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Überlegungen zur Novelle "Daisy Miller" von Henry James

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Amerikaner versus amerikanische Europäer
2.1 Die Erziehung
2.2 Class, society und language
2.3 Die Frau

3. Das zentrale Thema innocence

4. Winterbourne und Giovanelli

5. Symbolik

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

At the little town of Vevey, in Switzerland, there is a particularly comfortable hotel. There are, indeed, many hotels; for the entertainment of tourists is the business of the place, which, as many travellers will remember, is seated upon the edge of a remarkably blue lake-a lake that it behoves every tourist to visit.[1]

Dies ist der Anfang von Henry James’s Werk Daisy Miller, einer Novelle, die, obwohl 1878

erschienen, auch dem Leser des 21ten Jahrhunderts auf unterhaltsame Art und Weise den Unterschied zwischen den amerikanischen und den europäischen Gepflogenheiten des neunzehnten Jahrhunderts vor Augen führt.

Während ein Teil der Leserschaft im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts Daisy Miller begeistert aufnahm, empörte sich ein anderer, und sah die Novelle, wenn man es mit der Bedeutung des Terminus ausdrücken will, als eine kleine Neuigkeit, und zwar eine unerhörte. Denn in die, wie oben kurz beschrieben, scheinbar heile Welt Europas tritt ein vermeintlicher Prototyp des amerikanischen Mädchens, der nicht nur die amerikanisch-europäische Gesellschaft im Werk selbst erschüttert, sondern auch als Beleidigung des amerikanischen Mädchens der damaligen Zeit empfunden wurde.[2] Wie sich der Unterschied zwischen Daisy und ihrer Familie und der in Europa lebenden Gesellschaft der expatriates konstituiert, und wie es diesbezüglich zu diversen Reaktionen unter den Protagonisten und den Lesern kommt, wird im anschließenden Text erkennbar.

2. Amerikaner versus amerikanische Europäer

Im folgenden möchte ich auf die signifikantesten Unterschiede zwischen den expatriates und der Familie Miller eingehen. Ich werde dabei die Erziehung, class, society und language und die Frau im 19. Jahrhundert analysieren.

2.1 Die Erziehung

“[...] a major theme of Daisy Miller is ‘the total abdication, by the mass of American parents, of all authority over their children’.”[3]

Dies zeigt sich gleich zu Beginn des Textes in Form von Rudolph, dem neunjährigen Bruder von Daisy. Er ist der erste der Familie Miller, den Winterbourne erblickt, während er an einem sonnigen Junitag in Vevey sitzt und die Menschen beobachtet. Im Gegensatz zu den anderen europäischen Jungen in Randolphs Alter, die den ganzen Tag von einem Lehrer oder einer Gouvernante begleitet werden“[...] Polish boys walking about, held by the hand, with their governors;” (DM 4), streunt der amerikanische Junge ohne Aufsicht durch den Park und zerstört mit seinem Stock alles, was ihm in den Weg kommt. Als er auf Winterbourne trifft, fordert er diesen sogar forsch auf, ihm Zucker zu schenken. Diese Verhaltensweise wäre für europäische Kinder und auch Kinder der expatriates unvorstellbar, was Daisy später in ihrer Aussage, warum Randolph Europa nicht mag und keinen Anschluss findet, bestätigt “He hasn´t got any boys here. There is one boy here, but he always goes around with a teacher; they won´t let him play”(DM 8). Randolphs mangelhafte Erziehung drückt sich aber nicht nur durch sein unerhörtes Herumstreunen aus, man erkennt im Laufe des ganzen Textes wiederholt, dass er derjenige ist, nach dem sich sowohl Mrs Miller und Daisy als auch der Dienstbote Eugenio permanent richten müssen. Er ist es, der keinen Lehrer will, der nicht nach Italien will, der das Château de Chillon nicht besichtigen will, und der vor allem nie ins Bett will. Anstatt ihn in seine Schranken zu weisen, was bei einem europäischen Jungen sofort passieren würde, duldet Familie Miller den Tyrannen und kommt seinen Wünschen nach, was Frau Miller als Versagen bezüglich einer anständigen Erziehung ausgelegt wird.

Was jedoch von der strengen Gesellschaft der expatriates weitaus schlimmer bewertet wird, ist die Art und Weise wie Mrs Miller (und indirekt der abwesende Mr Miller) ihre Tochter erzieht. Randolph ist es, der Daisy im Stück ankündigt “Here comes my sister!”(DM 5) und im gleichen Atemzug als amerikanisches Mädchen vorstellt “She’s an American girl”(DM 5). Genauso wie ihrem Bruder, ist es Daisy erlaubt, ohne jegliche Begleitung den Ort zu erkunden. Dies führt sie, zur Empörung der Gesellschaft, auch im weiteren Verlauf der Novelle beharrlich fort. Während sie in Vevey weilt, und sich dort mit dem ihr noch recht unbekannten Frederick Winterbourne verabredet, das Château de Chillon zu besichtigen, scheut sie nicht davor zurück, in Italien neue Männerbekanntschaften zu machen, die Winterbournes Aufgabe in Rom übernehmen. Nicht nur Millers Angestellter Eugenio ist darüber not amused, auch Winterbournes Tante Mrs Costello zieht Winterbourne in Rom beiseite und eröffnet ihm Daisys Verhalten während seiner Abwesenheit “The girl goes about alone with her foreigners [...] She has picked up half-a-dozen of the regular Roman fortune-hunters, and she takes them about to people’s houses”(DM 26). Anstatt Daisys Ausflügen ein Ende zu setzen und sie zurecht zu weisen, versucht sich Mrs Miller, die durchgehend als schwach und kränklich beschrieben wird, lediglich daran, scheitert jedoch und gibt letztlich nach. Als Daisy sich in Rom mit Giovanelli treffen will, bemerkt Mrs Miller “Your friend won’t keep you from getting the fever”(DM 30), es wird ihr jedoch seitens Daisy kein Gehör geschenkt, und schließlich tröstet sie sich mit dem Satz “Well, he speaks English”(DM 30), was für sie Daisys Verhalten legitimiert. Mrs Miller kann aufgrund ihrer eigenen Schwäche nichts daran ändern, dass ihre Tochter in der Gesellschaft immer mehr in Verruf gerät. Selbst bei der Vermutung, dass Daisy mit Giovanelli verlobt sein könnte, ist sie sich nicht schlüssig, ob sie es dem in den USA zurückgebliebenem Mr Miller sagen soll. Dies ist der Punkt, an dem selbst Winterbourne realisiert, dass Frau Miller ganz und gar nicht den Pflichten einer Mutter der damaligen Zeit nachkommt “[...] and the state of mind of Daisy’s mamma struck him as so unprecedented in the annals of parental vigilance that he [Winterbourne] gave up as utterly irrelevant the attempt to place her upon her guard”(DM 44). Mrs Miller verkörpert im Gegensatz zu den despotischen Matronen der europäischen Gesellschaft einen ganz anderen Typen von Mutter.[4]

With a mother who embodies a ‘very different type of maternity’ from that of the matrons to whom Winterbourne is accustomed, the uncivilized Miller children are metonymically linked to a number of types he [Winterbourne] regards as sinister- the parvenu, the alien, the savage […] and they possess strange manners and customs.[5]

Man sollte Mrs Miller aber nicht nur unter dem Aspekt der Nachlässigkeit sehen, sondern ihr auch ihre liebevolle Art, die sie vor allem in Daisys letzen Lebenstagen beweist, zugute halten.

2.2 Class, society und language

Ein weiterer Aspekt, der die Millers von den restlichen Amerikanern im Stück unterscheidet, fällt unter die Begriffe class und society. Man könnte sagen, dass sich die in Europa lebende amerikanische Gesellschaft einen Mikrokosmos aufgebaut hat, in dem sich jeder gemäß

gewissen Regeln zu verhalten hat, die als europäisch kultiviert gelten. Wenn man das Stück liest, stößt man schnell darauf, dass jeder jeden kennt, und alle über alle Bescheid wissen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es sich manch ein Amerikaner zum Lebensinhalt macht, diese Gesellschaft genauestens zu observieren.[6] So ist es zum Beispiel Mrs Walkers Lieblingsbeschäftigung, Menschen zu klassifizieren und sie an gesellschaftliche Normen und Werte zu erinnern. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, ihre Forschungsobjekte extra für diesen Zweck unter dem Deckmantel einer Abendveranstaltung in ihr Haus einzuladen.

Mrs. Walker was one of those American ladies who, while residing abroad, make a point, in their own phrase, of studying European society; and she had on this occasion collected several specimens of her diversely-born fellow-mortals to serve, as it were, as textbooks.[7]

Sie ist es auch, die sich in Rom in Daisys Angelegenheiten einmischt und ihr auf theatralische Weise zeigen möchte, was sich für ein junges Mädchen in Europa ziemt und nicht ziemt. Sie versucht, Daisy von ihrem Spaziergang mit Giovanelli abzuhalten, und fährt ihr in einer Kutsche hinterher, um ihr ein Ultimatum zu stellen - entweder Daisy hält sich an die Spielregeln der Gesellschaft, oder sie wird nicht mehr länger geduldet. Als Daisy sich weigert, Giovanelli stehen zu lassen, und somit gegen Mrs Walkers Vorstellung von Gehorsam verstößt, stellt Mrs Walker sogar den schon in der Gesellschaft seit langem anerkannten Winterbourne vor die Wahl - entweder Daisy oder die Gesellschaft. Winterbourne entscheidet sich fürs erste für Daisy. Mrs Walker ist jedoch nicht radikal genug, Winterbourne wirklich die kalte Schulter zu zeigen, und bricht die Freundschaft zu dem jungen Mann entgegen aller Drohungen doch nicht ab. Weitaus rigoroser als Mrs Walker ist hingegen Mrs Costello. Henry James präsentiert sie als eine Art Vorsteherin und Wortführerin der expatriates, die regelrecht vernarrt ist in die Konstitution der hierarchischen Gesellschaft und alle anderen Lebensformen verachtet.[8] ‚Was immer sie als vulgär oder unpassend ansieht, verdammt und meidet sie kurzerhand’.[9] So ist es nicht erstaunlich, dass sie der Familie Miller nicht die geringste Chance einräumt, sich in der Gesellschaft zu etablieren. Sie ordnet die Millers in die Kategorie der nouveau riche oder des new money, den Familien, die schnell und ohne angemessene Ausbildung und fundiertes Wissen an Geld kamen. Sie betont nicht nur den Nachnamen der Millers als Indikator für die Zugehörigkeit zur Unterschicht “[...] Miss Baker’s, Miss Chandler’s- what’s her name?[...]”(DM 42), sondern betrachtet es auch als Pflicht, diese Art von Amerikanern nicht zu akzeptieren “They are very common [...] They are the sort of Americans that one does one’s duty by not- not accepting”(DM 14). Sie ist in der Gruppe derjenigen, die sich mit ihrem old money nicht nur in Europa Rang und Namen machen, sondern auch in Amerika zu den Einflussreichen der Gesellschaft gehörten. So betont sie, dass sie nicht nur ein Connaisseur europäischer Konventionen ist, sondern auch einen Namen in der führenden Schicht Amerikas hat (DM 13). Was Mrs Costello besonders verpönt, ist, wie die Millers mit ihrem Dienstboten umgehen. Im folgenden Abschnitt stellt sie Eugenio sozial sogar über die Familie und dreht somit das klassische Verhältnis zu Dienstboten um:

[...]


[1] James, Henry. Tales of Henry James: the texts of the tales, the author on his craft, criticism. Eds. Christof Wegelin and B.Henry. vol. 2. (New York u.a., 2003): 3.Im Weiteren als DM zitiert.

[2] Johnson, Lisa. „‘If This Is Improper,…Then I Am All Improper, and You Must Give Me up’: Daisy Miller and Other Uppity White Women as Resistant Emblems of America”. Women as Sites of Culture: Women’s Roles in Cultural Formation from the Renaissance to the Twentieth Century (Aldershot, 2002): 70.

[3] Fogel, Daniel Mark. Daisy Miller A Dark Comedy of Manners (Boston, 1990): 69.

[4] Wardley, Linn. „Reassembling Daisy Miller.” American literary history 3:2 (1991): 238.

[5] Wardley, 238.

[6] Bloom, Harold. Henry James’s Daisy Miller, The Turn of the Screw, and Other Tales (New York u.a., 1987): 29.

[7] James, 37.

[8] Wegelin, Christof. The Image of Europe in Henry James (Dallas, 1958): 62.

[9] Bloom, 28.

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640792030
ISBN (Buch)
9783640791330
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164290
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Novelle Daisy Miller Henry James

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