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'Le clan du destin' - Die Pirogen-Migration von Senegals Küste auf die Kanarischen Inseln

Eine ethnographische Fallstudie

Magisterarbeit 2010 122 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALT

I. EINFÜHRUNG.
I.1 FOKUS UND AUFBAU DER ARBEIT
I.2 BEGRIFFSBESTIMMUNG ZU MIGRATION
I.3 'CAP VERT ET AU-DELÀ' - FORSCHUNGSRAHMEN UND UNTERSUCHUNGSFELD

II. METHODOLOGIE UND THEORETISCHER RAHMEN DER STUDIE
II.1 ETHNOGRAPHISCHE FELDFORSCHUNG UND METHODE
II.1.1 TEILNEHMENDE BEOBACHTUNG UND DATENERHEBUNG
II.1.2 DAS ETHNOGRAPHISCHE FELD UND SEINE GRENZEN
II.2 THEORIEN ZU INTERNATIONALER MIGRATION
II.2.1 RATIONAL CHOICE MODELS
II.2.2 NEUE ÖKONOMIE DER ARBEITSMIGRATION
II.2.3 THEORIE DER MIGRATIONSNETZWERKE
II.3 SOZIOKULTURELLE KONZEPTE ZU MIGRATION
II.3.1 SOZIALKAPITALTHEORIE
II.3.2 KULTURELLES KAPITAL UND FELDWECHSEL NACH PIERRE BOURDIEU
II.3.3 MIGRATION ALS 'RITE DE PASSAGE'
II.4 ZUR ANTHROPOLOGIE DER MIGRATION

III. IRREGULÄRE MIGRATION VON AFRIKA NACH EUROPA - POLITISCHER UND HISTORISCHER KONTEXT
III.1 IRREGULÄRE MIGRATION UND EUROPAS PRÄVENTIONSPOLITIK
III.1.1 TRANSKONTINENTALE MIGRATIONSPOLITIK DER EU
III.1.2 GRENZSCHUTZAGENTUR FRONTEX
III.1.3 MYTHOS 'FESTUNG EUROPA'
III.2 HISTORISCHE EINBETTUNG DER SÜD-NORD-MIGRATIONSBEWEGUNG
III.2.1 (WEST-) AFRIKANISCHE MOBILITÄT
III.2.2 TRANS-SAHARA-MIGRATION
III.2.3 IRREGULÄRE MEDITERRANE MIGRATION

IV. GLOBALE, REGIONALE UND LOKALE FAKTOREN - ZUR GENESE DER PIROGEN-MIGRATION IM SENEGAL
IV.1 TRANSATLANTISCHE BOOTSMIGRATION
IV.2 ÖKONOMISCHE, DEMOGRAPHISCHE UND POLITISCHE GRÜNDE - EIN PROFIL
IV.2.1 POLITPROPAGANDA - 'SOPI' VS. 'MAL TRAITE(U)R'
IV.3 MARITIME RESSOURCEN UND DIE ROLLE DER FISCHER
IV.3.1 DIE AUSBEUTUNG DES MEERES ALS SOZIOÖKONOMISCHE DIMENSION
IV.3.2 DIE FISCHER ALS VORHUT
IV.4 ART UND WEISE DER EMIGRATION - VISUM VS. LANDWEG VS. PIROGE
IV.4.1 FORMALE VISAVERTEILUNG
IV.4.2 ZUM GERÜCHT VOM INFORMELLEN VISUM
IV.4.3 IRREGULÄRE MIGRATIONSWEGE UND DIE OPTION DER PIROGE

V. STRUKTUR, ORGANISATION UND ABLAUF DER PIROGEN-MIGRATION
V.1 ABLEGEORTE UND ROUTE
V.2 ORGANISATION UND LOGISTIK DER MARITIMEN PASSAGE
V.2.1 AUSSTATTUNG
V.2.2 INFORMELLE NETZWERKE - DIE ORGANISATION DER ABFAHRT
V.2.3 BOOTSMANNSCHAFT UND SEEMANNSKUNST
V.3 DIE ÜBERFAHRT

VI. 'TENTER SA CHANCE' OU 'RESTER LES BRAS CROISÉS' - SOZIOKULTURELLE DYNAMIKEN AUF AKTEURSEBENE
VI.1 RELIGIÖSE UND KOGNITIVE ELEMENTE ALS BEGLEITER UND ERKLÄRUNGSFORMEL
VI.1.1 SPIRITUELLE PRAXIS UND DIE ROLLE DES MARABOUT
VI.1.2 GOTTES- UND SCHICKSALSGLAUBE
VI.1.3 RISIKOBEWUSSTSEIN UND DER UMGANG MIT ANGST
VI.2 DER WILLE ZUR EMIGRATION - MOTIVE UND VERFÜHRUNG
VI.2.1 MEDIALE WELT UND PROPAGANDA
VI.2.2 DIE ROLLE DER FAMILIE IM ENTSCHEIDUNGSPROZESS
VI.2.3 BEDEUTUNG DER FRAUEN UND HEIRATSWESEN
VI.2.4 VORIGE MIGRANTEN, PEER GROUP UND KUMULATIVE WIRKUNG
VI.3 HANDLUNGSSTRATEGIEN - PRAKTISCHER ZUGANG UND FINANZIERUNG

VII. ZUSAMMENFASSUNG UND KONKLUSION
VII.1 LOKALISIERUNG UND SOZIOKULTURELLE GENESE
VII.2 SOZIALE MOBILITÄT - NETZWERKE UND INSPIRATION

VIII. BIBLIOGRAPHIE

IX. ANHÄNGE
IX.1 ENTWICKLUNG DER WESTAFRIKANISCHEN POPULATION IN SPANIEN
IX.2 ANHÄNGE PHOTOS
IX.3 ANGABEN ZU INTERVIEWS

„ Le premier exil de l'homme est de sortir du ventre de sa m è re. Oui, d è s le premier cri, il n'y a plus de limites. Si l'hommeétait condamnéà l'immobilisme, l'aurait-on trouvéailleurs qu'en Afrique, berceau de l'humanité? “ 1

(Ousmane Ngom)

ABBILDUNGEN

1. COVER-PHOTO: KOORDINATENZEICHNUNG DER KANARISCHEN INSELN

2. MARITIME MIGRATIONSROUTE VOM SENEGAL AUF DIE KANARISCHEN INSELN

3. HALBINSEL CAP VERT (WOHN- UND FORSCHUNGSORTE)

4. FRONTEX EINSÄTZE IM ATLANTIK, OPERATION HERA

5. MIGRATIONSBEWEGUNGEN IN WESTAFRIKA NACH DER UNABHÄNGIGKEITS-PHASE

6. ÜBERLAND UND MARITIME MIGRATIONSROUTEN NACH NORDAFRIKA UND EUROPA

7. IRREGULÄRE MIGRATION AUF DIE KANARISCHEN INSELN, 2003-2008

8. BOOT DER SPANISCHEN 'GUARDIA CIVIL' (FRONTEX) AM STRAND VON BARGNY

9. WERBUNG IN DAKAR

I. Einführung

Afrikaner migrieren seit vielen Jahrzehnten nach Europa. Aufgrund einer verschärften Immigrationspolitik und des verstärkten Schutzes der südeuropäischen Grenzen seitens der EU, versuchen Migranten aus dem Süden die 'Festung Europa' seit den 1990er Jahren jedoch vermehrt irregulär und ohne legale Papiere per Seeweg zu erreichen. Schwarzafrikanische, ausgezehrte Migranten und deren Retter bestimmen den Tenor der medialen Berichterstattung und Millionen werden beidseitig in die Grenz- und Seebewältigung investiert. Die europäische Politik zur Regelung dieser anscheinend unkontrollierbaren 'Migrantenflut' ist von repressiven Maßnahmen gekennzeichnet und stellt meiner Meinung nach in Frage, ob dieses Verhalten auf einem klaren Verständnis der Faktoren, welche der Migration von Afrika nach Europa zu Grunde liegen, beruhen2 : „ Irregular Migration has been seen as a threat to the living standards and the cultures of the citizens of rich, predominantly white, First World states “ (Jordan und Düvell 2002:15).

Eine im letzten Jahrzehnt aufgekommene Migrationsbewegung ist die Überfahrt mit Holzbooten - sogenannte Pirogen - von der westafrikanischen Küste auf die Kanarischen Inseln (Spanien), um auf diesem Weg europäisches Territorium zu erreichen. Der Senegal ist in diesem Zusammenhang nicht nur als Transitland für Migranten aus anderen afrikanischen Ländern in das Blickfeld dieser Migrationsform gerückt, sondern insbesondere auch als Ablege- und Herkunftsland. In Nachrichtenbeiträgen und Literatur werden die sogenannten 'boat-people' gerne als 'Wirtschaftsflüchtlinge' oder 'Bootsflüchtlinge' bezeichnet, die aus politischen und/oder ökonomischen Gründen ihr Heimatland verlassen und sich in der Wohlstandregion Europa ein besseres Leben erhoffen. Dieser Ansatz ist auch in der unterschwelligen Reaktion zu erkennen, die die europäische Politik der Süd-Nord-Migration entgegenbringt: in dem man in die Entwicklungshilfe investiert, wird im Gegenzug erwartet, dass potentielle Migranten in ihren Heimatländern bleiben3. Viele Diskurse kreisen dabei um die sozioökonomischen Strukturen in den Herkunftsländern, die Routen dieser Migrationsbewegungen und Einwanderungsbedingungen nach Europa4. Dem Entscheidungsprozess der Migranten selbst, ihren Motiven, der lokalen Organisation dieser Migrationsform und dem Zugang der Akteure zu dieser wird hingegen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Senegalesen sind keine Flüchtlinge, die vor Krieg, Hunger oder Verfolgung fliehen. Wie der Anthropologe Jeffrey Cohen (2004:19) treffend konstatiert, migrieren Menschen weil sie können, nicht weil sie müssen.

Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert war das Westkap Afrikas einer der Hauptumschlagplätze des transatlantischen Sklavenhandels und die Insel Gorée einer der zentralen Schauplätze. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts ist der heutige Senegal einer der Hauptablegeorte irregulärer Migration von Afrika nach Europa und Gorée ist eine touristische Attraktion. Waren es früher umgebaute Handelsschiffe, die ablegten, so sind es in jüngster Zeit kleine Fischerboote, die sich über die hohe See in Richtung Norden begeben. Wurde die Auswanderung der Menschen damals noch erzwungen, so wird heute versucht, diese zu verhindern. Der Senegal ist seit jeher ein Tor zum Okzident - der Ort ist der Selbe, doch die Intentionen haben sich radikal geändert.

Abbildung 2: Maritime Migrationsroute vom Senegal auf die Kanarischen Inseln

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Realisierung (B.S.)

I.1 Fokus und Aufbau der Arbeit

Seit Ende der 1990er Jahren dominieren die mediterranen Migrationsrouten zwischen Nordafrika und Europa den öffentlichen Diskurs irregulärer Migration in die EU. Waren es zu Anfang hauptsächlich Migranten aus dem Maghreb5, die die Grenzen irregulär passierten, so migrierten ab der Jahrtausendwende vermehrt Menschen aus Westafrika nach Spanien, insbesondere über das Transitland Marokko (siehe Anhang IX.1). In Zusammenarbeit mit Marokko reagierten die EU und Spanien mit einem massiven Grenzschutz, der unter anderem die Straße von Gibraltar und die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla nahezu unüberwindbar machte6. Mitte der 2000er Jahre kam es in der Süd-Nord-Migrationsbewegung von Afrika nach Europa dann zu einer Ausdehnung der Migrationsrouten an die atlantische Küste Westafrikas, und insbesondere die Küste des Senegals, von wo aus per Boot die Kanarischen Inseln angesteuert wurden. Im Gegensatz zu den mediterranen Routen, waren Migranten in der Region um das Westkap Afrikas um Mauretanien, Senegal und Gambia - wenigstens zu Anfang - nicht nur einer geringeren Repression seitens lokaler Staatsbehörden und dem europäischen Grenzschutz ausgesetzt, diese Region ist (insbesondere für westafrikanische Migranten), im Vergleich zu Nordafrika, auch einfacher zu erreichen und die Migrationskosten sind geringer (Lahlou 2005:5ff und de Haas 2007:18f). Schätzungen zufolge haben bis zum Jahre 2008 etwa 100.000 irreguläre Migranten die Kanarischen Inseln erfolgreich angelaufen. Allein im Jahr 2006 wurden über 30.000 Migranten auf den Kanaren registriert. Da viele Migranten bei dem Versuch der Überfahrt jedoch scheiterten oder ihr Leben ließen, liegt die Dunkelziffer der Emigranten noch weitaus höher - Schätzungen zufolge liegt die Unglücksrate bei 10-30%. Der Anteil der Senegalesen an den Migranten wird auf 50% geschätzt, was in den Jahren 2005-2008 etwa 30.000 Personen entspricht (Kohnert 2006:4, Gerdes 2007:6 und de Haas 2007:79). Aufgrund des informellen Charakters dieser Migrationsbewegung ist es jedoch unmöglich, gesicherte Daten zu finden, und diese erklären auch nicht warum Menschen auf diese Art migrieren.

Es existieren viele Annahmen zu irregulärer Migration von Afrika nach Europa. Bis dato haben Studien hauptsächlich die Migrationsströme, ihre Routen, die Schleusersysteme, die sogenannten 'push and pull' Faktoren sowie ökonomische und demographische Aspekte der Süd-Nord-Migration in den Fokus genommen. Der Versuch, Lösungen zur Eindämmung dieses 'Phänomens' zu finden, steht dabei oftmals im Vordergrund (siehe u.a. European Commission 2000, van Dalen et al. 2005, NIDI 2006, Magoni et al. 2007 und OIM 2009). Andere Aspekte, wie die lokalen Bedingungen und der Prozess vor der eigentlichen Migrationsbewegung, die Erfahrungen, Wahrnehmungen und Motive der Migranten sowie ihr Umfeld sind dagegen weiterhin unerklärt und vage (NIDI 2006 und de Haas 2008:45). Das 'United Nations Office on Drugs and Crime' (ONUDC 2006:22) hat aber keinen Zweifel daran, „ que l èmigration clandestine représente un réel probl è me au Sénégal. Ce phénom è n n'est pas nouveau. Il existe depuis des années et la pauvretéen est à l'origine “ 7 . Da Armut an sich jedoch kaum erklären kann, warum Menschen derart große Risiken in Kauf nehmen, um nach Europa zu migrieren, müssen weitere politische, historische, soziale und kulturelle Faktoren und Einflüsse betrachtet werden, um ein breiteres Verständnis dieser Migrationsform zu ermöglichen. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, w arum Menschen per Piroge nach Europa migrieren, sondern vor allem auch wie.

Die Untersuchung senegalesischer Bootsmigranten ist aber nicht nur aufgrund ihres recht hohen Anteil an den Migranten dieser Migrationsbewegung von besonderem Interesse, sondern auch, weil sie ein zentrales Element der ihr zu Grunde liegenden Organisation verkörpern. Neben der gestiegenen Nachfrage und der günstigen geopolitischen Lage gibt es nämlich noch weitere Faktoren dafür, dass die Migrationsroute vom Senegal auf die Kanaren ab dem Jahre 2005 florierte: aufgrund der im Senegal traditionellen Fischerei existiert ein großes logistisches Kapital, welches in erster Linie aus den zur Verfügung stehenden Pirogen und den Fischern, die in der Lage sind, diese über die hohe See zu steuern, besteht. So wie die Nachfahren der Nomadenvölker in den 1980er Jahren durch ihre Mobilitätsressourcen der Trans-Sahara-Migration nach Nordafrika den Weg ebneten (de Haas 2007:12f), nutzen hier nun die Fischer ihr Kapital für eine transatlantische Migration per Boot. Ein Großteil der Überfahrten wurde demnach von senegalesischen Fischern durchgeführt. Neben den sozialen und kulturellen Faktoren, welche die Motive der Bootsmigranten formen, ist demzufolge auch die Genese, die Organisation und der praktische Ablauf dieser Migrationsform von Interesse. Die Forschung zu dieser Studie wurde daher größtenteils im Milieu der Fischer an der Küste des Senegals durchgeführt und soll durch ihre ethnographische und akteursorientierte Methodologie weiterführende Einblicke zum Verständnis der Pirogen-Migration und ihrer Akteure liefern:

The ethnographer conducts research in the native environment to see people and their behaviour given all the real-world incentives and constraints. This naturalist approach avoids the artificial response typical of controlled or laboratory conditions “ (Fetterman 1989:41).

In diesem Sinne betrachtet diese Studie die Prozesse vor und während der Migrationsbewegung irregulärer Bootsmigranten vom Senegal auf die Kanarischen Inseln und hat folgende Fragestellungen zum Fokus:

− Was sind die politischen Hintergründe, die der irregulären Bootsmigration von Afrika nach Europa ihren Rahmen geben und wie sind diese zu bewerten?
− Wie ist die transatlantische Bootsmigration von der westafrikanischen Küste auf die Kanarischen Inseln im historischen Kontext der Süd-Nord-Migrationsbewegungen zu platzieren?
− Welche Faktoren haben zur Genese der Pirogen-Migration im Senegal beigetragen und wie ist der Zugang der Akteure zu dieser Migrationsform zu begreifen?
− Was sind die Strukturen der Pirogen-Migration, wie wird sie auf lokaler Ebene organisiert und wie sieht ihr praktischer Ablauf aus?
− Auf welche Art und Weise wirken soziale und kulturelle Faktoren auf den Entscheidungsprozess der Akteure und formen somit den Willen zur Emigration?
− Und was sind die diesem Migrationsprozess inhärenten Handlungsstrategien, die zur praktischen Durchführung des Emigrationsvorhabens beitragen?

Beginnen werde ich mit einer Begriffsbestimmung und der Vorstellung des Forschungsrahmens und Untersuchungsfeldes. In Kapitel II werde ich dann zum einen das methodische Vorgehen im Feld vorstellen, und zum anderen relevante Theorien und Konzepte zu internationaler Migration erläutern, die dieser Studie einen methodologischen und konzeptuellen Rahmen geben. Im folgenden Kapitel III werde ich die historischen und politischen Hintergründe der Süd-Nord-Migrationsbewegungen betrachten, um auf Grundlage dieses Kontextes in Kapitel IV verschiedene Faktoren zu rekonstruieren, die zum Aufkommen dieser besonderen Form der Migration beigetragen haben. Im darauffolgenden Teil (Kapitel V) werde ich die Struktur und Organisation der Pirogen-Migration beschreiben, was uns einen Einblick in ihren praktischen Ablauf liefert. Um zu verstehen was diese Menschen zur Migration bewegt und was ihre Motive und Handlungsstrategien sind, werde ich im vorletzten Kapitel VI die soziokulturellen Dynamiken, die sich auf der Akteursebene vollziehen, betrachten. In der abschließenden Konklusion werde ich eine finale Einbettung des Beschriebenen vornehmen und einen Ausblick über die erkenntnistheoretischen Resultate hinaus wagen.

Wenn in dieser Studie von Charakteristika der Pirogen-Migration die Rede ist, geht es um eine Darstellung von Kultur als Resultat, die im für diesen Zweck üblichen ethnographischen Präsenz beschrieben wird. Diesbezügliche Aussagen beziehen sich auf den Zeitraum der Untersuchung. Sie basieren auf den Beobachtungen des Forschers sowie den untersuchten Fällen und streben keine Allgemeingültigkeit an. Alle Angaben zu meinen Informanten sind anonymisiert und beziehen sich auf den Zeitpunkt der Untersuchung. Namen und Begriffe die das Feld betreffen wurden entsprechend der lokalen Schreibweise (französisch bzw. wolof ) beibehalten. Ebenso wurde die lokale Währung F.CFA ( Franc de la CommunautéFinanci è re d'Afrique ) übernommen, wobei 10.000

F.CFA etwa 15€ entsprechen. Französische Zitate aus Literatur und Interviews sind in Fußnoten möglichst aussagen-getreu übersetzt.

I.2 Begriffsbestimmung zu Migration

„ 'Migration' is a term that social scientists use to define and describe movement by human populations “ (Cohen 2004:19).

Bevor wir in die Materie dieser Studie eintauchen, will ich eine Definition für internationale Migration und insbesondere für jene Migrationsform, die die Akteure dieser Untersuchung betreffen, formulieren. Laut Muus (2001:32) ist internationale Migration „ the movement of persons across national borders with the intention to settle in another country for a period of at least a year “ . Ebenso sind Migranten inbegriffen, die diese Intention erfüllen, aber aufgrund von restriktiver Politik oder der Hinderung durch polizeiliche Organe in ihrem Vorhaben scheitern.

Die Unterscheidung von sogenannter freiwilliger und unfreiwilliger Migration wird oftmals als ein entscheidendes Kriterium hervorgehoben. Dabei handelt es sich um den Versuch, Aspekte der freien Entscheidung einer Situation gegenüber zu stellen, in welcher Menschen keine andere Wahl haben, als zu migrieren. Zu den bekanntesten Beispielen für unfreiwillige Migration gehört mit Sicherheit der Sklaven- und Menschenhandel. Spricht man heutzutage von unfreiwilliger Migration, so wird diese zumeist mit Flüchtlingen assoziiert. Das Verlassen des Wohn- und Lebensortes gilt hierbei als Überlebensmotiv, welches aufgrund von Konflikten, sozialer und politischer Verfolgung oder anderer unmittelbarer Gefahren entsteht. Gonzales (1992 in Brettell 2009:115) entwickelte hierfür den Begriff “ conflict migration “, andere Autoren berufen sich weiterhin auf den Begriff “ enforced migration “ (Brettell 2008:115). Zur veranlassten Differenzierung von Migranten und Flüchtlingen merkt die Ethnologin Malkki (1995:496) jedoch an, „ that refugees do not constitute a naturally self- delimiting domain of anthropological knowledge “ , da sie sich in ihrer Migrationserfahrung nicht sonderlich von 'normalen' Migranten unterscheiden. Die Unterscheidung zwischen den zwei Gruppen der Flüchtlinge und Migranten ist nicht immer klar voneinander zu trennen. Bei den Akteuren dieser Studie handelt es sich ausschließlich um freiwillige Migration.

Eine weitere Differenzierung muss zwischen regulärer und irregulärer Migration gemacht werden. Dabei werden die Migranten danach unterschieden, ob sie mit oder ohne offizielle Papiere international migrieren. De Haas (2007:4) definiert irreguläre Migration als „ international movement or residency in conflict with migration laws “ . Um diese Migrationsform besser zu verstehen, müssen wir ihre verschiedenen Arten unterscheiden. Zum einen können Migranten bereits irregulär in ein Land einreisen, indem sie keine Papiere mit sich führen, die es ihnen erlauben über diese internationale Grenze zu migrieren. Zum anderen können Migranten in ein Land regulär, mit gültigem Visum, einreisen und nach dessen Ablauf den Aufenthalt überdauern. Eine weitere Form von irregulären Migranten sind abgewiesene Asylbewerber, die im Land bleiben. Es gilt also zwischen der irregulären Einreise und dem irregulären Aufenthalt von Personen zu unterscheiden. Die meisten Migranten reisen regulär in ein Land ein, überdauern ihr Visum und treten so in den irregulären Status ein (ONUDC 2006:7f und de Haas 2007:4). Diese Studie betrachtet ausschließlich Akteure, welche irregulär, ohne Visum, migrierten oder die Intention haben dies zu tun.

Migration kann des weiteren in lang- und kurzfristige, in temporäre Migration mit der Intention der Rückkehr und in erfolgreiche bzw. nicht erfolgreiche Migration ausdifferenziert werden. Eine Reihe weiterer Klassifizierungen nach Fortbewegungsart, Distanz, Motiv, Zweck oder Umfang ist möglich und von Düvell (2006) ausführlich beschrieben. Die Komplexität von Migration ist aufgrund von variierenden politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und individuellen Hintergründen nicht in eine einheitliche Definition oder Theorie zu fassen. Ein Differenzierungsversuch entlang eines Spektrums verschiedener Migrationsformen und -motiven mit abweichenden Dimensionen sollte jedoch bestehen. Die Migrationsform dieser Studie kann im weitesten Sinne als „ crossing borders without proper authority, or violating conditions for entering another country “ (Jordan und Düvell 2002:15) definiert werden. Im engeren Sinne handelt es sich um freiwillige, irreguläre und nicht erfolgreiche Migration per Boot (Piroge). Oftmals wird von Politikern und Medien der Begriff 'illegale Migration' und 'illegale Migranten' verwendet. Menschen als illegal zu bezeichnen ist meiner Meinung nach jedoch grotesk, vielmehr werden sie seitens staatlicher Institutionen illegalisiert8. Um eine weniger konforme und breitere Sichtweise auf diese Migrationsform zu gewährleisten, werde ich den Begriff irregulär benutzen. Oder, wie die Akteure es selbst bezeichnen - migration clandestine.

I.3 'Cap Vert et au-del à '- Forschungsrahmen und Untersuchungsfeld

Meine Forschung begann mit dem Vorhaben eine bereits in Berlin durchgeführte Studie über 'Jugendliche Flüchtlinge in einer Berliner Jugendhilfe' fortzuführen und im Sinne einer „ multi-sited Ethnography “ (Marcus 1995) durch die Hinzunahme des Herkunftsortes Senegal eine weitere Perspektive des Themas zu erkunden. Der Fokus lag insbesondere auf den Handlungsstrategien, dem soziokulturellen Aspekt der Jugend und Minderjährigkeit sowie den kognitiven Prozessen der Jugendlichen in ihrem Herkunftsumfeld und während eines 'Migrations-Projektes' von Westafrika nach Europa. Unmittelbar nach meiner Ankunft im 'Feld' Senegal zeigten sich jedoch grundlegende Erkenntnisse, die mich zu einer Modifizierung meines Forschungsfokus veranlassten. Eine Emigration nach Europa, in der der Senegal entweder die Rolle des Herkunftslandes oder die des Transitlandes verkörpert, entsprach zu diesem Zeitpunkt in erster Linie der Emigration per Boot (Piroge) mit dem Zielort Kanarische Inseln, Spanien. Da keiner der von mir im Vorfeld untersuchten Jugendlichen auf diese Art migrierte und die Akteursguppe der Bootsmigranten einen anderen sozialen Hintergrund hat (insbesondere Alter und Geschlecht), waren diese beiden Ansätze nicht vereinbar. Aufgrund der Aktualität und Präsenz der sogenannten migration clandestine , entschied ich mich, irreguläre Emigranten, die per Piroge versuchen spanisches Territorium zu erreichen, zum Gegenstand meiner Forschung zu machen. Die Feldforschung wurde im Rahmen eines Praktikums bei der International Organization for Migration (IOM)9 in Dakar durchgeführt. IOM stellte mir einen Arbeitsplatz zur Verfügung und erlaubte mir den Zugriff auf die Informationen der Organisation. Von internen Aufgaben war ich weitgehend freigestellt, bekam aber trotzdem einen Einblick in die Arbeit und Programme von IOM. Bei der Durchführung der Forschung agierte ich bezüglich des Themas, der Methoden sowie der Organisation absolut unabhängig und selbstständig. Meine Wohnbasis war in Dakar. Der Forschungszeitraum war Februar 2008 bis Juni 2008. Die Forschung war selbst organisiert und zum Teil durch ein Stipendium des DAAD10 finanziert.

Ort der Forschung

An der Küste des Senegal auf dem Cap Vert, dem West-Cap Afrikas, liegt Dakar. In Dakar leben etwa 1.1 Millionen Einwohner von etwa 12 Millionen in ganz Senegal. Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sich ihr Einzugsgebiet über die Zeit weiter ins Landesinnere ausgeweitet. So entstand eine urbane Peripherie, die Dakar auf eine Population von etwa 3 Millionen anwachsen ließ. Am östlichen Ende dieser Peripherie und am Übergang zur petite côte 11, liegen die Orte Rufisque und Bargny . Vom Zentrum Dakars sind diese beiden Orte mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ein bis zwei Stunden zu erreichen. Ein Großteil der Einwohner dieser Orte gehört der ethnischen Gruppe der Lébou 12 an, die traditionell im Fischereigewerbe tätig ist. Durch den Rückgang der Einnahmen aus diesem Gewerbe, arbeiten jedoch immer mehr Menschen in anderen Sektoren wie dem Kleinhandel, dem Handwerk, der Industrie oder sind beschäftigungslos. Bargny war mein primärer Forschungsort und Rufisque der sekundäre. Die Strände von Bargny und Rufisque sind jedoch keine typischen Ablegeorte der Pirogen-Migration auf die Kanaren - selbst wenn sie vereinzelt dazu genutzt werden, so legt die Mehrheit der Pirogen von anderen Stränden ab, die durch ihre geographische Lage oder eine bessere Infrastruktur geeigneter sind.

Die Wahl dieses Forschungsortes ergab sich mehr oder weniger zufällig über einen ersten Informanten, den ich in Dakar kennenlernte und mit dem ich mich schnell anfreundete. Schon nach den ersten Besuchen in seinem Wohnort Bargny war ich überzeugt davon, dass dieses Feld sehr reichhaltig ist. Bargny war aufgrund seiner sozioökonomischen Struktur, seiner überschaubaren Größe und der starken Involvierung in die Pirogen-Migration für eine eingehende Untersuchung sehr geeignet. Eine eben so hohe Bedeutung hatte der Zugang zu den betroffenen Menschen, Familien und sozialen Netzwerken, den mir dieser Kontakt an diesen Orten ermöglichte. Djamil , wie mein zentraler Informant hieß, war nicht nur in Bargny integer und kannte eine Vielzahl von Leuten, die er mir vorstellen wollte, sondern auch in Rufisque, dem Nachbarort.

Abbildung 3: Halbinsel Cap Vert (Wohn- und Forschungsorte)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Realisierung (B.S.)

Neben diesen beiden Orten, weitete sich mein Feld in vereinzelten Untersuchungsphasen noch auf weitere aus. Hierzu zählen der im Norden Dakars gelegene traditionelle Fischerort Yoff , der das spirituelle Zentrum der Bruderschaft Layenne 13 ist sowie Elinkine , ein kleiner Ort am Flussdelta der Casamance im Süden Senegals. Yoff zu Anfang, genauso wie Elinkine in jüngerer Zeit sind bekannte Ablegeorte der Pirogen-Migration. Dakar selbst sowie der Transitraum zwischen den Orten waren ebenso Teil meines Forschungsfeldes und von einer Vielzahl informeller Gespräche und Beobachtungen geprägt.

II. Methodologie und theoretischer Rahmen der Studie

Bereits im Titel wird der Leser mit der Bezeichnung ethnographische Fallstudie konfrontiert. Die unterschiedliche Verwendung der Termini 'Anthropologie', 'Ethnologie' und 'Ethnographie' stiftet oftmals Verwirrung. Auf die Bedeutungsschemata von Anthropologie, als die Wissenschaft vom Menschen, die insbesondere im amerikanischen ( Cultural Anthropopology ) und angelsächsischen ( Social Anthropology ) Sprachgebrauch verwendet werden und der entsprechenden kontinental- europäischen Disziplin der Ethnologie, werde ich hier nicht weiter eingehen. Was diese Wissenschaftsfamilie jedoch vereint, ist ein „ vergleichendes Studium menschlicher Kulturen “ (Knorr 1973:296) . Die Unterscheidung von Ethnologie und Ethnographie ist dagegen klarer:

„ Die Ethnographie wird meist als Beobachtung und Beschreibung der Kultur menschlicher Gruppen verstanden und zielt auf eine m ö glichst getreue Rekonstruktion ihrer Lebensformen und Besonderheiten. Ethnologie wäre demgegenüber die Analyse der vom Ethnographen gebotenen Daten von einem vergleichenden Standpunkt aus “

(ebd.:295).

Die Ethnographie umfasst dann auch noch die Methodologie, die Theorie und Methode der Feldforschung. Methodologie kann etymologisch als „ der Gang einer Untersuchung “ (Beer 2008:9) definiert werden und entspricht im wissenschaftlichen Gebrauch den Verfahren der Datenerhebung, der Einbettung in den erkenntnistheoretischen Kontext sowie der Interpretation und Reflektion. Laut Salzmann (2006:366) hängt die Methodologie „ von der Zielsetzung eines Autors und seiner theoretischen Position “ ab. Dabei gilt es unter anderem zwischen einer interpretativen und analytischen Ethnologie zu unterscheiden: „e rsterer ginge es vor allem um Empathie, der zweiten eher um systematische und nachvollziehbare Verfahren der Datenerhebung “ (Beer 2008:11). Salzmann differenziert in zwei weitere Beispiele methodologischer Determinanten. Zum einen in die beiden Forschungsausrichtungen auf das Individuum ( agency , Entscheidungsprozesse, Handlungen) sowie auf das Kollektiv ( structure , Institutionen, Glaubenssysteme). Zum anderen in die Konzepte der Unterdrückten, die vielmehr den Interessen derer dienen, die durch herrschende Zustände unterdrückt sind oder ausgebeutet werden, als die eigentlich Perspektive der untersuchten Akteure, „ whose awareness has been clouded by mystifying ideologies promulgated by the oppressors “ (Salzmann 2006:367) , zu betrachten (Beer 2008:11).

Diese und andere methodologische Grundorientierungen innerhalb der Ethnologie haben seit Anbeginn der Wissenschaftslehre und der Etablierung der Feldforschung als zentrale Methode die ethnographische Diversität geprägt. Was die Ethnographie in ihren Grundlehren jedoch ausmacht ist die Bekenntnis „ to the first-hand experience and exploration of a particular social or cultural setting on the basis of (though not exclusively by) participant observation “ (Atkinson et al. 2001:4). Ein weiteres Merkmal der Ethnographie „[is the] investigation of a small number of cases, perhaps just one case, in detail “ (Atkinson und Hammersley 1994:248), was der ethnographischen Fallstudie, zusammen mit der teilnehmenden Beobachtung, ihre Grundstruktur gibt. Wie das soziale und kulturelle setting in Bezug auf die Pirogen-Migration methodologisch und theoretisch von mir erfasst wurde bzw. wird, soll in diesem Kapitel erläutert werden. Dabei werde ich zuerst auf mein methodisches Vorgehen im Feld der irregulären Bootsmigration an der Küste des Senegals eingehen, um anschließend einige Theorien und soziokulturelle Konzepte zu internationaler Migration vorzustellen, die es ermöglichen sollen, diese empirische Untersuchung einzubetten.

II.1 Ethnographische Feldforschung und Methode

Die Feldforschung „ in the human and professional science almost always is research on some aspects of human behaviour in its everyday context “ (Preissle und Grant 2004:163). Der Untersuchungsgegenstand dieser Studie ist, wie bereits erwähnt, durch Irregularität und Informalität gekennzeichnet. Um in einem solchen Forschungskontext Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen verlässliche Daten zu erheben, reichen quantitative Methoden nicht aus, sondern es bedarf vielmehr einer Basis des Vertrauens und der Beziehung, was insbesondere durch einen eingehenden Kontakt zwischen den Akteuren und dem Forscher ermöglicht wird. Die der Feldforschung, „ the hallmark of research for anthropologists “ (Fetterman 1989:41), inhärenten ethnographischen Methoden sind dafür nicht nur eine bewährte Herangehensweise - vielmehr ließ das Feld und mein Interesse an einer emischen Perspektive keine andere zu. Dabei wird die teilnehmende Beobachtung als die zentrale Methode begriffen und ermöglicht einen eingehenden Zugang um qualitative Daten zu erheben.

II.1.1 Teilnehmende Beobachtung und Datenerhebung

„ Participant obeservation - establishing a place in some natural setting on a relatively long-term basis in order to investigate, experience and represent the social life and social processes that occur in that setting - comprises one core activity in enthnographic fieldwork “ (Emerson et al. 2001:352).

Die Ankunft im Feld und die Bildung günstiger Rollenbeziehungen sind für die Durchführbarkeit einer ethnographischen Forschung von zentraler Bedeutung (Knorr 1973:309). Nach erfolgreichem Zugang sind das Eintauchen in das alltägliche Leben und die Bedeutungssysteme der Menschen sowie die aufkommenden ethischen und politischen Fragen das besondere Interesse der teilnehmenden Beobachtung (Emerson et al.2001:352). Um dies zu ermöglichen, galt es für mich möglichst viel Zeit mit den Akteuren zu verbringen.

Zugang zum Feld

Da das Thema der migration clandestine im Senegal (auch medial) sehr präsent und in aller Munde war, gab es viele Menschen, die etwas darüber zu erzählen wussten, die angaben, jemanden zu kennen oder etwas gehört hatten. Trotz dieser durchaus wertvollen Informationen, galt es jedoch, explizite Daten aus erster Hand zu erheben. Aufgrund des informellen, seitens der Behörden sogar illegalen, Charakters des Themas, war es am Anfang nicht einfach, Personen zu finden, die - ob als einfacher Migrant, Seemann, Organisator oder in anderer Rolle - in die Pirogen-Migration involviert und bereit waren, darüber zu sprechen. Insbesondere der Kontakt zu Personen, die eine Emigration planten oder aktuell aktiv waren, gestaltete sich schwierig und es zeigte sich bald, dass les rapatriés (rückgeführte Migranten) einfacher zu erreichen waren.

„ An introduction by a member is the ethnographer's best ticket into the community. Walking into a community cold can have a chilling effect on ethnographic research. Community members may not be interested in the individual ethnographer or in the work. An intermediary or go-between can open doors otherwise locked for outsiders “

(Fetterman 1989:43).

Obwohl man in meinem Fall nicht von einer abgeschlossenen community sprechen kann, in die es sich einzugliedern gilt, so existiert aufgrund der gemeinsamen Erfahrungen doch eine gewisse Solidarität unter den clandestins, was sie zu einer Schicksalsgemeinschaft - einer Art informellen Gruppe - formt, die sich untereinander kennt. Da sie jedoch verstreut wohnen, keine gemeinsame Lokalität haben und nur durch ihre Migrationserfahrung miteinander verbunden sind, waren die clandestins auch territorial schwer zu greifen. Der Zugang zu dieser Akteursgruppe lief dann über die sogenannte 'Schneeball-Methode': erste eingehende Kontakte stellten mir weitere Freunde oder Bekannte vor. Aufgrund des informellen Charakters war das Aufbauen von Vertrauen und eingehenden Beziehungen für meine Untersuchung von zentraler Bedeutung. Das Vertrauen, welches Menschen in den Mittelsmann setzen, entspricht in etwa dem Vertrauen, was dem Ethnographen zu Anfang entgegengebracht wird. Eine positive Empfehlung und Einführung bestärkt demnach die Möglichkeiten der Annäherung des Forschers an die Akteure und verbessert so die Qualität der Daten (Fetterman 1989:44). Mein Mittelsmann Djamil spielte dabei eine zentrale Rolle: er war selber ein clandestin und führte mich in sein soziales Netzwerk ein. Dies vereinfachte es mir Kontakte zu knüpfen und ermöglichte mir nicht nur eine Vielzahl von clandestins kennenzulernen, sondern eröffnete mir auch einen Zugang in ihr soziales Umfeld.

„ Djamil versucht wirklich gut mich den entsprechenden Leuten vorzustellen und 'bereitet' auf seine Art das Feld: er spricht mit den Leuten, oft auf Wolof, und erklärt was ich mache, welchen Sinn es hat, welche Motivation (...). Diese 'Vorarbeit' kann 10-15 min dauern. Sein Ziel ist es Vertrauen zwischen mir und dem Informanten herzustellen, was auch meist sehr gut gelingt. Dabei ist es ihm auch sehr wichtig zu zeigen, dass ich diesen Menschen vertrauen kann, dass er sie gut kennt “ (Feldnotiz, 17.03.2010).

Teilnehmende Beobachtung

Der Senegal wird zu recht auch le pays de taranga genannt - das Land der Gastfreundschaft. Der Erstkontakt verlief daher meist sehr offen und freundlich, aber auch etwas standardisiert. Über die Praxis der sozialen Gepflogenheiten erlangte ich jedoch schnell die erstrebte Teilnahme am sozialen Leben, die mir eingehende Beobachtungen sowie formale wie informelle Gespräche ermöglichte. Zu diesen sozialen „ ritualistic behaviors “ (Fetterman 1989:45) gehören in erster Linie die Begrüßungen, der senegalesische 'Small-Talk' sowie die Teilnahme an den täglichen Essens- und insbesondere den Tee-Zeremonien, was in der Summe viel Zeit in Anspruch nimmt. Da es den Menschen im Senegal meist nicht an Zeit mangelt, sie jedoch Wert darauf legen, mit wem sie diese verbringen und mit wem sie sich in der Öffentlichkeit zeigen, war ich einer ambivalenten sozialen Praxis gegenübergestellt. Zum einen gab es die Personen, die den Kontakt zu mir erstrebenswert fanden und zum anderen jene, die mir gegenüber zurückhaltend oder skeptisch waren. Dies führe ich nicht nur auf ihre Individualität zurück, sondern auch auf meinen Status als toubab 14 (der 'Weiße' oder der 'Europäer') und meine Rolle des chercheur (Forscher) . Als 'weißer Forscher' verkörperte ich für sie einerseits ein humanes Kapital in Form von Bildung, Status, ökonomischer Ressource und sozialer Beziehungen. Andererseits war ich für sie ein Außenstehender - ein Toubab - der neugierigen Blickes und aus für wenig ersichtlichem Grund Interesse an ihnen hegt. Ich wurde Freund und blieb teilweise doch Fremder. Powdermaker (1966) betitelte diese Rolle in ihrer Veröffentlichung „ Stranger and Friend: The way of an anthropologist “ treffend.

Die von Ethnologen postulierte „ long-term basis [...] and the need for emphatetic immersion in daily life “ (Emerson et al. 2001:352), gilt es in meinem Fall einzugrenzen. Selbst wenn die teilnehmende Beobachtung (auch in den Transiträumen) aufgrund der eigenen Präsenz kaum nicht stattfinden kann, kann in meinem Fall, praktisch und zeitlich, in bestimmte Fenster differenziert werden: in meinem zentralen Forschungsort Bargny verbrachte ich eine vierwöchige und eine dreiwöchige Feldphase, in der ich jeweils vor Ort lebte. Zusätzlich begab ich mich viele Male für ein bis drei-tägige Aufenthalte nach Bargny, wo aus ich Rufisque besuchte. Zudem verbrachte eine Woche in Elinkine (Casamance). Die Zwischenzeiten waren von meiner Präsenz im Büro von IOM, dem Besuch von Seminaren und Konferenzen zum Thema, weiteren Treffen mit Informanten sowie vom glander 15 , dem 'Herumhängen', geprägt. Praktisch kann man daher weniger von einem langfristigen Eintauchen in eine soziale Kommunität sprechen, sondern vielmehr von temporären, intensiven Aufenthalten und punktueller Feldrecherche. „ Once in the community, specific methods and techniques will guide the enthnographer in the process of data collection and analysis “ (Fetterman 1989:44).

Feldnotizen

Teilnehmende Beobachtung bedeutet jedoch nicht nur Zugang in ein soziales Feld, sondern auch „ producing written accounts and descriptions that bring versions of these worlds to others “ (Emerson et al. 2001:352). Beobachtungen und Reflektionen, die das Feld betreffen, werden daher in Form von Feldnotizen niedergeschrieben. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung ist aber keine reine Beobachtungstechnik zur Datenerhebung, sondern beschreibt die gesamte Feldsituation (Knorr 1973:311). „ Indeed, at their core, fieldnotes are writings produced in or in close proximity to 'the field' “ (Emerson et al. 2001:353). Emerson et al. heben vier wesentliche Merkmale der Feldnotizen hervor. Erstens sind sie eine Form der Repräsentation, eine reduzierte Wiedergabe von Ereignissen, Personen und Plätzen die für eine spätere Betrachtung und Analyse gesichert werden. Zweitens sind sie selektiv, d.h. der Ethnograph erfasst nach eigenem Ermessen bestimmte Dinge, andere hingegen nicht. Des weiteren liefern sie Beschreibungen von Menschen, Szenen, Dialogen und eigenen Erfahrungen, die möglichst wenig Interpretation beinhalten. Zuletzt sind Feldnotizen Daten, die ohne viel Struktur geschrieben werden - „ a loose collection of possibly usable materials “ (ebd.). In diesem Sinne hatte auch ich ein Feldtagebuch, welches zwar mein steter Begleiter war, schlussendlich für die Datenerhebung und Analyse aber nicht ausreichte.

Datenerhebung durch Interviews

Die Absicht, soziale Prozesse und kulturelle Hintergründe zu betrachten, die einer solchen Migrationsbewegung einen Rahmen geben, verlangt gezielt qualitative Daten aus dem Munde der Akteure zu erheben. Hierfür stehen dem Forscher verschiedene Techniken zur Verfügung, wovon ich die von mir praktizierten Methoden der informellen Gespräche und formalen Interviews kurz ausführen werde.

Informelle Gespräche, die ich während meiner gesamten Feldforschung führte, gelten als eine der gebräuchlichsten Methoden in der Ethnographie. Diese Gespräche bzw. informellen Interviews entstanden in einem nicht festgelegten sondern eher situativen Rahmen, d.h. sie entstanden en passant. Dadurch waren sie von einer recht natürlichen Atmosphäre geprägt und lieferten authentische Ansichten, Gedanken und kognitive Muster der Akteure. Auch wenn diese informellen Gelegenheitsinterviews keiner festen Struktur folgten, waren sie dennoch nicht strukturlos. Antworten, die mir der Informant durch die narrative Konversation nicht vorweg lieferte, versuchte ich durch Nachfragen zu erlangen. „ Done well, informal interviewing feels like natural dialogue but answers the fieldworker's often unasked questions “ (Fetterman 1989:49). Da die gewonnenen Informationen nicht ausschließlich auf die eigentliche Migrationsbewegung konzentriert sind, ermöglichten sie mir auch einen Einblick in die sozialen und kulturellen Bedeutungssysteme, welche die Migration in einen akteursnahen Kontext einbetten.

Neben informellen, führte ich auch formale Interviews durch. „ Formally structured or semi- structured interviews are verbal approximations of a questionnaire with explicit research goals “ (ebd.:48) . Die Interviews waren semi-strukturiert und dauerten zumeist etwa 30 Minuten bis eineinhalb Stunden. Nach einem einführenden Dialog zu persönlichem Hintergrund wie Alter, Familiensituation, Beruf/Bildung sowie ethnischer und religiöser Zugehörigkeit konzentrierte ich mich auf verschiedene akteursbezogene Aspekte der Pirogen-Migration. Dies waren Fragen zum Entscheidungsprozess, dem Einfluss sozialer Beziehungen auf diesen, zu den Informationsflüssen sowie Fragen nach den Strategien (materiell wie sozial) welche für die Durchführung des Migrations-Projektes von Bedeutung waren. Zudem lag der Fokus auf der Organisation bzw. Vorbereitung der Überfahrt, deren Verlauf sowie den inhärenten kognitiven Prozesse, d.h. der Wahrnehmung und Ordnung des Erlebten und der Welt. Die Interviews waren zunächst narrativ angelegt und wurden in variierender Reihenfolge mit Fragen zu den soeben genannten Aspekten ergänzt. Für Interviews (informell wie formal) mit Familienmitgliedern oder institutionellen Personen ging ich vergleichbar vor, mein Leitfaden war aber entsprechend angepasst und zielte mehr auf die strukturelle Ebene.

Die formalen Interviews führte ich, wenn möglich, in den Privaträumen der Informanten durch. Die Aufzeichnung erfolgte teils mit, teils ohne digitales Aufnahmegerät, was ich je nach Situation verschieden handhabte, da bestimmte Umstände, wie die Einwilligung des Informanten oder die Geräuschkulisse, diesen Faktor mit beeinflussten. Einige informelle Interviews fanden jedoch auch in öffentlichen Räumen, auf Plätzen oder am Strand statt (siehe Anhang IX.2 / 1). Ich versuchte immer eine möglichst ungestörte Dialogsituation zu schaffen - nicht nur, um ein eingehendes Gespräch zwischen mir und dem Informanten zu ermöglichen, sondern auch, um Einflüsse durch andere Personen zu vermeiden. Die verbale Kommunikation fand durchgehend auf Französisch statt. In einzelnen Fällen, wenn die Französischkenntnisse des Informanten nicht ausreichten, gab es eine Übersetzung von Wolof auf Französisch durch meinen Mittelsmann Djamil.

„ Bin nun seit 5 Tagen in Bargny und Rufisque. Die Beobachtungen und Erhebungen laufen gut. Auch wenn ich anfangs etwas Schwierigkeiten hatte die Infos festzuhalten. Der Anspruch, ein konzentriertes Interview mit Aufzeichnung zu machen sollte/darf nicht an erster Stelle stehen, da dies oft nicht m ö glich ist. Mit den Leuten 'alleine' sein ist kaum m ö glich. Das Aufnahmegerät ist von daher nur teilweise wirklich nützlich. Oft ist man am Anfang alleine und gegen Ende des Interviews sind bis zu 10 Leute im Raum “

(Feldnotiz, 22.03.2008).

Akteure und Informanten

Der Großteil meiner Daten wurde schließlich anhand von 14 Akteuren im Alter von 17 bis 39 Jahren erhoben. Es handelt sich hierbei ausschließlich um senegalesische Männer, die wenigstens einmal den Versuch unternommen haben, per Piroge auf die Kanarischen Inseln zu migrieren. Sieben von ihnen haben die Inseln erreicht und wurden durch die spanischen Behörden wieder in den Senegal abgeschoben. Drei von ihnen wurden während der Überfahrt, auf der Höhe Mauretaniens oder Marokkos, durch Frontex (siehe Kapitel IV.1.2) abgefangen und zurückgeführt. Zwei sind aufgrund von Problemen in Marokko an Land gegangen und wurden von den dortigen lokalen Behörden zurückgeführt. Die Piroge eines weiteren Akteurs machte freiwillig kehrt und ein anderer wurde bereits beim Ablegemanöver von senegalesischen Polizeibeamten festgenommen. Acht der 14 Akteure sind Fischer und gehören der Ethnie der Lébou an, die anderen sechs sind Wolof und im Kleinhandel, im Tourismus, als Mechaniker oder im Fleischgewerbe tätig bzw. sind beschäftigungslos. Für alle ist der Sufi-Islam die praktizierte Religion und sie gehörten größtenteils der Bruderschaft der Mouriden ( Mouridiyya )16 an. Bis auf einen besuchten sie alle für drei bis fünf Jahre die Schule und gingen danach, mit etwa 12 bis 14 Jahren, ins Arbeitsleben über. Acht der Akteure haben Frau und Kinder, die anderen sechs sind alleinstehend oder liiert. Der Großteil meiner Informanten gehörten zum Netzwerk meines Mittelsmannes Djamil und sind entweder in Bargny oder Rufisque wohnhaft - nur zwei von ihnen, jene aus Yoff und Elinkine, befragte ich anderweitig.

Weitere qualitative Daten erhob ich aus dem familiären Umfeld dieser Akteure sowie von sogenannten key-informants , institutionellen bzw. assoziativen Personen. Darunter waren vier Familienangehörige (ein Onkel, eine Mutter, ein Bruder und eine Schwester), ein Imam sowie ein ehemaliger Mitarbeiter der französischen Botschaft, der in Bargny wohnhaft ist. Zudem führte ich mit MitarbeiterInnen folgender zwei NGO's Interviews: zum einen von AGORA17, eine NGO zu Bildung, Rechten für Kinder und Friedenskultur mit Sitz in Dakar. Und zum anderen vom Collectif des Femmes pour la lutte contre l ’é migration clandestine (COFLEC)18 aus Thiaroye - ein Kollektiv von Frauen, deren Männer und Söhne während der Überfahrt auf die Kanaren ums Leben kamen oder als vermisst gelten. Die Anwesenheit im Büro von IOM war ebenfalls eine dienliche Quellen und von vielen eingehenden Gesprächen und Diskussionen mit den Mitarbeitern geprägt.

II.1.2 Das ethnographische Feld und seine Grenzen

„ Fieldwork ends when the researcher leaves the village or the site, but ethnography continues “ (Fetterman 1989:20) .

Nach fünfmonatigem Aufenthalt im Senegal, beendete ich am 16. Juni 2008 offiziell meine Feldarbeit und wollte per Landweg über Mauretanien und die West-Sahara nach Marokko reisen und von dort aus per Flugzeug zurück nach Europa. Diesen Weg habe ich nicht nur aus Reiselust gewählt, sondern auch um ein Gespür für die territoriale Distanz zwischen dem Senegal und Europa zu erlangen. Ich machte mich also auf den Weg von Dakar (Hauptstadt des Senegals) an die Grenze zu Mauretanien - eine Strecke von etwa 350 Kilometern, die mit lokalen Transportmitteln, wie den taxis-brousse (sogenannte 'Busch-Taxis' mit sieben Sitzplätzen) oder den Ndiaga Ndiayes (alte Mercedes-Busse mit etwa 30 Sitzplätzen), entspannt in ein bis zwei Tagen zu schaffen ist. Die beiden Länder Senegal und Mauretanien sind durch den Fluss Senegal getrennt und die Grenze kann auf dieser Höhe nur per Fähre oder Boot überquert werden. Der beidseitige Grenzort ist Rosso . Da es zum Grenzübergang in Rosso kaum Alternativen gibt und er zudem auf der Verkehrsachse zwischen den urbanen Zentren Senegals (Dakar und Thies) und Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens, liegt, ist er hoch frequentiert und wird von manchen europäischen Afrikareisenden als „ einer der unangenehmsten in ganz Westafrika “ 19 bezeichnet. Rosso ist ein recht karger, kleiner Ort, dessen Infrastruktur und Geschäftigkeit in erster Linie auf dem Grenzverkehr basiert. Vom Busparkplatz, an dem man bei der Ankunft aussteigt, führt eine staubige Straße direkt zum Grenzübergang am Fluss. Links und rechts dieser Straße sind kleine Häuser, Geschäfte und Hütten, in denen die Passanten unter anderem Geld wechseln, Kfz-Angelegenheiten regeln, Souvenirs kaufen, Essen gehen oder übernachten können.

Nachdem ich in Rosso ankam und mich ein Junge mit dem Moped ins Zentrum chauffiert hat, gönnte ich mir ein letztes Mal das senegalesische Volksgericht Djebu Djen (Fisch mit Reis) mit anschließendem Attaya (starker Grüntee). Mein restliches Geld in der lokalen Währung F.CFA

wechselte ich in mauretanische Ouguiya (UM). Zudem hatte ich noch einen fünfzig Euro Schein für das Touristen-Visum nach Mauretanien bei mir. Seit vielen Jahren war es üblich bei der Einreise ein solches Visum zu kaufen. Ich begab mich also mit der vollen Überzeugung, den Senegal nun auf unabsehbare Zeit zu verlassen, in Richtung Grenzposten und Fähre. Die zweistündige Mittagspause, welche die Fähre täglich einlegt, nutze ich für eine kleine Siesta unter einem Baum direkt am Fluss (siehe Anhang IX.2 / 2). Danach setzte ich über, die mauretanischen Grenzbeamten nahmen meinen Reisepass an sich und ich wollte mein Visum kaufen. Als ich mich zu einem Beamten vorgekämpft hatte wurde mir mitgeteilt, dass es seit etwa zwei Wochen nur noch in den Botschaften möglich sei ein Visum zu bekommen und mir wurde die Einreise verweigert20. Weder die durchaus übliche Methode der Bestechung noch die Vorsprache beim Vorgesetzten halfen weiter. Nach einiger Diskussion wurde ich von zwei Polizeibeamten zurück zum Fluss eskortiert. Dabei fiel immer wieder der Begriff le refoulé , was soviel bedeutet wie 'der Zurückgedrängte'. Sie nannten mich also einen refoulé21, genauso wie im Senegal die zurückgeführten Migranten genannt werden, über die ich meine Forschung machte. Jedem Argument zum Trotz, setzten sie mich mit weiteren Personen in eine Piroge, und ich wurde auf direktem Wege zurück in den Senegal geschickt - mit eben einer solchen Piroge, die von den Migranten zur Überfahrt auf die Kanarischen Inseln genutzt wird.

„ Es hie ß also: 'ils sont o ù les refoulés?' 22 Man setzte uns schlussendlich in eine Piroge um uns wieder auf die andere Seite des Senegal-Flusses zu bef ö rdern. Ich fand mich also in einer Piroge(!) wieder, wurde 'le refoulé' genannt und zurück in den Senegal geschickt. Was ein Paradox! “ (Feldnotiz vom 17.06.2008).

Zurück im Senegal, ging ich in den mir bekannten Laden und noch bevor ich mein Anliegen des erneuten Geldwechsels kundtun konnte, war ich mit dem Angebot eines Informanten konfrontiert, für 30.000 F.CFA clandestinement (heimlich/irregulär) über die Grenze geführt zu werden. Ich lehnte ab, wechselte zu einem erdenklich schlechten Kurs mein Bargeld wieder zurück in F.CFA und fuhr nach St. Louis, die nächst größere Stadt im Norden Senegals.

Das Ende meiner Feldforschung war nicht nur der Versuch das Feld zu verlassen, sondern hat mich in seiner Symbolik mit einem zentralen Aspekt meiner Untersuchung zu irregulärer Pirogen- Migration aus dem Senegal heraus konfrontiert: die methodologische Essenz - die Teilnahme und Beobachtung - was es bedeutet Grenzen unautorisiert zu passieren, in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein und durch autoritäre Behörden zurückgeführt zu werden, war mir bis dato vorenthalten. Meine Datensammlung war zwar voller Geschichten von Personen, die eine solche Migration im äußersten Zustand erlebt hatten und das eigene Gefühl, die emische Perspektive, eines solchen Erlebnisses, erschien mir möglich nachzuvollziehen respektive zu beschreiben. Da die zentralen Akteure meiner Untersuchung zurückgeführte Migranten und mein Forschungsfeld ihre Herkunftsorte an der Küste Senegals waren, blieb die Migrationsbewegung selbst jedoch außerhalb meiner ethnographischen Reichweite.

II.2 Theorien zu internationaler Migration

„ Migration does not occur in a vacuum. People do not migrate because they must. We are not animals that have some deep-seated need to complete a circuit in response to some biological drive. Rather, humans migrate because they can. People make decisions to migrate in response to desires, lifestyles, resources and needs “ (Cohen, 2004:19).

Diese Kapitel stellt einige der wichtigsten Theorien vor, die zu einer eingehenden Betrachtung der in dieser Studie untersuchten Form der irregulären Bootsmigration beitragen sollen. Entlang dieser Konzepte werden die empirischen Ergebnisse eingeordnet. Nach der Erläuterung einiger vordergründig ökonomisch-rationalen Theorien zu internationaler Migration, die sich auf einer strukturellen Makro- aber auch Mikroebene bewegen, werde ich auf soziokulturelle und anthropologische Konzepte eingehen, welche die Migrationstheorien erweitern und für die Akteursebene dieser Studie von Relevanz sind. Dies wird zu einer Gegenüberstellung von 'strukturellen' und ' agency ' Konzepten führen.

II.2.1 Rational Choice Models

Bei Internationaler Migration wird oftmals angenommen, dass ihr ökonomische Motive zu Grunde liegen. Sie wird als Antwort der Migranten auf wirtschaftliche und strukturelle Krisen oder Armut in ihren Heimatländern gedeutet. Die ökonomische und strukturelle Disbalance zwischen Herkunfts- und Zielland, welche für die Migranten einerseits Gründe zur Emigration und andererseits Anziehungspunkte zur Immigration bietet, dient demnach als Motiv und wird in der p ush and pull Theorie klar und linear präsentiert. Diese Theorie geht davon aus, dass Menschen in den schlechten sozialen, politischen oder ökonomischen Bedingungen in ihrer Heimat Beweggründe für ein Verlassen dieser sehen. Zu diesen 'Push' Faktoren zählen schlechte wirtschaftliche Bedingungen, Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung, eine schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt, instabile politische Verhältnisse oder Verfolgung. Auf der anderen Seite sind diese Menschen von positiven Elementen des möglichen Ziellandes angezogen. Diese 'Pull' Faktoren können bessere Arbeitsmöglichkeiten respektive ein höheres Einkommen, sichere Lebensbedingungen, stabile politische Strukturen oder die Aussicht auf höhere Bildung sein (Massey et al. 1998:13f).

Betrachtet man die 'Push' und 'Pull' Faktoren im Herkunfts- und im Zielland auf der ökonomischen Makro-Ebene, so begreift die 'Theorie der neoklassischen Ökonomie' den Arbeitsmarkt „ as an open system, where mobility is determined by demand and supply “ (Jordan und Düvell 2002:76). Ein hohes Angebot an Arbeitskräften in der Herkunftsgesellschaft reagiert somit auf eine hohe Nachfrage an Arbeitskräften in der Aufnahmegesellschaft und wirkt dem Ungleichgewicht durch Migration entgegen (Massey et al. 1998:8). Auf der Mikro-Ebene geht diese Theorie davon aus, dass Migranten hauptsächlich aufgrund unterschiedlicher Einkommensmöglichkeiten migrieren. Diese 'Theorie des dualen Arbeitsmarktes', sieht Migration als Resultat der Aufteilung des Arbeitsmarktes in ein primäres und sekundäres Segment durch die Aufnahmegesellschaft. Im Falle der irregulären Migration trifft dies insbesondere in jenen Sektoren zu, die einen hohen Bedarf an billigen Arbeitskräften, wie Hilfs- oder Landarbeiter, aufweisen. Der Journalist Fabrizio Gatti berichtet beispielsweise, dass der Anteil irregulärer Einwanderer, die in den Fabriken der Provinz Venedig in Italien arbeiten offiziell 27% beträgt (Gatti 2010). Auch Deutschland ist ein gutes Beispiel für diese Art der Arbeitskräfteregulierung:

„ Irregular migration was related to the rigidity of a highly regulated labour market, high labour costs and more generous income maintenance provision. Employers had strong incentives to hire irregular migrant workers, because of high minimum wages and social insurance contributions “ (Jordan und Düvell 2002:75f).

Die Annahme, dass Menschen aufgrund einer rational getroffenen Kosten-Nutzen Rechnung migrieren, machen diese zu einem homo economicus (siehe auch van Dalen et al. 2005) . Soziale und kulturelle Faktoren wie Integrationsmöglichkeit, soziale Netzwerke oder andere Faktoren wie Migrationskosten und Risiken werden kaum berücksichtigt. Kritiker argumentieren, dass die ökonomische Dimension sicherlich eine wichtige Rolle spielt, aber alleine nicht erklären kann, warum Menschen migrieren und vor allem, warum andere nicht migrieren (Cohen 2004:4). Denn „w enn es vor allem Elend wäre, das Migrationen ausl ö st, warum wandern dann Hunderte Millionen v ö llig verarmter Menschen nicht aus Ländern der Dritten Welt aus und warum beträgt der Anteil der internationalen MigrantInnen an der Weltbev ö lkerung gerade einmal 3%? “ (Kraler und Parnreiter 2005:327). Die Tatsache, dass aus anderen Herkunftsländern mit vergleichbaren oder sogar ökonomisch schlechteren Bedingungen keine entsprechenden Migrationszahlen zu verzeichnen sind, wirft die These auf, dass materielle Armut an sich keinen unmittelbaren Migrationsgrund darstellt (Massey et al. 1998:10, 18). De Haas (2007:47ff) stellt gar den gesamten push-pull Ansatz in Frage. Studien aus dem Senegal und Ghana zeigen, dass Armut als 'Push' Faktor in Frage gestellt werden muss (NIDI 2006) und so merkt auch der Ethnologe Hans Löser (1978:203) in seiner Veröffentlichung „ Wanderarbeit und soziale Mobilisierung. Das Beispiel des Senegal “ an:

„ Die aus dem wirtschaftlichen Stadt-Land-Dualismus erwachsenen Triebkräfte, die 'pushes' und 'pulls' der Migration, bieten am Beispiel Senegal keine ausreichende Erklärung dafür, warum viele bleiben, auch wenn sie sich in einer prekären wirschaftlichen Situation befinden, andere aber, ohne unmittelbare ö konomische Not zu erleiden, sich zur Emigration entscheiden “ .

II.2.2 Neue Ökonomie der Arbeitsmigration

Werden Migranten in den bisherigen Erläuterungen als ein eigenständiger und rational entscheidender Akteur angesehen, so wird er im Konzept der 'Neuen Ökonomie der Arbeitsmigration' in seinem sozioökonomischen Kontext betrachtet. Die Entscheidung zu migrieren ist demnach kein individueller Prozess mehr, sondern Teil einer kollektiven Maßnahme um das Einkommen eines Haushaltes zu maximieren und dessen Risiken zu minimieren. Das Kollektiv kann demnach aus einem Haushalt, der Familie oder einer Community bestehen (Massey et al. 1998:21). Laut Adepoju ist dies für viele Afrikaner eine übliche Strategie um die Ressourcen eines Haushaltes zu sichern oder zu erhöhen.

„ Housholds generally select and invest in a family member who is viewed to have the greatest potential for generating migrant earnings and sending remittances. Propelled by the economic crisis, migration has become central as a coping mechanism to secure family survival “ (Adepoju 2004:65).

Dabei wird nicht nur die Entscheidung Wer migriert, sondern auch Wohin und für welchen Zeitraum durch das Kollektiv mitbestimmt. Die dem Migranten übergeordnete Haushaltseinheit muss jedoch nicht auf einen Ort limitiert, sondern kann transnational sein. Der in Afrika oftmals weit gefasste Begriff der Familie findet in dem Phänomen der „ dual-housholds “ (ebd.:66) auch eine territoriale Anwendung. Demnach können Personen, die anderswo wohnen und arbeiten, weiterhin Mitglied des selben Haushaltes sein, solange sie ihm sozial wie ökonomisch verpflichtet sind und man von einer Rückkehr in diesen ausgeht. „ Dual residence strategies enable families to function as an extended structure in the face of migration-induced separation “ (ebd.). Durch das optimale Einsetzen von Humankapital durch das Kollektiv erscheint Migration als eine Strategie, die Abhängigkeit vom lokalen Arbeitsmarkt zu reduzieren oder gar zu lösen. Die Überweisungen ( remittances ) seitens der Migranten sind dabei ein zentraler Bestandteil des Unterhalts der Familien (Düvell 2006:85). Viele Haushalte begeben sich dadurch aber in Abhängigkeit von diesen Überweisungen, da sie zur Deckung der Lebenshaltungskosten unverzichtbar werden. Im Senegal zum Beispiel werden teilweise zwischen 30 und 70 Prozent und in manchen Fällen bis zu 80 Prozent des zur Lebenshaltung benötigten Kapitals durch Überweisungen gedeckt (Adepoju 2004:66).

Während sich in dem zuvor besprochenen neoklassischen Model die Frage stellt, warum nicht mehr Menschen aufgrund von Armut und Lohnunterschieden migrieren, kann diese neue Ökonomie der Arbeitsmigration zu dem Schluss kommen, dass eben nur ein Mitglied pro betroffener Familie migriert. Der Fokus einer wirtschaftswissenschaftlichen Migrationsforschung wird somit vom Individuum hin zur Familie als Entscheidungskollektiv gelenkt (Düvell 2006:86). In Kapitel VI.2.2 werde ich jedoch zu erkennen geben, dass dieses kollektive Entscheidungsmodell im Falle der Akteure dieser Studie nicht oder nur marginal zutrifft, und dass die sozioökonomische Bedeutung der Familie vielmehr eine individuelle Dynamik auf der Akteursebene bewirkt. Nichtsdestotrotz können Überweisungen (inklusive ihrer Investition) auch Folgemigration hervorrufen, da Einkommen zwischen den Kommunitäten nicht als gleichwertig empfunden werden. Es wird argumentiert, „ that households sends workers abroad not only to improve their incomes in absolute terms, but also to increase them relative to other housholds, and, hence, to reduce their relative deprivation compared with some reference group “ (Massey et al. 1998:26). Auf dieses Argument werde ich in Kapitel VI.2.4 eingehen und der Frage nachgehen, inwieweit vorige Migranten und ihre Mobilität Folgemigration stimulieren.

II.2.3 Theorie der Migrationsnetzwerke

Die Theorie der Migrationsnetzwerke positioniert den einzelnen Migranten im Kontext von sozialen Netzwerken. Nach Massey et al. (1998:42) „ migrant networks are sets of interpersonal ties that connect migrants, former migrants, and non-migrants in origin and destination areas through ties of kinship, friendship, and shared community origin “ . Durch diese Netzwerkressourcen werden die Kosten und Risiken von Migration gesenkt und erhöhen den erwarteten Ertrag, was die Chance einer erfolgreichen Migration steigert, so die These (ebd.:42f). Diese Netzwerke „ mediate between individual actors and structural forces “ (Boyd 1989:61) und sind als eine Art Infrastruktur zu betrachten, die durch internationale Migration erst entsteht. Demnach werden durch Emigration gewöhnliche Beziehungen in potentielle Ressourcen zur Unterstützung der eigenen und von Folgemigration transformiert (Massey 2003:27). Verschiedene Arten und Ressourcen von Netzwerken können dabei von Bedeutung sein, wobei die Distribution von Informationen zentral ist. Einerseits wird davon ausgegangen, dass Personen, die mit vorherigen Migranten in Beziehung stehen, zur Durchführung eines eigenen Migrationsprojektes animiert werden. Andererseits haben Migranten, die über Netzwerke in der Zielgesellschaft verfügen, einen besseren Zugang zu den Ressourcen in dieser Region, was die Integration erleichtert (Düvell 2006:102). Die Existenz dieser Netzwerke kann dann zu einer Kettenmigration führen, wobei jeder neue Migrant soziales Kapital produziert, welches dann wiederum die Risiken und Kosten zukünftiger Migranten reduziert.

Folglich erhöht sich die Chance erfolgreich zu migrieren immer weiter und könnte Migration theoretisch risikofrei machen (Massey et al. 1998:43).

Netzwerke können dabei in verschiedene Dimensionen ausdifferenziert werden. Zum Einen in ihre Art, wie ethnische, familiäre, religiöse, freundschaftliche oder institutionelle Beziehungen. Zum anderen in die Form der Unterstützung, wie beispielsweise informative, materielle oder soziale Ressourcen, die dem Migranten zur Verfügung stehen. Hierbei werden Netzwerke, die auf einem gemeinsamen ethnischen Ursprung und familiären Beziehungen basieren, „ the extended kinship network “ (Choldin 1973:164), oftmals in den Vordergrund gestellt. Aufgrund familiärer Verbundenheit bzw. ethnischer Solidarität, bietet ein solches Netzwerk moralische Unterstützung und ermöglicht neue soziale Beziehungen, Unterkunftsmöglichkeiten sowie Zugang zu materiellen Ressourcen und dem Arbeitsmarkt im Zielland. Doch auch wenn gerne die Vorteile derartiger Beziehungen betont werden, gilt es zu differenzieren: denn „ the effects of kinship affiliation and support are not simple. Migrants without kinship affiliation and support find jobs more quickly and maintain higher morale than do migrants who join kinfolk or others “ (ebd.:175). Ebenso können Transport- und Schleusernetzwerke, Behörden, Beamte oder zufällige Bekanntschaften eine Rolle spielen. Wie Düvell (2006:102) richtig anmerkt, kann es für ein Migrationsprojekt von essentieller Bedeutung sein, „ die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt zu kennen “ . Es wird also argumentiert, dass Migration nicht nur ein ökonomischer, sondern im Kern ein sozialer Prozess ist (Kraler und Parnreiter 2005:339). Netzwerke werden dabei als eine Form von akkumuliertem Sozialkapital betrachtet. Die Wahl der Zielgesellschaft findet demnach nicht frei statt, sondern wird von der Existenz sozialer Netzwerke entscheidend beeinflusst (Düvell 2006:102). Aufgrund der recht jungen Geschichte der Pirogen-Migration und ihrem informellen Charakter stellt sich die Frage, ob die Dimension der etablierten Infrastruktur eines Netzwerkes, auf die Akteure dieser Studie zutrifft (was in Kapitel IV.4 und V.2.4 zu sehen sein wird), oder ob für die Wahl des Ziellandes nicht andere Faktoren entscheidend sind.

II.3 Soziokulturelle Konzepte zu Migration

In den Theorien des vorigen Abschnitts werden Migranten zumeist im Kontext von strukturellen Kräften positioniert. Diese können ökonomischer und/oder sozialer Natur sein und wirken über die Ebenen des Kapitals bzw. der Triebkräfte des 'Pushes' und 'Pulls' (Rational Choice Model), der Kommunität (Neue Ökonomie der Arbeitsmigration) oder der Infrastruktur sozialer Beziehungen (Theorie der Migrationsnetzwerke). Im Folgenden soll nun eine akteursorientierte Perspektive vorgestellt werden, in der soziokulturelle Aspekte in den Vordergrund rücken. Auch in diesen Konzepten agiert die Migranten in einem strukturellen Rahmen und in Relation zu den ihn umgebenden Kräften und Ressourcen, doch liegt der Fokus hierbei auf seiner Fähigkeit eigenständig und strategisch zu handeln ( agency ).

II.3.1 Sozialkapitaltheorie

Bereits in der Netzwerktheorie wird davon ausgegangen, dass dem Migranten Ressourcen in Form von sozialem Kapital zur Verfügung stehen, die instrumentalisiert sind und so zu einer erfolgreichen Migration beitragen. In der Sozialkapitaltheorie wird versucht zu erklären, wie diese Ressourcen einerseits die Wahrscheinlichkeit der Migration und andererseits ihre Richtung und Art beeinflussen (Düvell 2006:100). Pierre Bourdieu (1992:63) versteht unter Sozialkapital „ die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind “ . Das Volumen des Sozialkapitals eines Individuums setzt sich aus dem Kapital, welches der Akteur tatsächlich mobilisieren kann und jenem, welches die Mitglieder des sozialen Netzwerkes besitzen, zusammen (ebd.:64). Da diese potentiellen Ressourcen aber nicht gleichförmig zur Verfügung stehen, gilt es auch deren Art und den Umgang mit ihnen zu betrachten.

Sozialkapital kann nach Qualität und Quantität beurteilt werden. Bei der qualitativen Beurteilung betrachtet man die Stärke der Bindung zwischen dem Migrant und der Person eines Netzwerkes, bei der quantitativen die Anzahl der Bindungen. Die Kombination aus beidem und vor allem der Wert bzw. Nutzen der Art dieser Bindungen ist schlussendlich das entscheidende Kriterium zur Betrachtung der Rolle von sozialen Beziehungen für den Akteur (Düvell 2006:100). Granovetter (1983:201) differenziert die unterschiedliche Qualität solcher Beziehungen in „ acquaintances (weak ties) “ und „ close friends ( strong ties) “ . Auch wenn starken Bindungen generell mehr Wert zugesprochen wird, so können auch schwache Bindungen einflussreiche Elemente der sozialen Struktur sein. Denn sie haben nicht nur den Vorteil „ ohne dass sie größ ere Investitionen erfordern, (...) den Pool der einem Netzwerkmitglied zur Verfügung stehenden Ressourcen zu vergröß ern “

(Gurak und Caces 1992 in Düvell 2006:102f), sondern sind auch im Hinblick auf das Erlangen von bestimmten Informationen besonders ergiebig (Düvell 2006:103). Granovetter (1983) hat bereits in den 1970er Jahren auf „ the strength of weak ties “ hingewiesen, da diese insbesondere zur Verknüpfung („ local bridges “ ) verschiedener Netzwerke beitragen. Die Existenz von sozialen Beziehungen sind jedoch keine Voraussetzung zur Migration, diese kann selbst dann erfolgen, wenn der potentielle Migrant über keinerlei soziales Kapital verfügt. Vielmehr können derartige soziale Beziehungen auch negative Auswirkungen haben oder vom Migranten gar gemieden werden. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Netzwerk nicht über die entsprechenden Ressourcen verfügt oder wenn diese knapp sind und es aufgrund einer Konkurrenzsituation zur Denunziation kommt (Düvell 2006:102f).

Ein bedeutendes Merkmal der Kapitaltheorie Bourdieus besteht darin, dass eine jede Kapitalart (ökonomisches, kulturelles, soziales) in andere Formen von Kapital umgewandelt werden kann, so auch das Sozialkapital. Die Tatsache der gegenseitigen Übersetzbarkeit ist die Basis für mögliche Strategien zur Reproduktion des Kapitals und der eigenen Positionierung im sozialen Raum (Bourdieu 1992:72f). Soziales, genauso aber kulturelles Kapital, wird vornehmlich in ökonomisches transformiert. Ein Migrant mobilisiert sein soziales Kapital demnach im Sinne von „ acquisation and accumulation of other forms of capital “ (Palloni et al. 2001:42). Man könnte auch sagen, dass er versucht, sein Kapital möglichst optimal für das Erreichen seines Vorhabens einzusetzen. Diese Anstrengungen zum Einsetzen sozialen Kapitals „ werden [aber] nicht notwendig aus bewussten Erwägungen der Nützlichkeit heraus unternommen, sondern beinhalten auch affektive Elemente wie Freundschaft, Dankbarkeit, Respekt u.s.w. “ (Erel 2003:164). Für diese Studie stellt sich demnach zum einen die Frage, welche Rolle soziales Kapital für die Umsetzung des Migrationsprojektes spielt und inwieweit die Akteure dieses unbewusst, bewusst oder gar strategisch einsetzen. Und zum anderen, ob nicht auch der Mangel an entsprechendem sozialen Kapital die Art und Weise der Migration beeinflusst.

II.3.2 Kulturelles Kapital und Feldwechsel nach Pierre Bourdieu

Ich werde nun noch auf zwei weitere Aspekte der Theorien Bourdieus eingehen, die für diese Studie von Relevanz sind. Zum einen auf das kulturelle Kapital und zum anderen auf den Feldwechsel. Nach Bourdieu (1992) manifestiert sich kulturelles Kapital in drei Formen: erstens als inkorporiertes, zweitens als objektiviertes und drittens als institutionalisiertes Kulturkapital, was in erster Linie Bildungstiteln entspricht. Für uns von Interesse ist vor allem ersteres, aber auch zweiteres. Das objektivierte Kulturkapital entspricht kulturellen Gütern wie Büchern, Gemälden, Instrumenten oder Maschinen. Diese Güter sind, da materiell, übertragbar. Sie können einfach getauscht oder mit ökonomischem Kapital erworben werden (Bourdieu 1992:53, 59 und Barlösius 2006:109).

„ Dagegen ist dasjenige Merkmal, das die eigentliche Aneignung erst erm ö glicht, nicht (oder nicht notwendigerweise)übertragbar: nämlich die Verfügungüber kulturelle Fähigkeiten, die den Genu ß eines Gemäldes oder den Gebrauch einer Maschine erst erm ö glichen. Diese Fähigkeiten sind nichts anderes als inkorporiertes Kulturkapital “

(Bourdieu 1992:59).

Beim inkorporierten Kapital werden Bildung und Kultivierung verinnerlicht, was den Dispositionen des Habitus wie Sprache, Verhalten aber auch Wissen entspricht. Kulturelles Kapital beinhaltet sowohl formale als auch informelle Bildung und wird in erster Linie durch die Investition von Arbeit und Zeit am Selbst erworben (Erel 2003:163). Für Erel (ebd.:164) ist eine solche „ Repräsentation

[...]


1 'Das erste Exil des Menschen ist die Entbindung aus dem Bauch seiner Mutter. Ja, ab dem ersten Schrei gibt es keine Grenzen mehr. Wenn der Mensch zur Immobilität verurteilt wäre, würde man ihn woanders antreffen als in Afrika, der Wiege der Menschheit?'

2 Siehe u.a. Commission of the European Communities (2006) und Kohnert (2007).

3 Siehe u.a. EPO( 2006) und Wiedemann (2009).

4 Siehe u.a. Magoni et al. (2007), de Haas (2008) und Ndiaye und Robin (2010).

5 Unter 'Maghreb' versteht man vor allem die drei nordafrikanischen Länder Tunesien, Algerien und Marokko, teilweise aber auch noch Libyen und Mauretanien.

6 Andere irreguläre mediterrane Migrationsrouten verlaufen über Algerien, Tunesien sowie insbesondere Libyen, und steuern neben Spanien vor allem Italien, Malta, Zypern und die Ägäis an.

7

dass die 'emigration clandestin' ein reales Problem im Senegal repräsentiert. Dieses Phänomen ist nicht neu. Es

existiert seit Jahren und die Armut liegt ihr zu Grunde “ .

8 Der Begriff 'Illegal' kann auf verschiedenen Ebenen kritisiert werden. Zuvorderst steht die Assoziation mit Kriminalität. Die große Mehrheit irregulärer Migranten sind jedoch nicht kriminell. Zweitens, eine Person als 'illegal' zu definieren, greift ihre Humanität und ihr Existenzrecht an. Es sollte außer Diskussion stehen, dass Migranten, unabhängig von ihrem Status, Menschen mit fundamentalen Rechten sind. Zudem sollte mit Bezug auf die Genfer Flüchtlingskonvention eine Vermengung mit asylsuchenden Personen vermieden werden, da durch diese 'Illegalisierung' der Asyl-Antrag gefährdet wird (siehe auch Koser 2005).

9 „ Established in 1951, IOM is the leading inter-governmental organization in the field of migration and works closely with governmental, intergovernmental and non-governmental partners “ (www.iom.int). IOM steht in dieser Studie gleichbedeutend mit OIM ( Organisation Internationale pour les Migrations ), was in der Literaturangaben benutzt wurde.

10 'Deutscher Akademischer Austausch Dienst' (DAAD).

11 Die petite côte ist der Küstenstreifen südlich von Dakar, etwa 150km lang.

12 Die Lébou ist eine kleine (1%) ethnische Gruppe im Senegal, wird aber oftmals der Gruppe der Wolof zugeschrieben. Andere Gruppen sind die Wolof (43,3%), Pular (23,8%), Serer (14,7%), Jola (3,7%), Mandinke (3%), Soninke (1,1%), Europäer und Libanesen (1%) und andere (9,4%) (Markovitz 1970:76 und CIA 2010).

13 Layenne ist eine kleine, aber sehr bedeutende Bruderschaft mit mehr als 30.000 Mitgliedern. Etwa 60-70% von ihnen gehören der Ethnie der Lébou an, der Rest den Wolof. Von der gesamten Ethnie der Lébou, sind jedoch nur etwa 25% Teil der Layenne (Triaud 1995:102).

14 „ The word toubab means ‘ European ’ and was the term used in Senegal originally to denote white French people; however, it has acquired a broader typological meaning, becoming a synonym for thinking and acting like a Westerner. This ‘ Western ’ behavior - putting money first, [and] forsaking God, solidarity, tolerance, moderation, hospitality and dignity (the main Senegalese values) - becomes the whole negative symbol which summarizes all the faults condemned in Senegalese popular culture ’ s view of the West “ (Riccio 2001:113) .

15 Das französische Verb glander bedeutet so viel wie 'herumhängen'. Dieses „ to hang around “ (Wulff 2000:152) charakterisiert insbesondere die Anfangsphase einer Feldforschung, aber auch die Zwischenphasen.

16 Im Senegal sind fast alle Muslime einer religiösen Bruderschaft zugehörig. Neben der bereits erwähnten Bruderschaft Layenne , gibt es die Mouridiyya (der ca. 31% der Bevölkerung angehören), die Tidianyya (ca. 49%) und die Quadryya (ca.8%). Der Rest der Bevölkerung gehört keinen oder anderen kleinen Bruderschaften wie besispeilsweise der Layenne an (http://fr.wikipedia.org/wiki/Religions_et_croyances_au_Sénégal).

17 http://www.graredep.com

18 „ Frauenkollektiv für den Kampf gegen die 'émigration clandestine', (http://www.iom.int/jahia/Jahia/featureArticleAF/cache/offonce?entryId=11532)

19 http://www.transafrika.org/pages/laenderinfo-afrika/mauretanien/grenze-mauretanien--senegal.php

20 Die Gründe hierfür habe ich nicht recherchieren können. Es ist davon auszugehen, dass diese Anordnung hohe Priorität besaß. Etwa sechs Wochen später, am 06.08.2008, gab es in Mauretanien einen Militärputsch und die Regierung wurde abgesetzt.

21 Im Senegal existieren mehrere Begriffe, um irreguläre Migranten zu benennen: neben refoulé , werden sie auch le rapatrié (der Zurückgeführte) oder, wie bereits erwähnt, le clandestin (der Heimliche) gerufen. Dabei handelt es sich ausschließlich um Personen, die den Versuch unternommen haben irregulär zu emigrieren, darin aber gescheitert sind.

22wo sind die Zurückgedrängten ?“

Details

Seiten
122
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640798124
ISBN (Buch)
9783640798261
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164620
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Pirogen-Migration Senegals Küste Kanarischen Inseln Eine Fallstudie irregulär Senegal Clandestin

Autor

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Titel: 'Le clan du destin' - Die Pirogen-Migration von Senegals Küste  auf die Kanarischen Inseln