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Die Processability Theorie nach Manfred Pienemann

Unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Erwerbssequenzen bei dem Erwerb der Stellung des finiten Verbs und die Diskussion um die deutsche Inversion nach Erwin Tschirner

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von den Ausgangspunkten der Theorie hin zu der Theorie
2.1. Die ZISA Studie
2.1. Die Lexical Functional Grammar
2.2. Das Modell der Sprachproduktion von Levelt

3. Die Erwerbsstufen der Processability Theorie
3.1. Die Erwerbssequenzen nach Manfred Pienemann
3.2. Die Erwerbssequenzen zum Erwerb der Stellung des finiten Verbs im Deutschen

4. Inversion im Deutschen als Streitpunkt zwischen Pienemann und Tschirner
4.1. Pienemanns Forschungsuntersuchungen zur deutschen Inversion
4.2. Tschirners Forschungsuntersuchungen zur deutschen Inversion

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

„The learner cannot acquire what he/she cannot process“ (Pienemann 1998, S.87). Aus dieser Grundüberlegung heraus entwickelte Manfred Pienemann seit den 1980er Jahren eine Fremdsprachenentwicklungstheorie, welche die psycholinguistische Verarbeitbarkeit sprachlicher Strukturen auf der Grundlage unterschiedlicher Erwerbsstufen zu erklären versucht: die Processability Theorie (vgl. Meerholz-Härle & Tschirner 2001, S.1). Innerhalb dieser Erwerbsstufen werden die einzelnen Sequenzen beschrieben, in denen sich die prozeduralen Fähigkeiten eines Lerners beim Fremdspracherwerb entwickeln. Spracherwerb wird in der Processability Theorie als ein Prozess der Automatisierung von linguistischen Abläufen verstanden (vgl. Pienemann 1998, S. 5). Pienemann ist der Überzeugung, dass der Lerner nur in der Lage ist, die linguistischen Formen einer Fremdsprache zu verstehen und wiederzugeben, die sein Sprachprozessor verarbeiten kann (vgl. Pienemann 2007, S.137). Mit diesem Ausgangspunkt bietet die Processability Theorie für den Fremdsprachenunterricht verschiedene Ansatzpunkte für den Aufbau und die Didaktisierung des Fremdsprachenunterrichtes. Mit Hilfe der Processability Theorie wurde ein System geschaffen, welches die hierarchische Entwicklungslaufbahn für den Fremdsprachenerwerb aller Sprachen vorherzusagen versucht (vgl. Pienemann 2007, S.138).

Pienemann entwickelte seine Processability Theorie vom Multidimensionalen Modell über die Teachability Theorie. Das Multidimensional Modell des Spracherwerbs wurde von Clahsen, Meisel und Pienemann auf Grundlage einer Langzeitstudie entwickelt und beinhaltet ein zweidimensionales Modell mit einer Entwicklungs- und Variationsdimension (vgl. Klein Gunnewiek 2000, S.18). Für weitere Ausführungen zum Multidimensionalen Modell vergleiche Pienemann 1998, Seite 48 und Edmondson & House 2000, Seite 166-168. In der Teachability Theorie arbeitete Pienemann die Aspekte der Lehr- und Lernbarkeit der Erwerbssequenzen heraus. „The 'teachability hypothese’ (...) predicts that stages of acquistion cannot be skipped through formal instruction and that instruction will be beneficai if it focuses on structures form ‘next stage’“ (Pienemann 1998, S.13). Pienemann stellte als didaktische Konsequenz die Forderung auf, dass der ideale Fremdsprachenunterricht auf die überindividuellen Entwicklungsstufen abgestimmt sein muss und diese bei der Entwicklung eines Curriculums zu berücksichtigen sind (vgl. Aguado 2008, S.54; Edmondson & House 2000, S.169-170). Für weitere Ausführungen vergleiche ebd. und Pienemann 1998, Seite. Mit der Weiterentwicklung seiner Theorien sowie durch Einbeziehung der Lexical Functional Grammar und Levelts Modell der Sprachproduktion schafft Pienemann eine Begründung für seine Hierarchie der Erwerbsstufen.

Zu Beginn der Arbeit werden die Ausgangspunkte der Theorie unter besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Processability Theorie vorgestellt. Dafür wird sowohl auf die ZISA Studie als empirische Grundlage als auch auf die Lexical Functional Grammar und das Modell der Sprachproduktion von Levelt als theoretische Grundlagen eingegangen. Im Anschluss daran werden die universellen Erwerbssequenzen der Processability Theorie aufgezeigt. Im Zentrum der Arbeit stehen dabei die Erwerbssequenzen den Erwerb der Stellung des finiten Verbs im Deutschen betreffend. In einem letzten Teil der Arbeit wird die Problematik der Erwerbsstufe der Inversion im Deutschen unter besonderer Berücksichtigung der Forschungsergebnisse von Erwin Tschirner diskutiert. An diesem Punkt der Arbeit soll festgestellt werden, inwieweit die Processability Theorie Erklärungen und Vorhersagen zum Spracherwerb treffen kann und wo sie an ihre Grenzen stößt.

2. Von den Ausgangspunkten der Theorie hin zu der Theorie

2.1. Die ZISA Studie

Das in den 1980er Jahren in Wuppertal angesiedelte Forschungsprojekt um Jürgen Meisel, Harald Clashen und Manfred Pienemann untersuchte den ungesteuerten Erwerb des Deutschen als Zweitsprache von Muttersprachlern romanischer Sprachen (vgl. Kleinknecht 2006, S.12). Die Untersuchungen der sogenannten ZISA-Gruppe („Zweitsprachenerwerb italienischer und spanischer Arbeiter“) bezogen sich hauptsächlich auf den Erwerb syntaktischer Strukturen im mündlichen Sprachgebrauch des Deutschen. Die ZISA-Gruppe schlussfolgerte letztendlich, dass bestimmte syntaktische Strukturen in einer feststehenden Reihenfolge erworben werden, was zur Postulierung einer sechsstufigen implikationell geordneten Erwerbshierarchie der deutschen Wortstellung führte (vgl. ebd.). Darüber hinaus stellte die Gruppe um Pienemann fest, dass es bezüglich einiger sprachlicher Merkmale eine beträchtliche Variation zwischen den Lernern gab. Diese Forschungsergebnisse der ZISA- Gruppe wurden bei der Entwicklung des Multidimensionalen Modells in der Entwicklungs­und Variationsdimension berücksichtigt und weiter vertieft. Vergleiche für weitere Ausführungen zum Multidimensionalen Modell Pienemann 1998, Seite 48; Edmondson & House 2000, Seite 166-168. Die Autoren der ZISA-Gruppe haben einen wichtigen Beitrag zur Untersuchung von Erwerbsreihenfolge syntaktischer Strukturen geleistet und liefern für die Processability Theorie die empirische Grundlage.

2.1. Die Lexical Functional Grammar

Die Lexical Functional Grammar ist ein Konzept der inkrementellen Sprach Verarbeitung, welches Ende der 1970er Jahre von J. Bresnan und anderen entwickelt wurde und gehört zu den Unifikationsgrammatiken (vgl. Pienemann 1998, S.93). „Lexical-Functional Grammar (...) is a deliberate attempt at designing a theory of grammar that represents linguistic knowledge AND is in line with cognitive features of language processing“ (Pienemann 1998, S.72). Die Theorie unterliegt der Annahme, dass Grammatiken lexikalisch angetrieben werden und dass eine funktionale Annotierung von Phrasen (Satzgliedern) stattfindet (vgl. Pienemann 2002, S.9). Darüber hinaus sieht sie die Unifikation von lexikalischen Merkmalen (feature unification), d.h. das Angleichen grammatischer Informationen inner- und außerhalb von Phrasen, als einen wesentlichen Prozess der Sprachgenerierung an (vgl. Pienemann 2007, S.142). „The feature unification is one of the main characteristics of Lexical-Functional Grammar“ (Pienemann 1998, S.91). Dieser Transfer und Abgleich von grammatischen Informationen findet auf der consituent structure statt. In Form von Lemmatas werden im mentalen Lexikon neben den Wortbedeutungen auch die dazugehörigen grammatischen Informationen eines Wortes gespeichert. Diese grammatischen Informationen beinhalten die Wortklasse, die grammatischen Kategorien, die Valenz als auch Angaben über die Flektion des Wortes (vgl. Pienemann 1998, S.92). Neben dem Lexikon und der consituent structure besteht der Sprachverarbeitungsprozess aus der functional component. „The functional component (...) complies for every sentence all the grammatical information needed to interpret the sentence semantically“ (Pienemann 1998, S.93). Siehe für weitere Ausführungen bezüglich der consituent structure, der functional component und der unification Pienemann 1998, ab Seite 93. Darüber hinaus beinhaltet die Lexical Fuctional Grammar das Lexical Mapping, welches die Struktur der Satzglieder zueinander herstellt. Diese Struktur besteht aus universellen Einheiten, wie Subjekt, Prädikat und Objekt und ist sprachenspezifisch geregelt. Für weitere Ausführungen zum Lexical Mapping siehe Pienemann 2007, ab Seite 143.

Pienemann stützt seine Processability Theorie auf die Lexical Functional Grammar, da letztere zum einen die drei oben beschriebenen Haupteigenschaften mit dem prozeduralem Ansatz der Sprachgenerierung von Kempen und Hoenkamps gemeinsam hat, welcher sich in gewissem Maße mit dem Modell der Sprachproduktion von Levelt überschneidet (vgl. Pienemann 2007, S.4/9). Demzufolge ist die Lexical Functional Grammar mit dem zweiten wichtigen Ausgangspunkt der Processability Theorie dem Modell der Sprachproduktion von Levelt sehr gut kompatibel. Zum anderen ist die Lexical Functional Grammar nötig um die aufgestellte Erwerbshierarchie, welche für den Spracherwerb aller Sprachen universell gültig sein soll, für die grammatischen Strukturen aller Einzelsprachen zu interpretieren (vgl. Pienemann 2007 S.9; Pienemann 1998, S.72). Mit Hilfe der Lexical Functional Grammar können Vorhersagen über den Lernprozess des Fremdsprachenerwerbs bezüglich semantischen Kasus und syntaktischen Funktionen gemacht werden, welche auf die Besonderheiten der Beziehungen zwischen semantischen Kasus und syntaktischen Funktionen einer Sprache basieren.

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Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640796151
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164475
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Herder-Institut
Note
1,1
Schlagworte
Deutsch als Fremdpsrache Processability Theorie Manfred Pienemann Erwin Tschirner Erwerbssequenzen Inversion

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Titel: Die Processability Theorie nach Manfred Pienemann