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Zur Renaissance des sozialwissenschaftlichen Kulturbegriffs: Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft, Kultursoziologie

Eine grundlegende Studie für die Politikwissenschaft

von M. A. Silke Herzer (Autor) Eveline Hanke (Autor)

Hausarbeit 2010 27 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kursorischer Uberblick zur Entwicklung des Kulturbegriffs
2.1 Probleme bei der Erfassung von Kultur
2.2 Allgemeine Entwicklung des Kulturbegriffs
2.2.1 Normativer Kulturbegriff
2.2.2 Totalitatsorientierter bzw. holistischer Kulturbegriff
2.2.3 Differenzierungstheoretischer bzw. sektoraler Kulturbegriff
2.2.4 Bedeutungs-, wissens- bzw. symbolorientierter Kulturbegriff

3 Der bedeutungsorientierte Kulturbegriff anhand von drei Theoretikern
3.1 Clifford Geertz - der interpretierende Ethnologe
3.2 Pierre Bourdieu - die soziale Praxis
3.3 Victor Witter Turner - das Ritual als Ausgangspunkt
3.4 Vergleich der Begriffskonzepte

4 Kulturwissenschaftliche Ideen in der Soziologie und Ethnologie

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Terminus „Kultur“ ist sicherlich einer der vieldeutigsten Begriffe unseres Sprachgebrauchs. Er scheint allgegenwärtig - wird er doch immer wieder von Neuem herangezogen, um gesellschaftliche Phänomene jedweder Art zu beschreiben, wie die gegenwärtigen Wortverquickungen „Leitkultur“ oder „Unternehmenskultur“ zeigen. Bereits im Alltag kann es mitunter zu Missverständnissen kommen, was unter dem Kulturbegriff zu verstehen ist. Dies ist aufgrund des vorübergehenden Charakters der Alltagskommunikation nur bedingt problematisch, stellt die Wissenschaft jedoch vor große Herausforderungen. Schließlich sind die Hauptaufgaben der Wissenschaft die Vermehrung, Überprüfung und Weitergabe von Wissen, was vor allem mittels Sprache geschieht. Die systematische Definition von Begriffen nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein, indem sie die Grundvoraussetzung zur Erfassung des Untersuchungsgegenstandes und seiner wissenschaftlichen Bearbeitung bildet. Dies wird besonders deutlich, wenn unterschiedliche definitorische Annahmen sich in drastisch unterschiedlichen Forschungsergebnissen niederschlagen.

Vor diesem Hintergrund ist die fortwährend erneut aufflammende Diskussion um den Kulturbegriff, die mitunter sehr kontrovers vonstatten geht, zu sehen. Mit der vorliegenden Arbeit gedenken wir die Debatte um den Begriff der Kultur zu systematisieren, indem seine Problemfelder, sozialtheoretisch wichtige Entwicklungsschritte und aktuelle Konzepte besprochen werden, um den sogenannten Cultural Turn - d.h. die Expansion der kulturwissenschaftlichen Denkweisen in den Sozialwissenschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts - in den Zusammenhang zu stellen.

Im anschließenden Kapitel soll zunächst ein Überblick zur Entwicklung des Kulturbegriffs gegeben werden, bei dem folgende Fragen im Mittelpunkt stehen: Auf welche Problemfelder ist bei der Beschäftigung mit dem Kulturbegriff zu achten? Wie hat sich der Kulturbegriff in der historischen Dimension entwickelt, d.h. auf welche Weise hat sich die Wahrnehmung von Kultur verändert und inwiefern sind die jeweiligen Kulturkonzepte brauchbar für die Sozialwissenschaften? Zur Beantwortung der ersten Fragestellung ist der Aufsatz von Hans Peter Thurn 1979 in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ (KZfSS) besonders aufschlussreich, während im Hinblick auf die zweite Frage die Bedeutung der Typologie von Andreas Reckwitz hervorzuheben ist. Nachfolgend wird gesondert auf den für die heutigen Sozialwissenschaften wichtigen bedeutungsorientierten Kulturbegriff eingegangen, der anhand der Theorien der drei Theoretiker Clifford Geertz, Pierre Bourdieu und Victor Witter Turner erläutert werden soll.

Diesbezüglich ist zu klären, was jeweils unter Kultur verstanden wird. Im anschließenden Vergleich der drei Begriffskonzepte wird herausgearbeitet, wie die jeweilige Theorie sozialen Wandel erklärt und ob sie soziales Verhalten als mechanistisch oder funktionalistisch auffasst bzw. es von Sozialisations- oder Statusfaktoren ableitet. Am Schluss werden im Zusammenhang der Hinwendung der Sozialwissenschaften zu kulturellen Konzepten die Fragen beantwortet: Welche Impulse wurden von den verschiedenen Wissenschaftsrichtungen wie verarbeitet - d.h., auf welche Weise fanden kulturwissenschaftliche Ideen Eingang in die Soziologie und Ethnologie? Auf diese vielschichtige Weise soll dem ebenso vielschichtigen Kulturbegriff Rechnung getragen werden.

2 Kursorischer Uberblick zur Entwicklung des Kulturbegriffs

Der Begriff der Kultur hat allgemein derartig viele Bedeutungswandel durchgemacht, dass dem im beschränkten Rahmen der vorliegenden Arbeit kaum gerecht zu werden ist. Folglich gilt es die für die Sozialwissenschaften relevanten Entwicklungen herauszuarbeiten.

Jedoch mag man sich an dieser Stelle berechtigterweise die Frage stellen, warum es eigentlich eines systematischen Kulturbegriffs bedarf - genügt hier nicht das vage Alltagskonzept? Eindeutig nicht, denn schließlich muss die Definition das Feld des Kulturellen wissenschaftlich urbar machen. Mit anderen Worten: Der Kulturbegriff ist nötig, um Kultur sowie nichtkulturelle Aspekte des Gesellschaftlichen zueinander in Beziehung zu setzen sowie „den Regelmäßigkeiten im kulturellen Geschehen auf die Spur zu kommen und [...] ethnographischen Partikularismus zu vermeiden “ (Wimmer 1996: 418). Im Folgenden soll daher zunächst auf die Probleme bei der Erfassung von Kultur eingegangen werden, bevor anschließend die allgemeine Entwicklung des Kulturbegriffs nachgezeichnet wird.

2.1 Probleme bei der Erfassung von Kultur

Wie bereits in der Einleitung angeklungen ist, hat die Wissenschaft ihre Schwierigkeiten bei der Behandlung des „chronisch vieldeutigen Kulturbegriffs“ (Reckwitz 2008: 17). Dies resultiert u.a. darin, dass eine Disziplin wie die Kultursoziologie trotz der frühen kulturtheoretischen Arbeiten im beginnenden 20. Jahrhundert zunächst über Jahre wieder in den Hintergrund getreten ist, um dann mit einem Themenheft der KZfSS 1979 wiederbelebt zu werden (vgl. Junge 2009: 7). In letztgenannter Ausgabe hat der deutsche Soziologe Friedrich Tenbruck (1919-1994) eine ertragreiche Topologie der Probleme bei der Behandlung von Kultur entworfen, die auch über die Soziologie hinaus auf andere Disziplinen mit Kulturbezug zu übertragen sein dürfte. In Anlehnung daran sind die Schwierigkeiten bezüglich der Fassbarkeit von Kultur in den folgenden drei Bereichen zu verorten: 1) in der Vielfältigkeit der Kulturerscheinungen, 2) der Gesellschaft als Bezugspunkt und 3) in der Verfasstheit von Kultur (vgl. Tenbruck 1979: 401ff).

1) Eine der größten Hürden, die jeder Kulturbegriff nehmen muss, ist sicherlich die der unzähligen Erscheinungsformen von Kultur. Hier systematisiert man in der Kulturanthropologie u.a. mit den Kategorien der expliziten und impliziten Kultur. Als explizit gelten Gesetze und Normen, die man fortlaufend bespricht, während als selbstverständlich hingenommene Dinge, die nur am Rande thematisiert werden, implizit sind (König 2008: 44). In letztere Kategorie fallen beispielsweise „stillschweigende Übereinkünfte“ und Gefühle. So sagt man etwa in Japan auf die Frage hin, ob man eine Fertigkeit beherrsche, nein, man erlerne sie - gänzlich unabhängig davon, ob man sie bereits zehn Jahre fünfmal die Woche ausübe. Denn in Japan geht man stillschweigend davon aus, dass man nie etwas wirklich kann, da das Ziel die unerreichbare Perfektion ist. Das lässt sich als implizite Kultur bezeichnen - ihr Verhältnis zur expliziten ähnelt dem der Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit.

Eine weitere anders geartete Trennlinie lässt sich zwischen den Termini materielle und immaterielle Kultur ziehen. Wie die Begriffe bereits andeuten, bezeichnet erstere die physische objektive Komponente und letztere die psychische individuelle. Demnach gehört der Computer einerseits zur materiellen Kultur, da er vom Menschen erschaffen wurde - das individuell unterschiedlich vorhandene Wissen über seine Nutzung ist jedoch der immateriellen Kultur zuzuordnen.

Diese zwei Kategorisierungsbeispiele deuten an, wie weitgreifend Kultur allgemein verstanden wird. Als Minimaldefinition könnte man folglich zumindest festhalten, dass Kultur von Menschen erschaffene Erscheinungen sind, die mit Bedeutungen belegt werden. Mit anderen Worten ist Kultur das Reich der Bedeutungen, welche sich in Handlungen und Gegenständen manifestieren (vgl. Tenbruck 1979: 401). In diesem Zusammenhang kann der Mensch neben seiner Eigenschaft als Naturwesen, da er natürlichen Ursprungs ist, ebenfalls als Kulturwesen bezeichnet werden.

2) Ein weiteres Problemfeld ist nach Tenbruck beim Gesellschaftsbezug des Kulturbegriffes zu verorten. Die Gesellschaft ist der Ort, wo die Kulturfähigkeit des Menschen verwirklicht und seine Kulturbedürftigkeit befriedigt wird. Kultur gilt diesbezüglich als charakteristische Muster der Gesamtgesellschaft, die sozial tradiert werden. Tenbruck kritisiert in diesem Zusammenhang, dass in der Kulturanthropologie zumeist angenommen wird, die Kultur sei über die Gesellschaft gleich verteilt und stecke implizit in allem Handeln, d.h. dass Gesamtkultur und Alltagskultur identisch sind. Dies gilt jedoch nur für einfache Kleingesellschaften, an denen der gesellschaftliche Kulturbegriff entwickelt wurde. Im Hinblick auf die Komplexität moderner Großgesellschaften plädiert er folglich für eine Sichtweise, die eine kulturelle Gleichverteilung der kulturellen Schichtung bzw. die Gesamtkultur der Subkultur als Analysekategorien gegenüberstellt. (Vgl. Tenbruck 1979: 402f)

Vor diesem Hintergrund sensibilisiert Tenbruck dafür, dass Kultur verschiedene Aggregatzustände hat, d.h. in der Kulturentwicklung kommt es im Zuge der sozialen Differenzierung immer wieder zu qualitativen Sprüngen. In der Hochkultur endet die kulturelle Gleichverteilung zugunsten einer repräsentativen Kultur mit sozialer Aufspaltung des Kulturbesitzes. Die Kultur soll nun in expliziten Lehren und Objektivationen systematisch dargestellt werden und muss daher einer neuen Gruppe, nämlich der Elite, anvertraut werden. Deren Einfluss beruht teils auf institutioneller Basis oder auch auf geistiger Zuständigkeit und mitunter Überlegenheit. Wird die Auslegung und Weiterentwicklung von Kultur einer besonderen Elite überantwortet, tritt die Kultur auseinander und bildet Subkulturen aus. Jedoch sind die Grenzen zwischen der repräsentativen Hochkultur der meinungsbildenden Eliten - die sich auf Kunst, Bildung und Wissenschaft bezieht - sowie der Alltagskultur fließend. (Vgl. Tenbruck 1979: 403)

3) Als letztes macht Tenbruck darauf aufmerksam, dass die Etablierung von Kultur in Form von festgeschriebenen Überlieferungen je nach Gesellschaft zum Teil erheblich variieren kann. Kulturen sind diesbezüglich auf einem Kontinuum zwischen dem Zustand der bloßen Überlieferung und dem der Verfasstheit anzuordnen - je nachdem wie stark sie in eigenen Institutionen und Objektivationen Gestalt annehmen. Tritt Kultur im Zuge der sozialen Differenzierung aus der Gemeinsamkeit des alltäglichen Lebens hinaus, muss sie institutionell vermittelt und weitergegeben werden, was zumeist in Bildungseinrichtungen geschieht - Kultur wird somit zur Aufgabe und Bildungsfrage. Diese institutionelle Tradierung etabliert sich neben älteren Formen der Überlieferung, z.B. der in familiären Kreisen. (Vgl. Tenbruck 1979: 404f)

Für den Kulturbegriff ist neben seiner Vieldeutigkeit, dem Bezug auf verschiedene gesellschaft- liche Gruppen und dem variierenden Institutionalisierungsgrad auch ein erheblicher geschichtlicher Bedeutungswandel charakteristisch, wie sich im folgenden Abschnitt zeigen wird. In Anlehnung daran ist Kultur „nicht als substanzielles Wesen“, sondern „vielmehr als lebendige Erscheinung“ zu begreifen (Tenbruck 1979: 401).

2.2 Allgemeine Entwicklung des Kulturbegriffs

Der Terminus Kultur ist aufgrund seiner Abhängigkeit vom geschichtlichen Rahmen immer in seiner begriffshistorischen Entstehung zu beleuchten. Des Weiteren ist zu ergründen, ob der Begriff im Sinne der Kontinuität einen früheren Verwendungsgehalt fortführt oder im Sinne einer Wandlung mit althergebrachten Semantiken bricht. Diesen zwei Punkten soll im Folgenden nachgegangen werden. Eigentlich müsste man den Kulturbegriff ebenfalls in zeit- und raumabhängiger Differenz zu anderen Begriffen erörtern, denn bei den drei Begriffen - Kultur, Zivilisation und Alltag - ist in der europäischen Geistesgeschichte zum Teil eine erhebliche Begriffskonvergenz zu finden (vgl. Thurn: 424-437). Der Konzeptvergleich mit anderen Begriffen muss in dieser Arbeit aufgrund des beschränkten Rahmens jedoch weitestgehend vernachlässigt werden.

Ausgangspunkt des modernen Kulturbegriffs ist das lateinische Verb „colere“ mit der Bedeutung bebauen, bearbeiten, bewohnen, Sorge tragen, pflegen und verehren. Mit dem Partizip Perfekt Passiv „cultus“ hat man wiederum eine höhere Lebensweise, aktive Pflege bzw. passive Gepflegtheit bezeichnet, während das dazugehörige Substantiv „cultura“ Bearbeitung, Anbau, Veredelung, Ausbildung sowie Huldigung meinte. Von diesen Bedeutungsfeld aus sollte der Kulturbegriff seine Entwicklung aufnehmen und unzählige Bedeutungswandel durchmachen. (Vgl. Moebius 2009: 14f)

Zur Kategorisierung der Kulturbegriffe gibt es diverse Vorschläge - wie z.B. vom Kultursoziologen Hans Peter Thurn, der einen Modal-, Intentions- und Subjektbegriff unterscheidet (vgl. Thurn 1979: 426). Jedoch ist die Typologisierung vom deutschen Soziologen Andreas Reckwitz im Rahmen seiner Promotion 1999 meines Erachtens besonders hervorzuheben, denn sie wurde systematisch anhand der historischen Dimension des Kulturbegriffs herausgearbeitet. Er unterteilt in vier verschiedene Kulturbegriffe: 1) Normativer Kulturbegriff, 2) Totalitätsorientierter bzw. holistischer Kulturbegriff, 3) Differenzierungstheoretischer bzw. sektoraler Kulturbegriff sowie 4) Bedeutungs-, wissens- und symbolorientierter Kulturbegriff. Im Folgenden wird auf die vier Kategorien und ihre Brauchbarkeit für die modernen Sozialwissenschaften eingegangen mit dem kurzen Verweis auf berühmte Theoretiker, wobei der Schwerpunkt hier der Übersichtlichkeit halber auf denen deutscher Herkunft liegt.

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Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640798476
ISBN (Buch)
9783640798407
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164663
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Politikwissenschaft Kultur Geertz Bourdieu Turner

Autoren

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