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Quellenkritischer Vergleich zwischen Jerusalems "Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion" und Lessings "Die Erziehung des Menschengeschlechts"

Hausarbeit 2010 24 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem

3. Gotthold Ephraim Lessing

4. Aufbau der beiden Werke

5. Quellenkritischer Vergleich
5.1. Vergleich
5.2. Gemeinsamkeiten
5.3. Unterschiede

6. Fazit

7. Literaturhinweise

1. Einleitung

„Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.“[1], schreibt G.E. Lessing im 91. Paragraphen seines Werks Die Erziehung des Menschengeschlechts und möchte darauf hinweisen, dass wir Menschen nicht erkennen können, was die Vorsehung Gottes mit uns vorhat. Auch in dem mehrteiligen Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion von Johann F.W. Jerusalem findet sich dieser Gedanke der allumfassenden Vorhersehung Gottes an vielen Stellen wieder.

In der folgenden Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit sich diese zwei Werke der beiden Theologen des achtzehnten Jahrhund-erts ähneln und wo sich Unterschiede finden lassen. Das von Jerusalem zunächst 1768 veröffentlichte Werk versucht ein tieferes Verständnis für das Christentum darzustellen, damit eine bessere Belehrung und Erzieh-ung des Verstandes ermöglicht werden kann. Dafür zieht Jerusalem sowohl das Alte als auch das Neue Testament zu Rate und versucht dem Leser den Inhalt und die Entwicklung eines göttlichen Plans zur Offenbarung darzulegen.

Lessing scheint ebenfalls dieses Ziel zu haben und fasst in einhundert kurzgehaltenen Thesen die Entwicklung der menschlichen Erziehung nach Gottes Vorhersehung zusammen. Da diese Schrift erst 1780 komplett veröffentlicht wurde und beide Autoren einige Zeit in Wolfenbüttel gelebt haben, möchte ich zudem untersuchen, ob sich meine aufgestellte These bestätigen lässt, dass die lessingsche Schrift nur eine geniale Pointierung des jerusalemschen Werkes darstellt.

Kann es sein, dass der jüngere Theologe mit dem, ihm wahrscheinlich bekannten, Werk von Jerusalem als Vorlage, seine eigenen Ideen genommen und diese in einer Art umfangreichen Zusammenfassung der Betrachtungen verschmolzen hat? Oder wiegen die Unterschiede zu schwer, als das dies hätte der Fall sein können?

Im quellenkritischen Vergleich werde ich dafür die Paragraphen von Lessing mit den Betrachtungen von Jerusalem vergleichen.

2. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem

Der evangelische Theologe Johann F.W. Jerusalem (1709-1789) war nach langjährigen Auslandsaufenthalten zweimal in Wolfenbüttel tätig[2] und gehörte zu den aufgeklärtesten Denker seiner Zeit. Mit seinem „gewissenhaftesten Streben nach Wahrheit“[3] schaffte er das umfangreiche Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion und versuchte mit dieser Schrift dem Leser eine tiefere Einsicht in das Christentum zu ermöglichen, damit der Verstand der Menschen belehrt und erleuchtet werde. Seine theologische Bedeutung liegt auf homiletischem Gebiet und mit seinem Wirken wurde er zu einem der führenden Neologen seiner Zeit[4]. Er legte zur theologischen Aufklärung „den ersten Grund, aufbauend auf früheren, förderlich für die späteren“[5].

3. Gotthold Ephraim Lessing

Der 1729 geborene G.E. Lessing wurde in einem orthodoxen Elternhaus großgezogen und begann nach der Schule sein Studium der Theologie. Nach Umwegen über das Theater und dem Verfassen von literarischen Dramen und Aufsätzen, beginnt 1777 der theologisch interessante Fragmentenstreit, welcher vom englischen Deismus Seitens Lessing beeinflusst wurde. Der theologische Streit mit dem Hauptpastor Goeze endete mit der Veröffentlichung des Dramas Nathan der Weise (1779), welches die Gedanken des Deismus beinhaltet und Aspekte der natürlichen Religion betont. Daran anschließend entstand erst die geschichtsphilosophische Schrift Die Erziehung des Menschenge-schlechts, bei welchem Lessing sich nicht als Autor nennt, sondern lediglich als Herausgeber des Werkes. Heute bestehen jedoch keine Zweifel mehr an seiner Autorenschaft.

Er ist ein Vertreter der inneren Wahrheit des christlichen Glaubens, d.h. dass der Glaube eine religiöse Überzeugung des Menschen ist, welcher keiner Beweise oder Argumentationen bedarf. Zudem fordert er die Menschen dazu auf, ein stetiges Wahrheitsstreben an den Tag zu legen, die fade Buchstabengläubigkeit aufzugeben und zufällige Geschichts-wahrheiten nicht unhinterfragt zu akzeptieren.[6]

4. Aufbau der beiden Werke

Das Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion wurde nach Jerusalems Plan, welchen er anfangs dem Leser darlegt, in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil finden sich die Betrachtungen über die Existenz Gottes und dessen Beweis, von der Vorsehung, dem Bösen, dem zukünftigen Leben, von der moralischen Natur des Menschen als auch über die Religion und ihren Verhältnissen. Danach folgen im zweiten Teil die Betrachtungen über den göttlichen Unterricht, sowie der Offenbarung anhand der Darstellung von der Urgeschichte bis einschließlich dem mosaischen Wirken. Dabei steht immer wieder der Zustand der Religion in den einzelnen Epochen im Vordergrund. Im letzten und dritten Teil der Betrachtungen richtet Jerusalem sein Hauptaugenmerk auf den Zustand der Welt zur Zeit Jesu und dem Wirken des Gottessohnes. Dabei arbeitet er die Vorsehung Gottes aus dem Neuen Testament heraus, sowie die beiden Grundgesetze der Liebe Gottes und der Nächstenliebe. Abschließend betrachtet Jerusalem die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, macht sich Gedanken über das zukünftige Leben und untersucht die christliche Religion generell.

Das Werk Die Erziehung des Menschengeschlechts wurde als Abhand-lung in 100 Paragraphen veröffentlicht und stellt vom Umfang her nur einen Bruchteil der Betrachtungen dar. Aus der Sicht des Christentums verfasst, gliederte Lessing es ebenfalls in drei Teile bzw. Stufen. Zunächst behandelt er Geschichte und Religion des Judentums und stellt in den ersten Paragraphen allgemeine Thesen auf, ehe er in den Paragraphen 8-52 von den ersten Menschen ausgehend das Volk Israel und damit das Alte Testament betrachtet. Im zweiten Teil steht das Christentum im Mittelpunkt und in den Paragraphen 53-80 untersucht er die Entstehung des Christentums und stellt die vertretende Lehre dar. Erst im letzten Teil, der ab dem Paragraphen 81 beginnt, betrachtet Lessing die Religion seiner Zeit und die Darstellung des damals aktuellen Evangeliums.

Beide Werke besitzen eine Dreigliedrigkeit, beginnend mit dem Alten Testament und endend mit der christlichen Religion und ihrer Darstellung in der Epoche, in welcher die beiden Autoren leben.

5. Quellenkritischer Vergleich

5.1. Vergleich

Bei Erziehung des Menschengeschlechts stellen die ersten fünf Para-graphen allgemeine Thesen über die Menschen, die Erziehung und die Offenbarung auf. Dabei verwendet Lessing den Begriff der Erziehung als eine Art Metapher für Offenbarung und setzt direkt im ersten Paragraphen die Erziehung des Einzelnen mit der Offenbarung der ganzen Menschheit gleich. In diesem Zusammenhang wertet er die Erziehung bzw. Offenbar-ung als ein transzendentes Vermögen des Menschen, welches ihm in seiner Natur mitgegeben wurde und innewohnt. Nach dieser Auffassung bedürfe der Mensch keines göttlichen Unterrichts, sondern würde das Ziel der vollkommenen Erkenntnis auch alleine erreichen, jedoch zeitlich erst viel später und der Weg bis dahin wäre mühsamer.

Hingegen bei Jerusalems Betrachtungen wird deutlich, dass seine Meinung zwar auch die ist, dass der Mensch Erziehung und Unterricht benötige, damit er die Vollkommenheit des Schöpfers erkennen kann, aber im Gegensatz zu Lessing, sieht er kein angeborenes Vermögen in dem Menschengeschlecht. Er vertritt die Meinung, dass der Mensch so geschaffen wurde, dass er mit seinen Fähigkeiten zu unendlich vielem fähig ist, aber dass die wirkliche Verwendung der mitgegebenen Fertigkeiten nur durch göttlichen Unterricht möglich ist.

„[...] da Gott nach seiner Weisheit dem Menschen eine Natur gab, die zwar von unendlicher Fähigkeit ist, aber doch zur würklichen Anwendung ihrer Kräfte, durch Veranlassung und Unterricht erweckt werden muß,[...]“[7]

Dennoch ist sich auch Jerusalem bewusst, dass ohne die Hilfe des göttlichen Unterrichtes es wahrscheinlich noch Tausende von Jahre gebraucht hätte, bis der Mensch zu einer sittlichen Gesellschaft geworden wäre.[8]

Des Weiteren schreibt Lessing im fünften Paragraphen von einer Ordnung bzw. einer Einhaltung von Maß im Bezug auf die Erziehung und der Offenbarung. Gerade diesen Aspekt greift auch Jerusalem auf, da er von einer partiellen Verteilung der Offenbarung[9] spricht. Er ist der Meinung, dass nicht alle Menschen, nicht alle Völker zur gleichen Zeit in der Lage sind, die vermittelte Wahrheit von Gott aufzunehmen oder zu verstehen. Das sieht Jerusalem nicht als Ungerechtigkeit von Seiten Gottes, sondern er nennt dies ein Zeichen der Vorsehung des Schöpfers, dass es eine Ordnung und einen Plan in der Vermittlung der Offenbarung gibt. So musste Gott also in seiner Offenbarung Maß halten und kann uns Menschen nicht alles auf einmal vermitteln. Dies macht die Offenbarung nach Jerusalem deswegen aber nicht unnütz, sondern sie besitzt die Möglichkeit, bei den Menschen sich durch Hilfe der Vernunft aufzubauen und dadurch komplett verstanden zu werden.

„Es ist eine ganz irrige Vorstellung, daß, wenn Gott den Menschen eine Offenbarung giebt, dieselbe gleich auf einmal alle Lehren in ihrer vollen Klarheit bekannt machen müsse, die der Menschheit je zu ihrer voll-kommnern Rechtschaffenheit und Beruhigung wichtig werden können.“[10]

Als Beispiel nennt Jerusalem die Offenbarung zu Moses. Denn ihm wurde auch nur soviel offenbart, wie es für ihn zum damaligen Zeitpunkt verständlich und notwendig war.

Die Paragraphen sechs und sieben bei Lessing sprechen vom ersten Menschen und machen deutlich, dass die ersten Menschen nicht lange die Einheit Gottes verstehen konnten und die unendlichen Kräfte und Fertigkeiten des Schöpfers in kleinere Einheiten einteilten. Daraus entstand demnach die Vielgötterei. Und auch Jerusalem geht davon aus, dass der Mensch nicht alles auf einmal begreifen kann, sondern in seinem Verständnis immer nur Teile des Ganzen aufnehmen kann.[11] Natur-phänomene wurden, so Jerusalem, von den Menschen nicht verstanden und dann nicht auf einen Gott zurückgeführt, sondern vielmehr als Gottheiten selbst deklariert, welche eigene Wirkungen und Gesinnungen besitzen und mit Ehrfurcht angebetet werden müssen. In den Betracht-ungen heißt es: „Vielgötterey kann zu keiner moralischen Vollkommenheit führen, sie führt vielmehr davon ab […].“[12] und um diesen „Irrwege[n]“[13] - wie Lessing sie nennt - nicht mehr zu folgen, setzen beide Autoren Gott als bewegende Kraft, welche die Menschen in die beabsichtigte Richtung treibt.

Im achten Paragraphen spricht Lessing davon, dass der Schöpfer sich nicht jedem einzelnen Menschen offenbaren konnte, sondern ein bestimmtes Volk gewählt hat. Mit dieser Aussage beginnt die Untersuch-ung und Darstellung des Alten Testaments bzw. des israelischen Volkes und damit die Schilderung der ersten Stufe zur Vollkommenheit. Auch für Jerusalem ist die Betrachtung dieses gewählten Volkes wichtig, so dass er bei seiner Beschreibung von dem Zustand der Welt das israelische Volk mit Abraham als Anfang betrachtet und untersucht. Nach seiner Meinung wählte Gott Abraham für seine Offenbarung aus, da dieser die Erkenntnis seinem Volk weitergeben würde. Dabei unterstreicht er allerdings auch, dass es nicht auf die Abstammung ankommt, dass das israelitische Volk auserwählt wurde, sondern wegen seines Glaubens.[14] Die besondere Erziehung, die diesem Volke nach Lessings Vorstellung zugekommen ist, sieht Jerusalem in den Einrichtungen, welche Moses durch Gott dem auserwählten Volke gibt und welche die geoffenbarte Religion nicht ver-ändern, sondern zur damaligen Zeit als äußerer Schmuck unterstützen.[15]

Die Aussage, dass wir allerdings nicht genau wissen, welchen Gottesdienst das Volk in Ägypten hatte[16], ist bei Lessing und auch bei Jerusalem gegeben. Letzterer macht jedoch mitunter Andeutungen, dass Moses viele der aufgestellten Regeln so formulieren musste, damit sich das israelische Volk zum einen an die neue Richtung gewöhnen konnte, da viele Aspekte ihnen durch die Ägypter bekannt waren, und zum anderen bei vielen Dingen den Unterschied klar erkennen sollten, welche eine deutliche Abgrenzung zum Beispiel zur Abgötterei ermöglichte. Moses musste ihnen Regeln und Gesetze geben, damit sie sich in ihrer Religion und ihrem Glauben an den Gott ihrer Väter geborgen fühlen konnten[17].

Lessings Paragraph elf und zwölf, indem es um die Beweise der Macht Gottes durch Wunder geht, scheint ebenfalls in Jerusalems Betrachtungen Parallelen zu finden. Denn mit Hilfe der gezeigten Wunder sollte das Volk seinen wahren Gott ohne allen Aberglauben erkennen und diese Wunder sind nach Jerusalem die Taten des Schöpfers und nicht die von Moses. Wahre Wunder erkennt man an dem göttlichen Endzweck, die jene auszeichnen.

„Der Endzweck ist wenigstens erst der allerwichtigste, nämlich die Einrichtung und Bestätigung eines öffentlichen Gottesdienstes, der ganz auf Erkenntnis und Verehrung eines einigen Gottes, Schöpfers und Regenten der Welt […] gegründet werden soll […].“[18]

Moses sollte mit Hilfe von Gottes Wunder beim Volk erreichen, dass sie den Schöpfer als uneingeschränkten Herrn und Regenten der Welt erkennen.[19]

Sowohl Jerusalem als auch Lessing[20] gehen davon aus, dass es das Grundgesetz der mosaischen Religionsverfassung ist, das es nur einen einzigen Gott gibt. Dabei waren die Menschen noch nicht in der Lage, ihre Vernunft anders zu benutzen als auf einer kindlichen Ebene und so

„bedeutet das Wort Geist ein jedes unsichtbares lebendiges und wirksames Wesen, auch dessen wirksame Lebenskraft selbst, und besonders dessen vernünftig und moralische Natur, ohne die innere Natur eines solchen Wesens dadurch bestimmen zu wollen“[21] in der Sprache Moses.

Aufgrund der Vorstellung, dass das sich israelische Volk noch auf einer zu kindlichen Stufe der Vernunft befand, besteht nach Jerusalem die einzige Möglichkeit darin, es noch moralisch erziehen zu können, dass durch Strafen und Gesetze auf dieser niedrigen Stufe eine Ordnung geschaffen wird. Das Bestreben nach Vollkommenheit und die Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Leidenschaften war dem auserwählten Volke noch nicht möglich und so entstanden also die Strafen für widerrechtliches Handeln gegen die aufgestellten moralischen Regeln.[22] Keine andere entgegenge-setzte Meinung findet sich bei Lessing wieder, der ebenfalls im sechzehn-ten Paragraphen von einer moralischen Erziehung durch Strafen spricht.

Im Zusammenhang mit Moses Gesetz, weil das Volk noch zu jung war, um aus reiner Vernunft und Erkenntnis zur Vollkommenheit zu gelangen, so ist es auch weiterhin Jerusalems Meinung, dass zwar Moses von der Unsterblichkeit der Seele wusste, aber nie explizit dem Volk gegenüber darauf hinweist, noch es benennt. Zu dem damaligen Zeitpunkt, so sind sich Jerusalem und Lessing einig, war diese Lehre noch zu hoch und noch nicht begreifbar für das auserwählte Volk. Denn „die allervollkommenste Lehre tut nicht zu aller Zeit ihre Wirkung, sondern setzt immer eine gewissen Fähigkeit voraus.“[23].

Des weiteren gehen beide Autoren den gleichen Weg, wenn sie behaupten, dass das jüdische Volk zum „künftigen Erzieher des Menschengeschlechts“[24] erzogen wurde und dann, nachdem durch die Erziehung „unter Schlägen“[25] es an Einheit gewonnen und Erkenntnis erlangt hatte, es in die Fremde gesandt wurde. Dies geschah durch die Angliederung an das römische Reich, in welchem das jüdische Volk auch durch seine ausgebreitete Größe Aufmerksamkeit auf sich zog.[26] Und während das Volk Israel in seiner Erziehung durch Gott begleitet wird, so entwickelt sich auch bei anderen Völkern ohne die Hilfe Gottes der Verstand weiter. Jedoch nur bei wenigen Leuten und nur einer elitären Gruppe ist dieses Wissen zugänglich und so wurde die Öffentlichkeit davon nicht beeinflusst. Doch egal wie weit sich diese anderen Völker entwickeln, so können sie sich erst ihrer kompletten Vernunft bedienen, wenn sie den wahren Schöpfer erblickt haben[27] und können niemals ohne Hilfe das erwählte Volk überholen[28].

Und auch wenn nicht alle Lehren in den alten Schriften des erziehenden Volkes vorhanden sind, so ist den Texten nicht ihre Legitimität zu nehmen. Denn wie schon oben erwähnt, war das Volk vom Verstand her noch nicht genug entwickelt, um alle Dinge zu verstehen. Die Texte haben nach Jerusalem schlichtweg die Absicht aufzuzeigen, dass es Gott gibt und nicht zwingend einen Beweis zu liefern, wie er ist.[29] Und auch wenn einzelne Aspekte fehlen, die für uns heutzutage elementare Wichtigkeit besitzen, so sind Lessing und Jerusalem sich einig, dass in der Erziehung von Kindern, wie es das israelische Volk damals war, Dinge weggelassen werden dürfen, wenn sie noch nicht verstanden werden können. Die Zugänge zu diesem weiteren Wissen müssen jedoch immer offen bleiben.[30]

Dennoch weist Lessing darauf hin, dass das jüdische Volk zwar Gott als den Einzigen anerkennt, aber vielmehr aufgrund von Ehrfurcht vor seiner demonstrierten und danach überlieferten Macht, welche sich in den Wundern und Taten des Schöpfers zeigten. In Paragraph 34 stellt Lessing klar, dass es dem Volk in dem damaligen Zustand noch an den rechten und wahren Begriffen, die man von Gott haben sollte fehlte. Um diesen Zustand zu verändern sandte Gott sein Volk ins Exil, damit es dort gezwungen wurde, das eigene Wissen von Gott und seiner Lehre noch einmal selbst für sich zu wiederholen und das Alte Testament nun richtig zu verstehen.

Nach der Auffassung von Jerusalem muss die Offenbarung Gottes nicht immer komplett sein, sondern kann sich aufbauen und erst mit Hilfe der Vernunft wachsen.[31] Und Lessing stimmt diesem Gedanken zu, da er in seinem Werk behauptet, dass die Offenbarung die Vernunft des Menschen geleitet hat, damit dann die Vernunft selbst irgendwann die Möglichkeit besitzt die Offenbarung zu erhellen, wie es im babylonischen Exil von Lessing gedeutet wird.[32] Und so erkannten die Juden erst ihre eigene Schuld, dass sie Gott bis dahin noch nicht recht erkannt hatten, da sie dieses Wechselspiel mit Hilfe des Alten Testaments als eine Art Katalysator nicht zu ihren Gunsten verwandt hatten. Lessing geht in seiner Überzeugung sogar noch weiter und behauptet, dass dieses Volk nun ein ganz anderes geworden war und ein Abfall von Gott künftig ausgeschlossen (Paragraph 40). Zudem geht er davon aus, dass die Juden nun Bekanntschaft mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele gemacht hätten. (Paragraph 42-43) Und auch Jerusalem weist darauf hin, dass dieses Gedankengut von der ewigen Seele nicht ursprünglich christlich ist, sondern erst im Laufe der alten Geschichte durch die antiken Philosophenschulen ihren Weg ins Neue Testament gefunden hat.[33] Doch da von dieser Lehre zunächst im Alten Testament nichts geschrieben stand, glaubte auch nicht das ganze Volk daran. Es wurden ja in den alten Schriften, so Lessing, nur Andeutungen dahingehend gemacht und Vor-übungen geschaffen, um das Volk langsam an diese Offenbarung Gottes heranzuführen.[34]

Das Alte Testament stellt für Jerusalem ein Ganzes dar, was als eine Verbindung von der Geschichte der Religion und der Vernunft erscheint, obwohl es aus einzelnen verschiedenen Stücken geschrieben ist. Diese Schrift erhält solange die erlangte Erkenntnis Gottes und schützt es vor dem Verfall, bis die Vernunft sich so weit entwickelt hat, dass sie die vermittelte Vollkommenheit begreifen und annehmen kann.

[...]


[1] Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §91.

[2] Vgl. Wolfdietrich von Kloeden: JERUSALEM, Johann Friedrich Wilhelm.

[3] Karl Heinrich Jörden: Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten.

[4] Vgl. Wolfdietrich von Kloeden: JERUSALEM, Johann Friedrich Wilhelm.

[5] Claus-Dieter Osthövener: Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem.

[6] Vgl. TRE. Band 21. Seite 20-31.

[7] Jerusalem: Betrachtungen. Band 2. Seite 56.

[8] Vgl. Ebd. Seite 218.

[9] Vgl. Ebd. Seite 69-71.

[10] Ebd. Band 3. Seite 623.

[11] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 1. Seite 58-63.

[12] Ebd. Band 2. Seite 23.

[13] Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §7.

[14] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 408-411.

[15] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 621-623.

[16] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §9.

[17] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 621-623.

[18] Ebd. Seite 323.

[19] Vgl. Ebd. Seite 296-299.

[20] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §13.

[21] Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 396f.

[22] Vgl. Ebd. 608-620.

[23] Ebd. Seite 622.

[24] Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §18.

[25] Ebd. §19.

[26] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Nachgelassene Schriften. Seite 56-58.

[27] Vgl. Ebd. Band 2. Seite 23-26.

[28] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §21.

[29] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 405-408.

[30] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §26.

[31] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Band 3. Seite 622.

[32] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §36.

[33] Vgl. Jerusalem: Betrachtungen. Nachgelassene Schriften. Seite 358-362.

[34] Vgl. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §44-46.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640793426
ISBN (Buch)
9783640793938
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164232
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Jerusalem; Lessing; Betrachtungen; Erziehung des Menschengeschlechts; Vorsehung;

Autor

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