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Formatradio und die antike Rhetorik. Die journalistische Darstellungsform der Moderation

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunikationssituation im Radio
2.1 .Das Radio in seiner Eigenschaft als Nebenbei- und Begleitmedium
2.2.Strategische Schlussforderungen

3. Medienrhetorik

4. Technik und Methoden der Rhetorik - Hinfuhrung zur Empirie

5. Empirischer Teil
5.1. Methodische Vorbemerkung
5.2. Ergebnisse

6. Fazit

1. Einleitung

,,Sie lesen gerade die x-te Arbeit zum Thema Rhetorik, fragen sich vermutlich, was hinter der grofi angekundigten Uberschrift dieser Arbeit steckt und ob dieses Mai wenigstens richtig zitiert wird. In jedem Fall werden Sie erfahren, warum Cicero im Privatradio wahrscheinlich richtig gute Quoten hatte.“

Unabhangig vom Inhalt der vorausgegangenen Zeilen wird diese Art der direkten Ansprache (hier des Lesers) bei Radiosendem immer ofter strategisch eingesetzt, um die Aufmerksamkeit des Rezipienten gezielt zu erhohen. Diese Taktik, Sprache auf eine ganz bestimmte Art und Weise einzusetzen, soil in dieser Arbeit analysiert werden. Da Rhetorik nach Ueding als zusammenfassender „Begriff fur die Theorie und Praxis der menschlichen BeredsamkeiU[1] zu verstehen ist, kann davon ausgegangen werden, dass sie nicht nur als Fertigkeit eines Redners verstanden, sondem auch als Analyseinstrument des gesprochenen Wortes im Radio eingesetzt werden kann. Ublicherweise werden heute bei der Untersuchung dessen, was zwischen Sendem und Empfangern passiert, Theorien der Kommunikationswissenschaft herangezogen. In dieser Arbeit soil jedoch mit Bezug aul Ueding und Steinbrink ein anderer Ansatz gewahlt werden. Diese stellen eine fur die Kommunikationswissenschaft auberst provokante These auf: „die theoretische Differenziertheit, Problembewusstsein, methodischer und technischer Rang, der antiken Rhetorik ubertreffen den Standard der Kommunikationswissenschaft bis heute.“[2]

Es soil also das Gedankenexperiment gewagt werden, zu prufen, ob sich eine mehr als 2000 Jahre alte Disziplin auf ein vergleichsweisejunges Medium anwenden lasst. Fur eine solch umfassende Frage ist es nachvollziehbar, dass im Rahmen dieser Arbeit nur punktuell einige Anknupfungspunkte erortert werden konnen.

Zu diesem Zweck wird der Gegenstand dieser Arbeit wie folgt eingegrenzt: Der Fokus wird ausschlieblich auf diejournalistische Darstellungsform der Moderation im modernen Formatradio gelenkt. Von Interesse sind dabei in erster Linie Mechanismen, die im Moderationseinstieg die Aufmerksamkeit des Horers gewinnen sollen.

Nachdem zunachst die spezifische Kommunikationssituation, in der sich Moderatoren und Horer befinden, dargestellt wird, soil in einem zweiten Schritt diskutiert werden, inwieweit sich Kommunikation uber Massenmedien mit der Rhetorik analysieren lasst.

Innerhalb der Systematik der Rhetorik wird im Anschluss punktuell der Versuch unternommen, rhetorische Methoden und Techniken auf die Radiomoderation, konkret auf den Einstieg der selbigen zu beziehen. Bezugnehmend auf diese Analyse wird das theoretische Instrumentarium fur eine eigene kleine empirische Forschung abgeleitet. In explorativen Experteninterviews werden zwei ,Radiomacher‘ zur Thematik befragt: Eine Moderatorin, die taglich am Mikrofon zielgerichtet mit Sprache umgeht und ein Programmdirektor, der dafur die Leitlinien festlegt. Abschliebend sollen die empirischen Befunde diskutiert und theoretisch in den Kontext der Rhetorik eingeordnet werden.

2. Kommunikationssituation im Radio

In keinem anderen Medium ist das gesprochene Wort fur Erfolg oder Misserfolg so entscheidend wie im Radio. Wahrend Fernsehen und Printmedien mit visuellen Reizen ihre Botschaft unterstutzen konnen, wird im Rundfunk lediglich der auditive Sinn angesprochen. Schon allein aus dieser Tatsache leitet sich die herausragende Bedeutung vom Einsatz der Sprache ab. Dies gilt insbesondere fur das Formatradio.

Goldhammer unterstreicht in seiner Definition die strategische Ausrichtung des jeweiligen Senders:

„Ein Formatradioprogramm verfolgt das Ziel, im Horfunkmarkt auf der Grundlage von Marktforschungsinformationen und einer daraus entwickelten Marketingstrategie ein unverwechselbares Radioprogramm als Markenprodukt zu etablieren, das genau auf die Bedurfnisse einer klar definierten Zielgruppe abgestimmt wird.“[3]

Ausdrucklich hebt Goldhammer hervor, dass mit dieser zielgerichteten Ausrichtung alle Programmbestandteile gemeint sind.

„Es dient dazu, die Horbedurfnisse der Zielgruppe moglichst optimal zu befriedigen, um so moglichst viele Horer an das Programm zu binden und im Falle einer Werbefinanzierung des Senders diese Einschaltquoten gewinnbringend an Werbekunden zu verkaufen.“[4]

Also auch wenn die Sprache generell fur das Medium eine herausragende Bedeutung hat, so ist sie fur kommerzielle Radiosender im Speziellen auch ein Instrument, um die Horerzahl und somit auch den Gewinn zu steigern. Dass es dabei das Ziel sein muss, zu Beginnjeder Moderation die maximale Aufmerksamkeit des Horers zu erlangen, leitet sich aus der Tatsache ab, dass Horer Radio meistens ,nebenbei‘ horen. Diese Eigenschaft soil im Folgenden naher erlautert werden.

2.1 Das Radio in seiner Eigenschaft als Nebenbei- und Begleitmedium

Das Radio hat durch die Konkurrenzbeziehung zum Femsehen einen grundlegenden Funktionswandel durchlaufen. Dabei hat sich innerhalb der letzten funfzig Jahre eine Veranderung im Nutzungsstil manifestiert[5]: War Radiohoren zuvor von einem hohen Aufmerksamkeitsgrad gepragt, so stellt sich der Horfunk heute als ideales Begleitmedium[6] oder, anders formuliert, als ,stimmungsmodulierender Tagesbegleiter’[7] dar. Mit Blick auf die Aufmerksamkeit der Radionutzung halt Oehmichen fest: Nur etwa 8,1 Prozent des Radiohorens an sich kann als ,sehr konzentriert’ charakterisiert werden. Mit einer Mehrheit von 57,5 Prozent dient das Radio als ,angenehmer akustischer Rahmen’, der nur hin und wieder bemerkt wird.[8] Ein Grand hierfur war die konzeptionelle Ausrichtung vieler privater Radiosender, welche ,,[...] weitaus mehr als die offentlich-rechtlichen Programme auf die Funktionalitat des Radios als Nebenbeimedium setzten.“[9] Diesem Gedanken folgend, verfugt es uber eine auberordentlich hohe Alltagsrelevanz, da sich die Rezipienten neben dem Horen ,ungestort’ anderen Tatigkeiten widmen konnen - etwa jeder Zweite erledigt seine Hausarbeit oder geniebt sein Essen wahrend das Radio lauft.[10] Diese Eigenschaft wird durch den serviceorientierten Charakter des Hormediums und der Ausrichtung des Programms auf eine gute ,Durchhorbarkeit’ gefordert.[11]

2.2 Strategische Schlussforderungen

Es gilt aus dem vorangegangen Punkt die zentrale Aussage festzuhalten, dass Radiohoren heute eine Tatigkeit ist, die selten bewusst und in den meisten Fallen nebenbei vollzogen wird. Vorrangiges Interesse der Programmmacher ist es, dass ein Horer moglichst jeden Tag uber einen moglichst langen Zeitraum ihren Sender hort. Daher ist es notwendig, moglichst wenige Abschaltfaktoren zu erzeugen. Bei der groben Auswahl an Radiosendern besteht namlich immer die Moglichkeit, den Sender zu wechseln, wenn Inhalte fur den Horer nicht relevant erscheinen. Man muss also fur eine moglichst breite Masse einen maximalen Nutzen herausstellen. Wie von Goldhammer bereits dargestellt, gilt dies fur alle Programmbestandteile - explizit auch fur die inhaltliche und sprachliche Gestaltung der Moderation. Neben der Vermeidung von Storfaktoren, die zum Senderwechsel animieren konnten, wird ein weiteres strategisches Ziel der Radiosender angestrebt. Aus dem Nutzungsmodus des ,Nebenbeihorens‘ soil der Horer an einigen Stellen dazu bewegt werden, sich bewusst dem Radio zuzuwenden. Der Grund liegt in der erinnerungsbezogenen Erhebung der Einschaltquoten. Nur ein Horer, der bei der Befragung konkret benennen kann, welchen Sender er zu einem bestimmten Zeitpunkt rezipiert hat, wird bei der Quotenerhebung berucksichtigt. Es lassen sich also zwei Ziele der sprachlichen Gestaltung im kommerziellen Radio erkennen: Aufmerksamkeit erregen und Relevanz erzeugen.

Inwiefem sich die rhetorische Perspektive dazu eignet, die zu diesem Zweck eingesetzten Mittel zu untersuchen, soil im Folgenden erortert werden.

3. Medienrhetorik

Zunachst ist es notwendig, allgemein zu ermitteln, ob es moglich ist, Ansatze aus der antiken Rhetorik auf die Analyse massenmedial vermittelter Kommunikation zu beziehen. Dazu muss in einem ersten Schritt eine terminologische Grundlage gelegt werden. Daher werden zunachst die Begriffe Rhetorik sowie der des Mediums im rhetorischen Sinne diskutiert.

Aufgrund der weit uber 2000-jahrigen Geschichte der Rhetorik ist eine genaue Bestimmung des Terminus schwer zu fassen. Im antiken Sinne handelt es sich im Kem umdie Kunst (ars) oder Wissenschaft (scientia) vom guten Reden.12 Ueding folgt dieser ursprunglichen Differenzierung grundsatzlich und unterscheidet dabei ebenfalls zwischen der allgemeinen Rhetorik als Erfahrungswissenschaft und der angewandten Rhetorik als praktischer Disziplin.13 Jedoch erganzt er mit Blick auf die medial vermittelte Kommunikation wie folgt:

„Rhetorik ist ein zusammenfassender Begriff fur die Theorie und Praxis der menschlichen Beredsamkeit in alien offentlichen und privaten Angelegenheiten, ob sie in mundlicher, schriftlicher oder durch die technischen Medien (Film, Femsehen, Internet) vermittelter Form auftritt.“14

Was Ueding hier andeutet, ist eine Erweiterung des Rhetorikbegriffes hinsichtlich der Kommunikationssituation. Wahrend fruher das Konzept der Rhetorik auf die physische Anwesenheit von Redner und Publikum ausgelegt war, musste es mit der Entstehung technischer Verbreitungsmoglichkeiten ausgedehnt werden, wollte man sie auf ein disperses Publikum anwenden. Folgerichtig fordert Knape das Basissetting der klassischen Rhetoriktheorie, namlich der Face to Face-Situation, in der sich alle Kommunikationsteilnehmer an einem Ort befinden (Situation), um ein zweites Basissetting zu erweitern: der Dimission. Der Kommunikator kann hier seine Botschaft mittels situationsuberschreitender Distanzkommunikation unabhangig von Zeit und Raum ubertragen. Die gleichzeitige Anwesenheit von Redner und Publikum ist somit nicht mehr Voraussetzung, rhetorische Sachverhalte auf die Analyse von Texten anwenden zu konnen.15

Um eine solche durch technisch vermittelte Kommunikation aus dem Blickwinkel der Rhetorik aber uberhaupt analysieren zu konnen, entwirft Knape eine sehr weitgefasste Arbeitsdefinition fur den Begriff Medium: ,,Ein Medium ist eine Einrichtung zur Speicherung und Sendung von Texten.“16 Da sich diese Arbeit speziell auf das Radio als Medium bezieht, ist anzumerken, dass der Begriff ,Speichern‘ aus Sicht Knapes nicht zwingend die physische Speicherung von Texten auf Datentragem meint, sondern zwischen Kommunikator und Rezipient lediglich eine Instanz, beim Radio der technische Ubertragungsweg, zwischengeschaltet ist. Die Rhetorik beschaftigt sich also nicht allein

[...]


[1] Ueding: Was ist Rhetorik?

[2] Ueding, Steinbrink: Grundrifi der Rhetorik, S.165.

[3] Goldhammer; Klaus, Formatradio in Deutschland, S. 142.

[4] Goldhammer, Klaus, Formatradio in Deutschland, S. 142.

[5] vgl. Oehmichen, Aufmerksamkeit und Zuwendung beim Radio horen, S. 137.

[6] vgl. Muller, Dieter, Radio - der Tagesbegleiter mit Zukunft, S.6.

[7] vgl. Reitze, Helmut; Ridder, Christa-Maria, Massenkommunikation VII, S. 75.

[8] vgl. Oehmichen. Aufmerksamkeit und Zuwendung beim Radio horen, S. 136.

[9] Reitze, Helmut; Ridder, Christa-Maria, Massenkommunikation VII, S. 33.

[10] vgl. Muller, Dieter, Radio - der Tagesbegleiter mit Zukunft, S.6.

[11] vgl. Oehmichen, Aufmerksamkeit und Zuwendung beim Radio horen, S. 138.

[12] Vgl. Plett, Einfuhrung in die rhetorische Textanalyse, S. 1. Vgl. Ueding, Wasist Rhetorik?

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668320598
ISBN (Buch)
9783668320604
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164682
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
Rhetorik Formatradio Cicero Privatradio Anmoderation Rede

Autor

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Titel: Formatradio und die antike Rhetorik. Die journalistische Darstellungsform der Moderation