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Das kollektive Gedächtnis und seine Medien

Bachelorarbeit 2010 43 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individuelle und kollektive Konstruktion der Wirklichkeit
2.1. Das kollektive Gedächtnis und Erinnerung
2.2. Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis
2.2.1. Materiell vs. Elektronisch
2.2.2. Speicherkapazität vs. Langzeitstabilität
2.2.3. Schnelle Zirkulation & erweiterter Zugriff

3. Medien und kollektives Gedächtnis
3.1. Materielle Dimension
3.2. Soziale Dimension
3.2.1. Produktionsseitige Funktionalisierung
3.2.2. Rezeptionsseitige Funktionalisierung

4. Medien und Erinnerung
4.1. Neue Medien und das Ende der Erinnerung

5. Das kulturelle Bildgedächtnis
5.1. Bild vs. Ikone
5.2. Wort vs. Bild

6. Inszenierung kollektiver Erinnerung
6.1. Erzählung
6.2. Ausstellen
6.3. Inszenieren
6.3.1. Geschichtsdarstellung im Film
6.3.2. Audio-Inszenierung als Psychokino

7. Conclusio

Literaturverzeichnis

Online Quellen

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Kurzfassung

Vor- und Zuname: Manuel Bauer Institution: FH Salzburg Studiengang: Bachelor MultiMediaArt

Titel der Bachelorarbeit: Das Kollektive Bildgedächtnis und seine Medien

Schlagwörter:

l.Schlagwort: Iconic Turn 2.Schlagwort: kollektives Bildgedächtnis 3.Schlagwort: kulturelles Gedächtnis

Die vorliegende Arbeit ,Das kollektive Bildgedächtnis und seine Medien' beschäftigt sich mit den kulturellen und kollektiven Erinnerungs- und Speicherprozessen und deren Medien. Dabei wird sowohl auf die individuelle, wie auch die kollektive Konstruktion von Wirklichkeit eingegangen und anschließend werden Gedächtnistheorien von Maurice Halbwachs, Aleida und Jan Assmann sowie von Astrid Erll diskutiert. In weitere Folge wird der Versuch unternommen den Einfluss der Medien auf das kulturelle bzw. auf das kollektive Gedächtnis zu untersuchen. Eine konkrete Anwort auf die Frage wie sich Veränderungen in der Medienstruktur auf das kollektive Gedächtnis auswirken wird versucht herauszuarbeiten. Abschließend werden konkrete Beispiele aus der Praxis der öffentlichen Errinnerungsinszenierung dargelegt.

Abstract

The bachelor thesis 'collective image memory and its media' deals on cultural memory studies and its media. Central to the work is the question how changes in the media structure could have an influence on the collective memory of a society. Individual and collective construction of reality is furthermore a vital part of this thesis. The central part of this present work is to give an overview on the experts of cultural memory such as the French sociologist Maurice Halbwachs and the German researchers Aleida and Jan Assmann and to present their theoretical positions in this context. Finally, as a conclusion of the theoretical part, this thesis gives some practical examples on how a nation deals with remembrance which encompass the function of collective memory.

1. Einleitung

Die Präsenz von Bildern ist allgegenwärtig und erlaubt kaum noch die Wahl, bildlose Erfahrungen zu machen, da wir es mit einem „[...] weltumspannenden Netz einer unbegrenzten Bildproduktion zu tun haben, der wir kaum noch entfliehen können."[1] Es existiert kaum mehr ein Lebensbereich, in dem die bildliche Darstellung von Sachverhalten und die Informations- und Wissensvermittlung durch Bilder nicht eine wichtige Rolle spielen.

„Von den unzähligen zirkulierenden Bildern schaffen nur wenige den Sprung ins kollektive Bild-Gedächtnis."[2] Die deutsche Kulturwissenschafterin Aleida Assmann verwendet in diesem Zusammenhang den Terminus ,Ikonisierung', welcher den „Eintritt eines Bildes in das kollektive Gedächtnis"[3] beschreibt. In diesem Kontext können hier auch die Forschungen im Bereich kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen genannt werden, welche vor allem in den letzten Jahrzehnten die inter- und transdisziplinäre Diskussion in den Wissenschaftsforschungen befördert haben. Hierbei basieren unter anderem die Gedächtnistheorien von Maurice Halbwachs sowie von Aleida und Jan Assmann auf der Annahme, [...] „dass kollektive Gedächtnis ein - wie es die Semiotiker der Moskauer- Tartuer Schule formulieren - nicht-erblich vermitteltes Gedächtnis eines menschlichen Kollektivs ist."[4]

Medien wie etwa die mündliche Sprache, Bücher, Fernsehen oder das Internet ermöglichen erst eine Konstitution und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten. „Auf kollektiver Ebene ist Gedächtnis stets medial vermittelt bzw. wird es oftmals überhaupt erst medial konstruiert." Der Begriff der Konstruktion beinhaltet, dass Medien keine neutralen Träger von gedächtnisrelevanten und vorgängigen Informationen sind. Insofern stellt sich hier die Frage, welche Rolle den Medien, insbesondere den neuen Medien wie dem Internet, im Kontext eines kollektiven Gedächtnisses bzw. des kollektiven Bildgedächtnisses zugeschrieben werden kann.

Ziel dieser Arbeit ist es sich der Frage anzunähern, wie sich Bilder im kulturellen Gedächtnis durchsetzen, ausgewählt und kanonisiert werden. Welche Bilder sind im Bewusstsein präsent und existieren durch lebendige Zirkulation und welche gelangen ins Archiv? Hier sollen vor allem die Begriffe ^individuelles' und ,kollektives' Gedächtnis bzw. Bildgedächtnis näher betrachtet werden. In weiterer Folge soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss Medien auf das kollektive Gedächtnis haben. Wie wirken sich Veränderungen in der Medienstruktur auf das kollektive Gedächtnis aus?

Methodisch stützt sich der Großteil der Arbeit auf Recherche einschlägiger wissen­schaftlicher Literatur. Zur Annäherung an die oben formulierten Forschungsfragen erfolgt zunächst eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld der Erinnerungskulturen. Dabei stehen vor allem die Gedächtnistheorien der KulturwissenschaftlerInnen Aleida und Jan Assmann sowie Astrid Erll im Vordergrund. Darauf aufbauend wird das Verhältnis der Medien im Zusammenhang mit dem kollektiven Gedächtnis und dem Verhältnis zur Erinnerung näher untersucht. Nach dieser grundlagentheoretischen Analyse wird in den darauffolgenden Kapiteln konkreter auf das kollektive Bildgedächtnis eingegangen und abschließend Beispiele für öffentliche Inszenierung von Erinnerung gegeben.

2. Individuelle und kollektive Konstruktion der Wirklichkeit

Um von einem kollektiven Gedächtnis - in weitere Folge Kollektiven Bildgedächtnis' - sprechen zu können, ist es erforderlich, sich mit ausgewählten Grundlagen des Forschungsfelds Erinnerungskultur auseinander zu setzen. Hierbei ist das Verhältnis zwischen individuellen und kollektiven Erinnern weitgehend ungeklärt. Im Allgemeinen wird von der Existenz einer wahren, unverfälschten Erinnerung ausgegangen. Im folgenden Kapitel soll daher auch der Unterschied zwischen Erinnerung und Gedächtnis dargestellt werden.

2.1. Das kollektive Gedächtnis und Erinnerung

Im sozialen Kontext sind vor allem zwei Forschungsansätze maßgeblich. Zum einen war für den französischen Soziologen und Philosoph Maurice Halbwachs (1877-1945) vor allem die Annahme zentral, dass jede Form von Gedächtnis sozial bedingt ist.[5] Diese These stellte zur damaligen Zeit einen Bruch mit der Tradition der Gedächtnisforschung dar und untermauert die „[...] Abkehr von biologistischen Versuchen, das kollektive Gedächtnis als ein vererbbares, z.B. 'Rassegedächtnis' o.ä. zu konzipieren."[6] Das Verhältnis von Individualgedächtnis und dessen sozialer Rahmen stehen im Zentrum von Halbwachs' Analysen. Das Individualgedächtnis wird von ihm in zweierlei Hinsicht bestimmt:

„Da Gedächtnis nach Halbwachs nur durch Sozialisationsprozesse vermittelt entstehen könne, basiere es auf Gemeinschaft. Zugleich stelle es Gemeinschaft her, indem es sich auf ein Gruppen-Gedächtnis beziehe und dieses bestätige. Solche 'kollektiven Gedächtnisse' ('memoire collective') postuliert Halbwachs für jede soziale Gruppe, etwa für Familien, religiöse Gemeinschaften oder auch soziale Klassen."[7]

Unklar bleibt hier die Trägerschaft der 'kollektiven Gedächtnisse'. Denn einerseits verstehen seine Thesen Gedächtnis und Erinnerung als grundsätzlich personengebunden, andererseits suggeriert Halbwachs eine ontologische Existenz von 'Gruppengedächtnissen'. Das Individualgedächtnis wird jeweils als 'Teil' von kollektivem Gedächtnis beschrieben, ein Aktant könne jedoch in mehreren sozialen Rollen an mehreren kollektiven Gedächtnissen teilhaben.[8] Jede/r Einzelne ist in eine Vielzahl solcher Gruppen eingespannt und hat daher an einer Vielzahl kollektiver Selbstbilder und Gedächtnisse teil.[9]

Halbwachs betont in seinen Theorien bereits die Konstruktivität von Gedächtnis und Erinnerung indem er feststellt, dass nur erinnert werde, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann."[10] Erinnerung diene so der Herstellung sowohl individueller Identität, als auch von Gruppenidentität. Weiters weist Halbwachs darauf hin, dass das Vergessen dem Fehlen geeigneter Erinnerungsanlässe bzw. geeigneter aktueller Sinn-Rahmen entspreche. Halbwachs musste die Arbeit an seinem theoretischem Werk leider verfrüht abbrechen. Er war ein Opfer des Nationalsozialismus und starb 1945 im Konzentrationslager Buchenwald. Sein Modell ist daher auch stellenweise sehr unpräzise und verzichtet vor allem auf den Zusammenhang zwischen Medien und Gedächtnis bzw. Erinnerung in diesem Kontext. Mittlerweile herrscht disziplinübergreifend Einigkeit darüber, so die deutsche Gedächtnisforscherin Astrid Erll, „[...] Errinnern als Prozess des Entstehens von Erinnerungen zu begreifen und das Gedächtnis als die Fähigkeit dazu oder die veränderliche Struktur dieser Erinnerungen[...]" zu verstehen.[11]

2.2. Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis

Die beiden KulturwissenschafterInnen Aleida und Jan Assmann adaptierten Halbwachs' Modell des kollektiven Gedächtnisses und entwickelten es weiter. Sie unterteilen Gedächtnis in ein kommunikatives und ein kulturelles.[12] Jan Assmann konnte eine 'floating gap' bei schriftlosen Kulturen beobachten. Darunter versteht er eine Erinnerungslücke, die mit den Generationen mitwandert.

„Zu jedem Zeitpunkt besitze die betreffende Gesellschaft demnach zwei Arten von Gedächtnis. Das eine liege nicht mehr als drei Generationen zurück und behandle die nähere Geschichte, von der die seinerzeit Anwesenden immer noch live berichten könnten, das andere liege weit in der Vergangenheit und erzähle von den Ursprungsmythen und Gründer­Ahnen. Die Zeiträume dazwischen würden demgegenüber ausgeblendet, vergessen, aus dieser Zeit gebe es keine Überlieferungen."[13]

Folgt man Assmann, so ist der Gesellschaft die Lücke zwischen den beiden Zeiträumen jedoch nicht bewusst und wird auch nicht wahrgenommen. Er argumentiert weiters, dass den Menschen trotz dieser Leerstelle ihre kollektive Vergangenheit konsistent erscheint. Diese beiden Errinnerungsfelder benennt Jan Assmann als kommunikatives und kulturelles Gedächtnis bzw. als 'identitätskonkret' und 'rekonstruktiv', „[...] d.h. sie haben eine zentrale Rolle für die Konstruktion von Identität sozialer Gruppen und sind als selektive, gegenwartsbezogene (Re-)Konstruktionen zu verstehen."[14] [15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis als Ausdifferenzierung eines kollektiven Gedächtnisses15

Die oben angeführte Tabelle veranschaulicht die Unterschiede zwischen kommunikativen und kulturellen Gedächtnis. Weitere Merkmale des kulturellen Gedächtnisses sind seine Geformtheit, Organisiertheit, Verbindlichkeit und Reflexivität. Unter Geformtheit versteht Assmann „[...] sprachliche, bildliche und rituelle Formung des kulturell institutio­nalisierten Erbgangs einer Gesellschaft und bezieht sich nicht auf ein spezifisches Medium."[16] Die Organisiertheit beschreibt die institutionelle Absicherung von Kommunikation z.B. durch Zeremonialisierung der Kommunikationssituationen und die Spezialisierung der Trägerin des kulturellen Gedächtnisses.[17] Verbindlichkeit ergibt sich durch den Bezug des kulturellen Gedächtnisses auf ein 'normatives Selbstbild der Gruppe', aus dem sich laut Assmann „[...]eine klare Wertperspektive und ein Relevanzgefälle"[18] ergibt. Weiters bestimmt Jan Assmann das kulturelle Gedächtnis als reflexiv in einem dreifachen Sinn: Es reflektiere sowohl die gängige Praxis, die Lebenswelt einer Gruppe, als auch deren Selbstbild und schließlich auch sich selbst in Form von „[...] Auslegung, Ausgrenzung, Umdeutung, Kritik, Zensur, Kontrolle und Überbietung".[19] Zusammengefasst kann unter dem Begriff kulturelles Gedächtnis „[...] den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs -Texten, - Bildern und -Riten"[20] verstanden werden. Sie stabilisieren das Selbstbild einer Gesellschaft und vermitteln ein kollektiv geteiltest Wissen „[...] vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt."[21] Dieses Wissen ist inhaltlich sowohl von Kultur zu Kultur, als auch von Epoche zu Epoche verschieden.

„ Während jedoch die fundierende Erinnerung in oralen Gesellschaften auf die genaue Wiederholung ihrer Mythen durch (in der Regel spezialisierte) menschliche Träger angewiesen sein, bringe die Entwicklung der Schrift deutliche Veränderungen in der Art des kulturellen Vergangenheitsbezugs."[22]

Aleida Assmann differenziert das kulturelle Gedächtnis weiter in ein ,Speicher- und Funktionsgedächtnis'[23] da mit Einführung der Schrift erstmals weit mehr Erinnerungsanlässe bereitgehalten als tatsächlich realisiert werden können. Das Funktionsgedächtnis kann hier als bewohnter bzw. gelebter Teil des kulturellen Gedächtnisses gesehen werden. Die für eine Gesellschaft bedeutungsgeladenen Elemente lassen sich ihm zuordnen und zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Ausdifferenzierung des kulturellen Gedächtnisses in Speicher- und Funktionsgedächtnis

Die oben angeführte Tabelle verdeutlicht, dass die Spaltung zwischen Funktions- und Speichergedächtnis keineswegs Überlappungen und Wechselwirkungen zwischen den beiden Seiten ausschließt. Ganz im Gegenteil: „Für den Wandel und die Erneuerung des kulturellen Gedächtnisses ist es sogar entscheidend, dass die Grenze zwischen Funktions­und Speichergedächtnis nicht hermetisch ist, sondern in beiden Richtungen überschritten werden kann."[24]

Hierbei gilt es zu erwähnen, das sich Jan Assmann vor allem mit der Untersuchung früher Hochkulturen beschäftigt hat und aus diesen Untersuchungen sein Modell des kulturellen Gedächtnisses entwickelt wurde. Ergänzend zu seinen Studien grenzt Aleida Assmann dieses Modell zeitlich weniger ein. Dennoch bleibt auch hier der Fokus Jan Asmanns bei der „[...] Auseinandersetzung mit den Veränderungen von sozialer Erinnerung unter den Bedingungen von Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit."

„Eine Untersuchung des Zusammenhangs von Gedächtnis und anderen Medien als Schrift oder Buchdruck, insbesondere der Möglichkeiten sozialer Formen von Erinnerung unter den Bedingungen audio-visueller Medien, erfolgt dabei nur fragmentarisch."[25]

Aleida Assmann führt die Forschungen von Jan Assmann weiter aus. Sie untersucht vor allem das kulturelle Gedächtniss in mediengeschichtlicher Hinsicht und geht dabei auf neuere Entwicklungen ein. „Die Speicherkapazität der Kultur ist auf der Basis der elektronischen Schrift noch einmal dramatisch ausgedehnt worden."[26] Vor allem aber auch die Möglichkeiten der digitalen Speicherung von Bild und Ton soll hier hervorgehoben werden. Dadurch kommt es laut Assmann zu einer Veränderung des Speichergedächtnisses, welches durch die fortschreitende Digitalisierung eingetreten ist.

2.2.1. Materiell vs. Elektronisch

Die erste Veränderung findet sich in der Materialität, da vor allem durch die Entmaterialisierung von festen zu flüssigen Datenträgern, Konsequenzen in Bezug auf die Langzeitspeicherung drohen. „Stromstöße und Schaltkreise sind von einer anderen Materialität als Pergament, Papier, Silbersalze, Zelluloid und Magnetbänder."[27] Information auf elektronischen Datenträgern hinterlassen keine Spuren oder Rückstände in Form von Ablagerungen. Für neue Medien wie das Internet, greifen die üblichen Speichermetaphern, welche sich auf paradigmatische Orte und Depots wie Magazine, Dachkammern oder Kisten beziehen, nicht mehr. Es existiert ein riesiger Datenpool ohne Langzeitspeicher dessen Anfänge bereits im Dunkeln liegen.[28]

2.2.2. Speicherkapazität vs. Langzeitstabilität

Je nach Beschaffenheit hat jedes Material unterschiedliche Verfallsdaten. Da Stein das Material Papyrus überdauert, wurden im alten Ägypten die an die Nachwelt gerichteten Botschaften in Stein gemeißelt und die ephemeren Texte mit der Binse auf Papyrus geschrieben. Bereits im 15. Jahrhundert warnte ein benediktinischer Schreiber vor dem Gedächtnisverfall des Buchzeitalters. „Dabei spielte er die zweitausend Jahre lange Haltbarkeit des Pergaments gegen die nur 200 Jahre des bedruckten Papiers aus."[29] Die fortschreitende rasante Entwicklung der Digitalspeichermedien fördert auch hier nicht die Langzeitstabilität. Kaum ein aktueller PC verfügt noch über ein Diskettenlaufwerk. Neue Entwicklungen wie das iPad verzichten hingegen vollkommen auf Anschlüsse für externe Datenträger wie USB Sticks.

Die schnellen Entwicklungen der Speichermedien nehmen vor allem auf die Archive Einfluss. „Selbst bei perfekten Lagerbedingungen kann man den langsamen Zersetzungsprozess einer CD nicht aufhalten", meint der Leiter des deutschen Musikarchivs zu den Versprechungen der Industrie Anfang der 80er-Jahre.[30] Seit 1983 wird von dem Berliner Archiv jede Audio-CD, die in Deutschland verlegt wird, abgelegt. CD's aus den ersten drei Jahren der Archivierung zeigen jetzt schon Zersetzungserscheinungen.[31] Die Haltbarkeit von selbst gebrannten CD's wird mit rund 10 Jahren angegeben, der Leiter des Lehrgebietes Multimedia und Internetanwendungen der Fernuniversität Hagen, Matthias Hemmje, spricht von einer einjährigen Haltbarkeitsdauer was, „[...] angesichts der immer schnelleren Überholung der gesamten technischen Apparatur [...]" kaum noch von Bedeutung ist. Dies wird auch am Beispiel der Diskette deutlich. Es existieren kaum noch Maschinen, die die alten Datenträger noch lesen können. Dies sind Herausforderungen, mit denen sich Bibliotheken und Archive weltweit auseinander setzen müssen. Das EU-Projekt PLANETS[32] beschäftigt sich mit der Langzeitarchivierung von digitalen Daten um sicherzustellen, „[...] dass digital gespeicherte Inhalte auch nach zehn, fünfzig oder gar hundert Jahren noch zugänglich sind."[33] „In der Geschichte der Informationsspeicherung steht die Bequemlichkeit der Aufzeichnung und Kapazitätssteigerung in einem inversen Verhältnis zur Stabilität der Datenträger".[34]

2.2.3. Schnelle Zirkulation & erweiterter Zugriff

Im Mittelpunkt der neuen Informationstechnologie steht neben der Erweiterung der Speicherkapazität die Beschleunigung der Übertragungszeit. Schneller und gezielter Zugriff auf Information tritt an die Stelle des Wartens, Suchens, Vermutens, Nachforschens und Nachdenkens. „Die Beschleunigung des Datenflusses schließt immer schnellere Verfallszeit nicht nur der Datenträger, sondern auch der Information mit ein."[35] Gespeicherte Informationen die für längere Zeit gespeichert und nicht revidiert werden, wohnt der Makel des Veralterns inne. Vor allem das Internet leidet unter einem rapiden Aktualitätsverfall. Dies könnte dadurch begründet sein, dass digitale Daten einfacher verändert werden können. Ein Buch hingegen wird - wohl auch aus Kostengründen - viel langsamer überarbeitet und dessen Informationsgehalt als stabiler empfunden.

„Mit der elektronischen Verflüssigung von Materialität und der Beschleunigung des Informationsstroms ist das Internet zu einem globalen Forum von Kommunikation und Datenaustausch gewachsen, das (auf der Voraussetzung eines bestimmten technischen Niveaus) höchst ökonomisch und unaufwendig jede mit jedem vernetzen kann."[36]

Auch ist nicht nur die Anzahl der EmpfängerInnen, sondern auch der SenderInnen sprunghaft angewachsen, weshalb im Gegensatz zur Druckkultur die Kommunikationssituation symmetrischer angesehen werden kann. Mit der Einführung der Druckerpresse stand eine geringe Anzahl von AutorInnen einer großen Zahl von LeserInnen gegenüber. Mit dem Internet ist es jedoch ohne viel Aufwand möglich Nachrichten schnell und unkompliziert zu verbreiten, da das Versenden von Botschaften oder Information keine ,Autorisierung' mehr benötigt und an keine besonderen Qualifikationen und Rechte gebunden ist.

[...]


[1] Maar (2006), S. 11.

[2] http://www.boeN.de/bildungkultur/kulturaustausch/kulturaustausch-6769.html

[3] Ebd.

[4] Uspenskij (1986), zit. n. Erll (2004), S. 4.

[5] Zierold (2006), S. 66.

[6] Assmann (1988), S. 9.

[7] Zierold (2006), S. 66.

[8] Assmann (1994) zit. n. Zierold (2006), S. 66.

[9] Assmann (1988), S. 11.

[10] Ebd.

[11] Erll (2004), S. 7.

[12] siehe Tabelle 1 (Seite 9)

[13] Berek (2009), S. 42f.

[14] Zierold (2006), S. 70.

[15] A. Assmann/J. Assmann (1994), zit. n. Zierold (2006), S. 70.

[16] Assmann (1988), S. 14.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Zierold (2006), S 71.

[20] Assmann (1988), S 15.

[21] Ebd.

[22] Zierold (2006), S. 71.

[23] siehe Tabelle 2 (Seite 11)

[24] Assmann (2004), S. 59.

[25] Zierold (2006), S. 73.

[26] Assmann (2004), S. 55.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Assmann (2004), S. 56.

[30] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Deutsches-Musikarchiv-CD-ZerfaN-bedroht-Kulturerbe-148962.html, 09.05.2010

[31] Assmann (2004), S. 56.

[32] preservation and long-term access to our cultural and scientific heritage

[33] http://www.heise.de/newsticker/meldung/EU-Projekt-zur-Langzeitarchivierung-digitaler-Inhalte-127568.html, 09.05.2010

[34] Assmann (2004), S. 56.

[35] Ebd.

[36] Ebd.

Details

Seiten
43
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640797882
ISBN (Buch)
9783640797998
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164582
Institution / Hochschule
Fachhochschule Salzburg
Note
2
Schlagworte
Iconic Turn kollektives Gedächtnis kulturelles Gedächtnis kollektives Bildgedächtnis Bildgedächtnis Bildergedächtnis Aleida Assmann Jan Assmann kollektive Erinnerung Medien und Erinnerung Astrid Erll

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Titel: Das kollektive Gedächtnis und seine Medien