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Über das dialektische Theater von Bertold Brecht

In "Mutter Courage und ihre Kinder"

Studienarbeit 2010 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Der Dreißigjährige Krieg

3) Entstehungsgeschichte und Einflüsse zur Mutter Courage
3.1. Brecht und die Dialektik : Einflüsse zur Mutter Courage
3.2 Die „Courage“ Aufführung und Rezeption: Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg
3.3. Die Verfilmung

4) Das Epische Theater
4.1. Analyse der Mutter Courage -Figur
4.2. Szene 3
4.3. Szene 9

5) Schlussfolgerung

6) Bibliographie
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Internetangaben

1) Einleitung

Bertolt Brecht begann seine Arbeit am Stück[1]Mutter Courage und ihre Kinder“ im September 1939 als er sich noch im schwedischen Exil befand und beendete sie innerhalb weniger Wochen. Die Uraufführung des Stücks fand 1941 im Züricher Schauspielhaus statt, unter den Regieanweisungen von Leopold Lindtberg und der Musik Paul Burkhards. In Brechts Drama reist eine Marketenderin während des Dreißigjährigen Krieges im XVII. Jahrhundert mit Handelswagen und Kinder quer durch Europa.

Brecht sagte: “Ich behaupte, daß das Theater in seiner traditionellen Form überhaupt keine Bedeutung mehr hat, nur eine historische, um zu beleuchten.“[2] Um sich so weit wie möglich vom traditionellen Theater zu distanzieren, entwickelte Brecht sein Konzept des Theaters, dem „epischen“ Theater. Nach einer kurzen Zusammenfassung des historischen Kontextes und einer theoretischen Einführung des Brechtschen Theaters wird in dieser Arbeit versucht, die Merkmale des dialektischen Theaters in Brechts Werk „Mutter Courage und ihre Kinder“ herauszuarbeiten. Was unterscheidet Brechts Theater vom klassischen aristotelischen Theater? Ist „Mutter Courage und ihre Kinder“ ein typisches episches Drama? Welches Ziel wird von Brecht beabsichtigt? In dieser Arbeit wird versucht, nach einer kurzen historischen und theoretischen Einführung, anhand von zwei konkreten Szenen, diesen Fragen näher auf den Grund zu gehen.

2) Der Dreißigjährige Krieg

Auslöser des Krieges soll ein Glaubenskonflikt gewesen sein[3], der immer wieder auch als Rechtfertigung für den Krieg aufgebracht wurde. Die sich Ende des XVI. Jahrhunderts immer weiter ausbreitende Reform Luthers spaltete das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ in zwei entgegengesetzte Lager. Die Habsburger Gegenreform verfolgte damals das Ziel, mit Gewalt den katholischen Glauben wieder einzuführen, denn die evangelische Mehrheit wurde immer bedrohender. Doch das im Jahre 1555 durch den Kaiser Ferdinand I. und seinem Bruder eingeführte Augsburger Reichsgesetz, dass dem Prinzip „cujus regio, ejus religio“ unterlag, gab den Fürsten das Recht, die Religion für ihr Land zu bestimmen. Dieses Gesetz führte unmittelbar zu einer Gegenreform seitens der Katholischen Kirche.

Doch hinzugefügt muss werden, dass die Einteilung des Habsburgischen Reiches durch den Kaiser unter seinen drei Söhnen Maximilian II., Karl I. und Ferdinand II. das Reichsgebiet stark geschwächt hatte und es traten immer mehr Konflikte mit den Fürsten auf. Die Glaubens- und Machtwidersprüche zwischen dem Kaiser und den Fürsten wurden noch zusätzlich von ausländischen Staaten unterstützt, die politische Ziele verfolgten.

Parallel zu diesem Konflikt trat eine ernste Wirtschaftskrise auf. Durch die Entdeckung neuer Seewege wurde der deutsche Handel von ausländischen Waren aus den Niederlanden, England und Frankreich überschwemmt. Dies führte im deutschen Reich zur Erhöhung der Zölle und zum Zusammenbruch des Handels.

Auslöser des Krieges sind somit nicht nur die religiösen Auseinandersetzungen zwischen den Protestanten und den Katholiken gewesen. Hinzu kamen Macht-, Besitz-, und Selbstständigkeitsansprüche der Großmächte .

2.1. Ablauf des Krieges (kurze Zusammenfassung)

Der Dreißigjährige Krieg dauerte natürlich nicht exakt dreißig Jahre an[4]. Es gab zwischen 1618 und 1648 mindestens zehn Friedensschlüsse und mehrmals brach der Krieg wieder auf. Der Krieg war ein innereuropäischer Konflikt auf deutschem Boden. Grob schematisiert, lässt sich der Ablauf des Krieges wie folgt zusammenfassen:

Böhmisch-pfälzischer Krieg 1618-1623
Niedersächsisch-dänischer Krieg 1624-1629
Schwedischer Krieg 1630-1635
Schwedisch-französischer Krieg 1635-1648

2.2. Bedeutung des Krieges in „ Mutter Courage und ihre Kinder“

Der historische Hintergrund Brechts Drama erstreckt sich über zwölf Jahre: Ab Frühjahr 1624 bis Anfang 1636. Doch Brecht geht es nicht darum[5], den Dreißigjährigen Krieg Detail getreu und auf historische Weise wiederzugeben. Vielmehr geht es ihm um den Krieg, als zerstörerisches, grauenhaftes Ereignis. Auch wenn der Untertitel „Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ eher vermuten lässt, dass es sich um ein historisches Stück handelt, ist das Drama „enthistorisirend“ und ein „allgemein-menschlicher Fall.“[6]

In dieser Hinsicht müssen die zeitgenössischen politischen Anspielungen näher analysiert werden. Brechts Stück ist ein Geschichtsdrama (keine Parabel). Das heißt, dass das historische Geschehen (hier der Dreißigjährige Krieg) aktualisiert wird damit der Zuschauer seine eigene Zeit historisiert, aus der Geschichte ein Bewusstsein von seiner Gegenwart entwickelt[7]. Jan Knopf definiert das Geschichtsdrama wie folgt: „Beim Geschichtsdrama stellen sich die Schwierigkeiten im Hinblick auf die Darstellung des 'Besonderen' und 'Einmaligen' dar, das zum 'Spiegel' aktueller Ereignisse werden soll: während die Aktualität ständig das Geschichtliche insofern bedroht, als es zu seinen Gunsten manipuliert wird, so bedroht umgekehrt die Aktualisierung das 'Einmalige des historischen Falls.“[8] Doch um welche Ereignisse in Brechts Stück handelt es sich?

In der ersten Szene deutet die Replik des Feldwebels „Eine nette Familie, muß ich sagen.“[9] zweifelsohne auf die Hitlersche Rassenpolitik hin. Mutter Courages drei Kinder stammen nämlich von verschiedenen Männern ab. Schweizerkas' leiblicher Vater zum Beispiel, ist Schweizer, doch erzogen und geraten ist er aber nach einem Ungarn. Die Kattrin ist nur „eine halbe deutsche“5. Was am Anfang für den Leser noch sehr verwirrend ist, scheint für die Mutter Courage ganz natürlich zu sein, denn „nicht die biologische, die rassische Vererbung, sondern die soziale ist für diese Familie entscheidend“.[10] Auch die Kinder der Mutter Courage stehen für die jeweiligen Länder, die im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland in Konfrontation geraten sind. Eilif, der kriegerische Held, ein „finnischer Teufel“ ist mit Finnland in Verbindung zu bringen. Finnland startete nach dem Winterkrieg wegen gewaltiger territorialer Verluste 1941 mit Deutschland einen Krieg (der Fortsetzungskrieg) gegen die Sowjetunion. Finnland schaffte es als einziges Land im zweiten Weltkrieg, seine Unabhängigkeit und demokratische Verfassung zu bewahren.[11] Schweizerkas, der „redliche“, sich sinnlos aufopfernde, steht unmittelbar für die trotz frontistischer Bewegung neutral gebliebene Schweiz. Die stumme Kattrin jedoch, die „halbe Deutsche“ symbolisiert den „halben“, zur Stummheit verurteilten Deutschen, der durch den nationalsozialistischen Staat unterdrückt wird.

Brecht spielt auch eindeutig auf Hitlers Endsiegwahn an, durch die Replik des Feldpredigers: „[...] Sie haben mich nicht predigen hören. Ich kann ein Regiment nur mit einer Ansprach so in Stimmung versetzen, daß es den Feind wie eine Hammelherd ansieht. Ihr Leben ist ihnen wie ein alter versunkener Fußlappen, den sie wegwerfen in Gedanken an den Endsieg. Gott hat mir die Gabe der Sprachgewalt verliehen. Ich predig, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht.“[12]

Mutter Courage steht für die „kleinen Leute“, das allgemeine Volk. Nicht um sonst ist sie eine einfache Frau aus dem Volk, um die großen Auswirkungen der Geschichte auf den Menschen deutlicher zu veranschaulichen. Somit zeigt Brecht, dass es die einfachen Leute sind, die die Lasten des Krieges zu tragen haben. Sieg und Niederlage bedeuten für sie ein und das Selbe: „Die Sieg und Niederlagen der Großkopfigen oben und der von unten fallen nämlich nicht immer zusammen [...] Im allgemeinen kann man sagen, daß uns gemeinen Leuten Sieg und Niederlag teuer zu stehen kommen.“[13] Sie sind nämlich die waren Opfer des Krieges. Sei es aus wirtschaftlicher Sicht oder im Bezug auf Familie und Verwandte, man kann im Krieg nur verlieren. Da Mutter Courage laut Brecht nichts aus dem Krieg lernt, so hofft er doch, dass der Zuschauer erkennt, welche großen Verluste ihm durch einen unsinnigen Krieg der Großmächte drohen könnten

3) Entstehungsgeschichte und Einflüsse zur Mutter Courage

Anna Salomowa diente Gorki als Vorbild für seine Heldin in seinem halb dokumentarischen Roman[14]Die Mutter“. Hintergrund der im Jahre 1906 entstandene Roman ist die proletarische Revolution. Brecht schrieb Gorkis „Mutter“ 1939 neu nieder. Das Courage-Drama bezieht sich auf die Auswirkungen des Krieges auf den einzelnen Menschen, deshalb wurde eine deutsche Fassung erst später gedruckt. Erst nach dem Krieg konnte Brecht das Stück erstmals in Deutschland, im Berliner Theater aufführen und unternahm sogar Änderungen, die die Figur der Mutter Courage noch schlechter dastehen ließen (indem er zum Beispiel Szenen hinzufügte).

Andere Analysen deuten jedoch daraufhin, dass der soziale und historische Hintergrund Brechts Theaterstück, sowie die Darstellung des Krieges eher auf den Dichter Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hinweisen.[15] Auch der Name Brechts Hauptfigur soll auf Grimmelshausens weibliche Figur „Courasche“, aus seinem Roman „Trutz Simplex“, deuten. Hinzu kommt das oft vom Barock benutzte Verfahren, die erzählten Geschichten als moralische Exempel darzulegen. In der Tat ist Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ ein Stück, das den Zuschauer dazu bringen soll, nachzudenken und mitzuwirken : „Hauptinhalt des Dramas muss das Verhältnis des Menschen zum Menschen sein [...] Ich zeige ihnen in Gleichnissen : Wenn ihr so handelt, geschieht das und das; handelt ihr dagegen so, geschieht das Entgegengesetzte.“[16] Letztere Verbindung besteht darin, dass Grimmelshausen das im Barock beliebte strukturale Element der Umkehr des Gewöhnlichen benutzt und Brecht in seiner Courage die Veränderung der bürgerlichen Werte durch den Krieg zeigt : „Wenn der Krieg in die Nähe kommt, ist es das Normale, daß die Menschen sich verstecken oder flüchten.[...] Mutter Courage ist gegen den Krieg, aber der Krieg an sich ist stärker, sie geht hinein in den Krieg“.[17] Somit erhält Grimmelhausens Dichtung eine neue Bedeutung. Die herrschende göttliche Ordnung die durch die Niederträchtigkeit der Menschen auf den Kopf gestellt wird ist bei Brecht die Propaganda des Krieges, des sogenannten Glaubenskrieges: die niederträchtige Ordnung der Welt ist es, die die Menschen schlecht macht.

[...]


[1] Werner Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht oder der Umgang mit den Welträtseln. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main, 1987, S.173

[2] Brecht im Gespräch: Diskussionen, Dialoge, Interviews. Hg. Werner Hecht. Suhkamp Verlag: Berlin 1956, S. 193

[3] http://www.koni.onlinehome.de/basisdateien/ursachen-frames.htm, besucht am 12. Oktober 2010

[4] http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/politstrukturen/dreikrieg/gliederung.htm, besucht am 12. Oktober 2010

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za146/barock/30krieg.htm#Erste%20Station, besucht am 19. Oktober 2010

[5] Notizen zum Unterricht von Frau Tabah, genommen am 11. Oktober 2010

[6] Jan Knopf: Brecht-Handbuch, Theater, Eine Ästhetik der Widersprüche. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung: Stuttgart 1980, S. 184

[7] Ebd., S. 404

[8] Ebd., S. 410

[9] Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder, Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg. Suhrkamp Verlag 49: Berlin, S. 11

5 Ebd.

[10] Brecht-Handbuch, Theater, Eine Ästhetik der Widersprüche (Anm.6), S. 184

[11] Http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Finnlands#Finnland_im_Zweiten_Weltkrieg besucht am 23. Oktober

[12] Mutter Courage und ihre Kinder, Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg (Anm.9), S. 71

[13] Ebd., S. 40

[14] Brecht im Gespräch: Diskussionen, Dialoge, Interviews (Anm. 2), S. 203-205 Unterricht von Madame Tabah am 4.Oktober 2010

[15] Brecht-Handbuch, Theater, Eine Ästhetik der Widersprüche (Anm.6), S.182

[16] Brecht im Gespräch: Diskussionen, Dialoge, Interviews (Anm. 2), S.195

[17] Ebd., S.92

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640799480
ISBN (Buch)
9783640799978
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164573
Institution / Hochschule
Université libre de Bruxelles
Note
16/20
Schlagworte
Dialektische Theater Bertold Brecht Mutter Courage Kinder

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