„Wir drehen alte Losungen um, die uns gedrückt und verletzt haben, und geben sie postwendend zurück […] Ja, die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter […].“

Christa Wolf

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

Die mit der Wende 1989 einhergehende friedliche, stille Revolution hatte in vielerlei Hinsicht mit Sprache zu tun (Vgl. SCHÄFFNER zitiert durch BUER (2006), 23). Neben öffentlichen Auslöseereignissen (Ausreisewelle u.a.), die nichts mit der Sprache an sich zu tun hatten, gab es eine Vielzahl an Sprachhandlungen, welche die Revolution in der DDR „[…] vorbereitet, ausgelöst, umgesetzt und fortgeführt“ hatten (Vgl. POLENZ (1999), 567). So trugen zahlreiche Bürger durch eine Vielzahl an sprachreflektierenden Äußerungen ihre Meinung nach außen. Diese sprachliche Formen, in erster Linie Losungen auf Transparenten, Demosprüche und Reden, spielten bei der Durchführung der friedlichen Revolution eine entscheidende Rolle. Die Sprachwissenschaftlerin Ruth REIHER deutet die Losungen der Wendezeit als Umkehr der bisherigen Verhältnisse öffentlicher Kommunikation (Vgl. REIHER (1992), 44). Peter VON POLENZ bringt zum Ausdruck, dass die Sprachrevolte „[…] hauptsächlich in dem kollektiven Wagnis, Sprachmittel des vorher halböffentlichen und privaten Diskurses in neuartigen öffentlichen Diskurs einzubringen und in bestimmte Handlungsformen wirksam zu machen“ bestand (Vgl. POLENZ (1999), 568).

1.2 Zielsetzung

Ziel der Arbeit soll es sein, sich der Thematik „Sprache der Transparente“ in Bezug auf die Wendezeit zu nähern; im Besonderen soll ein Einblick in die sich wandelnde öffentliche Kommunikation im Herbst 1989 vermittelt werden. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Verbundenheit gesellschaftlicher Veränderungen mit Sprache bzw. die bedeutende Rolle der Sprache zur Wende heraus zu stellen. Den folgenden Fragen soll daher nachgegangen werden. Wie sah im Herbst 1989 die Kommunikationssituation aus, was war neu daran? Inwieweit vollzog sich ein Wandel im Sprachgebrauch? Welche Rolle spielten hierbei Losungen auf Transparenten? Lassen sich die Losungen der Wendezeit typologisieren, und wenn ja, welche linguistischen Phänomene lassen sich dabei erkennen? All diese Gedanken zielen auf die Rolle bzw. den Einfluss der Sprache auf die Wende ab - so ergibt sich die zentrale Frage, ob die Wende mit ihren gesellschaftlichen Veränderungen mit der Sprache verbunden war; bedingten sich beide sogar gegenseitig?

Zudem soll mit dieser Arbeit die Relevanz der Thematik unterstrichen werden, denn auch in der heutigen Zeit lassen sich Parallelen erkennen, wie das Volk mit einem erstarkten Wir-Gefühl durch Sprachhandlungen Missstände anklagt und Forderungen versucht durchzusetzen (Bsp. Stuttgart 21).

1.3 Struktureller Aufbau der Arbeit

Nachdem nun in Kürze die Zielsetzung und die Thematik der Arbeit angerissen wurden, wird im zweiten Gliederungspunkt das Geschehen im Herbst 1989 hinsichtlich der Veränderungen auf gesellschaftlicher und sprachlicher Ebene im Fokus der Betrachtung stehen. Hierbei wird versucht, die Dynamik des Sprachwandels zu hinterfragen und die „politische Losung“ als Begriff zu definieren.

Im dritten Kapitel sollen Losungen hinsichtlich gemeinsamer linguistischer Merkmale typologisiert werden. Es wird zu klären sein, welches Aktantenverhältnis, welche Themen, Sprachhandlungen, Stilmuster und Mustermischungen zur Zeit der Wende dominant waren. Im vierten Punkt werden diese theoretischen Erkenntnisse anhand einer Analyse von drei Transparenten versucht zu belegen. Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse im fünften Gliederungspunkt zu diskutieren sein. Das Literaturverzeichnis, welches einen Überblick zur herangezogenen Literatur darstellt, bildet den Abschluss der Arbeit.

2 Der Herbst 1989 im Zeichen Politischer Losungen

2.1 Der Wandel im Sprachgebrauch und seine Dynamik

Der Herbst 1989 gilt als eine Jahreszeit, in der es zu entscheidenden gesellschaftlichen Umbrüchen in der DDR kam. Begleitet wurden diese durch rasant fortschreitende, sprachliche Veränderungen. Diese wirkten umgekehrt auf gesellschaftliche Prozesse und hatten „[…] eine mobilisierende, dynamisierende Funktion “ auf die Gesellschaft (Vgl. REIHER (1992), 43). Die Vielfalt der Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR bietet dabei eine optimale Basis, um diesen gesellschaftlichen wie auch sprachlichen Wandel genauer zu betrachten, da Sprache – wie kaum ein anderes Ausdrucksmittel – die Zeitgeschichte spiegelt.

Die Auseinandersetzungen wurden erstmals in der Öffentlichkeit geführt und das fast ausnahmslos. Jedoch führten nicht Politiker, Funktionäre oder Parteien diese Art der kontroversen Auseinandersetzung sondern weite Teile der DDR-Bevölkerung (Montagsdemos in Leipzig und Berlin). Erstmals wandte sich das Volk an die politische Führung. Es kam zu einer neuen Art der Kommunikation zwischen Bürgern und Partei (SED). Die Bürger trugen durch die öffentliche Diskussion den Hauptanteil an der Gestaltung der politischen Entscheidungsprozesse. Die Inhalte der Diskussionen gestaltete der Bürger und nicht wie zuvor üblich die politische Führung. Im Herbst 1989 bestimmten also die Bürger die Themen, setzten die Maßstäbe für den öffentlichen Rahmen und auch deren Inhalte. Somit sind die Bürger selbst die Hauptakteure in der öffentlich-politischen Kommunikation dieser Umbruchphase gewesen. So findet seit Oktober 1989 eine völlige Umkehr statt, denn bisher trug die öffentliche Meinungsaussprache nur offiziellen Charakter (Vgl. REIHER (1992), 44). Dieser Sprachgebrauch wird komplett aus der Öffentlichkeit verdrängt. Es sind stattdessen zwei Tendenzen im Herbst 1989 kennzeichnend: bisher tabuisierte Themenbereiche werden jetzt in aller Öffentlichkeit angesprochen und es „[…] erfolgt durch veränderte Leitwörter eine gegenteilige Wertung bestimmter gesellschaftlicher Inhalte und Prozesse “ (Vgl. ebenda, 44).

2.2 Politische Losungen – eine Merkmalsbestimmung

Den Begriff „politische Losung“ bezogen auf den Herbst 1989 verwendet REIHER mit folgender Definition: „[…] kurz und einprägsam formulierter, mobilisierender (politischer) Leitsatz, Aufruf, in dem ein aktuelles gesellschaftliches Anliegen ausgedrückt wird“ (Vgl. HWDG zitiert durch REIHER (1992), 44). In einem Universalwörterbuch wird die Losung als „ Kennwort “ (Vgl. WAHRIG (2002), 667) bezeichnet. Weiter heißt es in einer älteren Ausgabe des Wörterbuches, die Losung sei ein „ Spruch, der die Grundsätze enthält, nach denen man sich richtet “ (Vgl. WAHRIG (1978), 513). Oft werden diese Äußerungen auch als Demosprüche bezeichnet. Der Spruch ist dabei als „kurz und einprägsam angesprochener Gedanke […]“ (Vgl. ebenda, 737) zu verstehen. Für RADERS stellen Demosprüche „[…] als spontane Äußerungen von Einzelnen oder Gruppen eine gewachsene Form der Meinungsbekundung dar, eine schöpferische Reaktion auf das politische Geschehen im Land, mit einer Vielfalt von Sprachhandlungen wie Fragen, Appellieren, Danken, Beschimpfen und Fordern. “ (Vgl. RADERS, 300). Ulla FIX versteht unter Losungen - die in der Kommunikationsgeschichte der DDR verankert sind - „[…] öffentliche Aufrufe mit der dominierenden Sprachhandlung auffordern. “ (Vgl. FIX (2008), S. 237).

Es ist eine Klasse von Texten, die zahlreiche Gemeinsamkeiten aufweist. Sie richten sich an eine Öffentlichkeit und besitzen in erster Linie fordernden bzw. auffordernden Charakter. Die Mehrheit der Bürger sind dabei sie Aktanten, die Produzenten. Mit Hilfe von Losungen klagen sie bei der Führungsschicht ihre bis dato vorenthaltenen Rechte ein. Die Kommunikation ist dabei einseitig gerichtet. Der Inhalt der Losungen ist meist politischer Art. Entscheidend ist die Kürze der Losungen. In der Regel handelt es sich um Ein-Satz-Texte, die oft elliptisch realisiert wurden. Einfache, prägnante Leitsätze haben eine fordernde bzw. auffordernde Funktion. Eine wichtige Rolle spielen dabei Satzzeichen wie Gedankenstriche und Ausrufezeichen (Vgl. FIX (2008), 231). Losungen bieten oft eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten, gewollt oder ungewollt, da sie meist aus der Situation heraus entstehen (Vgl. REIHER (1992), 45). Die Analyse ist meist ohne spezifisches Wissen möglich. Eine Analyse auf theoretischer Ebene soll im nächsten Gliederungspunkt versucht werden. Es wird zu untersuchen sein, welche linguistischen Phänomene typisch für die Losungen der Wendezeit waren. Dieser theoretische Rahmen soll dann im vierten Gliederungspunkt seine Anwendung finden.

3 Typologie - Linguistische Phänomene der Losungen

Nachfolgend wird versucht auf theoretischer Ebene eine Typologie der Losungen hinsichtlich der linguistischen Phänomene aufzustellen. Hierfür wurden insbesondere die Studien von Margit RADERS, Ulla FIX, Peter VON POLENZ und Ruth REIHER zu Rate gezogen. Die zur Bestimmung herangezogenen Transparente waren allesamt Teil der Herbstdemonstrationen im Jahr 1989 in der DDR und bieten daher einen wesentlichen Einblick in die neue öffentlich-politische Kommunikation dieser Zeit (Vgl. REIHER (1992), 47). Es wird zu untersuchen sein, wie das Aktantenverhältnis zur Zeit der Wende aussah, welche Themen und welcher Wortschatz hauptsächlich Bestandteile der Losungen waren, welche Sprachhandlungen reflektiert wurden und welche stilistischen und textlichen Besonderheiten (intertextuell ebenso wie im nicht-sprachlichen Bereich) in den Losungen Verwendung fanden. Es wird an einigen Stellen versucht, diese Aspekte der Wendelosungen von denen der Mai-Losungen abzugrenzen, um einen anschaulichen Vergleich zu schaffen, der es ermöglicht die Veränderungen im Sprachgebrauch besser zu verdeutlichen.

3.1 Aktantenverhältnis

Vor der Wendezeit waren die Aktanten von Losungen die SED bzw. die Regierung. Zu dieser Zeit wurden Losungen von Instanzen vorgegeben; eigene Losungen zu tragen, war strikt verboten. Während der Wende wandelt sich diese Tatsache. So sind Losungen nun Äußerungen, die von Einzelnen oder Gruppen, die ihrer individuellen Meinung Ausdruck verleihen wollen, genutzt werden. Sie werden zu „ […] Freiräumen des kommunikativen Handelns “ (Vgl. FIX (2008), 231). Vor der Wende, etwa bei den Mai-Losungen, war das asymmetrische Adressatenverhältnis dominierend. Die Losungen wurden meist von Sprechern der Regierung, hoch auf Tribünen stehend, zum vorbeiziehenden Volk gesprochen – Kommunikation von oben nach unten (Vgl. ebenda, 237). Umgekehrt sah dies zur Wendezeit aus; die Aktanten waren nun das Volk. Das Volk richtete sich an zweierlei Adressaten. Zum einen richteten sich Bürger mit ihren Losungen an die Bürgerschaft bzw. die Demonstranten im Zug, um das Gemeinschaftsgefühl zu bestärken, etwa mit der Losung Wir sind das Volk (symmetrische Adressatenbeziehung). Zum anderen wurde die Regierung bzw. die Partei direkt angesprochen und angeklagt, wenn Losungen wie Stasi in die Volkswirtschaft; Freie Einsicht in die Kaderakten auf Transparenten geschrieben standen. Umgekehrt richtete sich nun im Herbst`89 also das Adressatenverhältnis von unten nach oben. Auf Kundgebungen und Demonstrationen protestierte das Volk, gestärkt durch ein neuartiges „Wir“- Gefühl, mit ungewohnter symmetrischer Interaktion und Fairness gegen den alten Herrschaftsdiskurs.

Im Herbst 1989 werden die DDR-Bürger also zu den Hauptakteuren der politisch-öffentlichen Kommunikation. Als diese bestimmten sie die Foren und Inhalte dieser neuen Kommunikationsform selbst. Die Bürgerschaft war es nun, die zum Meinungsbildungsprozess entscheidend beitrug.

3.2 Themen

Die Themen der Wende-Losungen umfassen den gesamten Erfahrungsschatz der Bürgerschaft. Sie sind sehr konkret. Im Gegensatz dazu bezogen sich die Mai-Losungen lediglich auf Weltausschnitte. Vordergründig wurden hier Themen wie Partei, Frieden, Sozialismus, DDR oder Wirtschaft thematisiert. So bleiben sie abstrakt und lassen sich in dem Kontext für Sprachteilnehmer nicht auf konkrete Alltagserfahrungen beziehen (FIX (2008), 238). Im Herbst 1989 wurden die gewohnten Schlüsselwörter, d.h. von der Partei (SED) als wichtig angesehene Grund- und Zielvorstellungen in Form von Leitwörtern („DDR, Sozialismus, sozialistisches Vaterland, sozialistischer Arbeiter- und Bauernstaat“ oder „Solidarität“) entweder vermieden und tabuisiert oder mit neuer Bedeutung verwendet und teilweise durch Zusätze markiert. So wurden alte Bezeichnungen wie Z.B. das Wort Mauer durch die Wortgruppe befestigte Staatsgrenze ersetzt; Wörter wie Stalinismus, Alleinherrschaft, Betonköpfe wurden zu Feindwörtern (Vgl. POLENZ (1999), 569). Andererseits wurden nun Themen wie Massenflucht, wirtschaftlicher Niedergang, Umweltschäden enttabuisiert und offen thematisiert.

3.3 Sprachhandlung

In den Mai-Losungen sind Sprachhandlungen, welche die von oben nach unten gerichtete Adressierung unterstützen, äußerst dominant (aufrufen, feststellen und behaupten, versichern und grüßen, danken und auffordern). Die Losungen zum ersten Mai hatten Anweisungscharakter und dienten als Propagandainstrument und Machtmittel (Vgl. RADERS, 276). Die Sprachhandlungen zur Wendezeit hingegen waren vielfältiger Art (fragen und appellieren, drohen, feststellen, beschimpfen, fordern und auffordern, danken, beschimpfen) (Vgl. FIX (2008), 239). Die Losungen waren eines der wenigen Ausdrucksmittel des Volkes; sie waren Ventil und als Ort des sich Mitteilens stand der Bürgerschaft nur die Straße zur Verfügung. Mit kollektiven sprachlichen Äußerungen manifestierten die DDR-Bürger ihre neue Freiheit sprachlich (Vgl. RADERS, 276). Die Losungen sind einem Dialog gleich zu setzen, denn die Äußerungen scheinen eine Antwort zu verlangen. Diese Tatsache erklärt die Fülle an Sprachhandlungen. Es waren spielerische sprachliche Ausdrucksweisen beliebt: Umgangs- und Vulgärsprachliches (Immer nur SED? Nee!), Wortspiele mit hintergründiger Bedeutung (Eure Politik ist zum Davon-Laufen!), variierte Sprichwörter (Oft sah man den Wald vor Zäunen nicht!), graphemische Wortspiele (Weder beKRENZt noch verKOHLt), Reimsprüche (Egon Krenz wir sind nicht deine Fans!) (Vgl. POLENZ (1999), 568).

3.4 Mustermischung, intertextuelle Bezüge und Stilmittel

Charakteristisch für die Losungen der Wendezeit ist die Übernahme vieler Textmuster. Aus Bereichen anderer Spruch- und Kurztextgattungen bediente man sich. Individualität, Intertextualität und Weltwissen wird eingebracht. Die Verfasser schöpften aus vielen verschiedenen Quellen, machten Anleihen bei bereits bestehenden Textsorten und kombinierten verschiedene Stilmittel. Das wohl häufigste ist die Textmustermischung (Textmuster aus anderen Spruch- und Kurzgattungen) z.B. Sprichworte, Reime und abgegriffene Parteilosungen. Dabei wird sprachspielerisch, humorvoll und ideenreich vorgegangen; neue und für jeden fassbare Inhalte wurden eingefügt (Vgl. RADERS, 300). Übernommen und erweitert wurden beispielsweise Anspielungen (Ein Vorschlag für den ersten Mai: die Führung zieht am Volk vorbei); Sprichwörter wurden abgewandelt (Verdummung und Stolz wachsen auf einem Holz) oder erweitert (Lügen haben kurze Beine, Gysi zeig uns doch mal deine!), Werbesprüche wurden ebenfalls abgewandelt (Sie wählen SED, wir drucken Ihnen ihre Lebensmittelkarten), genauso wie Kinderreime- und Lieder (Das ZK ins Altersheim, Gysi soll der Pförtner sein; Hopp hopp hopp Gysi lauf Galopp); Gedichte, Reime und Zitate wurden verändert (Für eine Zukunft in Freiheit versperren sie die Sicht, und das Brot, das sie essen, verdienen sie nicht; Mit dem Fahrrad durch Europa, aber nicht als alter Opa; Denk ich an die SED in der Nacht, so bin ich um den Schlag gebracht (Heinrich Heine „Ein Wintermärchen“)), alte Losungen und Wendungen wurden ebenfalls umgeändert (So wie wir heute demonstrieren, werden wir morgen leben; Die Karre steht zu tief im Dreck, die alten Kutscher müssen weg) und für eigene Zwecke gebraucht (Vgl. FIX (2008), 244).

Bekannte, alte Muster wurden somit abweichend oder kreativ verwendet. Muster wurden vermischt oder spielend neue Muster entwickelt: Kurztextsorten wie Diskussionen in Kirchen, Stehgespräche auf der Straße, spontane Kurzansprachen, Sprechchöre, Zwischenrufe sind nur einige Belege dafür. Intertextuelle Verfahren wie das anspielende Zitieren und das Neuformulieren von Wörtern und Sätzen aus früheren Texten des Diskurs-Gegners kamen häufig zum Vorschein (Vgl. POLENZ (1999), 568).

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Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668214910
ISBN (Buch)
9783668214927
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164788
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Germanistik
Note
Schlagworte
Sprache Wende DDR Politische Losungen Plakat Typologie Demonstration Sprachwandel Herbst 1989

Autor

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