Lade Inhalt...

EU Finalität - EU Erweiterung

EU-Erweiterung als Anfang vom Ende?

Essay 2010 9 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Stellt die am 1. Mal 2004 erfolgte EU-Erweiterung um zehn neue Mitgliedstaaten und die Erweiterung 2007 um 2 Mitgliedsstaaten den Anfang vom Ende der EU dar? Wie viele weitere Mitglieder kann die EU noch verkraften - ohne wie bereits zahlreiche andere „Großreiche" - an ihrer Größe zu scheitern?

Doch diese Frage ist nicht primär die, an der sich die Zukunft der EU entscheidet. Um Mitglied in der EU zu werden müssen die Bewerberstaaten bestimmte Aufnahmekriterien erfüllen. Dies garantiert institutionelle und gesellschaftliche Standards wie sie in der EU bislang üblich sind. Doch löst auch dies nicht das Dilemma, dem sich die EU gegenübersieht und das mit jedem weiteren Mitgliedstaat, jedem weiteren Unionsbürger wächst.

Das Projekt Europa und die damit verbundene Berichterstattung in den einzelnen nationalen Medien, werden immer dann in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, wenn Beitrittsverhandlungen oder bereits dezente Andeutungen zu solchen, durch die europäischen Volksvertreter auszumachen sind. Immer wieder scheinen die Kernfragen der EU-Bürger zu sein: Wer gehört „zu uns" und wer eben nicht?

Daraus ergibt sich zwangsläufig auch die Frage nach der Finalität der EU, also dem Zeitpunkt des status quo der Saturierung.

Neben ökonomischen Fragen sich ebenso politische Fragen wie z.B.: Wie soll eine EU der siebenundzwanzig oder mehr Mitgliedstaaten bei den bestehenden Strukturen beispielsweise im Rat der Europäischen Union noch handlungsfähig sein?

Es besteht die böse Vorahnung, dass sich in vielen Entscheidungen die ost- und westeuropäischen respektive landwirtschaftliche Staaten und Industriestaaten in zwei Blöcken gegenüberstehen - es bilden sich Vetoblöcke. Zudem werden Beschlüsse aufgrund der nochmals erschwerten Mehrheitsfindung, sofern sie überhaupt zustande kommen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengestrichen werden.

Doch für den langfristigen Erfolg der Union ist vielmehr eine andere Frage von zentraler Bedeutung: Wie schafft es die EU alle Unionsbürger unter ihrem Dach zu integrieren, sodass sie sich mit ihr identifizieren und die EU dadurch ihre Legitimation erhält?

Die Politik hat mit Schaffung des EU-Binnenmarktes, der Wirtschafts- und Währungsunion sowie der gemeinsamen europäischen Verfassung bereits Schritte zur Integration geschaffen. Bislang ist also eher eine technokratische Integration erfolgt, doch ist es für das Fortbestehen der EU von evidentem Interesse, dass sich der einzelne Unionsbürger mit ihr identifiziert - eine europäische Identität sollte geschaffen werden.

Ist es aber möglich bei Millionen von Bürgern aus so vielen verschiedenen Staaten eine gemeinsame europäische Identität zu verwirklichen?

Um diese Frage diskutieren zu können, muss zunächst geklärt werden, was man unter Identität versteht, sodass anschließend bestimmt werden kann ob eine gemeinsame europäische Identität oder zumindest Ansätze dazu bestehen. Die Beantwortung dieser Frage soll Schlüsse zulassen inwieweit sich eine gemeinsame europäische Identität verwirklichen lässt und ob diese möglicherweise der EU ihre „Grenzen" vorgibt.

Bei der Suche nach dem, was Europa ausmacht, reichen Erklärungsmodelle, die das politische oder ökonomische System der EU nennen, bei Weitem nicht aus. Diese beiden Komponenten bilden das Konstrukt; die dritte Komponente, die letztendlich über den dauerhaften Erfolg oder Misserfolg der EU entscheidet, ist eine andere - die Identifikation eines jeden Unionsbürgers mit der EU.

Es geht also nicht um irgendein System, sondern um jeden einzelnen von uns. Was macht uns zu Europäern?

Wie denken, empfinden und handeln wir - was daran ist europäisch und worauf gründen diese Verhaltensweisen? Es stellt sich die Frage nach unserer Identität.[1]

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir eine Verhaltensdisposition, unsere Identität. Wir statten uns mit bestimmten sozialen Merkmalen aus und ordnen uns sozialen Gruppen zu. Diese so genannte soziale Typisierung erfolgt zugleich von anderen, die uns zuordnen und charakterisieren. Unsere Identität ist nie fest und statisch. Täglich versuchen wir sie zu bestätigen oder neu zu definieren. Dies geschieht, indem wir u.a. mit unseren Mitmenschen interagieren und kommunizieren. Dabei erhalten wir Reaktionen auf unser Verhalten, durch die ein Prozess der Selbstreflexion in Gang gesetzt wird, sodass das daraus resultierende Selbstbild Einfluss auf unsere Identität nimmt. Dieser Vorgang wird als inhaltliche Dimension der Identität bezeichnet. Des Weiteren verfügt die Identität über eine zeitliche Dimension - sie impliziert die Organisation der Identität entlang der Struktur von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.[2]

Nun liegt es in der Natur des Menschen sich in Gruppen Gleichgesinnter zu sammeln - es bilden sich so genannte kollektive Identitäten. Dieser gemeinsamen Lebens- und Gestaltungsgrundlagen bedarf es um eine moderne Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Alle anderen Entscheidungen, ob politisch oder ökonomisch, hängen letztendlich von diesen kollektiven Identitäten ab. „Das Gemeinschaftsbewusstsein wird damit zum Fundament politischer Problemlösung."[3] Allerdings können aus diesem Verhalten auch Probleme erwachsen. Jedes Individuum gehört aufgrund seiner vielseitigen Interessen, die nicht allein von einer Gruppe befriedigt werden können, gleichzeitig mehreren Gruppen an.

Das daraus resultierende Vorhandensein mehrerer kollektiver Identitäten kann durchaus In Loyalitätskonflikte münden.

In Bezug auf Europa bedeutet dies, dass es für jeden Unionsbürger möglich ist neben seiner regionalen und nationalen Identität auch eine europäische zu haben - ohnehin kann aufgrund der unterschiedlichen Reichweiten dieser drei Ebenen keine klare Abgrenzung zwischen diesen erfolgen: Verändert sich einer dieser drei Bereiche, so wirkt sich dies unweigerlich auf die anderen aus. Somit ist die europäische Identität - wie die individuelle - einem steten Wandel unterworfen.[4]

Die gemeinsame europäische Identität muss die drei Komponenten, aus denen sich letztlich die Identität zusammensetzt, beinhalten: ein Herkunftsbewusstsein, das sich aus der Historie gründet, die Gegenwart, sprich zeitlich nahe Erfahrungen, sowie eine Zukunft in Form von Visionen.[5] Es gilt nun Gemeinsamkeiten in diesen Komponenten für ganz Europa zu finden und festzulegen.

Das „Gemeinsame" in Europas Historie lässt sich am Einfachsten territorial festmachen.

In der Geschichte Europas gab es einige Territorien, die sich über einen Großteil des Kontinents und darüber hinaus erstreckten. Sie vermochten durch ihre Systeme die Völker Europas miteinander zu verbinden und ihnen gemeinsame, in die Tradition Europas eingehende Werte und Normen zu vermitteln.

Einige dieser Grundwerte europäischen Denkens sind auf die Römer zurückzuführen, die ihr Rechtssystem in umfangreichen Gesetzessammlungen schriftlich festhielten und damit die Beziehungen zwischen den öffentlichen Gewalten regelten. Des Weiteren haben die Römer durch ihre Sprache, die den Ursprung der romanischen Sprachen darstellt, den Grundstock für viele der heutigen in Europa gesprochenen Sprachen gelegt. Die Traditionen der Römer wurden von Karl dem Großen, dem „Vater Europas", fortgeführt.

Er errichtete sein Frankenreich auf den drei Säulen der mittelalterlichen Reichsidee „Latinität, Germanentum und Christentum". Einige Jahrhunderte später bekam Europa in Form von Napoleons Republik ein einheitlicheres Recht und eine Verwaltung nach Frankreichs Vorbild. Zudem wurden alle Maße und Gewichte harmonisiert, womit ein europaweiter Standard - einmal von Großbritannien abgesehen - in Wirtschaft und Recht zumindest ansatzweise auf dem Kontinent geschaffen wurde.

Neben den politischen Gebilden konnte auch anderweitig ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt werden: Bis zur Reformation verband die Religion, das Christentum, die Menschen. Anfänge einer europäischen Identität zeigten sich im 18. Jahrhundert.

[...]


[1] vgl. Weidenfeld 2002:16

[2] vgl. Liebsch 2000: 66f.

[3] Weidenfeld 2002:16

[4] vgl. Loth 2002: 7

[5] vgl. Weidenfeld 2002:17

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640796823
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164519
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
EU Europäische Union EU Erweiterung Finalität der EU Erweiterung Europa Grenzen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: EU Finalität - EU Erweiterung