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Sex, Revolution, Kapitalismus - Neues zu Michel Foucaults Kritik an der Repressionshypothese

Essay 2010 9 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

„Sexualität ist ein wunderbares Geschenk“, schreibt die Herausgeberin des evangelischen Magazins Chrismon, Margot Käßmann, im Juli 2010.[1] Ein derart offenes Bekenntnis wäre an einer solchen Stelle noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Sie bilanziert, es habe sich seit den siebziger Jahren „viel verändert in der Einstellung zur Sexualität“.[2] Als ein Plädoyer für die Entgrenzung in Sachen Sex oder eine generelle Parteinahme für die Entwicklungen seit der sogenannten Sexuellen Revolution ist Käßmanns Kommentar allerdings nicht zu lesen. Indem sie einerseits quasierotische Bibelstellen anführt und auf Martin Luthers zügelloses Eheleben hinweist und andererseits die „menschenverachtenden“ Auswüchse einer durchsexualisierten Gesellschaft geißelt[3], impliziert sie, dass die Lust weder jemals mit einem Totalverbot belegt gewesen sei, noch in die bedingungslose Freiheit entlassen werden könne. Sexualität, so Käßmann abschließend, könne nur dann gelebt und genossen werden, wenn sie begleitet wird: Durch ethische Maßstäbe, Verantwortung, Gespräch – und im schlimmen Fall Therapie. Damit fordert sie nicht nur eine diskursive Begleitung von Sex und Sexualität; ihr Text ist selbst Teil der geforderten Gesprächskultur.

Ob Margot Käßmann wohl Sex and the City schaut? Falls sie es tun sollte, könnten ihr Parallelen zwischen den Texten der Protagonistin Carrie Bradshaw und ihrem eigenen auffallen. Das Leben der fiktiven New Yorker Kolumnistin und ihrer Freundinnen gestaltet sich zwar – gemessen an traditioneller protestantischer Genussethik – eher unorthodox. Zudem dreht sich das Leben der vier Charaktere – der Serientitel verrät es – weniger um Sexualität, sondern meistens um den banalen Sex.[4] Beiden, Käßmann und Carrie, ist jedoch der Versuch gemein, nicht einen physischen Vorgang, sondern einen sozialen Kosmos zu erforschen, der nicht einfach sich selbst überlassen werden darf, weil er in ursächlichem Zusammenhang zu zahlreichen Aspekten menschlichen Daseins steht. Sex und Sexualität werden zur Rechenschaft gezogen. Sie sind nicht beliebig.

Diese Feststellung ist nicht trivial angesichts der Tatsache, dass vor einigen Jahrzehnten ein Befreiungskrieg um den Sex entfesselt werden sollte, der die Menschen gleich aus mehrfacher Knechtschaft zu erlösen versprach: Nicht nur die Lust und die Rede sollten zügelloser werden, auch die Zwänge des Industriekapitalismus, deren Ausdruck letztlich auch die Gängelung des Sexuellen sei, sollten hinweggefegt werden. Mit Blick auf den hohen Stellenwert, den der Sex und das Reden darüber in den genannten Medienprodukten einnehmen, lassen sich die Utopien von einst kritisch prüfen: Nicht nur darauf, ob sie ihre Versprechen eingelöst haben – dies ist längst und bis zur Erschöpfung versucht worden.[5] Viel interessanter ist die Frage, ob die Theorie der Befreiung durch Sex eine sinnvolle Grundannahme gewesen ist. Die Betrachtung gegenwärtiger Stoffe in den Medien ermöglicht es uns zudem, die Utopienkritik, die seinerzeit formuliert worden ist, auf ihre Plausibilität zu prüfen.

In dem 1976 erschienen ersten Band der Studie Sexualität und Wahrheit behauptet Michel Foucault, der Zeitgeist sei beseelt von der Vorstellung, der Sex sei in den vergangenen zwei Jahrhunderten systematisch unterdrückt worden.[6] Diese Repressionshypothese beschreibe laut Foucault nicht einfach ein Verbot, sondern die Behauptung der (öffentlichen) Nichtexistenz des Sexes.[7] Der Behauptung, der Sex sei bestimmten Zwängen unterworfen worden, will Foucault nicht widersprechen. Seine Kritik an der Repressionshypothese lautet vielmehr, der Rekurs auf den Sex, der in den Siebzigern gerne in der Pose des Befreiers, des Tabubrechers geschehe, befände sich in einer Kontinuitätslinie mit der eigentlich angeprangerten Instrumentalisierung des Geschlechtslebens. Im Mittelpunkt von Foucaults Interesse steht die Frage, ob einen Diskursmechanismus gibt, also ein systematisches hervorbringen von Aussagemotiven durch Institutionen der Wissenschaft, Politik, Bildung, etc., der die Behandlung des Sex damals wie heute gleichermaßen bestimmt.[8]

Zur Beantwortung dieser Frage untersucht Foucault, wie die Rede über den Sex in den vergangenen Jahrhunderten kontrolliert worden ist. Was er dabei rekonstruiert, ist ein Prozess, durch den gewissermaßen weniger und mehr vom Sex geredet wird: eine „Raffinierung“ der Rede[9], bei dem sich drei wesentliche Phasen ausmachen ließen. Sie beginnt im 17. Jahrhundert, in dem Foucault zufolge erstmals systematisch über den Sex geredet wurde. Als Beispiel führte er die Einübung einer besonderen Redepraxis in der kirchlichen Beichte an, bei der eine ausformulierte Analyse des Sexuallebens vom Beichtenden verlangt wurde.[10] Die zweite Phase dominiert das 18. und 19. Jahrhundert; in diese Zeit fallen die Industrialisierung Europas und damit ein grundlegender Wandel der Arbeits- und Lebensverhältnisse, die auch eine Ökonomisierung des Sexes mit sich bringen.[11] Das Erfassen von Bevölkerungsstatistiken wie z.B. Fertilitätsraten ist bei Foucault ein Beispiel dafür, dass Sex zunehmend in Zahlen ausgedrückt wird.[12] Dies bereitet die dritte Phase des Sex-Diskurses vor, die schließlich das 19. und frühe 20. Jahrhundert kennzeichnet: Die Verwissenschaftlichung, insbesondere auf medizinisch-psychologischem Gebiet.[13]

Im Zuge dieser Verwissenschaftlichung kommt es zur Konstruktion von Kausalitäten, bei denen Sex im ursächlichen Zusammenhang mit Entwicklungen des Individuums und der Gesellschaft steht. Dabei finden sich unter der nüchternen deskriptiven Oberfläche der Forschung Sexual-Ontologien, in denen der Sex als etwas „Eigentliches“ in der Gesellschaft erscheint, als Basiseinheit, deren sozial wie kulturell begründete Einschränkung schädlich sei.[14] In der Fortführung der Diskursivierung des Sexes bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts trifft die Psychoanalyse auf den Marxismus und ein materialistisches Geschichtsmodell, mit denen sie zu einer Sex-Ideologie verschmilzt, die mit der Befreiung des Geschlechtslebens eine historisch determinierte Revolution einleiten will.[15] So erklärt sich auch der Gestus des Umstürzlers, mit dem in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren in Westeuropa und Nordamerika eine neue Sexualmoral eingefordert wurde:

„Wir dagegen sprechen seit einigen Jahrzehnten kaum noch vom Sex, ohne uns ein wenig in Pose zu werfen: Bewußtsein, der herrschenden Ordnung zu trotzen, Brustton der Überzeugung von der eigenen Subversivität, leidenschaftliche Beschwörung der Gegenwart und Berufung auf eine Zukunft, deren Anbruch man zu Beschleunigen glaubt. Ein Hauch von Revolte, vom Versprechen der Freiheit und vom nahen Zeitalter eines anderen Gesetzes schwingt mit im Diskurs über die Unterdrückung des Sexes.“[16]

[...]


[1] Käßmann 2010.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Die Charaktere der äußerst erfolgreiche US-Fernsehserie, die mittlerweile in zwei gleichnamigen Kinofilmen fortgesetzt wurde, befassen sich laut dem TV-Sender ProSieben (der die Senderechte für das deutsche Fernsehen innehat) vor allem vor allem mit dem „New Yorker Paarungsverhalten“; vgl. die Webseite der Serie unter <http://www.prosieben.de/tv/sex-and-the-city/story/die-serie-1.162994>, 16.08.2010.

[5] In Deutschland haben beispielsweise viele Autoren im Rückblick auf die Jahre 1967/68 einen Kommentar über die Leistungen der sog. 68er gewagt, zumeist eingebettet in einen allgemeinen Kommentar über Gedeih oder Verderb bestimmter Wertesysteme wie etwa Familie, Schule, Erziehung, etc.; vgl. u.a.: Peter Schneider: Rebellion und Wahn. Mein ’68, Köln 2008; Kai Diekman: Der große Selbstbetrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden, München 2007. Die Tendenz zum Rückblick auf diese Zeit lässt sich auch in anderen Ländern wie den USA oder Frankreich finden.

[6] Foucault 1983: 13f.

[7] Ebd.: 12.

[8] Ebd.: 16f.

[9] Vgl. ebd.: 23f.; Foucault konstatiert, während einerseits eine „Kontrolle der Äußerungen“ stattgefunden habe, die bestimmt hätte, wann und wie über den Sex geredet werden kann, hätte gleichzeitig eine „diskursive Explosion“ gezündet: Die Rede vom Sex wird in spezifische Bereiche ausgelagert, in denen sie umso intensiver stattfindet.

[10] Vgl. ebd.: 24ff.

[11] Vgl. Foucault 1983: 31f.; Foucault erklärt das Interesse politisch-wirtschaftlicher Institutionen am Sex: „[...] zum ersten Mal kommt eine Gesellschaft zu der dauerhaften Einsicht, daß ihre Zukunft und ihr Glück nicht nur von der Kopfzahl und Tugend der Bürger, nicht nur von den Regeln ihrer Heirat und Familienorganisation abhängen, sondern von der Art und Weise, wie jeder von seinem Sex Gebrauch macht. [...] Es kommt nun auch zu jenen systematischen Feldzügen, die [...] aus dem Sexualleben der Ehepartner ein ökonomisch und politisch abgestimmtes Verhalten zu machen versuchen.“ (Ebd.: 32.)

Den Zusammenhang von Nationalökonomie und individuellem Sexualverhalten erläutert Birgitta Wrede (2000: 34) konzis: Dem sog. Triebmodell zufolge kann „Lebensenergie“ entweder in sexuelle Aktivität oder in ökonomische Produktivität abgeleitet werden, was eine Kontrolle der Lust mit der beginnenden Industrialisierung unabdingbar mache: „Die Triebe müssen so modelliert werden, daß sie nicht mehr unmittelbar ausgelebt werden. Selbstbeherrschung wird zum neuen Wert, spontane Gefühlsäußerungen müssen gedämpft, geregelt und kontrolliert werden. Selbstbeherrschung wird eine Voraussetzung für bessere Arbeitsleistung und soziale Angepaßtheit“ (ebd.).

Ein kausaler Zusammenhang zwischen sexueller Aktivität und industrieller Arbeitsleistung erscheint zwar etwas gewollt; dass Industrialisierung auch die diesbezüglichen individuellen Einstellungen beeinflusst haben muss, ist jedoch unzweifelhaft – was sich u.a. an der Bevölkerungsentwicklung dieser Zeit demonstrieren lässt.

[12] Tatsächlich existierte die Bevölkerungswissenschaft in Ansätzen schon vorher, diente jedoch nicht der zielgerichteten Erforschung bestimmter Zusammenhänge von Geburts- und Sterberaten etc., sondern sollte (lt. Brockhaus) eher ein Abbild der Welt im Sinne der Demonstration einer „göttlichen Ordnung“ herstellen.

[13] Vgl. Foucault 1983: 41ff.

[14] Prominenter Vertreter dieser Auffassung war der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897-1957), dessen Forschungsinteresse die Parallelen von politischer und sexueller Unterdrückung waren; vgl. ders.: Die sexuelle Revolution, Frankfurt a.M. 1966.

[15] Vgl. dazu auch Fink-Eitel 2002: 81.

[16] Foucault 1983: 14; die Rede von einem „wir“ zeigt deutlich die Zwiegespaltenheit Foucaults, der die Repressionshypothese noch 1976 gestützt hatte (vgl. Fink-Eitel 2002: 135) und sie nun in Zweifel zieht. Foucault steht selbst in der Denktradition, die er in Sexualität und Wahrheit seziert, da auch er den Sex als eine Art Urenergie auffasst, die den Menschen durchdringt.

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640793433
ISBN (Buch)
9783640793945
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164234
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Schlagworte
Foucault Sexualität 1968 sex and the city repressionshypothese sexuelle Befreiung Margot Käßmann geschichte der sexualität

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Titel: Sex, Revolution, Kapitalismus - Neues zu Michel Foucaults Kritik an der Repressionshypothese