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Niccolò Machiavelli - Politik und Moral, Politik und Macht

Hausarbeit 2009 21 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Niccolò Machiavelli – Politik und Moral, Politik und Macht
2.1 Zeitumstände und Lebensstationen Machiavellis in Florenz
2.2 Machiavellis geschichtsphilosophisches Bild
2.2.1 Determinismus der Geschichte
2.2.2 Zyklus der Geschichte
2.3 Hypothesen des pessimistischen Menschenbildes Machiavellis
2.4 Schlüsselbegriffe zum Verständnis Machiavellis politischer Theorie – vor allem im Bezug auf das Verhalten des Fürsten
2.5 Staatsraison vs. Moral – Das Verhältnis von Politik und Moral
2.5.1 Freigebigkeit – Knauserigkeit
2.5.2 Ehrlichkeit – Wortbrüchigkeit
2.5.3 Milde – Grausamkeit
2.5.4 Liebe – Furcht und Verachtung bzw. Hass
2.6 Das Verhältnis von Politik und Religion

3. Kritisches Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquelle

1. Einleitung

„Die Herrschaft behauptet man nicht mit dem Rosenkranz in der Hand.“[1]

Diese Aussage legt der Florentiner Staatsangestellte und Schriftsteller Niccolò Machiavelli in seiner „Geschichte von Florenz“ – in Auftrag gegeben von der Herrschaftsfamilie der Medici – Cosimo de’ Medici in den Mund. Von einigen Autoren wird behauptet, dieser Satz würde die politische Theorie Machiavellis gut auf den Punkt bringen. Für den Leser wirft diese Aussage natürlich einige Fragen auf: Zu welcher Zeit wurde dieser Satz ausgesprochen? Durch welche Umstände war sein Autor also geprägt? Welche Vorstellung hatte dieser von „Herrschaft“? Warum hat er diese Ansicht? Was hat die Persönlichkeit und das Leben eines solchen Mannes geprägt?

Weiter kann man sich fragen: Was will er mit dem Satz im Speziellen aussagen? Vielleicht, dass es keiner Religion, keines Gottes zur Erreichung von Herrschaft bedarf? Oder dass man sich mit Gebeten keine Macht erhalten kann? Womit kann man es dann schaffen? Muss man zur Festigung von Herrschaft Gewalt anwenden? Wenn dies so ist, welch ein Bild hat der Autor dann von seinen Zeitgenossen? Wie muss für ihn im Endeffekt ein Herrscher sein, der seine Herrschaft auch behaupten kann? Und wie tut er dies?

Derartige Fragen, die dem Leser bei genauerer Reflexion des Ausspruchs durch den Kopf gehen, sollen im Folgenden unter Hinzuziehung Machiavellis Hauptwerks „Il principe“ und einiger wissenschaftlicher Untersuchungen zu seiner Person und seiner politischen Theorie zu beantworten versucht werden.

2. Niccolò Machiavelli – Politik und Moral, Politik und Macht

Bevor ich mit der Analyse der Denkweisen und Ideen zu Politik und Moral bzw. Politik und Macht Niccolò Machiavellis beginne, möchte ich zunächst auf die Zeitumstände in Florenz Ende des 15. bzw. Anfang des 16. Jahrhunderts eingehen und bedeutende Lebensstationen darstellen. Dieser Gliederungspunkt nimmt vielleicht mehr Platz ein, als man es normalerweise erwarten würde. Da Machiavelli allerdings seine politische Theorie vor allem auf seinen eigenen Erfahrungen mit politischer Staatskrise und -blüte aufbaut, die wiederum sein eigenes Leben und die Grenzen seines Wirkens sehr stark beeinflusst haben, habe ich mich dazu entschlossen, eine möglichst prägnante, aber durchaus detaillierte Beschreibung seiner Zeit zu formulieren.

2.1 Zeitumstände und Lebensstationen Machiavellis in Florenz

Von 1469 bis 1492 regierte „Il magnifico“ Lorenzo de’ Medici die Republik Florenz und besetzte alle wichtigen politischen Ämter mit Medici-Anhängern, wodurch er zwar nicht de jure, aber de facto eine fürstliche, souveräne Machtposition hinter der Fassade der Republik aufbaute. Innerhalb der Stadt konnte er dadurch politische Stabilität gewährleisten – die pax medicea – , während er außenpolitisch durch eine ausgeklügelte Balancepolitik mit anderen machtpolitischen Zentren Italiens wie Venedig, Mantua, Siena und Mailand der Republik dauerhaften Frieden sicherte. Zusätzlich zu diesen politischen Bemühungen veranlasste Lorenzo auch die Förderung von Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft, wodurch nicht nur Florenz die Bezeichnung „europäische Metropole der Kultur“ erlangte, sondern sein Regent auch die Zuneigung und Bewunderung von Volk und Adel. In dieser Blütezeit wurde Niccolò Machiavelli am 3. Mai 1469 in einer bürgerlichen Familie geboren und auf den Willen seines Vaters hin in den studia humanitas unterrichtet.[2]

Nach Lorenzos Tod 1492 geriet Florenz in eine politische Krise: Truppen des französischen Königs Karls VIII fielen in weiten Gebieten Italiens ein; der Nachfolger und Sohn Lorenzos Piero II de’ Medici unterwarf sich dem König. Dadurch brach einerseits außenpolitisch das Kräftegleichgewicht zwischen den souveränen Städten und andererseits innenpolitisch die Stabilität und Zufriedenheit des Volkes Florenz’ zusammen. Aufgrund dieser unsicheren politischen Lage gelang es Tyrannen in den unterworfenen Städten Karls VIII, an die Macht zu gelangen: Der Dominikanermönch Girolamo Savonarola[3] startete zunächst mit Erfolg den Versuch, in Florenz eine „Diktatur Gottes“ zu errichten, wurde allerdings wegen seiner Diskrepanzen mit Papst Alexander VI, seiner militanten Religiosität und Tyrannei 1498 hingerichtet, woraufhin eine neue Ämterbekleidung erfolgte, im Zuge derer Machiavelli als „Segretario della Repubblica“, Sekretär der zweiten Staatskanzlei[4], eingesetzt wurde. 1502 wurde der parteilose Piero Soderini zum Gonfaloniere – dem Regierungsoberhaupt – der Republik, der auf Vorschlag Machiavellis hin ein nationales Milizsystem errichtete, somit nicht mehr auf ausländische Söldner angewiesen war und 1509 Pisa als wichtige Hafenstadt zurückerobern konnte.[5] Zwischen 1498 und seiner Verbannung 1512 war Machiavelli vor allem als Gesandter tätig und erfuhr dabei einige wichtige Lektionen im Bezug auf das Verhalten eines Fürsten bzw. Herrschenden. Tief beeindruckt wurde er von Cesare Borgia, dem Sohn des Papstes Alexander VI, der durch seine skrupellose Eroberungspolitik den Kirchenstaat rasch von seinen Lehnsherren befreien konnte und immer wieder im Kräftespiel der oberitalienischen Stadtstaaten auftauchte. Vor allem ihn nahm sich Machiavelli zum Vorbild im „Il principe“. Weiterhin berichtet er von seinen Reisen an den Hof des französischen Königs Ludwig XII, wo er zunächst versuchte zur Verbesserung der Atmosphäre innerhalb der französisch-florentinischen Partnerschaft beizutragen, schließlich aber von der Arroganz Frankreichs, das sich nicht für die Zukunft wappnen würde, sondern nur seinen derzeitigen militärischen Vorteil sähe und Florenz aufgrund seiner militärischen Schwäche eher als unbedeutend einstufte, berichten musste. Daraufhin vertrat er die Ansicht, dass ein Gemeinwesen ohne Waffen keinerlei Einflusschancen im politischen Machtspiel habe. In Tirol sammelte er Informationen über das deutsche Heerwesen und die Absichten Maximilians I. Dabei machte er Bekanntschaft mit einer spartanischen, selbstgenügsamen Lebensweise, die, von Verzicht auf Luxus geprägt, zu Reichtum an Wichtigem und Notwendigem führe und dadurch Macht verleihe.

1512/13 kamen die Medici-Brüder Giuliano und Giovanni unterstützt von spanischen Truppen zurück nach Florenz und vertrieben Soderini. Giuliano übernahm die Regierungsgeschäfte nach Vorbild seines Vaters Lorenzo Il magnifico, während Giovanni zum Papst Leo X gewählt wurde. Machiavelli wurde unter der Annahme an einer Verschwörung beteiligt zu sein, aus den Regierungsgeschäften entlassen und nach San Casciano verbannt.[6]

Dadurch schlug Machiavelli, wenn auch eher auf der Flucht vor der politischen Tatenlosigkeit, eine neue Richtung ein: die politische Schriftstellerei. 1513 stellte er „Il principe“ fertig. Zwischen 1512 und 1519 schrieb er die „Discorsi sopra la primera deca di Tito Livio“. Seine Verbitterung und Niedergeschlagenheit drückt er mit folgenden Worten aus:

„Wenn der Abend kommt, kehre ich [vom Wirtshaus] nach Hause zurück und gehe in mein Schreibzimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll Schmutz und Kot, ich lege prächtige Hofgewänder an und, angemessen gekleidet, begebe ich mich in die Säulenhallen der großen Alten.“[7]

Da die beiden Werke erst nach seinem Tod herausgegeben wurden, war er in seiner Zeit eher bekannt als Komödiendichter und Satiriker über Florentiner Verhältnisse und Persönlichkeiten.[8] Außerdem erhielt er 1524/25 von den Medici den Auftrag, die Geschichte Florenz’ niederzuschreiben und eine Verfassung für den Stadtstaat zu entwerfen. In die Regierungsangelegenheiten selbst durfte er aber nicht zurückkehren.

Das Paradoxe an seinem Lebensende war allerdings, dass, auch als 1527 die Medici wiederum als Regenten abgesetzt wurden, er von der Politik der neuen Republik als vermeintlicher Anhänger der Medici ausgeschlossen wurde. Daraufhin wurde er krank und starb am 22. Juni 1527 in Verbitterung und Armut. Der „Principe“ wurde schließlich 1890 vom Index librorum prohibitorum gestrichen.[9]

2.2 Machiavellis geschichtsphilosophisches Bild

Das geschichtsphilosophische Bild Machiavellis ist vor allem von zwei Komponenten geprägt, die es zu erkennen gilt, um sich als Fürst richtig zu verhalten: Einerseits sei die Geschichte in gewisser Weise festgelegt, aber erkennbar und dadurch veränderbar und andererseits verlaufe sie zyklisch. Im Folgenden sollen diese beiden Teile genauer erläutert werden.

2.2.1 Determinismus der Geschichte

Der erste Gesichtspunkt ist vor dem Hintergrund des naturwissenschaftlichen Denkens der Renaissance zu verstehen, das jeden göttlichen Eingriff in den Naturzusammenhang ausschließt und sich nur auf empirisch-analytische, sozusagen „wissenschaftlich erarbeitete“ Tatsachen stützt. Um in diese Fakten eine nicht-transzendente Gesetzmäßigkeit der Welt zu bringen, wird also nicht mehr die Frage nach dem „Wozu“ bestimmter Phänomene versucht zu beantworten, sondern nach dem „Woher“. Man reflektiert genauer gesagt nicht mehr über die fines, die Zwecke, vielmehr über die causae, die Ursachen.

Parallel dazu entwickelt Machiavelli seine Gedanken zum historischen Determinismus: Seiner Meinung nach existiert eine

„weltimmanente Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit geschichtlicher Abläufe“,[10]

die nicht unter dem Einfluss einer transzendentalen Macht stehen kann. So muss auch die Geschichte in ihren weltlichen Ursachen untersucht werden, da sie nicht auf den Willen eines Gottes, sondern auf die Natur und das Verhalten des Menschen zurückzuführen ist. Durch diesen Bruch mit der mittelalterlichen christlichen Geschichtsphilosophie hebt sich Machiavelli stark von einem der Machthaber seiner Zeit, dem Florentiner Dominikanermönch und Tyrannen Girolamo Savonarola ab, der das Volk zur Umkehr, Buße und Rückbesinnung auf die göttliche Schöpfungsgeschichte und christliche Weltanschauung aufgerufen hat. Der italienische Polit-Schriftsteller Giuseppe Prezzolini definierte im 20. Jahrhundert den Unterschied folgendermaßen:

„Savonarola erwartete alles von Gott, Machiavelli alles vom Menschen.“[11]

Um ein Beispiel für diese Ansicht zu geben, möchte ich hier ein Zitat aus Machiavellis Geschichte von Florenz anführen:

„Die Völker, welche im Norden jenseits des Rheines und der Donau wohnen, wachsen in diesem gesunden und zur Fortpflanzung günstigen Himmelsstrich manchmal zu solcher Menge an, dass ein Teil der Bevölkerung das Vaterland zu verlassen und neue Wohnsitze zu suchen gezwungen ist.“[12]

[...]


[1] Machiavelli, Niccolò: Geschichte von Florenz, in: Floerke, Hanns: Machiavelli. Gesammelte Schriften in fünf Bänden. Band 4: Geschichte von Florenz, S. 419.

[2] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 13-15.

[3] Vgl. Krause, Gerhard/Müller, Gerhard (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, S. 60-61.

[4] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 15.

[5] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 16-17.

[6] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 17-21.

[7] Machiavelli, Niccolò: Brief an Francesco Vettori am 10. Dezember 1513, in: Floerke, Hanns: Machiavelli, Gesammelte Schriften in fünf Bänden, Band 5: Historische Fragmente. Komödien. Briefe, S. 407.

[8] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 21-27.

[9] Vgl. Blum, Wilhelm u.a.: Politische Philosophen, S. 89-91 und Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, S. 27-29 ebenso wie Münkler, Herfried: Machiavelli, S. 9-12 und http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_von_Florenz

[10] Münkler, Herfried: Machiavelli – Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, S. 243.

[11] Prezzolini, Giuseppe: Das Leben Niccolò Machiavellis, S. 52.

[12] Machiavelli, Niccolò: Geschichte von Florenz, herausgegeben von Floerke, Hanns, Band 4, S. 11.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640805686
ISBN (Buch)
9783640820207
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164640
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Lehrstuhl für politische Theorie und Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
politische Philosophie politische Theorie Machiavelli Staatsräson

Autor

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Titel: Niccolò Machiavelli - Politik und Moral, Politik und Macht