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Hybridität und Körper in Frida Kahlos "Henry Ford Hospital"

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt:

1 Einleitung

2 Globalisierung als Auslöser für einen neuen Wissenschaftsbegriff

3 Das Konzept der Hybridität

4 Intermedialität - Surrealismus und Bedeutung des mexikanischen Surrealismus

5 Biografisches

6 Mexikanische Revolution, Kommunismus und die Kunst

7 Retablos - Votivbilder: Ursprung-Geschichte

8 Bildbeschreibung Henry Ford Hospital

9 Interpretation
9.1 Bedeutung der sechs Elemente
9.2 Interpretation der Selbstdarstellung in Henry Ford Hospital
9.3 Körper
9.4 Mythologische und christliche Motive

10 Schluss

1 Einleitung

„Tengo suerte de gato, pues no me muero tan facilmente"1 schrieb Frida Kahlo an Doktor Eloesser nachdem sie 1932 ihr Kind in Detroit verloren hatte. Wie so oft spiegelt es Frida Kahlos unerschütterlichen Lebenswillen in vielen herausfordernden Situationen wider, die sie zeitlebens gemeistert hat und meistern musste. Indem sie in ihren Werken ihre ganz persönliche Welt darstellte, wie sie sie selbst sah, gelang es schon vor dem Aufkommen des wissenschaftlichen Feminismus, den Theorien der Identitätskonstruktion und der postkolonialen Hybridität, diese in ihren Bildern auszusprechen, ohne es explizit zu wollen. Im Laufe ihres Lebens schuf Frida Kahlo weniger als 150 Bilder, in denen sich die Widersprüche der menschlichen Existenz, ihrer eigenen Identität und die historischen Umstände widerspiegeln. Neben ihren vielen, sich verändernden Identitäten als Frau (Ehefrau, Mutter, Tochter, la Llorona, la Malinche), als Mexikanerin mit europäischen und indigenen Wurzeln und ihrer Verbundenheit mit einem unabhängigen, postrevolutionären Mexiko werden in ihren Bildern vor allem nationale, religiöse, kulturelle Themen und die Natur dargestellt. Durch den Bezug zur Kultur und Religion der Azteken einerseits und der politischen Realität Mexikos andererseits, stellen Paradoxien wie Leben und Tod, männlich und weiblich oder alt und modern für sie keine großen Widersprüche dar. Ohne größere Probleme kann Frida Kahlo sie in ihren Werken miteinander vereinen. Später kommen noch Elemente fernöstlicher Religionen, wie dem Buddhismus, Taoismus und Hinduismus hinzu (Dexter 2005:12), wie es sehr deutlich im 1946 entstandenen Gemalde „Der kleine Hirsch" zu Tage tritt. Zunachst wird sich diese Arbeit mit der Theorie einer transversalen Wissenschaft auseinandersetzen, danach auf die Konzepte der kulturellen Hybridität und Intermedialität am Beispiel des Surrealismus eingehen, hier im Besonderen auf die Bedeutung des mexikanischen Surrealismus. Nach einem kurzen, biografischen Abriss wird sich diese Arbeit mit dem im Jahr 1932 entstandenen Gemälde Henry Ford Hospital befassen, das, zusammen mit anderen im selben Jahr entstandenen Gemälde, aufgrund der erfahrenen Schicksalsschläge einen tiefen Einschnitt und eine künstlerische Wende im Leben der Frida Kahlo darstellen.

2 Globalisierung als Auslöser für einen neuen Wissenschaftsbegriff

Infolge der postmodernen Diskussion sind die Geisteswissenschaften seit Mitte der 1980er Jahre in eine vermeintliche Krise geraten. Damit die Geisteswissenschaften in der heutigen Zeit der Globalisierung ihrem Anspruch gerecht werden, eine sich kritisch mit relevanten Themen auseinandersetzende Wissenschaft zu sein, müssen sie neu definiert und strukturiert werden (de Toro 2004:2). Dieser Paradigmenwechsel hängt primär mit der starken Veränderung des Vernunft Konzepts seit den Russischen Formalisten bis hin zum Poststrukturalismus zusammen, das ,,[...] die Basis furjeden Wissenschaftsbegriff, jede Theorie und Disziplin bildet". (de Toro 2004:3) Auch wenn, wie de Toro konstatiert, die Globalisierungsprozesse schon mit der Renaissance begannen, so ist ihr heutiges Ausmaß ohnegleichen: sowohl das Tempo, die Menge der Informationen die einer jeder Person zugänglich sind, sowie deren permanente Umfunktionierung, sind immens groß und unüberschaubar. (de Toro 2004:2)

Aus diesem Grund plädiert de Toro für die Anwendung eines transversalen Wissenschaftskonzepts, das sich durch seine Transdisziplinarität, Transkulturalität und Transtextualität auszeichnet. Der Begriff transversale Vernunft selbst wurde vom deutschen Philosophen Wolfgang Welsch 19962 geprägt und von Alfonso de Toro auf die Kulturtheorie und Literaturwissenschaft übertragen, wo er besonders in den Vereinigten Staaten und Lateinamerika breite Akzeptanz und Anwendung findet (Heidemann/ de Toro 2006:11). Darunter ist folgendes zu verstehen: der transdisziplinäre Ansatz bedeutet einen Rückgriff auf Modelle verschiedenster geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen, um eine Fragestellung befriedigend zu erläutern, wie zum Beispiel den Theaterwissenschaften, der Anthropologie oder der Geschichtswissenschaft. Kanonische Ansätze wie die einer Nationalliteratur sind einer modernen Wissenschaft nicht dienlich, denn „Theorien definieren sich nicht mehr innerhalb der Disziplinengrenzen, sondern auBerhalb ihrer Grenzen, in einem „dritten, nomadischen Raum, der sich immer von neuem, je nach objekt-bezogenen, pragmatischen, ortlichen und intentionalen Erfordernissen konstituiert." (de Toro 2004:7). In die Kategorie der Transkulturalitat fallen kulturelle Modelle, „die nicht nach Ausgangskultur oder eigener Identitat generiert werden" (de Toro 2004:31). Das heifit, jene Ansatze, die Kultur als eine Überlagerung verschiedenster Kulturen begreifen und ein in sich heterogenes Gebiet darstellen. Diese Überlagerung von Kulturen ist im lateinamerikanischen Kontext nicht nur ein aufierst produktiver, sondern auch identitatsstiftender Prozess. Dabei meint ,, ,Transkulturalitat' weder ,Verlust' noch ,Ausloschung' des Eigenen noch einen egalisierenden Endzustand [...], sondern einen nicht abschliefibaren hybriden Prozess [...]" (de Toro 2004:32). Die Transtextualitat ist durch Kommunikationsprozesse zwischen den verschiedenen Kulturen und ihren Teilsystemen gekennzeichnet, die in einer Umschreibung, einer Neudefinition, derselben gipfelt.

3 Das Konzept der Hybridität

De Toro erweiterte das transversale Wissenschaftskonzept um drei weitere Bereiche, nämlich die der Hybridität, der Transmedialität und den Körper, die kurz erläutert werden sollen. Die Hybridität im Bereich der Kulturtheorie geht davon aus, dass jegliche Vorstellungen einer reinen, unvermischten und monolythischen Kultur utopisch sind. Alle Kulturen sind in ihrem Wesen aus anderen, sich miteinander vermischenden Kulturen entstanden.

Ein solches Verstandnis weitgehend eigenstandiger, „reiner" Kulturen steht im Widerspruch zur realen Entwicklung, nach der alle Kulturen ein Produkt des Austausches von Ideen, Dingen und Menschen, Ergebnisse von Wanderungs- und Migrationsprozessen sind. Alle Kulturen sind in ihrem Ursprung multikulturell, weil sie aus einem Zusammenfließen verschiedener Kulturen entstanden sind, auch wenn eine nationalstaatliche Homogenität behauptet wird. (Röbke/Wagner 2003:31)

„Reine" Kulturen sind also nicht realisierbare Vorstellungen, die aus nationalen Ideologien hervorgegangen sind. Aus diesen resultiert nämlich die Annahme, dass Kulturen etwas Festes sind, die mit einem Gebiet und den dort lebenden Menschen eng verknüpft sind. Im Gegensatz dazu müssen Kulturen aber als „hybrid", also zwischen den Kulturen verstanden werden. Denn Hybridisierungen entstehen besonders an den Rändern von Kulturen, also dort wo es Überlappungen, Übergänge und Schnittstellen zwischen verschiedenen Kulturen gibt, so dass neue kulturelle Formationen entstehen können (de Toro 2004:33).

Diese sind identitätsstiftend, befinden sich die Individuen in einem dritten Raum, einem „intersticial space", in dem genau durch dieses Pendeln zwischen verschiedenen Welten eine neue, hybride Identität geschaffen wird. Sie lebt von der Differenz beider Welten und bildet damit einen produktiven Rahmen. De Toro klassifiziert sich durch ihre Funktionen unterscheidende sieben Ebenen der Hybridität: epistemologische, wissenschaftstheoretische, kulturtheoretische, transmediale, urbane, technologische Kategorie, dazu kommt die Körper- Kategorie, um damit sowohl den Begriff zu verorten als auch seine Anwendungsbereiche einzugrenzen (Heidemann/ de Toro 2006:11). In dieser Arbeit soll im Kontext der mexikanischen Kultur auf die Künstlerin Frida Kahlo eingegangen werden, deren Werke als Produkte hybrider Körperstrategien und transmedialer Prozesse verstanden werden können.

4 Intermedialität - Surrealismus und Bedeutung des mexikanischen Surrealismus

Weder die eine Literatur noch die eine Geschichte als nationale Entitäten zu betrachten, sondern sie zu vernetzen, zu entgrenzen, wo sie sich in einem intermedialen Zwischenraum zu etwas Neuem, Hybriden zusammenfügen ist das Ziel einer transversalen Wissenschaft. Der Vielzahl historisch-nationaler Diskurse fehlt eine neue, hybride, transnationale und intermediale Perspektive. (Felten 2004:254). In dieser Hinsicht bildet der Surrealismus auch im Zeitalter der Globalisierung ein relevantes ästhetisches Konzept der Moderne, mit dessen Hilfe die aktuellen Medienumbrüche und grundlegenden Veränderungen im Umgang mit Künsten analysiert werden kann. (Roloff 2004:13)

Man kann daher den europäischen Surrealismus, der in der 20er Jahren in Frankreich und Spanien seine spektakulärsten Wirkungen erreicht, als Paradigma der Medienumbrüche des 20. Jahrhunderts und der Entwicklung neuer Konzepte der Intermedialität und Hybridisierung ansehen [...]. (Roloff 2004:13) Der mexikanische Surrealismus der 1930er Jahre hatte eine Vorreiterposition weltweit inne. Im Mexiko der 1930er Jahre fand bereits das statt, was heute im Zeitalter der neuen Medien ständig passiert: In Mexiko trafen schon damals verschiedene europäische und indigene Einflüsse aufeinander, welche in einen Dialog miteinander traten und damit ein kreatives Schaffen ermöglichten. In dem die verschiedenen Kulturen sich überlappen, wurden neue kulturelle Formen geschaffen. Die mexikanischen Künstler der Zeit hatten meist eine Zeit in Europa studiert und kamen dann zurück nach Mexiko, das in dieser Zeit durch die Revolution und das Schaffen einer einheitlichen Nation geprägt war. In ihren Werken verschmelzen verschiedene kulturelle Einflüsse zu einem neuen Ganzen An dieser Stelle soll nun kurz auf den Surrealismus als eine anfangs des 20. Jahrhunderts entstandene Avantgardebewegung eingegangen werden. Der aus dem Dadaismus hervorgehende Surrealismus entstand unter diesem Namen im Paris der 1920er Jahre. Sein prominentester Vertreter war André Breton, der 1924 die „surrealistischen Manifeste" verfasste, die die Grundlage des Surrealismus bildeten. Dabei kam es darauf an, seine Gedanken möglichst intuitiv mündlich oder schriftlich auszudrücken, ohne dabei von der Vernunft kontrolliert zu werden. Ästhetische und ethische Fragestellungen sollten beim künstlerischen Schaffen außen vor bleiben. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei das Unbewusste in kreativer Tätigkeit, so wird zum Beispiel der Traum als eine der wichtigsten Quellen kreativen Schaffens angesehen. Ziel war es, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern, und mit europäischen, kulturellen Traditionen zu brechen. Ungeachtet dieser Öffnung für das Fremde war die Betrachtungsweise stark eurozentristisch, den jeglicher Erklärungsansatz ging von der ohnehin überlegenen europäischen Kultur aus (Felten 2004:254). Auf diese Art und Weise wurden etablierte Institutionen der Kunst und Gesellschaft in Frage gestellt und Raum für neue Passagen geschaffen (Roloff 2004:14). Damit einher ging ein Interesse am Fremden und am Umkehren der Blickrichtungen. Unter all den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts hat der Surrealismus keineswegs an Aktualität verloren; die surrealistische Bewegung blieb nicht auf den engen Kreis der französischen und spanischen Künstler um Breton beschränkt. Vielmehr beeinflusste der Surrealismus aufgrund seiner zahlreichen Auspragungen (oder auch „Spielformen" (Roloff 2004:7)) nach dem 2.Weltkrieg Orte, die durch interkulturellen Austausch und kulturelle Überlagerungen geprägt sind.

[...]


1 Herrera, Hayden (2004:188)

2 Welsch, Wolfgang (1996). Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt: Suhrkamp.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640792047
ISBN (Buch)
9783640791378
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164304
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Frida Kahlo Transmedialität Transversalität Hybridität Transtextualität Kategorie des Körpers Henry Ford Hospital Surrealismus Kulturwissenschaften Romanistik Körperdarstellung Hybriditätstheorie Mexiko

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