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Konfliktkultur in Medien und Alltag

von Sebastian Muthig (Autor) Sabine Lubos (Autor)

Forschungsarbeit 2001 57 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ethnographische Gesprächsanalyse
2.1. Zur Methodik der Untersuchung adoleszenter Kommunikationskultur in Peer-Groups
2.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse
2.2.1. Sequenzanalytisches Prinzip der sukzessiven Sinnentfaltung und –bestimmung
2.2.2. Detaillierte Sequenzanalyse
2.3. Die Datenerhebung

3. Die Analyse “Kippen/Regeln”
3.1. Das Transkript “Kippen/Regeln”
3.2. Die Gesprächsanalyse der Sequenz “Kippen/Regeln”
3.2.1. Grundstruktur jugendlicher Gespächspraktik
3.2.2. Faktisches Problem: implizite Regeln
3.2.3. Rhetorische Strategien / Techniken des Klagens von Markus, durch welche der Handlungsdruck auf die anderen erhöht wird
3.2.4. Insuffizienz der rhetorischen Strategien Markus‘
3.2.5. Prinzip “Eigenverantwortlichkeit”
3.2.6. Vorwurf – Gegenvorwurf & Forderung nach Themenwechsel durch die Gruppe
3.2.7. Markus anerkennt die Regel der “Eigenverantwortlichkeit”
3.2.8. Rekurs auf Unernsthaftigkeit &. Explizivität der Interaktion
3.3. Resumé

4. Die Analyse “Shots”
4.1. Das Transkript “Shots”
4.2. Gesprächsanalyse der Sequenz “Shots”
4.2.1. Rahmenbedingungen/Hintergrundwissen
4.2.2. Exklusionsverfahren/Vergemeinschaftung
4.2.3. Statuskonstitution/-darstellung
4.2.4. Konsumregeln
a) Der gemeinschaftliche Charakter des Haschischkonsums
b) Spezifische Rauchmodalität in dieser Interaktion
4.2.5. Verhältnis von Spaß & Ernst
4.3. Resumé

5. Fallübergreifender Vergleich
5.1. Regeln
5.2. Konfliktaustragung
5.3. Gruppenstil
5.4. Status

6. Anhang
6.1. Das gesprächsanalytische Transkriptionssystem GAT

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Soziologie werden Konflikte meist aus makroskopischer Sicht als soziale Konflikte, resultierend aus Interessengegensätzen und daraus folgenden Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen Gruppen, insbesondere Schichten, Klassen, Ethnien etc., betrachtet. Einen differenten Ansatz bietet die mikrosoziologische Form der interaktionstheoretischen Studie von Konfliktkommunikation, die sich, basierend auf der hermeneutischen, insbesondere der gesprächsanalytischen Methode, mit sozialen Auseinandersetzungen zwischen Akteuren im Alltag und in den Medien beschäftigt

Auf der Basis aktueller Forschung der Medien- und Kommunikationssoziologie werden im Rahmen des Empirie-Praktikums “Konfliktkultur in Medien und Alltag” (SoSe00-WiSe00/01), unter der Leitung von Prof. Dr. Neumann-Braun und Dr. Deppermann, Formen der Konfliktaustragung in Medien und Alltagsgesprächen analysiert. Dabei dienen die Kommunikations-Formate Hate-Pages im Internet, Confro-Talk und Comedy im Fernsehen, sowie auditiv aufgezeichnete Daten aus der ethnographischen Jugendforschung als Ausgangsmaterial für die jeweils formatbezogenen Untersuchungsfragestellungen. Die empirischen Studien zur aktuellen Kommunikationskultur in den Informations- und Kommunikationsmedien fokussieren die momentane Entwicklung der Inhalte oben genannter Medienformate, die eher auf Konflikt als auf Konsens abzielen.

Die folgende Ausarbeitung - auf Basis einer ethnographischen Gesprächsanalyse - der Gesprächssequenzen “Regeln/Kippen” und “Shots” ist auf den letzten der vier oben genannten Teilbereiche (präziser gesagt auf “Konflikt-Kommunikation Jugendlicher”) beschränkt und befasst sich demzufolge mit Fragen nach dem allgemeinen Verlauf von Konfliktgesprächen innerhalb der untersuchten Peer-Group und den zum Einsatz kommenden kommunikativen Verfahren. Es wird der Versuch unternommen, den Begriff der “Konflikt-Kultur” innerhalb der Kommunikationskultur Jugendlicher[1] zu verorten, indem Aspekte der Konfliktkommunikation, von spielerisch-unernsten Formen bis zu sozialer Abgrenzung durch verbale Diskriminierung, beleuchtet werden. Dieser Beitrag soll in Beziehung zu den empirischen Ergebnissen der Untersuchungen im Bereich Informations– und Kommunikationsmedien einer weiterführenden Theoriediskussion dienen, die sich vornehmlich mit der Frage beschäftigt, ob Korrelationen zwischen der Konfliktaustragung in den Medien und im Alltag bestehen.

Die Entwicklung und einzelne Aspekte der, zur qualitativen Sozialforschung zählenden, Ethnographischen Gesprächsanalyse nach Dr. Deppermann, wird im ersten Teil (Kap.2; Sabine Lubos) nachgezeichnet. Dabei wird ein Überblick über Methodologie, Praktiken und Anwendungsfelder der interpretativen Auswertung von Gesprächen gegeben.

In den beiden folgenden Kapiteln wird diese Methode auf zwei Gesprächssequenzen angewendet, wobei jeder dieser Fallanalysen das transkribierte Datenmaterial (die Verschriftung erfolgte nach dem im Anhang befindlichen gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT [2] ) vorangestellt ist. Die gemäß der hermeneutischen Methode am Material gewonnenen Erkenntnisse - hinsichtlich der Formen adoleszenter Gesprächspraktik - bilden die thematischen Schwerpunkte, welche beide Analysen subsumierend gliedern. Während die Analyse “Kippen/Regeln” (Kap.3; Sebastian Muthig) das Vorhandensein von impliziten Konsum-Regeln innerhalb der Peer-Group aufzeigt und wie diese von einem Mitglied durch spezielle rhetorische Strategien zu transzendieren versucht werden, liegt der Schwerpunkt der Analyse “Shots” (Kap.4; Sabine Lubos) bei Fragen der Vergemeinschaftung und damit einhergehenden Exklusionsverfahren, sowie der Statuskonstitution /- darstellung.

In Kapitel 5 (Sebastian Muthig) wird eine abschließende Gegenüberstellung der Ergebnisse vorgenommen, vor dem Hintergrund zentrale Aussagen kontrastiv zusammenzufassen. Um den Bezug zur aktuellen Forschungslage zu berücksichtigen, werden entsprechende Verweise und Anknüpfungspunkte zur interaktionstheoretischen Literatur hergestellt und auf noch offene Forschungsfelder hingewiesen.

2. Die Ethnographische Gesprächsanalyse

2.1. Zur Methodik der Untersuchung adoleszenter Kommunikationskultur in Peer-Groups

Die a priori “theoriearm” verfahrende ethnographische Jugendforschung teilt mit der Ethnologie die Haltung des Fremden und ist darauf ausgerichtet “genuine”, d.h. nicht bereits durch theoretisches Erkenntnisinteresse oder Forschungsmethode präformierte, (juvenile) Alltagspraxis zu rekonstruieren. Hierbei ist sie versucht ihren immer schon vergesellschafteten Forschungsgegenstand der Selbstverständlichkeit alltagspraktischer und wissenschaftlicher Vorverständnisse und –urteile zu entwinden, um auf diesem Wege der “Spezifität der jugendlichen Lebensformen, Lebensstile und Symbole in größtmöglicher Differenziertheit und Anschaulichkeit” Rechnung zu tragen und sie dadurch in “kultur-, geschmacks-, medien- und milieusoziologischer oder auch sozialisationstheoretischer Perspektive”[3] interpretierbar zu machen.

In Anbetracht der gängigen Forschungspraxis ethnographischer Jugendforschung läßt sich allerdings ein erhebliches Defizit dahingehend konstatieren, dass die Forscher einer theoriegeleiteten Perspektive verhaftet bleiben und somit ihrem sozialphänomenologischen Paradigma einer alltagsnahen, lebens-weltrekonstruktiven Jugendforschung nicht gerecht werden. Anstatt Jugendliche als aktiv handelnde Subjekte mit pluralen konkreten Alltagsbezügen zu begreifen, deren lebensweltliche Deutungsmuster und Handlungsroutinen es zu rekonstruieren gilt, besteht das den Ausgang bildende Datenmaterial nicht selten aus “den rekonstruierenden Darstellungen der Alltagspraxis durch die Akteure (=Sekundärstatus), nicht aber aus Dokumentationen der Alltagspraxis selbst” (a.a.O.; 240).

Das methodische Problem liegt darin begründet, dass rekonstruierende Darstellungen von Alltagspraxis - welche immer schon als interpretativ zu denken sind - und nicht die Alltagspraxis selbst bzw. deren performative Praxis untersucht werden[4]. Aus diesen Gründen verbleiben nicht selten die Interpretationen auf dem Niveau von Paraphrasen, Explikationen und theoretisch angereicherten Abstraktionen der in den Mitteilungen der untersuchten Jugendlichen enthaltenen Inhalte.

Interviews und Gruppendiskussionen sind aufgrund ihrer hochgradig spezifischen Interaktions-charakteristik untypisch für die Alltagswelt Jugendlicher. An dieser Stelle muss der Vorstellung der Ubiquität einer Grundstruktur jugendlicher Kommunikationsformen widersprochen werden. Vielmehr richten Jugendliche ihre kommunikative Praxis vielfältig und situativ aus. Somit bestünde die eigentliche Aufgabe in der Erforschung “der unterschiedlichen Kommunikationsformen von und unter Jugendlichen in verschiedenen alltagsweltlichen Kontexten” (a.a.O.;245). Sprachlich-kommunikative Prozesse sind wesentliche Konstituentien von Jugendkultur und dienen der Auseinandersetzung mit fremden sozialen Welten. Sowohl die interne soziale Ordnung als auch ihre Beziehungen zur sozialen Umgebung werden von Peer-Groups in gruppenspezifischer Weise kommunikativ hergestellt. Peer-Groups zeichnen sich ethnomethodologisch dadurch aus, dass sie als soziale Formation nur durch die permanent prozessual neu zu erbringenden Leistungen ihrer Mitglieder existieren. Dies wird durch routinisierte Kommunikationsmuster bewerkstelligt, deren Beherrschung von den Mitgliedern vorausgesetzt wird. Die Gesamtheit dieser routinisierten Interaktionspraktiken einer Peer-Group kann als Kommunikationskultur bezeichnet werden, welche “den besonderen Stil ihrer interaktiven Alltagsbewältigung, wiederkehrende Kommunikationsanlässe und –probleme und die Verfahren ihrer sozialen Positionierung von Teilnehmer und Aussenstehenden” (ebd.; 247) erkennen läßt.

Zur Erfassung der Komplexität der Kommunikationskultur von Peer-Groups bedarf es einer interdisziplinären Verknüpfung von konversationsanalytischen und ethnographischen Untersuchungs-methoden zu einer ethnographischen Gesprächsanalyse. Da soziale Wirklichkeit immer zugleich konstruierte, vollzogene Wirklichkeit ist, müssen die basalen Organisationsprinzipien der Interaktanten hinsichtlich ihres Handelns und Verstehens rekonstruiert werden. In ihrer empirischen Vorgehensweise ist die Gesprächsanalyse darauf ausgerichtet prozess- und detailsensitiv die dynamischen und prozeduralen Muster alltagsweltlicher Interaktionen zu offenbaren. Dies leistet sie interpretativ auf Grundlage der Transkription[5]natürlichsprachlicher” Tonband- bzw. audiovisueller Aufnahmen. Da die konversationsanalytische Datenerhebung und –auswertung ebenfalls explorativ und fallbezogen vorgeht, kann sie als eine Form der Ethnographie betrachtet werden. Um ihrem holistischen Selbstverständnis gerecht zu werden, bedarf die Ethnographie allerdings weiterhin der Arbeit mit unterschiedlichen Datenquellen und vor allem der teilnehmenden Beobachtung über einen längeren Zeitraum hinweg. Immerhin ist die Ethnographie versucht “einzelne Erscheinungen in ihren alltagsweltlichen (Zeit-, Funktions-, Problem- etc.) Kontexten, in bezug auf übergreifende, in unterschiedlichen Praxisbereichen wiederkehrende Relevanzen und typischerweise auch im gruppengeschichtlichen bzw. historischen Zusammenhang zu verstehen” (a.a.O.; 249). Die teilnehmende Beobachtung eröffnet der Gesprächsanalyse nützliches Hintergrundwissen, insbesondere für das Verständnis von uneindeutigen Referenzen und Anspielungen sowie von Kontextualisierungs-hinweisen der Interaktionsteilnehmer im Gesprächsverlauf[6]. Es besteht also die Notwendigkeit zur Ethnographisierung der Gesprächsanalyse. Die Untersuchung der formalen Interaktionsorganisation der klassischen Konversationsanalyse muss um inhaltliche Aspekte erweitert werden. Hierfür ist ein spezielles ethnographisches Hintergrundwissen erforderlich, sowie der Einsatz zusätzlicher Methoden des Informationsgewinns, wobei der Schwerpunkt trotz allem auf der Analyse transkribierter Gesprächsaufnahmen ruht.

Durch Kommunikation finden einerseits Alltagspraxis und andererseits psychologische (i.e. kognitive, moralische, emotionale, motivationale, kreative, sprachliche) Kompetenzen und Motivationslagen authentischen Ausdruck. In methodologischer Hinsicht scheinen die konversationsanalytischen Standards der “apparativen Datenregistrierung, der detaillierten Sequenzanalyse und der Forderung, dass sich Erklärungshypothesen an den Partikularien der untersuchten Fälle im jeweiligen Kontext zu bewähren haben” (a.a.O.; 252) geeignet dieser Notwendigkeit Rechnung zu tragen und dadurch neues Licht auf altbekannte jugendsoziologische Fragestellungen zu werfen. Durch die ethnographische Untersuchung von jugendlichen Kommunikationskulturen, werden ihre Alltagspraktiken in den Fokus des soziologischen Interesses gerückt. Dadurch stehen nicht mehr primär individuelle Kompetenzen und Motive im Vordergrund, sondern die sozialen Prozesse durch welche das Individuum als Subjekt Ausdruck findet[7]. Dadurch wird dem Sozialen des jugendlichen Alltagslebens “konzeptionell und methodisch mehr Gewicht als bisher verliehen – es wäre nicht nur als Umgebung, Aufgabe oder >>internalisierte<< Deutungs- und Handlungsstruktur des Individuums präsent, sondern als interaktive Prozessgestalt, die ihre Identität erst im Zusammenwirken von Akteuren gewinnt” (ibid.; 252).

2.2. Zur Methodik einer ethnographischen Gesprächsanalyse

Im folgenden Kapitel soll die gegenstandsfundierte Methodik der ethnographischen Gesprächsanalyse dargestellt werden, deren allgemeine heuristischen Prinzipien und Vorgehensweisen in unseren Sequenz-Analysen “Regeln/Kippen” und “Shots” zum tragen kommen. Die der interpretativen bzw. qualitativen Sozialforschung zugehörige Gesprächsanalyse nach Dr. Arnulf Deppermann ist eine Weiterentwicklung der Konversationsanalyse und fußt auf deren grundlegendem Verständnis, dass Wirklichkeit stets als Vollzugswirklichkeit zu denken ist, welche sprachlich hergestellt wird, und es gilt den dafür verantwortlichen sinnkonstituierenden kommunikativen Prinzipien nachzuspüren Diese systematischen und meist routinisierten Gesprächspraktiken, die von den Interaktanten variiert und flexibel verwendet werden, sind konstitutiv für jegliche sprachliche Interaktion. Hierbei lassen sich sechs verschiedene Ebenen[8] unterscheiden, mit denen sich alle Sprecher notwendigerweise auseinandersetzen müssen:

1. die Gesprächsorganisation betrifft die formale Abwicklung des Gesprächs;
2. die Darstellung von Sachverhalten manifestiert sich beispielsweise in Form von Argumentationen, Beschreibungen, Erzählungen;
3. das eigentliche Handeln mit seinem zweckrationalen, zielorientierten Charakter;
4. die sozialen Beziehungen zwischen den Interaktanten (Status, Macht,...etc.) sowie ihre Identitäten;
5. die Gesprächs modalität (Ernst, Spaß,...etc.) und die Art der stilistischen und emotionalen Partizipation/Reaktion der Beteiligten (Betroffenheit, Zurückhaltung,...etc.)
6. die intersubjektive Verständigung und Kooperation betreffende Reziprozitätsherstellung.

Obwohl diese Ebenen im Gespräch ineinander greifen, können sie in der Gesprächsanalyse als Untersuchungsschwerpunkte dienen. Folglich besteht die Aufgabe einer Gesprächsanalyse in der Explikation bzw. Definition jener sequentiell organisierten Gesprächspaktiken, mit denen die Gesprächsteilnehmer bestimmte Aufgaben und Probleme, im weitesten Sinne, bearbeiten. Dazu gehört die Rekonstruktion der Art und Weise, wie Sprecher handeln, sowie der Funktion ihres Handelns. Weitere Schwerpunkte der Gesprächsanalyse sind die Entwicklung von Fallinterpretationen, theoretischen Konzepten und die Genese bzw. Modifizierung von Aussagen über allgemeine Prinzipien und Strukturen von Gesprächsprozessen. Die Besonderheit der von Deppermann erarbeiteten Gesprächsanalyse besteht in ihrem emphatischen Empirieverständnis. Sie fordert die materialgestützte Entwicklung von Fragestellungen, Konzepten und Hypothesen anhand naturalistisch erhobenen, natürlichsprachlichen Gesprächsdaten. Im Gegensatz zur “empirisch-analytischen” quantitativen Sozialwissenschaft, welche versucht ist generalisierende Aussagen und Korrelationen zwischen Variablen zu formulieren, wendet sich die Gesprächsanalyse gegen diese Standardisierungen und steht für Falladäquanz und apriori-frei, i.e. materialgestützt, entwickelte Aussagen[9]. Sie zeichnet sich durch ein rekonstruktives Erkenntnisinteresse aus. Es herrscht hierbei eine Dialektik zwischen Gegenstandskonstitution und Gegenstandsanalyse, bei welcher die Genese der Forschungsfrage mit der Produktion von Ergebnissen eng verbunden ist.

Unverzichtbar für eine detaillierte Sequenzanalyse sind Audio - und Videoaufnahmen in guter Aufnahmequalität als Datengrundlage, welche mit einer passiv registrierenden Methode gewonnen werden. Ziel muss hierbei sein “natürlichsprachliche”, d.h. nicht für den konkreten Anlass generierte, Gesprächspraktik zu erfassen. Andere Formate der Datenerfassung, wie beispielsweise Gedächtnisprotokolle, Kodierschemata oder Selbstauskünfte sind auf Grund ihres hohen Gehalts an Interpretationen und Präsuppositionen für die Konversationsanalyse unbrauchbar.

Da es für Verständnis emischer Phänomene, besonders in Peer-Groups, notwendig ist, genaue Kenntnis der jeweiligen Kommunikations-Kultur zu erwerben, ist eine ethnographische Datenerhebung fruchtbar, bei welcher der Forscher über einen längeren Zeitraum mittels teilnehmender Beobachtung ethnographisches Hintergrundwissen akkumuliert[10]. Hierfür können dann andere Methoden zum Tragen kommen, wie beispielsweise ethnographische Interviews oder standardisierte Befragungen.

Für die vorliegende Analyse wurde aus zeitlichen Gründen und solchen der Praktikabilität auf eine derartige Datenerhebung verzichtet und auf eine vorliegende Gesprächskorpora zurückgegriffen[11]. Anschließend wurden die selektierten akustischen Gesprächsprotokolle nach dem gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT verschriftet. Im Gegensatz zu AV-Aufnahmen bieten Transkripte den praktischen Vorteil einer wiederholbaren Analyse eines bestimmten Datensegments. Gemäß dem Postulat einer “authentischen” Verschriftung, demzufolge gerade abweichende (para-)sprachliche Phänomene analytisch bedeutsam sein können, gilt es diese Transformation möglichst unverfälscht, präzise und interpretationsarm zu betreiben[12]. GAT gewährleistet einfache Lesbarkeit, schnelle Erlernbarkeit und unproblematische Realisierbarkeit in gängigen Textverarbeitungssysteme. In gegenstandsbezogen-theoretischer Hinsicht erlaubt es die umfassende, präzise “Repräsentation formbezogener Parameter, die das akustische Geschehen möglichst interpretationsarm und isomorph wiedergeben”[13]. Dadurch können die wichtigsten prosodischen Parameter (wie z.B. Pausen, Intonationen, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit, Dehnungen, Akzente, Rhythmen, Stimmodulationen) und darüber hinausgehend die relativen Werte und Veränderungen im Gesprächsverlauf, nicht-lexikalisierte Laute und nonvokale Phänomene erfasst und für die Analyse fruchtbar gemacht werden.

2.2.1. Sequenzanalytisches Prinzip der sukzessiven Sinnentfaltung und –bestimmung

Die Analyse der sequentiellen Ordnung eines Gesprächs beruht auf der Rekonstruktion des Zusammenhangs von Formen und Funktionen der Beiträge. Die Zeitlichkeit (also das sich zeitlich aufeinander Beziehen der Beiträge), ist eine, dem Gesprächsprozess immanente Bedingung und Quelle u.a. für die Generierung von Sinnbezügen und Intersubjektivität. “Die Grundlage der Methodik besteht also darin, dass die im Alltag implizit bleibenden, hochgradig allgemeinen formalen Prinzipien der Herstellung von Ordnung und Bedeutung im Gespräch expliziert und reflektiert als methodische Ressource für die Gesprächsanalyse zum Einsatz gebracht werden” (Deppermann;1999,50).

Ausgehend von der methodologischen Prämisse, dass Gesprächsteilnehmer einander reziprok aufzeigen, welchen Sinn und Bedeutung sie ihren Äußerungen zuschreiben, gilt es am Text selbst zu belegen, nach welchen Prinzipien die Interaktanten ihr Handeln und Interpretieren ausrichten. “Da Gesprächsteilnehmer auf der Grundlage von stillschweigend geteilten Praktiken miteinander kooperieren und Interpretationen nur so weit verdeutlichen, wie es zur Sicherstellung von Kooperation notwendig erscheint, besteht die Aufgabe des Gesprächsanalytikers darin, die Aktivitäten der Gesprächsteilnehmer so zu explizieren, dass das Geschehen als sinnvolles und systematisch geordnetes verständlich wird. Dabei ist auszuarbeiten, welche Interpretationsleistungen und –prinzipien dieser Ordnung zugrundeliegen” (ibid.;51).

2.2.2. Detaillierte Sequenzanalyse

Es bedarf einer detaillierten Sequenzanalyse, um die Interpretations- und Handlungsoptionen, welche den Gesprächsteilnehmern offenstanden, zu rekonstruieren, sowie ferner zu verstehen, wie mit diesen Möglichkeiten umgegangen wurde. Die Analysegesichtspunkte oder Bezugspunkte dafür, verstanden als heuristische Mittel, lassen sich wie folgend klassifizieren:

1. Paraphrase und Handlungsbestimmung
- Worum dreht es sich in dem Beitrag inhaltlich?
- Welche Art von sprachlicher Handlung liegt vor?

2. Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik
- In welcher Form wird gesprochen, gibt es eine Sprachsystematik (Ebenen der Phonetik, Prosodie, Grammatik, Lexik, Stilistik, nonvokales Verhalten)?
- Aus welchen Beitragskonstruktionseinheiten setzt sich die Äußerung zusammen (Abfolge bzw. Position der BKE)

3. Timing

- Wer spricht wann mit wem (wichtig sind hierbei Sprecherwechsel, Rederechtsverhandlung und Pausen)

4. Kontextanalyse

Von besonderer Bedeutung für die Analyse sind Kontextdimensionen, d.h. die Sinndimensionen einer Äußerung, die im Gespräch aufgezeigt, aufrechterhalten und verändert werden.

- Was geht einer fokalen Äußerung voraus?
- In welcher Relation steht eine fokale Äußerung zur den ihr vorausgegangenen (Prinzip der lokalen Kohärenz)?
- Welche impliziten Präsuppositionen werden mit einer fokalen Äußerung gemacht?

5. Folgeerwartung

Da fokale Äußerungen immer mit sozialen Erwartungen verknüpft sind (konditionelle Relevanz), gilt es zu Rekonstruieren, inwieweit diese in der Folge eingelöst werden.

- Welche Folgeerwartungen sind mit einer fokalen Äußerung verbunden?
- Welche Anschlussmöglichkeiten bestehen und welcher Art ist die gewählte?

6. Interaktive Konsequenzen

Anhand der Reaktionen kann überprüft werden, wie sich die Interaktanten über die Bedeutung ihrer fokalen Beiträge verständigen bzw. die Handlung koordinieren. Die semantische Grundstruktur der Herstellung von Intersubjektivität läuft dabei über die Stadien: fokale Äußerung (u.U. Beitragsfortsetzung) → Reaktion der Gesprächspartner → Reaktion des Produzenten auf die Reaktion der Gesprächspartner → Rückbezüge auf den fokalen Beitrag im späteren Verlauf.

- Inwiefern klären Beitragselemente frühere Interpretationen?

- Wie reagieren folgende Sprecher auf vorangegangene Äußerungen?

- Wird vom Produzenten der fokalen Äußerung Verständnis bezüglich der Reaktion gezeigt? Akzeptiert der Produzent der fokalen Äußerung die Reaktion der Gesprächspartner?

- Wie werden Bedeutungen, Handlungsprobleme und Meinungen ausgehandelt?

7. Sequenzmuster und Makroprozesse

Gespräche können als konzertierte, lineare Interaktionen angesehen werden, welche dazu dienen bestimmte Handlungsaufgaben zu bewältigen.

- Welche Sequenzmuster dienen der Bewältigung welcher Interaktionsaufgaben?
- Wie hängt die Funktion eines fokalen Elementes von seiner Position in einem Sequenzmuster ab?
- Sind diese Muster statisch oder flexibel?
- Welche dynamischen Prozesse, i.e. rekursiven Regeln, sind für die Herausbildung übergreifender Interaktionszusammenhänge verantwortlich (Makroprozesse)?

8. Fallübergreifende Analyse

Die an Hand der analysierten Gesprächssequenzen erarbeiteten Hypothesen und Interpretationen bezüglich der kontextsensitiven Lösungen einerseits und der kontextunabhängigen Grundstrukturen andererseits, werden in einer abschließenden fallübergreifenden Analyse geprüft und ausgearbeitet. Verschiedene Gesprächssequenzen werden auf eine oder mehrere Gesprächspraktiken bzw. deren Variationen hin untersucht, mit dem Ziel abstraktere Aussagen über interaktionstheoretische Spezifitäten treffen zu können.

Der erste Schritt zum Fallvergleich besteht in der “Gegenstandskonstitution”, bestehend aus der genauen Explikation von Gesprächspraktiken oder Interaktionsproblemen und den aus diesen Gesprächsphänomenen abzuleitenden Hypothesen. Eine oder weitere Sequenzanalysen, bei denen sich gleiche Fragestellungen zeigen, werden durch ein “Sampling” ausgewählt, wobei die profunde Kenntnis der Forscher die Voraussetzung dafür ist, dass erhobenes Datenmaterial zielsicher ausgewählt wird. Die neuen Fälle werden ebenso in der Modalität der Gesprächsanalyse untersucht und die interessierenden Fragestellungen bezüglich allgemeingültiger Aussagen zu den Gesprächspraktiken werden bereits berücksichtigt. Dieser “Gegenstandsanalyse” folgt die Wiederholung der ersten drei Schritte bis zur theoretischen Sättigung, wobei dieser Zyklus mehrere Male durchlaufen werden kann, wenn sich neue Erkenntnisse ergeben und die statuierten Hypothesen neu formuliert oder ersetzt werden müssen.

2.3. Die Datenerhebung

Im Rahmen einer ethnographisch-konversationsanalytischen Forschungsstudie über adoleszente Kommunikationskultur wurden von den beteiligten Forschern teilnehmende Beobachtung im Forschungsfeld mit der Gesprächsanalyse auditiv aufgezeichneter verbaler Interaktionen konzeptionell verbunden[14]. Die Interpretationsgrundlage bildenden Daten entstammen einem länger angelegten Forschungsprojekt, welches sich darauf konzentriert den kommunikativen Formen der Vergemeinschaftung in (männlichen) juvenilen Peer-Groups bzw. der Organisation ihres Gruppenverhaltens nachzugehen. Dazu wurde eine männliche Peer-Group in der näheren Umgebung von Frankfurt/M. über zwei Jahre hinweg beobachtet. Das Alter der Jugendlichen lag zu Beginn zwischen 14 und 17 Jahren. Dabei wurden im Rahmen einer intensiven Feldarbeit “natürlichsprachliche Interaktionen” bei verschiedenen Gegebenheiten (z.B. im Jugendclub, auf einer Bus-Tour, in Restaurants oder auf dem Skateplatz) aufgenommen. Hierbei war eine regelmäßige teilnehmende Beobachtung über den gesamten Zeitraum hinweg mit inbegriffen. Weiterhin wurden zusätzlich Interviews mit Gruppenmitgliedern, Jugendpflegern, dem Bürgermeister, Eltern und wichtigen Bezugspersonen durchgeführt. In Verbindung mit Feldnotizen und weiteren ethnographischen Aufzeichnungen, den Interviews und den durch die Feldarbeit gewonnen Erkenntnissen hinsichtlich der Gruppenkompetenzen, wurde ein ethnographischer Rahmen errichtet, der einen wertvollen Interpretationshintergrund für die Konversationsanalyse der Bandaufnahmen lieferte[15].

Aus der Vielfalt der verschiedenartigsten auditiven Aufnahmen, welche dabei gewonnen wurden, haben wir uns auf zwei Abschnitte mit den Bezeichnungen “Regeln/Kippen” und “Shots” konzentriert und diese zunächst transkribiert. Diese Verschriftungen repräsentieren den Ausgangspunkt der nun folgenden konversationsanalytischen Untersuchungen. Hierbei galt unser Erkenntnisinteresse der Charakteristik, Funktion und Pragmatik von Konfliktkommunikation Jugendlicher im Allgemeinen. Im Besonderen galt unser Augenmerk den Arten und Weisen wie Jugendliche soziale Konflikte untereinander austragen, welcher rhetorischen Mittel sie sich dabei bedienen und mit welcher Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit dies geschieht, und letztendlich welche Auswirkungen dies auf den Status der einzelnen Interaktanten hat.

3. Die Analyse “Kippen/Regeln”

3.1. Das Transkript “Kippen/Regeln”

1. Markus: hey wer hatt=n eigentlich wieder (--) die ganzen
2. >>franz.>gaullOIres> kippen von mir geraucht,
3. Wuddi: ey ich mar[kus]
4. Markus: [ich] hab heute vielleicht FÜNF geraucht
5. und guck dirs päckchen an (.) es ist wieder lEEr
6. Wuddi: <<p>schön>
7. Markus: ich bring nix mehr mit ins jugendhaus (.) un ich
8. hAB=auch=nix=mehr=dabei wenn [(ihr alles raucht)]
9. Wuddi: [ markus (.) ] ich hab
10. dir EInE,
11. (( es wird Musik angemacht und laut gestellt))
12. Markus: ja ich weiß aber [(...) ]
13. Alex: [>>f> mach mal] aus mayer> (1,5)
14. ((Musik wird leiser gemacht))
15. Alex: <<dim> wenigstens solang=wer labern (.) dann kannst=es
16. anmachen>
17. Markus: ((lacht)) gUck doch mal (.) guck hIe:r jetzt mal rein
18. Wuddi: <<p>ja>
19. Markus: und sach mir mal was ich ab[krieg]
20. Wuddi: <<p,all>[ich ] hab eine geraucht
21. (und dann hab ich)>
22. Markus: fÜnf stück [sind (noch drin)]
23. Daniel: [markus warum ] läßt du se auch auf=m
24. tisch liegen,
25. Alex: [ge des is ziemlich blöd]
26. Markus: <<pp> [ja warum soll ich se=net] auf=m tisch liegen
27. lassen (---) [sach=ma]>
28. XM: ja dann labern wir [wegen ] der freizeit
29. Markus: ihr seid ja voll die e::gos
30. Alex: ja nE (.) ich hab (.) ich sach ja nur aber
31. Markus: ich reg mich darüber auf aber=s es is norma:l (.)
32. eigentlich
33. Alex: also (.) ich f:=würd se net auf=m tich: liegen lassen
34. XM: .hhh
35. XM: wuddi dein [bier]
36. Wuddi: [kein] vertrauen in uns
37. XM: ja ja
38. Alex: ach habt ihr mal widder
39. XM: marlboro man?
40. XM: marlboro man ()
41. Alex: wir könnten die freizeit auch wann anders machen net
42. an ostern sondern dann halt im sommer

3.2. Die Gesprächsanalyse der Sequenz “Kippen/Regeln”

Die folgende Analyse beruht im Wesentlichen auf der Verquickung von Ethnographie und Konversationsanalyse, bedingt durch die oben geschilderten methodischen Defizite herkömmlicher qualitativer Untersuchungen im Allgemeinen und in der Jugendforschung im Besonderen.

Sie basiert auf dem oben angeführten 42-zeiligen, transkribierten Gesprächsmitschnitt, welcher im örtlichen Jugendzentrum aufgezeichnet wurde. Bei den Interaktanten handelt es sich um eine jugendliche Peer-Group mit vorwiegend männlichen Mitglieder, im Alter von 17 bis 19 Jahren, sowie deren Jugendgruppenleiter. Der eigentliche Anlass für das Treffen im Jugendzentrum ist die Organisation einer Freizeit. Der analysierte Gesprächsabschnitt setzt an der Stelle ein, als Markus feststellt, dass Zigaretten aus seinem Päckchen fehlen und er die anderen auffordert ihm zu sagen wer die “ganzen Kippen.” geraucht habe. Zunächst reagiert nur Wuddi auf ihn. Erst nach mehrfachem Insistieren und anschließendem Drohen nichts mehr mitzubringen werden auch Daniel, Alex und ein weiteres Gruppenmitglied auf ihn aufmerksam. Ihre Reaktion auf sein Problem beschränkt sich allerdings darauf, ihm selbst die Schuld für die Situation zu geben. Letztendlich sieht Markus selbst ein, dass sich die Gruppe “normal” verhalten hat und dass es sein Fehler war, die Zigaretten auf dem Tisch liegen zu lassen.

3.2.1. Grundstruktur jugendlicher Gespächspraktik

Bereits in den ersten sechs Zeilen lassen sich grundlegende Strukturen der Gesprächspragmatik dieser Peer-Group im Hinblick auf die (normative) Praktik ihrer Konfliktaustragung rekonstruieren. Aus diesem Grunde bieten sich diese Äußerungen zu einem ersten heuristischen Verständnis der argumentativen Ressourcen an, auf welche die Jugendlichen während dieser Interaktion zurückgreifen. Ebenso erlauben sie einen ersten Einblick in die Ernsthaftigkeit und Explizitheit konflikthafter Jugendkommunikation:

1. Markus: hey wer hat=n eigentlich wieder (--) die ganzen
2. <<franz.> gaulOIses> kippen von mir geraucht,
3. Wuddi: ey ich mar[kus]
4. Markus: [ich] hab heute vielleicht FÜNF geraucht und
5. guck dirs päckchen an (.) es ist wieder lEEr
6. Wuddi: <<p> schön>

Zu Beginn der Sequenz stellt Markus die Frage in den Raum, wer seine Zigaretten geraucht habe. (Z.1-2: “hey wer hatt=n eigentlich wieder (--) die ganzen >>franz.>gaulOIses> kippen von mir geraucht,”).

[...]


[1] Es gibt nicht das singuläre Phänomen einer globalen “Jugendsprache”, welche an eine spezifische Lexik und Ausdrucksweise gebunden ist. Vielmehr ist eine Pluralität gruppenspezifischer Sprechweisen oder Sprachstile vorherrschend, denen situativ kontextuell stets spezifische Funktionen inhärent sind. Diese jugendlichen Sprechweisen sind primär umgangsprachliche Sprechstile, gleichsam einem geordneten System tendenzieller Gebrauchspräferenzen der Sprecher. Sie werden kontextabhängig und durch diskursive Rahmensetzungen restringiert, aus der Pluralität des einzelsprachlichen Varietätenraumes, durch die Auswahl von Ausdrucksformen und mittels Kookurrenzrestrinktionen zu einer signifikanten Stillage kombiniert. Cf. Schlobinski, et. al.; Jugendsprache; Opladen, 1993.

[2] Cf. Selting et al. (1998); Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT); In: Linguistische Berichte 173; S. 91-122.

[3] Vgl. dazu Neumann-Braun/Deppermann; Ethnographie der Kommunikationskultur Jugendlicher. Zur Gegenstandskonzeption und Methodik der Untersuchung von Peer-Groups; In: Zeitschrift für Soziologie; Jg. 27, Heft 4, August 1998, S. 239-255.

[4] Es wird schlicht übersehen, dass es viele verfälschende Bedingungen gibt, die in diesen Ansätzen unreflektiert bleiben. Einerseits belegt die gedächtnispsychologische Literatur, die “mnestische und interpretative Selektivität und Konstruktivität” von Darstellungen. “Von Aufmerksamkeits- über Interpretations-, Enkodierungs-, Reinterpretations- bis hin zu Abrufprozessen sind mit sämtlichen kognitiven Leistungen Umgestaltungen der Erinnerungsgegenstände verbunden” (a.a.O.; 242). Ferner unterliegen retrospektive Darstellungen immer schon einer sozial konventionalisierten kommunikativen “Formbestimmtheit”, welche einen Rückschluss auf die Ebene des faktischen Geschehens eigentlich verunmöglicht. Auch erlaubt die dialogische Konstitution von Darstellungen in qualitativen Interviews oder Gruppendiskussionen keine kontextfreie Wiedergabe von Meinungen oder Erinnerungen. Vielmehr besitzen sie situativen Charakter und werden durch die Anwesenheit des Forschers beeinflusst. Letztendlich bleibt noch der Handlungscharakter von Darstellungen zu erwähnen. “Auch in Forschungsinterviews und Gruppendiskussionen sind Handlungsbelange wie Selbstdarstellung und –rechtfertigung, Normvermittlung und Management der Beziehung zum Interviewer dominante Bezugsdimensionen darstellerischen Handelns, die sich in der Gestaltung der Darstellungen niederschlagen” (ibid; 243). Es bleibt mithin einfach fragwürdig, ob einem Forscher der Status der Neutralität und Aktzeptiertheit innerhalb einer solchen Situation eingeräumt werden kann.

[5] An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Transkripten, obwohl sie sich gegenüber anderen Darstellungsformen (z.B. Paraphrasen, Codierungen, Ratingskalen etc.) durch eine größerer Abbildtreue auszeichnen, immer auch eine Theorie gesprochener Sprache zugrunde liegt. Sie wird fundamental durch die jeweiligen Transkriptionssysteme bestimmt, welche festlegen, wie welche akustischen Phänomene graphisch wiedergeben werden. Ebenso muss reflektiert werden, dass Transkripte stets als solche selektiv ausgewählter Gesprächsausschnitte gedacht werden müssen, welche diese auf bestimmte verbale Aktivitäten reduzieren und hinsichtlich einzelner Merkmale wiedergeben. Allein die auf auditiver Wahrnehmung beruhende Tätigkeit des Transkribierens ist immer schon theorie- und wissensabhängig!

[6] Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass “Kontextwissen” nicht zu voreilig subsumptive Erklärungen generiert. Vielmehr muss aufgezeigt werden dass und wie die Interaktanten einander bedeuten, dass ein kontextueller Sachverhalt interpretationsrelevant erscheint.

[7] Aus strukturalistischer Sicht, wie z.B. von Jacques Lacan, wird sogar die Auffassung vertreten, dass Subjektivität als solche unmittelbar an sprachliche Praxis geknüpft ist. Die Konstitution und Existenz der Subjektivität ist bedingt durch den Vollzug von Sprache, ergo gesellschaftlicher Praxis. “Der Mensch denkt nicht, er wird gedacht, so wie er für bestimmte Linguisten gesprochen wird” (vgl. Lang, Hermann; Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse; Frankfurt, 1973, S. 156). Die Erkenntnis, dass Sprache nicht eine apriorische Realität einfach abbildet, sondern produktiven, materialisierenden Charakter aufweist, bildet ebenso die gemeinsame Grundlage der Post-Strukturalisten Althusser, Foucault und Butler. Sie versuchen die bürgerlich-hegemoniale Vorstellung eines freien und selbstbestimmten Subjekts als Ideologie zu dekonstruieren, indem sie seine Konstitution in alltäglichen, diskursiven Praktiken nachzuweisen versuchen.

[8] Nach Kallmeyer, W. (1985); Handlungskonstitution im Gespräch. In: Gülich, E./Kotschi, T. /Hg) Grammatik, Konversation, Interaktion. Tübingen, 81-123.

[9] Nebenbei bemerkt orientiert sich die hier vertretene Gesprächsanalyse an der “analytischen Mentalität” (Schenkein) der Konversationsanalyse. Daher können beide als Synonyma gelesen werden. Ergänzt wurde dieser Ansatz durch Prozeduren der interaktionalen Soziolinguistik, der discursive psychology, der grounded theory sowie der objektiven Tiefenhermeneutik (Vgl. Deppermann 1999, S.10).

[10] Wichtig ist weiterhin, dass durch den steten Kontakt Vertrauen zu den Probanden aufgebaut werden kann, welches wiederum den Zugang zu Gesprächsereignissen eröffnet, die Außenstehenden sonst verschlossen blieben.

[11] Die Daten wurden im Zuge des Forschungsprojekts mit dem Titel “Jugend, Kommunikation, Medien: eine ethnographische Längsschnittuntersuchung der Kommunikationskultur in Jugendgruppen” (NE 527/2-1) in den Jahren 1998 bis2000 erhoben.

[12] An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es grundsätzlich keine intrepretationsfreien Transkriptionen gibt! Gerade den dafür notwendigen Transkriptionssystemen liegt eine mehr oder minder reflektierte Theorie gesprochener Sprache zugrunde. Allein die auditive Wahrnehmung ist immer theorie- und wissensabhängig.

[13] Siehe Deppermann, Arnulf; Gespräche analysieren. Eine Einführung in konversationsanalytische Methoden. Qualitative Sozialforschung 3.; Opladen, 1999; S.41.

[14] Der Leiter dieses, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter dem Titel “Jugend, Kommunikation, Medien: eine ethnographische Längsschnittuntersuchung der Kommunikationskultur in Jugendgruppen” (NE 527/2-1) geförderten, Forschungsprojektes ist Prof. Dr. Neumann-Braun in methodisch-theoretischer Unterstützung von Dr. Deppermann.

[15] An dieser Stelle möchten wir uns bei den Verantwortlichen für die vielen fruchtbaren Kommentare und Erläuterungen bedanken, ohne die so mancher Sachverhalt schlicht unverständlich geblieben wäre. Im Besonderen möchten wir Dr. Arnulf Depperman für seine hervorragenden didaktischen Fähigkeiten, seinen engagierten Einsatz und seine unschätzbare Geduld in methodischer und theoretischer Hinsicht, sowie Axel Schmidt für seine unverzichtbaren ethnographischen Hintergrund-informationen danken.

Details

Seiten
57
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638213141
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16460
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften - Sozialisationsforschung
Note
1,0
Schlagworte
konfliktkultur medien alltag

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Titel: Konfliktkultur in Medien und Alltag