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Der Jena-Plan – eine schulpädagogische Konzeption für die Gegenwart?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 21 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte des Jena-Plans

3 Der Jena-Plan von Peter Petersen
3.1 Theoretische Grundlagen
3.1.1 Grundgedanken der Erziehungslehre Peter Petersens
3.1.2 Die Pädagogische Situation
3.1.3 Die vier Bildungsgrundformen: Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier
3.2 Schulpraktische Inhalte
3.2.1 Stammgruppen statt Jahrgangsklassen
3.2.2 Wochenarbeitsplan statt Fetzenstundenplan
3.2.3 Berichte und Erfolgserfahrungen statt Zensuren
3.2.4 Gestaltung der Lernumwelt

4 Jena-Plan-Pädagogik heute
4.1 Kritik am theoretischen Begründungskonzept
4.2 Jena-Plan-Pädagogik als Balance zwischen Lern- und Lebenswelt in der Schule
4.3 Der Jena-Plan als Basis für Schulentwicklung

5 Jena-Plan-Pädagogik - ein schulpädagogischer Ansatz für die Gegenwart?

6 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In Europa und auch in Deutschland steigt in den letzten Jahren immer mehr das Interesse von Eltern und Lehrern an reformpädagogischen Schulmodellen.

Im Mittelpunkt dieser reformpädagogischen Konzepte steht eine „Pädagogik vom Kinde aus“. Pädagogische Prinzipien dieser Bildungskonzepte sind u.a. Selbstständigkeit, Mitbestimmung, Eigenverantwortung und selbst bestimmtes Lernen. Ziel ist es, das Kind bei der Entwicklung und Entfaltung seiner Individualität und Persönlichkeit zu unterstützen.

Eines der bedeutsamsten reformpädagogischen Modelle des 20. Jahrhunderts ist der Jena-Plan von Peter Petersen. Es bietet eine mögliche Ausgangsform für die Gestaltung der Schule von heute. In diesem Ansatz geht es um die Gestaltung eines anregungsreichen und nach vielen Seiten hin offenen Schullebens. In Deutschland arbeiten bereits ca. 30 Schulen auf Basis des Jena-Plans (Jenaplan-Initiative Bayern e.V., 2003).

Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich die schulpädagogische Konzeption „Jena-Plan“ von Peter Petersen vorstellen.

Ausgehend von einem Abriss der Entstehungsgeschichte des Jena-Plans werde ich auf theoretische Begründungen eingehen und schulpraktische Inhalte sowie konstituierende Merkmale des Konzepts beschreiben. Zum Abschluss der Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, ob Jena-Plan-Pädagogik den Anforderungen der Schule von heute gerecht werden kann.

Die Arbeit soll einen Kurzüberblicküber das reformpädagogische Modell des Jena-Plans von Peter Petersen geben und nach der Aktualität für die Schule von heute fragen. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Hausarbeit werde ich mich auf Ausführungen zu Petersens schulpädagogischen Konzepts beschränken und die kontroverse Diskussionüber seine Rolle im Nationalsozialismus außer Acht lassen.

2 Entstehungsgeschichte des Jena-Plans

Peter Petersen (1884-1952) absolvierte sein Studium in den Fachrichtungen Philosophie, Geschichte, Psychologie, evangelische Theologie, Anglistik und Nationalökonomie von 1904- 1909 an den Universitäten in Leipzig, Kiel, Kopenhagen und Posen. Nach seiner Promotion und der Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen war er als Pädagoge und Universitätslehrer tätig.

Seit 1911 engagierte er sich in der Schulreformbewegung der Reformpädagogik. Im Deutschen Bund für Schulreform war er zuerst Schriftführer und später Sekretär. Innerhalb dieser Tätigkeit entwickelt er seine Vorstellungen von einer Einheitsschule für alle Kinder, eines ganzheitlichen Schulmodells vom Kindergarten bis zum Abitur. Im Mittelpunkt des Erziehungs- und Bildungsgeschehens soll die Selbsttätigkeit des Kindes und die Entfaltung der Autonomie seiner Person stehen (Eichelberger, 2000).

In der Hamburger Lichtwark-Schule, deren Leitung Petersen 1920übernahm, nehmen seine pädagogischen Vorstellungen weiter Gestalt an. Die Lichtwark-Schule wurde auf der Grundlage der Schulreformbewegung gegründet und bot ihm die Möglichkeit der Erprobung neuer Ideen für Unterricht und Schulleben. Hier entwickelt Petersen zusammen mit seinen Kollegen Prinzipien der „neuen“ Schule, schul- und unterrichtsorganisatorische Maßnahmen sowie neue Wege bezüglich der Inhalte und Gestaltung des Unterrichts (Dietrich, 1995). Zu seinen neuen pädagogischen Grundsätzen zählen u.a. das Bestreben, das gesamte Leben in die Schule zu holen und somit ganzheitliches Lernen zu gewährleisten oder dieüberwindung der Klassen- und Konfessionsgrenzen. Die Schule wird als Schulgemeinde gesehen, in der Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam die Verantwortung tragen.

1923 wird Petersen an die Universität von Jena berufen undübernimmt dort den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft sowie die Leitung der angegliederten Universitätsübungsschule für angehende Lehrer. An dieser Schule hat er wiederum die Chance, seine schulreformerischen Gedanken, Ideen und Forderungen weiter zu vervollkommnen und auszuprobieren. 1925 legt er einen ersten Bericht seiner Arbeit an der Jenaer Versuchsschule unter dem Titel „Eine Grundschule nach den Grundsätzen der Arbeits- und Lebensgemeinschaftsschule“ vor.

Unter dem gleichen Titel stellt Peter Petersen 1927 auf der IV. Internationalen Konferenz des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung in Locarno erstmals die Ergebnisse des Jenaer Schulversuchs einer wissenschaftlichenöffentlichkeit vor.

Dort prägten zwei englische Sekretärinnen der „New Education Fellowship“ den Namen JenaPlan. Die Bezeichnung erfolgteähnlich wie beim Dalton-Plan nach dem Ort, an dem das Konzept zum ersten Mal von seinem Erfinder praktiziert wurde. Diese Bezeichnung war nun für das internationale Publikum auch sprachlich besser zu handhaben.

Als einführende Schrift in die Arbeit der Jenaer Versuchsschule entstand der „Kleine JenaPlan“, ein Abriss der Grundgedanken des schulpädagogischen Konzepts Petersens. (Dieses Werk ist heute mit seinen 60 Auflagen eine der meist gelesenen pädagogischen Schriften.) In den Jahren 1930 bis 1934 folgten drei Forschungsberichteüber den Stand und die Entwicklung der Reformarbeit an der Jenaer Versuchsschule. Diese Berichte werden zusammen in der Literatur als der „Große Jena-Plan“ bezeichnet.

Dietrich beschreibt die Jena-Plan-Schule resümierend als „ ... Ergebnis langjähriger schulpraktischer Reformversuche und theoretischer Auseinandersetzungen Petersens und seiner engsten Mitarbeiter mit der Pädagogik des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts“ (Dietrich 1995, S. 146). In die Gestaltung des Konzepts sind verschiedene Anregungen anderer Reformbestrebungen, wie z.B. von Freinet oder Decroly mit eingeflossen. Der Jena-Plan steht somit in engem Zusammenhang mit der deutschen und internationalen Reformpädagogik.

„Während sich die Schule des 19. Jahrhunderts am Unterrichtsstoff orientiert, soll jetzt das Kind der Ausgangspunkt aller Erziehungs- und Unterrichtsmaßnahmen sein“ (Dietrich 1995, S. 147).

Neben seiner schulpädagogischen Konzeption umfasst Petersens pädagogisches Werk zwei weitere Schwerpunkte. Zum einem die Arbeit an der Erziehungstheorie und damit der Begründung seines schulpraktischen Konzepts. Und zum anderen die pädagogische Tatsachenforschung, die die Möglichkeit eröffnen soll, empirisch gewonnene Erkenntnisse der Schulpraxis der theoretischen Unterrichtsforschung zugänglich zu machen.

3 Der Jena-Plan von Peter Petersen

3.1 Theoretische Grundlagen

3.1.1 Grundgedanken der Erziehungslehre Peter Petersens

Petersens Mitarbeit und sein Engagement in der Schulreformbewegung bewegten ihn dazu, seine schulpädagogische Konzeption auch theoretisch zu begründen.

Pädagogische Theorie ist für ihn nicht von der pädagogischen Praxis trennbar. Die Erziehungswissenschaft muss die Schulpraxis begleiten und gestalten. Beide Teile stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Der Einheit von Theorie und Praxis geht die Sinndeutung von Mensch und Welt voraus und bildet die Grundlage für Petersens Denken und Handeln (Dietrich 1995).

Die sehr komplexe Erziehungstheorie von Petersen wird von Döpp-Vorwald (1969) in Form von vier Hauptgedanken zusammengefasst.

1. Autonomie der Pädagogik ist eine Grundüberzeugung Petersens. Sie beinhaltet zum einem die Selbstständigkeit der Wissenschaft und zum anderen die Eigenständigkeit des erzieherischen und pädagogischen Geschehens in der Wirklichkeit, welches Gegenstand des pädagogischen Erkennens und Denkens ist. Durch dieses Pädagogisch-Eigentliche unterscheidet sich der ganze Erziehungsbereich von sonstigen Seinsbereichen der menschlichen Welt.
2. Petersens Menschenbild (als anthropologische Voraussetzung für dessen Erziehungsverständnis) enthält nach Döpp-Vorwald zwei grundlegende Motive. Erstens das Eigentliche des Menschen, das spezifisch Menschliche an ihm, sein geistiges Sein. Und zweitens beinhaltet Pe]tersens Menschenbild im Unterschied zur Tradition der humanistischen Pädagogik ein realistisches Menschenverständnis, welches die Endlichkeitserfahrung und Begrenzung des Menschen betont. Auf dieser Basis erklärt Petersen „ ... wie der Mensch sein ganz konkretes Sein von der ihm zugeordneten endlichen Wirklichkeit her gewinnt ...“ und das Erziehung „ ... immer von der Wirklichkeit ausgehen und den Menschen in seine Wirklichkeit hineinführen ...“ muss (Döpp-Vorwald 1969, S. 119).
3. Das Erziehungsverst ä ndnis Peter Petersens umfasst verschiedene Komponenten. Der Prozess der Menschwerdung, der Vergeistigung ist das zentrale Grundgeschehen aller Erziehung. Für Petersen wird der Mensch erst durch Erziehung zum Menschen. Erziehung wiederum vollzieht sich in der Gemeinschaft und erst durch sie entwickelt sich das Individuum zur Persönlichkeit. Petersen unterscheidet stets genau zwischen Erziehung und Bildung. Erziehung ist die Vergeistigung, die Humanisierung des Menschen und Bildung umfasst die Formwerdung des Menschen und die Entfaltung aller in ihm angelegten Kräfte. Trotz der strengen Unterscheidung sind Bildung und Erziehung nicht voneinander zu trennen, „ ... Bildung ist gleichsam der Raum, das Medium, in dem Erziehung sich ereignen kann ...“ (Döpp-Vorwald 1969, S. 122). Döpp-Vorwald (1969) stellt in bezug auf das Erziehungsverständnis von Petersen heraus, dass er trotz seiner Auffassung vom reinen Sinn der Menschenerziehung dennoch nicht den Blick für die Forderungen der Wirklichkeit verliert. Seine Erziehungslehre bleibt, gleichwohl metaphysisch-anthropologischem Tiefgang, lebensnah.
4. Auf der Basis der eben beschriebenen Inhalte ergibt sich Petersens Schulp ä dagogik. Das Wichtigste ist für ihn, dass die Schule nicht nur Buch- und Bildungsschule ist, sondern gleichzeitig auch Erziehungsschule und eine Schule der Gemeinschaft. Bildungs- und Erziehungsaufgaben sind eng miteinander verbunden.

Für Petersen ist die Schule zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft angesiedelt. Gemeinschaftsschule ist sie, indem es ihr gelingt, geistige Gemeinschaft zwischen Lehrern, Schülern und der Welt zu schaffen. Gleichzeitig ist sie auch eine Institution der Gesellschaft und offen für alle Anforderungen der Gegenwart an den jungen Menschen (Döpp-Vorwald, 1969).

3.1.2 Die Pädagogische Situation

Der Mensch braucht Erziehung um Mensch zu werden. Für Petersen (1937)übernimmt die Pädagogik und damit auch die Schule die Aufgabe, das Kind und den Jugendlichen bei seiner Menschwerdung zu unterstützen. Diese Hilfe vollzieht sich z.B. in pädagogischen Situationen im Unterricht, in denen dem zu Erziehenden wichtige Erfahrungen zugänglich gemacht werden und er die Möglichkeit hat, sich entsprechend zu verhalten. Der Sinn des Handelns in der pädagogischen Situation ist die bewusste Herbeiführung einer echten Erziehungssituation für die Kinder und Jugendlichen. Petersen definiert die pädagogische Situation als problemhaltigen „Lebenskreis von Kindern oder Jugendlichen um einen Führer, von diesem in pädagogischer Absicht derart geordnet, daß jedes Glied des Lebenskreises genötigt (gereizt, aus sich herausgetrieben) wird, als ganze Person zu handeln, tätig zu sein“ (Petersen 1937, S. 24). Er unterscheidet dabei zwischen der Führung des Unterrichts, welche die absichtsvolle Ordnung und Gestaltung des Schullebens sowie die stoffliche und zeitliche Planung des Unterrichts beinhaltet und der Führung im Unterricht, die sich auf die Gestaltung seines inneren Ablaufs bezieht (Petersen 1937).

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Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640791903
ISBN (Buch)
9783640791477
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164178
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Schlagworte
Peter Petersen Reformpädagogik Jena-Plan gruppenübergreifendes Arbeiten

Autor

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