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Die Wahrnehmung der Großstadt in der Dichtung des Expressionismus

Aufgezeigt an zwei Sonetten des Berlin-Zyklus von Georg Heym

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Großstadtlyrik

3. Der Expressionismus

4. Die Stadt Berlin zur Zeit Heyms und ihre Wahrnehmung

5. Die Sonette Berlin I und Berlin III von Georg Heym
5.1 Berlin I
5.2 Berlin III
5.3 Vergleich der beiden Sonette
5.4 Die Großstadtwahrnehmung bei Heym

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Poeten des Expressionismus verbindet das Bewußtsein der absoluten Subjektabhängigkeit und Relativität aller Wirklichkeitsbehauptungen, aber auch der Wunsch, gegen die Erstarrungen und Verkrustungen tradierter Ordnungen in Elternhaus, Schule, Beruf, Universität, Armee, Ehe, Familie usw. bohemehaft zu rebellieren.[1]

Dieses Zitat von Waltraud Wende im Buch „Großstadtlyrik“ verdeutlicht den Hauptgedanken der frühexpressionistischen Lyrik, die ab ca. 1910 anzusiedeln ist. Sie wendet sich gegen alle Ordnungen, die ihren Verfassern im Laufe ihres Lebens begegnet sind. Die Poeten drücken dies besonders durch ihre Verwendung der Sprache aus. Waltraud Wende geht also von der subjektiven Wiedergabe des Erlebten in der Großstadt aus. Wie aber äußert sich dies? Genau diesem Aspekt soll in der vorliegenden Arbeit mittels Vergleich zweier Gedichte nachgegangen werden. Verglichen werden zwei Sonette aus dem Berlinzyklus von Georg Heym. Als Grundlage und zum Verständnis der Thematik werden zunächst die Geschichte der Großstadtlyrik und die Epoche des Expressionismus erläutert. Anschließend wird, um einen weiteren Vergleichspunkt mit in die Subjektivität der Großstadtwahrnehmung einbeziehen zu können, die tatsächliche Situation der Stadt Berlin und ihrer Einwohner zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher erläutert. Abschließend ist es für das Verständnis der Gedichte wichtig die Entwicklungen in der Großstadt auf den Wahrnehmungsprozess beim Menschen zu übertragen. Die Erörterung und der Vergleich der Gedichte schließen in der Analyse der Wahrnehmung der Großstadt bei Georg Heym.

Bei Georg Heym findet sich eine Diskrepanz zwischen Form und Inhalt seiner Sonettgedichte, die in der Forschung verschiedene Meinungen hervorruft. Diesem Aspekt soll im Schlussteil als Ausblick auf eine mögliche weitere Fragestellung in Zusammenhang mit der Subjektivität nachgespürt werden. Denn laut Jürgen Ziegler lässt sich „an der metrischen Form, an ihrer Handhabung und Funktion die Problematik der expressionistischen Subjektivität aufweisen.“[2]

Die Untersuchungen beschränken sich lediglich auf den Expressionismus in der Literatur und beziehen weder Musik noch Kunst mit ein, um das Thema besser behandeln zu können.

2. Die Geschichte der Großstadtlyrik

Das Motiv der Großstadt wurde zunächst im 18. Jahrhundert von Reisenden entdeckt. Gelangte man als Fremder in die großen Metropolen wie Paris oder London, verfasste man oft einen Reisebericht über die bereiste Stadt in Form eines Briefes. Wilhelm von Humboldt und Heinrich von Kleist äußerten sich beispielsweise auch in dieser Form.[3] Für Reisende dieser Zeit, besonders aus deutschen Ländern, eröffnete sich hier eine neue, veränderte Wahrnehmung von Lebensverhältnissen, von Leben in der Stadt überhaupt, da ihnen aus ihrer Heimat keine vergleichbare Stadt bekannt war. Die Großstadt war etwas Neues und gänzlich Unbekanntes. Es finden sich zwar auch damals schon negative Äußerungen über die Großstadt, die besonders die Massenhaftigkeit und das Hereinstürzen von vielen verschiedenen Sinneseindrücken und die damit verbundene Desorientierung betreffen. Aber zunächst stellen diese Reiseberichte eine Beschreibung des Wahrgenommenen dar und können noch nicht als „Großstadtlyrik“ bezeichnet werden.[4] Der englische Roman des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt sich allerdings schon intensiver auf der negativen Ebene mit dem Phänomen Großstadt, da die industrielle hier Revolution mit der „Landflucht“ und dem Anwachsen der Städte schon früher beginnt.[5] Es wird „Unterhaltung zur vergnügungssüchtigen Hetze, gesellschaftliche Begegnung zum mißgünstigen Konkurrenzkampf und soziale Ordnung zur Fassade korrupter Macht.“[6]

In Deutschland beginnt erst um 1890 die Auseinandersetzung der Großstadtproblematik in der Lyrik und man kann von „Großstadtlyrik“ sprechen. Die Naturalisten liefern erste literarische Zeugnisse der Großstadt, allerdings dringen sie nicht tief in die Stadt vor, sondern bleiben „am Rand“[7] stehen. In ihren Augen ist die Stadt eine Bedrohung, der man nur entkommen kann, wenn man sich am Rand aufhält und nur gelegentlich aus Neugier ihre Nähe sucht.[8] Oftmals lebten die Naturalisten auch außerhalb der Stadt und nicht innerhalb wie die Expressionisten.

3. Der Expressionismus

Die Expressionisten sind, wie im Eingangszitat erwähnt, von antibürgerlichem und antinationalistischem Denken geprägt und stellen sich gegen die etablierte kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft. Sie sehen die Großstadt gänzlich negativ, gepaart mit Weltuntergangsvisionen oder einem übersteigerten Mythos.[9]

Kasimir Edschmid sieht in der Dichtung des Expressionismus einen Wandel von der Hülle zur Seele, vom Rang zum Menschen, vom Schildern zum Geist.[10] Aber bereits der Naturalismus ebnete den Weg für den Expressionismus: Es gab wieder „fassbare“ Dinge, wie „Häuser, Krankheit, Menschen, Armut, Fabriken“[11], die nicht nur einer Idee oder einer Vorstellung entsprungen sind.

Allerdings geht der Naturalismus viel objektiver bei der Beschreibung solcher Situationen vor. Es wird das Gesehene wiedergegeben, nicht aber das innere Erleben. Besonderen Wert legt der Naturalismus auf die Form, im Gegensatz zum Expressionismus. Der sprachliche Stil des Expressionismus wiederum war an die Großstadt angepasst. So wie die Autoren des Expressionismus in der Stadt nur negative Dinge vorfinden, die Stadt dem Untergang geweiht sehen, nutzen sie auch die Sprache. Sie ist geprägt vom Auflösen der Syntax, von Sprachfetzen und der Loslösung von jeglicher Form.[12] Neu in dieser Lyrik ist auch die Rückkehr zum Ursprünglichen, damit einhergehend das „Dasein als eine große Vision.“[13] Laut Edschmid werden die Tatsachen des Naturalismus wie Häuser, Krankheit, Menschen, Armut, Fabriken im Expressionismus nun zu Visionen. F. J. Schneider, der wie Edschmid den Expressionismus als Ausdrucksform des expressiven Menschen auch in Epochen wie der Gotik und dem Barock ausmacht, geht noch weiter in seinen Ausführungen. Er spricht von einer eigenen Dynamik der expressionistischen Literatur, von ihrem Versuch die Literatur der Grenzen von Raum und Zeit zu entheben.[14]

4. Die Stadt Berlin zur Zeit Heyms und ihre Wahrnehmung

1871 wird Berlin zur Reichshauptstadt des deutschen Kaiserreichs. Allerdings wird sie erst sehr viel später zur Großstadt, als andere europäische Metropolen, etwa Paris oder London. Dafür wächst die Einwohnerzahl von Berlin mitsamt seinen Vorstädten in dieser Zeit viel schneller an. Die Stadt selbst hat um 1910 mehr als zwei Millionen Einwohner, mit den Vororten sind es sogar 3.730.000.[15] Besonders die industrielle Revolution war eine Ursache der rasanten Urbanisierung: sie veranlasst viele Menschen vom Land in die Stadt zu ziehen und dort zu arbeiten. Durch die Menschenmassen gehen in der Großstadt „Zusammenhänge, die eine Kleinstadt, gar das Dorf, noch garantiert“[16] verloren. Die „Menschen entfernen sich voneinander, kennen sich nicht mehr und sind doch, in der Masse, eng aneinander gerückt;“[17]

In Berlin ist die Lage besonders in Vierteln wie Wedding, Friedrichshain, Lichtenberg, Prenzlauer Berg, Neukölln oder auch Kreuzberg dramatisch. Diese Viertel werden von Arbeitern und Zuwanderern bevorzugt. Hier entstehen die für Berlin typischen Mietskasernen mit den vielen Hinterhöfen und lichtarmen Wohnungen. Die hier lebenden Menschen nehmen meist noch „Schlafburschen“ auf, um die Mietkosten bezahlen zu können.

[...]


[1] Wende, Waltraud: Großstadtlyrik. Stuttgart 1999, S. 26

[2] Vgl.: Ziegler, Jürgen: Form und Subjektivität. Zur Gedichtsstruktur im frühen Expressionismus. Bonn Phil. Diss. 1972, S. 205

[3] Vgl.: Wuthenow, , Ralph-Rainer: Die Entdeckung der Großstadt in der Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Die Stadt in der Lyrik. Hr. v. Cord Meckseper und Elisabeth Schraut. Göttingen 1983, S. 7

[4] Vgl.: Ebd., S. 9

[5] Vgl.: Isernhagen, Hartwig: Die Bewußtseinskrise der Moderne und die Erfahrung der Stadt als Labyrinth. In: Die Stadt in der Lyrik. Hr. v. Cord Meckseper und Elisabeth Schraut. Göttingen 1983, S. 81

[6] Ebd., S. 81

[7] Perels, Christoph: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Städte. In: Die Stadt in der Literatur. Göttingen 1983, S. 61

[8] Vgl.: Ebd., S. 63

[9] Vgl.: Riha, Karl: Deutsche Großstadtlyrik. Hr. v. Peter Brang, Willi Erzgräber u.a. München, Zürich 1983, S. 28

[10] Vgl.: Edschmid, Kasimir: Über den Expressionismus in der Literatur und die neue Dichtung. Berlin 1919, S. 23

[11] Ebd., S. 44

[12] Vgl.: Perels, Christoph, a.a.O., S. 75

[13] Edschmid, Kasimir, a.a.O., S. 52

[14] Vgl.: Schneider, Ferdinand Josef: Der expressive Mensch und die deutsche Lyrik der Gegenwart. Stuttgart 1927, S. 8

[15] Vgl.: Meckseper, Cord und Schraut, Elisabeth (Hrsg.): Die Stadt in der Literatur. Göttingen 1983, S. 5

[16] Wuthenow, Ralph-Rainer, a.a.O., S. 8

[17] Ebd., S. 8

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640798216
ISBN (Buch)
9783640798254
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164733
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Wahrnehmung Großstadt Dichtung Expressionismus Aufgezeigt Sonetten Berlin-Zyklus Georg Heym
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