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Der Zauber der Ferne: Interkulturalität und Indienbezug bei Hermann Hesse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.1) Hesses biographischer Indienbezug und die frühkindliche Prägung
2.2) Die Rolle der Religionen im Indien-Werk Hermann Hesses

3.1) Das Verschmelzen westlichen und östlichen Gedankengutes und der Wandel des Indienbildes bei Hesse
3.2.1) Die Rezeption Hesses in Fernost
3.2.2) Interkulturelles Vorgehen Hesses

4.1) Der Bezug der Person Hesse zur Figur des Siddhartha
4.2) Erkenntnisse und Resultate von Hesses Indienreise

5.) Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Hesses indische Dichtung „Siddhartha“ gilt zweifelsohne als Klassiker der deutschen Literatur, der seit seiner Veröffentlichung bis heute weltweit gelesen wurde und wird. Auch in manch anderen seiner Publikationen und Werke findet sich die Beschäftigung des Autors mit Asien und speziell Indien wieder.

Doch inwieweit trifft der Westeuropäer Hesse, aufgewachsen im Baden-Württembergischen Calw, mit seinen Erzählungen tatsächlich oder überhaupt das asiatische Verständnis von Glaube und Erleuchtung? Bleibt das ihm geographisch und kulturell Fremde fremd, oder – und wenn ja, wie – schafft es Hesse, dem Anspruch der Plurikulturalität gerecht zu werden? Ist sein Indienbild größtenteils gar nur selbst erschaffene Fiktion, und bestenfalls durch Reiseberichte an der Realität orientiert wie etwa Karl Mays Vorstellungen von fremden Ländern? Wie wurde Hesses Werk in dem asiatischen Kulturkreis rezipiert, in dem es spielt? Woher stammen überhaupt seine Kenntnisse, die Begeisterung für Fernost und insbesondere Indien, welche biographischen Fakten und Ereignisse spiegeln sich in seiner Indienrezeption wieder, und welche Voraussetzungen ermöglichten es ihm, ein derart detailliertes und facettenreiches Kaleidoskop indischer Philosophie- und Religionsströmungen zu kreieren?

Diese Fragen will die vorliegende Hauptseminararbeit erläutern und aufarbeiten.

Dabei soll der „indischen Dichtung“ Hermann Hesses, „Siddhartha“, ein besonderes Augenmerk eingeräumt werden, da sie, wie schon der Titel nahe legt, im indischen Kulturkreis angesiedelt ist. Untersucht werden dabei sowohl die Darstellungen verschiedener Aspekte innerhalb der Erzählung wie auch deren kritische Betrachtung und Rezeption, auch und insbesondere in Fernost selbst. Neben dem „Siddhartha“ werden auch andere Werke Hesses mit indischem Gedankengut oder Relation ebenso zur Untersuchung der obigen Fragestellungen herangezogen wie Stationen aus seinem Leben und biographische Fakten, um die genannten Problemstellungen in der vorliegenden Hausarbeit zu erörtern.

2.1 Hesses biographischer Indienbezug und die frühkindliche Prägung

„Unausgeglichenheiten, Gebundenheiten an ein Milieu der Herkunft, Anstrengungen, sich zu befreien, zu sich selbst zu finden, Weltflucht und schmerzhafte Auseinandersetzung mit Lebenskonflikten, dies alles aktualisiert sich bei der Lektüre“[1] so Peter Weiß zur Rezeption von Hesses Romanen. Geht man der Frage nach, ob sich diese Punkte auch in Hesses Umgang mit Indien wiederspiegeln, stößt man in seinem kurzen Buch „Kindheit des Zauberers“ auf einige Antworten. In der „Kindheit des Zauberers“, von Hesse selbst als autobiographischer Roman bezeichnet, heißt es:

„[...] der Gott Pan, welcher [...] im Glasschrank meines Großvaters stand [...] und noch andre, haben sich meiner Kinderjahre angenommen und haben mich, lange schon ehe ich lesen und schreiben konnte, mit morgenländischen, uralten Bildern und Gedanken so erfüllt, daß ich später jede Begegnung mit indischen und chinesischen Weisen als eine Wiederbegegnung, als eine Heimkehr empfand. Und dennoch bin ich Europäer [...].“[2]

Dieser Auszug lässt erkennen, dass Hesse schon früh eine Affinität zu Indien entwickelt hat. Das scheinbar Fremde kam ihm dank seiner Begegnung damit bereits in jungen Jahren gar nicht so fremd, sondern vertraut vor, was auch der Grund ist, warum es ihm bei seiner späteren Schriftstellertätigkeit leichter fiel, sich dem neuen Kulturkreis zu öffnen. Zwar darf man nicht alle Elemente der Erzählung „Kindheit des Zauberers“ als tatsächliche Jugenderlebnisse Hesses ansehen, denn einiges ist schlicht erfunden: Neben der phantastischen Gestalt des „kleinen Manns“ ist auch das Geburtsdatum, dass er angibt, falsch. Hesse wurde keineswegs wie er dort schreibt „Im Zeichen des Schützen“, also November / Dezember, sondern vielmehr am 2. Juli 1877 in Calw geboren.

Dennoch darf aufgrund der Biographie seiner Eltern und vor allem Großeltern davon ausgegangen werden, dass die beschriebenen Einrichtungsgegenstände und Erfahrungen vom jungen Hesse im Haus des Großvaters mit Indien grundsätzlich wie beschrieben stattgefunden haben und vorhanden waren. Diese kurze Erzählung ist somit bereits ein guter Indikator auf die Frage nach dem Grund für Hesses starkes Interesse an Fernost. Auffällig ist, dass Hesse als Kind relativ unvoreingenommen an neue Erfahrungen herangeht. Die fremdartige Darstellung indischer Gottheiten mit mehreren Armen und Beinen schreckt ihn keineswegs ab. Zu der Götzenfigur schreibt er:

„[...] hinter seiner Form, hinter seinem Gesicht und Bild wohnte Gott, weste das Unendliche, das ich damals [...] nicht minder verehrte und kannte als später, da ich es Shiva, Vishnu, da ich es Gott, Leben, Brahman, Atman, Tao oder ewige Mutter nannte.“[3]

Ansichten, die in ihm bei seiner späteren schriftstellerischen Beschäftigung mit Indien noch immer verwurzelt sein sollten: „Die Wurzeln reichen jedoch tiefer als in das Erlebnis einer Reise. Geist des Ostens wehte in der Luft des Elternhauses. Die Mutter, als Missionarstochter in Vorderindien geboren, [...] Ihr Vater, des Dichters Großvater, war ein bedeutender Orientalist.“[4]

Die Tatsache dieser Prägung gibt Hesse selbst ebenfalls unumwunden zu. So heißt es bei Neiss: „Von seiner eigenen Beschäftigung mit indischer und chinesischer Literatur erzählt Hesse in der kleinen Schrift „Eine Bibliothek der Weltliteratur“: Daß mein Glaube in dem Buch ‚Siddhartha’ einen indischen Namen und ein indisches Gesicht hat, ist kein Zufall. [...] Ich habe das geistige Indertum ganz, ebenso von Kind auf, eingeatmet und miterlebt wie das Christentum.“[5]

Diese frühe interkulturelle Prägung seitens seiner Umgebung in Kindertagen hat sicherlich dazu beigetragen, dass Hesse Indien und Fernost offener und interessierter gegenüberstand, als dies zu seiner Zeit beim gemeinen westlichen Bürger der Fall war. „Ihm kam ohne Zweifel zugute, daß er durch die Eltern, mehr aber noch durch den jahrzehntelang auf dem Subkontinent missionierenden Großvater mütterlicherseits, mit der Geisteswelt, Atmosphäre und den Verhältnissen Indiens von früh an vertraut war.“[6] Insbesondere der Großvater spielt dabei, wie auch in der „Kindheit des Zauberers“ von Hesse selbst erwähnt, eine tragende Rolle. „[...] Hermann Gundert, der zahlreiche indische Dialekte fließend sprach und das erste indisch-deutsche Lexikon zusammenstellte, öffnete dem Heranwachsenden seine Bibliothek.“[7]. Auch Hesse selbst war sich dieser Tatsache durchaus bewusst, schrieb er doch rund zehn Jahre nach Erscheinen der indischen Dichtung, er habe „[...] das geistige Indertum ganz ebenso von Kind auf eingeatmet und miterlebt wie das Christentum.“[8]

Dass Hesses offenes und interessiertes Verhältnis zu Indien stark durch das Familienumfeld geprägt wurde, erwähnt auch Winter in seinem Buch zur Indien-Rezeption in Bezug auf Hesses Großvater. „Hermann Gundert hat noch heute einen Namen in der Indologie als Verfasser des großen Malayam-Wörterbuchs [...] er las nicht nur Sanskrit, sondern sprach es auch fließend mit Hindupriestern [...] Im Gundertschen Haus gab es einen Schrank mit indischen Sachen, kleinen Krischnabildern und Kostümfiguren [...]. Es ist die Welterfahrenheit und Toleranz des Großvaters Gundert gewesen, die Hesse selbst als entscheidenden Anstoß für sein frühes Interesse an den Kulturen des Orients genannt hat [...].“[9]

Viele dieser tatsächlichen Einflüsse findet man auch in der erwähnten „Kindheit des Zauberers“ Hesses wieder, ein Beleg dafür, dass die Berührung mit Teilen der indischen Kultur bereits in der Kindheit durchaus prägend für den Autor waren. Insbesondere die erwähnte Toleranz hat der Großvater dem Enkel – Gundert starb, als Hesse 16 Jahre alt war – mitgeben können, ein weiterer Grund dafür, dass es ihm tatsächlich möglich war, ein von negativen Vorurteilen freies Herangehen an Indien realisieren zu können. Dass dies durchaus nicht unbedingt eine generelle Strömung zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, zeigt nebenbei bemerkt beispielhaft unter anderem das faschistisch geprägte Indienwerk eines Hanns Ewers.

2.2 Die Rolle der Religionen im Indien-Werk Hermann Hesses

Anders wäre es Hesse wohl auch nicht möglich gewesen, den Nerv dieser Kultur so treffend zu finden, wie es ihm im Siddhartha gelang. Insbesondere bezogen ist dies auf die Darstellung der religiösen Erfahrungswelten. Hesse selbst erklärt seine Faszination und Begeisterung für die asiatische Religionswelt, auf die er in diversen Artikeln und Werken eingeht, mit einer Ablehnung der westlichen Form des christlichen Kirchentums. Nicht jedoch der christlichen Religion an sich, auf deren Wirken bei Hesse an späterer Stelle eingegangen werden soll:

„Im Vergleich mit diesem so eng eingeklemmten Christentum, diesen meist so langweiligen Pfarrern und Predigten, war freilich die Welt der indischen Religion und Dichtung weit verlockender. Hier bedrängte mich keine Nähe [...] ich konnte die ersten Botschaften, die mich aus der indischen Welt erreichten, ohne Widerstände in mich einlassen, und sie haben lebenslang nachgewirkt.“[10]

Offensichtlich jedoch nicht nur die indischen, sondern auch die chinesischen, immerhin spielt gerade der „Siddhartha“ ja auch mit Elementen buddhistischer Erleuchtungslehre, wohingegen in Indien der Hinduismus die am weitesten verbreitete Religion ist. Gellner erklärt Hesses Verhältnis zu kirchlichen Vorgaben und Regeln folgendermaßen: „Hermann Hesse, dem durch den rigiden, pietistischen Traditionalismus [...] der „christliche Weg zu Gott“ regelrecht „verbaut“ worden war, ist dabei keineswegs stehen geblieben. Religions-, Christentums- und Kirchenkritik bedeuteten für ihn nicht Ablehnung von Religion und Christentum überhaupt! [...] [er] blieb dennoch zeitlebens auf der Suche nach einer ihm gemäßen Form [...].“[11]

So leuchtet es durchaus ein, dass Hesse sich anderen religiösen Ausrichtungen gegenüber offen zeigte, ohne sich definitiv festlegen zu wollen: „Ja, seine Asienfaszination machte ihn keineswegs blind für die Doppelgesichtigkeit aller Religionen.“[12]

Jedoch entstanden auch vor der Indienreise und damit auch vor „Siddhartha“ bemerkenswerterweise bereits zwei in Indien spielende Erzählungen, „Anton Schievelbeyn’s ohn-freywillige Reise nachher Ost-Indien“ sowie „Die Legende vom indischen König“. Bei ersterer steht vor allem das Christentum im Mittelpunkt und ist durchaus positiv belegt – hier ist Hesse offensichtlich noch in einer Lebensphase, in der „[...] er mehr passiv Indienkenntnis aufnahm, die er aber vor dem konkreten Erlebnis der indischen Welt noch nicht kritisch reflektiert, noch sehr in Vorstellungen der Mission befangen.“[13] Diesen Gedanken findet man in späteren Werken, in denen Hesse keine Religion als letztendlichen Weg ansieht, nicht mehr. Im Gegenteil wird der Hesse ebenfalls aus seinem familiären Umfeld bekannte Missionierungsgedanke nach der Indienreise im „Robert Aghion“ vom Protagonisten selbst als Überheblichkeit und Frechheit angesehen, als er sich der mannigfaltigen religiösen Strömungen innerhalb Indiens bewusst wird. Eine damit verbundene Feststellung trifft auch Ganeshan, der schreibt: „Die Missionare übernahmen deshalb für Hesse eine Tätigkeit, die keineswegs einer toleranten Haltung entsprach.“[14] Beim „Indischen König“ hingegen findet man bereits vor der Reise ebenfalls eine Mischung aus christlichen, hinduistischen und buddhistischen Themenkreisen und Motiven.

[...]


[1] Peter Weiß: Nachbemerkung. In: Hermann Hesse: Kindheit des Zauberers. Ein autobiographisches Märchen. Handgeschrieben, illustriert und mit einer Nachbemerkung versehen von Peter Weiss, Frankfurt am Main 1974, Seite 121.

[2] Hermann Hesse: Kindheit des Zauberers. Ein autobiographisches Märchen. Handgeschrieben, illustriert und mit einer Nachbemerkung versehen von Peter Weiss, Frankfurt am Main 1974, Seite 93.

[3] Hermann Hesse: Kindheit des Zauberers. Ein autobiographisches Märchen. Handgeschrieben, illustriert und mit einer Nachbemerkung versehen von Peter Weiss, Frankfurt am Main 1974, Seite 98.

[4] Edgar Neis: Demian Siddhartha Der Steppenwolf, Bayreuth 1977, Seite 34.

[5] Gotthilf Hafner: Siddharta – eine indische Dichtung. In: Edgar Neis: Demian Siddhartha Der Steppenwolf, Bayreuth 1977, Seite 34f.

[6] Hermann Hesse: Kindheit des Zauberers. Ein autobiographisches Märchen. Handgeschrieben, illustriert und mit einer Nachbemerkung versehen von Peter Weiss, Frankfurt am Main 1974, Seite 121.

[7] Franz H. Lequen: Hemann Hesse. Der Steppenwolf, Siddhartha. Zum Verständnis seiner Prosa, Bayreuth 1977, Seite 70.

[8] Ninon Hesse [Hg.]: Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen. Fortgesetzt und erweitert von Gerhard Kirchhoff, Frankfurt am Main 1978, Seite 70.

[9] Helmut Winter: Zur Indien-Rezeption bei E.M. Forster und Hermann Hesse, Heidelberg 1976, Seite 132 f.

[10] Franz H. Lequen: Hemann Hesse. Der Steppenwolf, Siddhartha. Zum Verständnis seiner Prosa, Bayreuth 1977, Seite 89.

[11] Christoph Gellner: Zwischen Indien, China und New Age: Hermann Hesse heute, Tübingen 1974, Seite 7.

[12] Ebd., Seite 7.

[13] Vridhagiri Ganeshan: Das Indienerlebnis Hermann Hesses, Bonn 1974, Seite 45.

[14] Ebd., Seite 52.

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640791071
ISBN (Buch)
9783640790777
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164295
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Schlagworte
Hesse Hermann Hesse Fernost interkulturell interkulturalität Indien siddhartha

Autor

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