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Der Reichston Walthers von der Vogelweide als literarisches und historisches Werk

Eine Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Zu den politischen Ereignissen im Reich von 1196-1201
1.2 Zur Entstehung des Reichstones
1.3 Der mittelalterliche Ordo-Gedanke
1.4 Zur Metrik und Form

2. Hauptteil: Interpretation
2.1 Der Erste Reichsspruch: Ich saz ûf eime steine
2.2. Der Zweite Reichsspruch: Ich hôrte ein wazzer diezen
2.3 Der Dritte Reichsspruch: Ich sach mit mînen ougen

3. Schlussteil: Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walther von der Vogelweide gilt als der erste deutsche Berufsdichter, der in seinem Werk alle drei Genres der mittelhochdeutschen Literatur, das Minnelied, das religiöse Lied und den Sangspruch vereinigt. Der Reichston, ein dreistrophiger Zyklus, bestehend aus den Sprüchen Ich saz ûf eime steine, Ich hôrte ein wazzer diezen und Ich sach mit mînen ougen ist höchstwahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1197 und 1201 entstanden und in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift (Hs. A), der Weingartner Liederhandschrift (Hs. B), sowie der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse; Hs. C) vollständigüberliefert. Die Bezeichnung „Reichston“ stammt von Karl Simrock und ist insofern zutreffend, dass der Dichter sich in allen drei Strophen mit der damaligen politischen Lage des Reiches auseinandersetzt. Ulrich Müller sieht im Reichston zudem den Anfang politischer Lyrik in deutscher Sprache.1 Anders als Lieder, deren Strophen innerhalb kurzer Zeit verfasst wurden, muss man sich den Reichston als „gewachsene Einheit“2 vorstellen, da zwischen der Entstehung der zweiten und dritten Strophe ein Abstand von mindestens drei Jahren herrscht. Die drei Reichssprüche zählen zu den am meisten behandelten Walthers, da ihre genaue Deutung bis heute umstritten ist. Demnach gibt es eine Fülle von Forschungsliteratur und unterschiedlichen Thesen zum Thema. In meiner Hausarbeit werde ich mich mit der Interpretation der Strophen beschäftigen, wobei ich einige der verschiedenen Ansichten, die die Forschung bietet, einfließen lassen werde. Ich werde mich dabei hauptsächlich auf die Ausarbeitungen von Konrad Burdach, Richard Kienast, Matthias Nix, Manfred Günther Scholz, Günther Schweikle und Bernard Willson beziehen, wodurch zudem einüberblicküber den bisherigen Forschungsstand ermöglicht werden soll. Als Primärliteratur dient mir der Text aus Handschrift A, da dieser aufgrund der chronologisch richtigen Reihenfolge der Strophen dem Original amähnlichsten ist. Die Handschriften B und C vertauschen dagegen die zweite und die dritte Strophe und auch der Wortlaut weicht an einigen Stellen, die für das Gesamtverständnis des Tons entscheidend sind, von Handschrift A ab. Zu Beginn werde ich einige Hintergrundinformationen liefern, die die politische Lage im Reich um 1200 betreffen. Es folgen Erläuterungen zur Entstehung des Reichstones, zum mittelalterlichen Ordo- Gedanken, und zur Metrik und Form der Strophen. Ohne diese Erläuterungen ist ein umfassendes Verständnis der Sprüche nicht möglich. Der anschließenden ausführlichen Interpretation folgt im Schlussteil eine kurze Zusammenfassung der Ausarbeitungen.

1.1 Zu den politischen Ereignissen im Reich von 1196-1201

Heinrich VI. konnte noch vor seinem Tod im Jahre 1197 durchsetzen, dass sein Sohn Friedrich 1196 zum König gewählt wurde. Da dieser jedoch erst zwei Jahre alt und somit nicht mündig war, wählte die Stauferpartei Ende 1197 Heinrichs Bruder Philipp von Schwaben zum Thronverwalter. Die welfische Gegenpartei fand zunächst keinen passenden Kandidaten für das Amt des Königs und so wurde Philipp am 8. März 1198 zum König gewählt. Im gleichen Jahr, am 9. Juni 1198, kam es schließlich auf Seiten der Welfen zur Wahl des Gegenkönigs Otto von Braunschweig, zweitältester Sohn Heinrichs des Löwen. Otto wurde am 12. Juli 1198 in Aachen gekrönt, Philipp am 8. September 1198 in Mainz. Doch Wahl und Krönung wurden in beiden Fällen nicht in derüblichen Art und Weise durchgeführt. Obwohl Otto am rechten Ort und vom richtigen Erzbischof gekrönt wurde, war er nicht im Besitz der Krönungsinsignien,über welche Philipp verfügte, der jedoch am falschen Ort und dazu vom nicht legitimierten Erzbischof Aimo von Tarantaise gekrönt wurde. Zudem waren beide Wahlgremien anfechtbar. In Folge der Doppelwahl entbrannte ein Macht- und Legitimationsstreit um das Königsamt, welcher das Reich in jahrelange Unruhen stürzte. Als Richard von England am 6. April 1199 starb und damit vorerst Ottos Geldquelle versiegte, wandten sich viele Anhänger von den Welfen ab und liefen zu den Staufernüber. Papst Innozenz III. entschied sich jedoch für Otto und griff am 3. Juli 1201 in den Thronstreit ein, indem er die päpstliche Anerkennung Ottos Königtums verkünden ließ und zudem einen Bann gegen Philipp und seine Anhänger verhängte.

1.2 Zur Entstehung des Reichstones

In seinen drei Reichssprüchen bezieht sich Walther von der Vogelweide auf die politischen Ereignisse im Zeitraum zwischen 1197 und 1201. Er ergreift Partei für die Staufer und verurteilt das Verhalten der gegnerischen Partei, sowie das Eingreifen des Papstes in den Thronstreit. Der erste Reichsspruch Ich saz ûf eime steine ist höchstwahrscheinlich im Zeitraum zwischen dem Tode Heinrichs VI. und der Wahl Philipps von Schwaben zum deutschen König entstanden, genauer zwischen Ende 1197 und Anfang März 1198. Eine genauere zeitliche Eingrenzung des Entstehungszeitraumes ist nicht möglich, da bestimmte Daten nicht genannt werden. Es handelt sich bei der Strophe um diejenige, welche die zeitlichen Ereignisse am wenigsten erkennen lässt. Diese Tatsache veranlasst Günther Schweikle dazu anzumerken, dass „die offene Form der letzten fünf Verseüber die politische Lage hinaus auf allgemeine menschliche und gesellschaftliche Unzulänglichkeiten“3 verweist und die Strophe somit als „allgemeine Zeitklage mit offenem Bezug auf die historische Situation“4 aufgefasst werden kann. Dass es sich höchstwahrscheinlich dennoch um einen Wahlaufruf für Philipp handelt, zumindest um die Forderung nach einem starken König, lässt der letzte Abschnitt erkennen. Dies wird in der Interpretation genau erläutert werden. Der zweite Spruch wird aufgrund seines offensichtlichen zeitgeschichtlichen Bezugs auf Anfang 1198 datiert und als konkreter Wahlaufruf für Philipp von Schwaben gedeutet. Der dritte Spruch ist höchstwahrscheinlich 1201 als Reaktion auf den Bannspruch des Papstes entstanden, also mindestens drei Jahre nach den ersten beiden Sprüchen. Ob die Sprüche nun im Dienste Philipps oder eines anderen Auftraggebers entstanden, oder als Heischesprüche, als "Bewerbungen" um ein Beschäftigungsverhältnis, also aus Walthers eigener Initiative heraus, weil er nach dem Tode Herzog Friedrichs I. vonösterreich, am 16. April 1198, einen neuen Gönner suchte, konnte bisher nicht mit Sicherheit geklärt werden. Ulrich Müller erklärt, dass „hinter dem Dichter in den meisten Fällen ein Auftraggeber oder ein Gönner zu vermuten ist, in dessen Auftrag der Dichter produzierte und/oder um dessen materielle Unterstützung er sich bemühte.“5 Walther verfasste die Reichssprüche höchstwahrscheinlich alle im Auftrag und so ist für ihr Verständnis wichtig anzumerken, dass die Sprüche nicht unbedingt die Meinung des Dichters, sondern vielmehr die des Auftraggebers oder des Mäzens ausdrücken. Wenn Walther sich bereits vor dem Tode Friedrichs am staufischen Hof befand, käme Philipp als möglicher Auftraggeber in Frage. Womöglich konnte Walther jenen durch Arbeitsproben von seinen Fähigkeitenüberzeugen.6 In der Forschung wird zudem die These vertreten, Herzog Leopold von Steiermark sei der Auftraggeber für die beiden ersten Sprüche gewesen, da jener Philipp für den Fall, dass dieser die Königswürdeübernehmen würde, seine Unterstützung anbot.7

Im Jahre 1198 schickte Leopold eine Gesandtschaft an den Hof Philipps und es ist möglich, dass sich auch Walther darunter befand. Matthias Nix verweist auf die Chronica regia Coloniensis, aus welcher hervorgeht, dass Leopold VI. unter seinen Zeitgenossen als derjenige deutsche Fürst gesehen wurde, von dem an erster Stelle die Initiative zur Wahl des Staufers ausgegangen sei.8 Walthers genauer Aufenthaltsort Anfang des Jahres 1198 konnte bisher jedoch nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden. Als Auftraggeber des dritten Spruchs kommt ein unparteiischer Reichsfürst in Frage, doch soll an dieser Stelle nicht mehr vorweg genommen werden, da in der Interpretation ausreichend auf diese Thesen eingegangen werden wird.

1.3 Der mittelalterliche Ordo-Gedanke

Rudolf Zitzmann, der sich 1950 an der Diskussion um die Interpretation der Strophen beteiligte, vertritt die Ansicht, dass ein umfassendes Verständnis der Sprüche ohne den ]Einbezug des mittelalterlichen Ordo-Gedankens nicht möglich sei.9 Zitzmann kam zu diesem Schluss, da der Dichter im zweiten Spruch den Begriff ordenunge verwendet (V. 18), dessen lateinische Entsprechung der Terminus ordo darstellt. Der mittelalterliche Ordo-Gedanke, bei welchem es sich um eine Auffassung des thenom ausgerichteten Denkens des Mittelalters handelt, beruht auf folgendem alttestamentarischem Bibelzitat beruht: Omnia in mensura et numero et pondere disposuisti (lib. sap. XI, 21). Der mittelalterliche Mensch war derüberzeugung, dass alles Tun Gottes ein Ordnen sei. Gott galt als das Maß aller Dinge. „Alles Geschaffene komme von Gott und habe seinen festen Platz im hierarchisch gestuften Kosmos.“10 Vor allem der Zweite und Dritte Reichsspruch lässt erkennen, dass diese göttliche Ordnung in Folge des Thronstreits gestört ist. Walther von der Vogelweide sieht in der Verletzung des göttlichen ordo den Grund für die politischen Missstände. Die Reichssprüche können somit nicht allein unter Berücksichtigung der Zeitereignisse verstanden werden. Auch das mittelalterliche Denken muss einbezogen werden.

1.4 Zur Metrik und Form

Die drei Reichssprüche weisen alle die gleiche Metrik und Form auf. Jede Strophe besteht aus 25 Viertaktern (wie in der Epik), gegliedert in 22 Reimpaarverse, wobei es zum Wechsel von weiblicher und männlicher Kadenz kommt, sowie einem abschließenden Vierheber mit Langzeile, welcher auch als Waisenterzine (axa) aufgefasst werden kann. Insgesamt umfasst jede Strophe 100 Takte. Die Zahl 100 verweist in gesteigerter Form auf die Zahl 10, welche, entsprechend dem Ordo-Gedanken, als eine der mittelalterlichen Symbolzahlen der Vollkommenheit gilt. Bei den inhaltlichen und formalen triadischen Strukturen, welche vor allem die erste Strophe prägen, handelt es sich laut Schweikle um „Verweise auf die das Irdische transzendierende Ordnungsprinzipien.“11 Die triadischen Strukturen verkörpern die heilige Zahl drei und stellen somit eine Analogie der Heiligen Dreifaltigkeit dar.12 In der Dreizahl der Strophen spiegelt sich z. B. eine triadische Struktur wieder. Das Vorhandensein dieser Dreiergruppen könnte außerdem dafür sprechen, dass Walther von Anfang an einen dreistrophigen Zyklus beabsichtigt hatte.13 Des Weiteren verwendet der Dichter in der ersten Strophe duale Strukturen in Form von Wortpaaren um die zentralen Begriffe hervorzuheben. Alle drei Strophen sind zudem von einer „eindringlichen Bildhaftigkeit geprägt, die für Walthers Darstellungsstil charakteristisch ist“14 sowie von anaphorischen Eingängen (Ich saz/ Ich hôrte/ Ich sach). Die Sprüche bilden demnach nicht nur thematisch eine Einheit, sondern auch formal.

[...]


1 Müller, Ulrich: Zurüberlieferung und zum historischen Kontext der Strophen Walthers von der Vogelweide im Reichston. In: Spectrum Medii Aevi. Essays in Early German Literature in Honour of George F. Jones. Ed. William C. McDonald. Göppingen 1983. S. 397.

2 Ebd., S. 398.

3 Schweikle, Günther: Walther von der Vogelweide. Werke. Bd. 1: Spruchlyrik. Mhd./Nhd. Stuttgart 1994. S. 340.

4 Ebd., S. 338.

5 Müller, Ulrich: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters. In: Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 55/56. Göppingen 1974. S. 272

6 Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide. Göppingen 1993. S. 38f.

7 In einem Brief aus dem Jahre 1206 bezeugt Philipp dies dem Papst. Vgl. Regestum Innocentii III papae super negotio Romani imperii. Nr. 136. Hrsg. Friedrich Kempf. Rom 1947. S. 318.

8 Chronica regia Coloniensis (Annales maximi Coloniensis). Rec. Georgius Waitz. Hannover 1880.

9 S. 162.

10 Zitzmann, Rudolf: Der Ordo-Gedanke des mittelalterlichen Weltbildes und Walthers Sprüche im ersten Reichston. In: Wege der Forschung. Bd. LVI: Ritterliches Tugendsystem. Hrsg. von Günter Eifler. Darmstadt 1970. S. 221f.

11 Ebd., S. 224.

12 Schweikle, Günther (1994). S. 337.

13 Vgl. Willson, H. Bernard: Walthers ‚Erster Reichston’. In: Wege der Forschung. Bd. LVI: Ritterliches Tugendsystem. Hrsg. von Günter Eifler. Darmstadt 1970. S. 433

14 Vgl. Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide. Tübingen 1999. S. 52. Schweikle, Günther (1994). S. 339.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640791873
ISBN (Buch)
9783640791538
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164162
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Walther von der Vogelweide Reichston Reichssprüche Reichstonsprüche Ich saz uf eime steine Vogelweide Walther Heinrich VI. Philipp von Schwaben Staufer Stauferpartei Ordo Ordo-Gedanke Mittelalterliches Weltbild Otto von Braunschweig

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