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Diokletian und die Christenverfolgung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Motive und Ziele der Großen Verfolgung
2.1 Mögliche Ursachen
2.2.1 Eine misslungene Opferschau?
2.2.2 Vermutungen
2.2 Wahrscheinliche Ursachen und Ziele

3. Die Fragen nach dem Zeitpunkt

4. Das Rätsel um den Initiator

5. Die Folgen der Erlasse

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die diokletianische Christenverfolgung geht als die „Große Verfolgung“ in die Geschichte der römischen Kirche ein. Nero legte 64 n. Chr. die Saat für die Übergriffe gegen die Christen, welche sich in den nächsten Jahrhunderten schrittweise steigern sollten und schließlich in der systematischen Ausrottung des Christentums unter Diokletian kulminierten. Dass Diokletian bei seinen Maßnahmen bis dato beispiellos[1] den Abfall der Christen von ihrem Glauben und die Zerstörung des Christentums intendierte, ist in der Forschung weitestgehend unbestritten. Jedoch ergeben sich aufgrund der spärlichen Quellenlage und der von diversen Historikern angezweifelten Glaubwürdigkeit der Hauptquellen[2], etliche Unstimmigkeiten, die bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnten.

Der folgende Text versucht, die zentralen Fragestellungen und Problematiken der diokletianischen Christenverfolgung genauer zu beleuchten und diverse Herangehensweisen an die bis heute nicht eindeutig klargestellten Geschehnisse des ausgehenden 3. Jahrhunderts vorzustellen.

Hierbei dominiert das Rätsel um die Motive und Ziele der Maßnahmen, wobei sich die Darstellungsweisen des Sachverhaltes von bloßem Zufall des Beginns der Verfolgungen bis hin zur Absicht einer systematischen Ausrottung des Christentums erstrecken und reichlich Zündstoff in einer kaum noch zu überblickenden Diskussion um die diokletianische Christenverfolgung geben. Damit eng verbunden ist die Frage nach dem erstaunlich späten Zeitpunkt der Verordnungen gegen die Christen, die erst am Ende der Regierungszeit und kurz vor der Abdankung Diokletians und Maximians erlassen wurden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Urheberschaft der Verfolgungen und die Frage, ob Diokletian selbst als Initiator der folgenschweren Edikte verantwortlich gemacht werden kann, oder er vielmehr eine Marionette in den Machenschaften des Galerius, seines angeblich tollwütigen Caesaren des Ostens, war. In einem letzten Punkt wird schließlich auf die Auswirkungen der Verfolgung auf die Christen und die Durchführung der Erlasse im Reich kurz eingegangen. Weitere immer wieder thematisierte Streitpunkte unter den Historiker bilden außerdem die Glaubwürdigkeit des lateinischen Rhetoriklehrers und christlichen Apologeten Laktanz und der Vergleich der Aussagen mit Euseb, dem Vater der Kirchengeschichte, was im Folgenden zu gegebenem Anlass berücksichtig wird.

2. Motive und Ziele der Großen Verfolgung

Vor dem 19. Regierungsjahr des Diokletians hatte die Christenheit laut Überlieferung eine langanhaltende Blütezeit erlebt, während der es den Christen durchaus möglich gewesen war, höhere Staatsämter zu bekleiden, Provinzen zu verwalten und sich im kaiserlichen Dienste am Hofe zu beweisen, ohne dabei zwangsläufig an der Verehrung der heidnischen Götter teilzunehmen. Neben diesen Privilegien war es ihnen außerdem erlaubt, Kirchen zu errichten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich unmittelbar neben dem Palast in Nikomedien eine christliche Kirche befand, was ein sichtbares Zeichen dafür ist, dass sich das Christentum weitestgehend ungestört entfalten durfte.[3] Mit den Verordnungen des Diokletian, beginnend im Jahre 303, fand diese Freiheit ein jähes Ende. Der Augustus leitete damit ein über seine Regierungszeit weiterhin anhaltendes grausames Blutbad gegen die Christen ein. Historiker wundern sich zu Recht über die Motive und folglich auch über die Ziele dieser Verfolgung, denn selbst bei intensiver Beschäftigung mit der Thematik stellt sich immer wieder die Frage, was Diokletians Hass entflammte und ihn dazu veranlasste, das friedliche Zusammenleben mit den Christen zu beenden und plötzlich scheinbar willkürliche Maßnahmen gegen sie zu ergreifen.

2.1 Mögliche Ursachen

Laktanz, der sich als Augenzeuge präsentiert, hinterlässt der Nachwelt gemäß seiner Aussage in seinen Abhandlungen die Ursachen, das Vorspiel und den Ausbruch der Verfolgungen[4]. Diese darf man jedoch keineswegs als gegeben hinnehmen, sondern muss sie vielmehr einer genauen Betrachtung unterziehen. Somit ist bei der Beschäftigung mit Laktanz als auch bei Euseb zu bedenken, dass „wir zwar die Genese der christenfeindlichen Maßnahmen in ihrem äußeren Verlauf nachzeichnen können; aber über die tiefere Veranlassung im Unklaren sind“[5] und folglich eine Rekonstruktion des Anlasses und der Motive der Verfolgungen nur im Ansatz möglich sind und vielmehr Vermutungen als sichere Aussagen darstellen.

2.2.1 Eine misslungene Opferschau?

Laktanz beschreibt das Vorspiel der Verfolgungen mit einem Ereignis, das Historiker auf die Jahre 299/300 n. Chr. datieren.[6] Er behauptet, dass eine in Anwesenheit des Kaisers Diokletian durchgeführte Opferschau aufgrund der Bekreuzigung der christlichen Sklaven misslang und ihm dabei die Präsenz der Christen die erwünschte Zeichendeutung verwehrte. Dieser Vorfall habe den Augustus in eine derartige Rage versetzt, dass er die gesamte Palastanwohnerschaft zum Opfern zwang und brieflich befahl, dass auch Soldaten dies tun mussten und bei einer Verweigerung aus dem Heere entlassen werden sollten.[7] Im Gegensatz zu Laktanz erwähnt Euseb die Opferschau in keiner Weise, und das Groh der Forschung neigt dazu, ihm bezüglich der diokletianischen Christenverfolgungen mehr Glauben zu schenken. Frank Kolb spricht in seinem Aufsatz Laktanz sogar jegliche Glaubwürdigkeit ab und unterstellt ihm gezielte Geschichtsverfälschung und die Perversion der Realität, mit dem Ziel einer wirkungsvolleren Propaganda.[8] Dass die misslungene Opferschau und das anschließende Opfergebot nicht der Anlass eines religionspolitischen Kurswechsels sein konnten, meint Gunther Gottlieb mit der Tatsache zu untermauern, dass „ein solches Opfergebot durchaus früheren Gepflogenheiten in Notsituationen entsprach, daher etwas Außergewöhnliches, aber nichts Ungewöhnliches und schon gar nicht eine an sich bereits christenfeindliche Handlung (...) gewesen ist“[9]. Dagegen beschwert sich Schwarte, dass Laktanz meist restriktiv verwendet wird und es sich eingebürgert hat, die Aussagen des Laktanz als Supplement der Darstellungen Eusebs zu verwenden, was ihnen nicht gerecht wird.[10] Im Falle der Opferschau ist die Authentizität der Quellenaussage des Laktanz mangels Beweise gegen ihn nicht definitiv auszuschließen, jedoch wird er auch von keiner weiteren Quelle bekräftigt, was somit an der Historizität des Vorfalls zweifeln lässt.

Wenn auch Euseb die Opferschau nicht erwähnt, stimmt er dennoch mit Laktanz in dem Punkt überein, dass es ein Vorspiel zur eigentlichen Erlassung der Edikte gab, welches beim Heer und in der Beamtenschaft einsetzte und dies „als noch Frieden herrschte“[11]. Laktanz ist

darum bemüht, die fehlgeschlagene Opferschau als vorübergehende Episode und Zufall zu präsentieren, denn seine Schuldzuweisungen[12] bezüglich der gesamten Verfolgungen würden ein geplantes Vorgehen des Diokletian zu diesem Zeitpunkt nicht erlauben.[13] Möchte man dieser Argumentation Glauben schenken, so könnte man einen weiteren Gedankengang anführen, welcher die Frage nach der Historizität der Opferschau betrifft. Warum würde Laktanz eine misslungene Opferschau erfinden, bei der Diokletian als Urheber gilt, wenn er doch betonen möchte, dass eigentlich Galerius der Hauptverantwortliche ist? Die einzig plausible Antwort ist, dass der Hintergedanke jener war, Diokletian zwar die Kompetenz der Entscheidungsgewalt und eine aufbrausende Gemütsart zuzusprechen, um aber dann zu betonen, dass er dennoch relativ milde handelte und erst Galerius es einige Zeit später vermochte, ihn wieder anzustacheln.

Euseb sieht in den Verfolgungen im Heer und der Beamtenschaft den Auftakt eines schleichenden Prozesses, der dann in der Großen Verfolgung gipfeln sollte. Laut Euseb hat Diokletian sich nicht getraut, gegen das gesamte Christenvolk gleichzeitig vorzugehen, sondern konzentrierte sich zunächst einmal auf die Soldaten, in der Hoffnung, „die übrigen leicht in seine Gewalt zu bekommen“[14]. Euseb interessiert jedoch die Urheberschaft kaum[15], und somit sieht er sich nicht gezwungen, Diokletian in eine besseres Licht zu rücken und Galerius als Verantwortlichen zeichnen.

2.2.2 Vermutungen

Nach den anfänglichen Maßnahmen gegen die Christen vermerkt Laktanz, dass Diokletian zwar wütend und zornig gewesen sei, aber in den Folgenden Jahren „nec amplius quicquam contra legem aut religionem dei fecit“[16]. Erst im Jahre 303 n. Chr. nahm Diokletian die Waffen gegen die Christen wieder in die Hand. Laut Laktanz entschied sich Diokletian, angetrieben von Galerius, diversen Beratern und dem Apoll von Milet, gegen die Christen vorzugehen. Am 23. Februar 303 n. Chr., den „Terminalia“, eröffnete er den Kampf gegen die Christen mit der Zerstörung der Kirche in Nikomedien und der Verbrennung der Schriften, um dann am 24. Februar ein Edikt mit folgendem Wortlaut zu erlassen:

(...) ut religionis illius homines carerent omni honore ac dignitate, tormentis subiecti essent, ex quocumque ordine aut gradu venirent, adversus eos omnis actio valeret, ipsi non de iniuria, non de adulterio, no de rebus ablatis agere possent, libertatem denique ac vocem non haberent.[17]

Somit befahl er nach der Zerstörung der Kirchen und der Verbrennung der heiligen Schriften, dass Christen bei Bekennung zu ihrem Glauben alle Ämter und Würden verlieren sollten und beraubte sie gleichsam ihrer Rechtsfähigkeit. Diesem Edikt folgten weitere Erlasse[18], welche, gemäß Laktanz und Euseb, und hier nicht detailliert erörtert, die Inhaftierung und das Opfergebot der Kleriker und ein allgemeines Opfergebot zum Inhalt hatten.[19] Die Bedeutung und ihre Folgen für die Christen werden in einem weiteren Gliederungspunkt aufgezeigt.

Zahlreiche Forscher haben diverse Vermutungen über die Motive der diokletianischen Christenverfolgung geäußert.

Portmann stellt bei seiner Analyse unterschiedliche, von der Forschung aufgegriffene Möglichkeiten vor und versucht, einige zu widerlegen:

Er nennt den persönlichen Hass des Galerius gegen die Christen, erachtet diesen jedoch nicht als Grund genug, um solch eine Verfolgung einzuleiten, und verweist zusätzlich auf die Beraterfunktion der Zivil- und Militärbeamten und des Apoll von Milet, die neben Galerius eine entscheidende Rolle in dem Vorgehen gegen die Christen gespielt haben sollen.[20]

Ein weiterer Erklärungsansatz ist die Behauptung, dass Diokletian sich bei seinem Wiederaufbau des Staates um eine Zentralisierung bemühte, die der Kirche keinerlei Existenz einräumen konnte. Dies setzt, laut Portmann jedoch voraus, „dass Diokletian ein vorgefaßtes Programm – religiöser bzw. zentralistischer Art – besaß, das ihn zu einem Eingreifen gegen die Christen bewogen hat“, welches er aber nicht zu erkennen mag.

Auch Burckhardts Theorie wird von Portmann zugleich vehement abgelehnt, und zwar ist dies die Annahme, dass sich Diokletian gegen eine Usurpation der Macht durch die Christen gewehrt habe. Diese These findet in der Forschung keinen Anklang, da den Christen mangelnde Loyalität nicht vorgeworfen werden kann.[21] Dies ist klar erkenntlich aus einer Schrift Tertullians aus dem Jahre 212 n. Chr., in der er verkündet, dass die Christen den

[...]


[1] Molthagen betont, dass die Verfolgungen des Valerian und des Decius die Verehrung der Götter des Staates als Hauptziel hatten, während sich Diokletians Maßnahmen nicht mehr nur auf eine Huldigung der Staatsgötter, sondern auf den Abfall vom christlichen Glauben und eine Vernichtung des Christentums konzentrierten. Vgl. MOLTHAGEN, Joachim. Der römische Staat und die Christen im zweiten und dritten Jahrhundert, Göttingen 1970, hier S. 106-107.

[2] Die Hauptquellen für die diokletianische Christenverfolgung sind Laktanz’ „De mortibus persecutorum“ und Eusebs „Historia ecclesiastica“.

[3] Vgl. Molthagen, S. 102.

[4] Vgl. Lakt., mort. pers. 10-15, in: GUYOT, Peter/KLEIN, Richard (Übers., Komm., Hrsg.). Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Eine Dokumentation (Bd. 1 und 2), Darmstadt 1997.

[5] Vgl. GOTTLIEB, Gunther. Christentum und Kirche in den ersten drei Jahrhunderten, Heidelberg 1991.

[6] Laktanz spricht von „Cum ageret in partibus orientis“ (Lakt., mort. pers. 10,1) und die Forschung datiert dies auf 299/300 n .Chr., als sich Diokletian in Antiochia aufhielt, vgl. GUYOT, Peter/ KLEIN, Richard (Übers., Komm., Hrsg.). Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Eine Dokumentation (Bd. 1 und 2), Darmstadt, 1997.

[7] Vgl. Lakt., mort. pers. 10,1-4.

[8] Vgl. KOLB, Frank. Diocletian und die erste Tetrarchie. Improvisation oder Experiment in der Organisation monarchischer Herrschaft, Berlin 1987, hier S. 139.

[9] Vgl. Gottlieb, S. 110.

[10] Vgl. SCHWARTE, Karl-Heinz. Diokletians Christengesetz, in: R. Günther, St. Rebenich (Hrsg.), E fontibus haurire. FS f. H. Chantraine, Paderborn 1994, 203-240, hier 208.

[11] Vgl. Eus., h.e. VIII 4,1, in: CAESAREA, Euseb. Kirchengeschichte, Darmstadt, 31997.

[12] Er macht aus Gründen, die später im Text behandelt werden, Galerius zum Hauptschuldigen.

[13] Vgl. Molthagen, S. 104.

[14] Vgl. Eus., h.e. VIII 4,1.

[15] Vgl. PORTMANN, Werner. Zu den Motiven der diokletianischen Christenverfolgung, in: Historia 39, 1990, 212-248, hier S. 215.

[16] Vgl. Lakt., mort. pers. 10,5.

[17] Vgl. Lakt., mort. pers. 13,1.

[18] Hier wird der Terminus ‚Erlasse’ verwendet, denn ob es sich nun, wie die Forschung lange Zeit glaubte, um vier oder, wie Schwarte versucht zu beweisen um ein Edikt mit Folgeerlassen handelt, spielt in dieser Arbeit keine Rolle. Zur näheren Diskussion um die Anzahl der Edikte, vgl. SCHWARTE, Karl-Heinz. Diokletians Christengesetz, in: R. Günther, St. Rebenich (Hrsg.), E fontibus haurire. FS f. H. Chantraine, Paderborn 1994, 203-240.

[19] Vgl. Gottlieb, S. 109-111.

[20] Vgl. Portmann, S. 212, 219.

[21] Vgl. Portmann, S. 220.

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640791064
ISBN (Buch)
9783640790746
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164293
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Diokletian Christenverfolgung
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Titel: Diokletian und die Christenverfolgung