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Internetdiffusion in Deutschland - Sättigung für alle?

Seminararbeit 2007 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

-Inhaltsverzeichnis-

1. Einleitung

2. Diffusionstheoretischeüberlegungen: Everett M. Rogers, Diffusion of Innovations

3. “Digital Divide”: Definitorische Annäherung

4. Empirische Daten zur Internetdiffusion in Deutschland
4.1 Internet-Zugangschancen in Deutschland.
4.2 Internetdiffusion und „Digital Divides“
4.3 Internetdiffusion: Zuwächse

5. Offliner in Deutschland

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Das Label ‚ Wissensgesellschaft ’ steht für die gegenwärtig populärste Zeitdiagnose. “

(Uwe H. Bittlingmayer)1

Daniel Bell diagnostiziert bereits 1973 die zentrale Bedeutung von „Information“ und „Wissen“ in der Gesellschaft und zeigt denübergang auf von Industriegesellschaften hin zu postindustriellen (Informations-) Gesellschaften2 - letztere im Sinne

„ [ … ] informationsö konomisch bestimmte [r] Gesellschaften, in denen informationsbezogene Arbeiten den größ ten Anteil an der Erstellung des Bruttosozialproduktes und an den Arbeitsplätzen haben. “3 Dass ein solcher Strukturwandel auch in Deutschland stattfindet, ist unstrittig; das Internet ist hierbei ein Mittel zur Teilhabe an einer solchen Gesellschaft, in welcher der Informationsbegriff eine zentrale Bedeutung hat.

Doch bei wem kommt die „Innovation Internet“ in diesem Land an- und wer bleibt außen vor? Das ist eine wichtige Frage in der vorliegenden Arbeit, die in dem Bewusstsein verfasst worden ist, dass einerseits zwar „ [ … ] die Anhäufung von informellen Gütern noch keine Aussageüber die Qualität des Lebens macht “4, andererseits anerkennt, dass „ im Fall der Nichtnutzung der technischen Ressource privilegierende Wirkungen von vornherein ausgeschlossen sind. “ 5

Eine knappe Nachzeichnung der Internetdiffusion in Deutschland zwischen 1997 und 2007 soll helfen, die o.g. Frage zu beantworten- und damit auch die zentrale Frage nach einer „Sättigung für alle“. Schließlich gehen optimistische Vertreter der Diffusionstheorie wie Benjamin Compaine davon aus, dass früher oder später ohnehin eine hohe oder gar vollständige Internetpenetration in der Gesellschaft erreicht wird und Zugangsklüfte verschwinden- deregulativ.6 Die Frage: „ Will digital inequalities prove a temporary problem that will gradually fade over time, as Internet connectivity spreads and ‘ normalizes ’ , or will this prove an enduring pattern generating a persistent division between info-haves and have nots? ” 7 soll hier allerdings nicht beantwortet werden.

Die vorliegende Arbeit ist vielmehr als Versuch zu verstehen, die deutsche Ist-Situation hinsichtlich der Internetdiffusion und aufzeigbarer Zugangsklüfte im Jahr 2007 deskriptiv zu erfassen, ohne dabei spekulative Prognosen für die Zukunft anzustellen.

Einen theoretischen Bezugsrahmen zur Betrachtung bilden dabei diffusionstheoretischeüberlegungen aus Everett M. Rogers’ Werk „Diffusion of Innovations“ sowie eine definitorische Annäherung an den Begriff „Digital Divide“.

Für den empirischen Teil wird durchweg auf die Online- und Offline-Studien von ARD und ZDF zurückgegriffen, denn zum einen werden diese länger erhoben (seit 1997 bzw. 1999) als der ebenfalls verwendete „(N)Onliner Atlas“ von TNS Emind (seit 2001); zum anderen thematisieren die ARD/ZDF-Studien die Motive der (Nicht-) Nutzung des Internets weitreichender. Auf Stärken, Schwächen oder Auslassungen der einzelnen Studien wird im empirischen Teil zu gegebenen Stellen weiterhin kurz eingegangen.

Im Verlauf der Arbeit richtet sich der Blick zunächst auf diffusionstheoretischeüberlegungen. Hier wird die Relevanz der Diffusionsforschung festgestellt, um anschließend wenige zentraleüberlegungen aus dem Werk „Diffusion of Innovations“ von Everett M. Rogers darzustellen, nämlich zum Verbreitungsmuster von Innovationen („S-Kurve“) und zur Verbreitungsanalyse aus Mikro- und Makroperspektive. Anschließend sollen Bezüge zur „Internetdiffusion“ hergestellt und der Umgang der diffusionstheoretischen Perspektive mit „Zugangsklüften“ thematisiert werden, um dann zur definitorischen Annäherung an den Begriff „Digital Divide“überzuleiten. Hier sollen insbesondere der deskriptive Charakter und das hohe Maß an weiterer Ausdifferenzierbarkeit des Begriffs betont werden, um im empirischen Teil zunächst die Internet-Zugangschancen in Deutschland nach „chancenarmen“ und „chancenschwachen“ Individuen zu typisieren. Diese Typisierung lässt ausdifferenzierte Zugangsklüfte auf Mikro- und Makroebene erkennen. Anschließend soll ein Teil der aufgezeigten Zugangsklüfte exemplarisch dem Wachstum des Internets seit 1997 Creating a Myth?, Cambridge: The MIT Press, 2001, [315-335]. gegenübergestellt werden um zuüberprüfen, ob sich diese Zugangsklüfte mit dem Verlauf der Internetdiffusion vergrößert haben.

Danach wird abgeglichen, ob die Entwicklung der Onlinenutzung in Deutschland zwischen 1997-2007 Rogers’ Verbreitungsmodell von Innovationen abbildet. Zudem wird die Entwicklung der Onlinenutzung den Zuwachsraten der Internetdiffusion gegenübergestellt sowie die Entwicklung der Zuwachsraten hinterfragt. Anschließend werden die Offliner in Deutschland betrachtet; dabei wird mit Blick auf die diffusionstheoretische Mikroperspektive hinterfragt, wie stabil und freiwillig deren Ablehnung der „Innovation Internet“ ist, bevor abschließend ein Fazit gezogen wird.

2. Diffusionstheoretischeüberlegungen: Everett M. Rogers,Diffusion of Innovations

„ Ausgangspunkt und Beweggrund der Diffusionsforschung ist die Einsicht, dass Innovationen eine wichtige Voraussetzung und Triebkraft für den gesellschaftlichen Wandel darstellen und deshalb die Beschreibung und Erklärung ihrer Ausbreitung sowohl wissenschaftliche als auch praktische Relevanz beanspruchen kö nnen. “8

Einer der wichtigsten Vertreter der Diffusionstheorie ist Everett M. Rogers, er hat diese mit seinem erstmals 1962 erschienenen Werk „Diffusion of Innovations“ nachhaltig geprägt. Ausgewählte, zentraleüberlegungen aus diesem Werk sollen nachfolgend knapp dargestellt werden.

Rogers geht davon aus, dass Innovationen- zu denen das Internet zweifelsohne zählt- immer einenähnlichen Verlauf nehmen hinsichtlich ihrer Verbreitung in der Gesellschaft, nämlich:

„ [ … ]a slow advance in the beginning, followed by rapid and uniformly acceleration progress, followed again by progress that continues to slacken until it finally stopps. “9 Grafisch dargestellt, folgt dieser Verlauf einer „S-Kurve“ und kann bisher für die Verbreitung verschiedener Medien- z.B. Fernsehen und Hörfunk- nachgewiesen werden.10

Die Analyse der Verbreitung (bzw. Annahme und Ablehnung) einer Innovation kann aus der Perspektive des Individuums (Mikroperspektive) oder des Sozialsystems (Makroperspektive) erfolgen.11

In der Mikroperspektive geht Rogers davon aus, dass ein mehrstufiger innovation-decision- process über die Adoption einer Innovation entscheidet:

Von der Wahrnehmungsstufe (Kenntnisnahme der Neuerung)über die überzeugungsstufe (Bewertung der Innovation vor dem Hintergrund individueller Bedürfnisse und Erfahrungen) zur übernahme-Entscheidung. Auf jeder dieser Stufen kann der Adodptionsprozess scheitern, auch nach einer positivenübernahme-Entscheidung (nämlich dann, wenn die Neuerung nicht nachhaltig ins Alltagsleben integriert werden kann). Zu berücksichtigen ist, dass die Mikroperspektive zusätzlich insb. unter dem Einfluss sozioökonomischer Faktoren steht (wie „Bildung“ und „sozialem Status“).12

Die Makroperspektive untersucht, „ welchem Verlauf die Ausbreitung einer Innovationüber die verschiedenen Segmente eines Systems folgt und [ … ] bei welchem Penetrationsniveau diese Ausbreitung zum Stillstand kommt. “13

In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass mit den „ verschiedenen Segmenten eine Systems “ auch die unterschiedlichen sozialen Segmente einer Gesellschaft gemeint sein können.

Die Verbreitung einer Innovation aus der Makroperspektive wird im Gegensatz zur individuellen Perspektive nicht als „Adoption“, sondern als Diffusion bezeichnet.

Im Feld der Internetdiffusion werden Unterschiede in der Verbreitung der Internetzugänge meist mit Blick auf Rogers’ „Diffusion of Innovations“ und den erfolgreichen Annahme]prozess anderer Medien als temporärer Zustand relativiert.14 Das oftmals zutreffende Modell der „S-Kurve“ veranlasst manchen Anhänger der Diffusionstheorie, „ den Idealfall als Reallfall zu betrachten “ 15 und der Verbreitung des Internets ein hohes Penetrationsniveau zu prophezeien. Demnach bleibt höchstens die Frage umstritten, wie viel Zeit vergehen muss, bis eine hohe oder gar vollständige Sättigung im Prozess der Internetdiffusion erreicht ist. Eine Zugangsförderung ist demnach nicht notwendig, der Markt Netzwerkgesellschaft, Bielefeld: Transcript Verlag, 2005, [83-118], S. 113. reguliert die Internetverbreitung selbst- und beseitigt damit auch schrittweise die Zugangsklüfte.16

3. „Digital Divide“: Definitorische Annäherung

„ As the infusion of mass media information into a social system increases, segments of the population with higher socioeconomic status tend to acquire this information at a faster rate than the lower status segments, so that the gap in knowledge between these segments tends to increase rather than decrease. “17

Die Hypothese von der wachsenden Wissenskluft, die eine amerikanische Forschergruppe vor fast vier Jahrzehnten formuliert hat, ist für Marr „ der Ausgangspunkt der Diskussion “18 um den „Digital Divide“- nämlich „ die Befürchtung, dass sich im Zuge der unterschiedlichen Nutzung neuer Medien soziale Ungleichheiten verstärken “ .19

„Neue Medien“- damit ist in der heutigen Zeit meist das Internet gemeint. Unterschiedliche Konzepte der digitalen Spaltung betonen hierbei i.d.R entweder den Zugangs- oder Nutzungsaspekt bzw. die in diesen Bereichen vorhandenen Klüfte zwischen „besser“ und „schlechter“ Situierten20.

Also: Neues Medium- alte Diskussion? Nolte interpretiert den „Digital Divide“ als „ [ … ] getreues Abbild der alten Klassengesellschaft, die wir verdrängt haben, ohne ihre Realität beseitigen zu kö nnen “ .21 Damit macht er den Begriff zu einem möglichen Synonym sozialer Polarisierung- und vielleicht auch zu einem „ Ablenkungsmanö ver “, das nur ein kleiner Teil größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge oder Ungerechtigkeiten ist. Nolte erreicht hierbei annährend eine utopische Dimension, wenn er (indirekt)über eine Beseitigung gesellschaftlicher Statusunterschiede nachdenkt.

[...]


1 Uwe H. Bittlingmayer: „ Spätkapitalismus “ oder „ Wissensgesellschaft “ ?, in: http://www.bpb.de/files/Z32LKV.pdf (Bundeszentrale für politische Bildung), Abruf vom 04.12.2007.

2 Vgl. Daniel Bell: Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/Main: Campus Verlag, 1989.

3 Rainer Kuhlen: Informationsethik, Konstanz: UVK, 2004, S. 85.

4 Klaus Wiegerling: „Kultur versus Globalisierung. Zu ethischen Konsequenzen informationstechnologisch

disponierter Globalisierungsstrategien“, in: Capurro, Rafael/Hausmanninger, Thomas/Scheule, Rupert M.

(Hg.): Vernetzt gespalten. Der Digital Divide in ethischer Perspektive, München: Wilhelm Fink Verlag, 2004, [98-110], S. 97.

5 Nicole Zillien: Digitale Ungleichheit. Neue Technologien und alte Ungleichheiten in der Informations- und Wissensgesellschaft, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006, S. 88.

6 Vgl. Benjamin Compaine: “Declare the War Won”, in: ders. (Hg.): The Digital Divide. Facing a Crisis or

7 Pippa Norris: Digital Divide: Civic Engagement, Information Poverty, and the Internet Worldwide, Cambridge: Cambridge University Press, 2001, S. 11.

8 Mirko Marr (a): Internetzugang und politische Informiertheit. Zur digitalen Spaltung der Gesellschaft, Konstanz: UVK, 2005, S. 56.

9 Everett M. Rogers: Diffusion of Innovations, New York: The Free Press, 1995, S. 252.

10 Vgl. Manfred Grauer/Gisela Hüser: “Zur Verbreitung des Internets und des Mobilfunktelefons in der Netzwerkgesellschaft”, in: Gendolla, Peter/Schäfer, Jörgen (Hg.): Wissensprozesse in der

11 Vgl. Marr (a): a.a.O., S. 56.

12 Vgl. ebd., S. 56 ff.

13 Vgl. ebd., S. 60.

14 Vgl. Compaine: a.a.O., S. 315-335.

15 Marr (a): a.a.O., S. 63.

16 Vgl. Compaine: a.a.O., S. 315-335.

17 George Donhue/Clarice Olien/Phillip Tichenor: “Mass Media Flow and Differential Growth in Knowledge”, in: Public Opinion Quarterly (1970), [159-170], S. 159 f.

18 Mirko Marr (b): Soziale Differenzen im Zugang und in der Nutzung des Internet. Aktuelle

Befunde aus der Schweiz, in: http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d19_MarrMirko.html (Medienheft Dossier), Abruf vom 09.12.2007.

19 Vgl. Zillien: a.a.O., S. 82.

20 Vgl. Katja Arnold: Digital Divide. Zugangs- oder Wissenskluft?, München: Fischer Verlag, 2003, S. 16 ff.

21 Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft. Wie kö nnten die Deutschen angemessenüber ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäß er Vorschlag, in: http://www.zeit.de/2001/02/Unsere_Klassengesellschaft (DIE ZEIT, Ausgabe 02/2001), Abruf vom 09.12.2007.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640789832
ISBN (Buch)
9783640789337
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164155
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Politikwissenschaft II
Note
1,0
Schlagworte
Digital Divide Digitale Spaltung Internetdiffusion Internet und soziale Ungleichheit Daniel Bell Internet in Deutschland

Autor

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