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Adornos Thesen zur Kulturindustrie

Eine kritische Untersuchung am Beispiel der Fernsehserie „Verbotene Liebe“

Seminararbeit 2009 26 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung – Aufklärung als Massenbetrug

2 Die Kulturindustrie
2.1 Kunst und Kultur – Vom Gebrauchswert zum Tauschwert
2.2 Der Warencharakter und das Bewusstsein der Konsumenten
2.3 Im Interesse der herrschenden Klasse

3. Test der Thesen an der Fernsehserie „Verbotene Liebe“
3.1 Inhalt und Aufbau
Plot 1: Der Adelige will Rache nehmen
Plot 2: Lydia und Sebastian wollen heiraten
Plot 3: Die verschollene Mutter Aufbau der Serie
3.2 Warencharakter und Ideologie

4 Fazit

Verzeichnis der verwendeten Literatur

1 Einleitung – Aufklärung als Massenbetrug

Mit dem Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit hatten sich die Anhänger der Epoche der Aufklärung ein edles Motiv auf die Fahne geschrieben. Der Mensch sollte in seine Vernunft und seinen Verstand vertrauen, überholte Weltbilder abschütteln, sich von den alten Herrschaftsverhältnissen emanzipieren. Besonders in den westlichen Ländern werden diese Prinzipien, wie beispielsweise der kategorische Imperativ von Kant, noch heute als äußerst wichtige Kulturgüter verstanden.

Inwiefern diese Art der Reformierung des Denkens erfolgreich war, bzw. sich tatsächlich die Vernunft durchsetzen konnte, wird von den Anhängern der kritischen Theorie bezweifelt. Zwar werden auch hier die Gedanken der Aufklärung untrennbar mit der Freiheit des Menschen verbunden, jedoch kann im Sinne einer dialektischen Geschichtsbetrachtung jedem Mittel zur Überwindung von Herrschaft auch ein potentiell repressives Element zugeschrieben werden. Der Verdacht ist also der, dass die Gedanken der Aufklärung nicht nur als ein Werkzeug zur Emanzipation und zur Durchsetzung der Demokratie bewertet werden dürfen, sondern darüber hinaus auch als Herrschaftsinstrument verstanden werden müssen.

Im Zentrum der Kritik stehen hierbei das instrumentelle Denken und der Glaube an die Berechenbarkeit der Welt. Anstelle der Mythen trete, von einer Art Aberglaube ebenfalls nicht weit entfernt, der uneingeschränkte Glaube an die Rationalität und die wissenschaftliche Erkenntnis. So heißt es in der Dialektik der Aufklärung:

„Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt. Rücksichtslos gegen sich selbst hat die Aufklärung noch den letzten Rest ihres eigenen Selbstbewusstseins ausgebrannt.“[1]

Die Ideale der Aufklärung würden sich nach Adorno und Horkheimer selbst verraten und die Entzauberung der Welt scheine ihr Versprechen nicht einhalten zu können. Der Mythos um Zahlen und Formeln bewege sich also lediglich auf einer anderen Ebene. Die Menschen würden nach wie vor beherrscht, die Verhältnisse durch Wissenschaft und Technik legitimiert. Die Aufklärung ende somit im Betrug der Massen.

Laut Horkheimer und Adorno spielen die Massenmedien in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. So muss zum einen davon ausgegangen werden, dass die Botschaften einen Einfluss auf das Bewusstsein der Konsumenten ausüben und zum anderen wird vermutet, dass die Produzenten relativ unkritisch gegenüber den bestehenden Herrschaftsverhältnissen blieben, da sie selbst in diese eingebunden sind.

Welche Folgen dies für die Inhalte der Produkte, das Individuum und die Gesellschaft habe, wird im ersten, dem theoretischen Teil der Arbeit, erläutert. Die von Adorno angeführten Gründe für diese Entwicklung und ein möglicher Ausgang aus dieser Dilemma-Situation sollen ebenfalls an dieser Stelle angeführt werden. Der zweite Teil der Arbeit stellt sozusagen einen Test der Thesen Adornos dar.[2] Zu diesem Zweck soll der Inhalt der Vorabendsendung „Verbotene Liebe“ zunächst analysiert und anschließend in Bezug zur kritischen Theorie bewertetet werden. Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit, welches die gewonnenen Erkenntnisse kritisch bewertet.

2 Die Kulturindustrie

Zentral für Adornos Kulturkritik ist die Unterscheidung zwischen Kunst bzw. traditioneller Kultur und den Produkten der Massenmedien. Erstere haben nach dessen Überzeugung den Anspruch, nicht nur ein Abbild der Realität zu sein, sondern immer auch Einspruch gegen die verhärteten Verhältnisse zu erheben. Die Kunst, so heißt es im Text „Prolog zum Fernsehen“, habe es mit dem Protest des von der Zivilisation verschandelten Unbewussten zu tun.[3]

Die heutige Kultur, im allgemeinen unter dem Begriff der Massenmedien zusammen-gefasst, habe diese Funktion jedoch verloren. Seien es Fernsehen, Radio oder der Film, die Produkte seien allesamt zur Ware verkommen. Vor diesem Hintergrund wählten Horkheimer und Adorno ganz bewusst den Begriff der Kulturindustrie. Denn analog zu den Produzenten der Industrie, regiert auch im Bereich der Medien das Dogma der Profitmaximierung. Auch wendet sich eine solche Beschreibung gegen den „verharmlosenden“ Begriff der Massenmedien, welcher eine nützliche Funktion für die Massen suggeriert.

2.1 Kunst und Kultur – Vom Gebrauchswert zum Tauschwert

Die Trennlinie zwischen der Kultur als Ware und den Produkten geistiger Autonomie wurde oftmals als unhaltbare Dichotomie kritisiert. Nach Adorno ist die Unterscheidung jedoch als eine idealtypische Illustration der Verhältnisse zu verstehen:

Die Autonomie der Kunstwerke, die freilich kaum je ganz rein herrschte und stets von Wirkungszusammenhängen durchsetzt war, wird von der Kulturindustrie tendenziell beseitigt (...). Der Unterschied zwischen Kunst und Kulturindustrie ist dann der, dass diese zwar immer auch Ware war, jene aber stets durch und durch nur Ware ist.“[4]

Im Sinne der marxschen Terminologie kann hierbei zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert einer Ware unterschieden werden. Ersterer identifiziert lediglich die Nützlichkeit eines Gegenstandes oder einer Dienstleistung. So wird der Käufer eines Kugelschreibers, insofern er ihn nicht gewinnbringend verkaufen will, lediglich an dessen Nutzung bzw. an der Möglichkeit damit schreiben zu können, interessiert sein. Auch jegliches Kulturprodukt trägt in sich einen Gebrauchswert. Dieser kann im günstigsten Fall in einer tieferen geistigen Weiterentwicklung oder aber in einer seichten Zerstreuung liegen. Ohne nun die marxsche Wertlehre im Detail darstellen zu wollen, kann zum Tauschwert gesagt werden, dass dieser als notwendige Abstraktion vom Produkt sich im Wert einer Ware manifestiert. Nur so sei es nach Marx möglich, dass - ihrer Funktion nach - völlig unterschiedliche Güter vergleichbar werden und somit auch auf dem Markt konkurrieren können.[5] Der Unterschied zwischen Kunst und den Produkten der Kulturindustrie ist nun der, dass der Künstler im Idealfall vornehmlich an der Schaffung eines Gebrauchswertes interessiert ist, wohingegen bei der Entstehung heutiger Massenmedien ausschließlich die Verwertung, bzw. der Tauschwert eine Rolle spielt.

Dass der einzige Zweck vieler Kulturprodukte lediglich in einer möglichst gewinn-bringenden Vermarktung liegt, wird von den Produzenten nicht mehr geleugnet. Es wird sich auch gar nicht die Mühe gemacht, diesen Sachverhalt zu verdecken oder schön zu reden. Nach Adorno werde vielmehr dem Konsumenten die erfolgreiche Profitmaximierung noch als Qualitätssiegel des Produktes verkauft. Inwiefern hierdurch die Industrie eine Ideologie vermittle, welche auch gegen eine autonome Kunst wettere und die bestehenden Strukturen festige, hat der Soziologe Heinz Steinert auf anschauliche Weise formuliert:

„Ideologie ist das selbstbewusste Verkünden, Kunst sei nichts als Geschäft, wenn damit die Möglichkeiten von Kunst weiter niedergehalten werden. Ideologie ist nicht nur der Betrug über die Wirklichkeit, sondern auch die Unterdrückung der Möglichkeit. Es kann schon die Wahrnehmung von (vergangenen wie zukünftigen) Möglichkeiten der Entwicklung oder des anderenLebens verhindert werden, indem die empirische Wirklichkeit als übermächtig und die einzig mögliche behauptet wird.“[6]

2.2 Der Warencharakter und das Bewusstsein der Konsumenten

Im ersten Moment wird also festgestellt, dass sich die Triebfeder der künstlerischen bzw. Kultur schaffenden Tätigkeit verändert hat. Um nun auf den spezifischen Warencharakter heutiger Kulturprodukte und insbesondere auf die Folgen für das Bewusstsein der Konsumenten einzugehen, hat Adorno besonderen Wert auf die Inhaltsanalyse verschiedener Produktionen gelegt. Grundlage für seinen Text „Fernsehen als Ideologie“ war beispielsweise das Material aus vierunddreißig Fernsehspielen [=Fernsehsendungen; S.N.]. Im Ergebnis konstatiert er den Inhalten dabei eine ideologische Starrheit, welche eine Art Verdopplung der Wirklichkeit nach sich ziehe. Da im zweiten Teil der Hausarbeit nicht auf alle angeführten Thesen Adornos eingegangen werden kann – wie beispielsweise dem Zirkel aus Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis – stellen die folgenden Annahmen den Großteil der überprüfbaren Thesen dar.

Im Gegensatz zur traditionellen Kunst, welche den eigentlichen Gehalt nicht direkt vermittle, sondern im günstigsten Fall über den Kontext des gesamten Werkes eine Aussage entfalte, beschränke sich die Botschaft der Kulturindustrie auf das Immergleiche, sich ständig Wiederholende. Gerade so genannten Seifenopern kann diese Eigenschaft problemlos attestiert werden. Anstatt den Plot auf ein Ende der Serie oder einer Staffel auszurichten, reihen sich Intrigen und Affären aneinander, ohne dass ein Ende der Geschichte, geschweige denn eine sinnvolle Aussage zu erkennen wäre.

So auffällig verhält es sich natürlich nicht mit allen Produkten. Adorno geht jedoch so weit zu sagen, dass alle Massenkultur unterm Monopol identisch ist. Unterschiede seien demnach illusionär. Für alle sei etwas vorgesehen und damit keiner ausweichen könne, würden die Unterschiede eingeschliffen und durch die Produzenten propagiert.[7] Gegenüber stehe dieser ständigen Wiederholung der Zwang, ständig etwas Neues präsentieren zu müssen. Auf diese Weise schaffe die Kulturindustrie eine Mode, die zwar stets in neuem Gewand erscheine, aber nur an der Oberfläche differiere. Diesen Widerspruch - dem der Kulturbetrieb unweigerlich ausgesetzt sei - setzt Adorno „in Beziehung zum Grundwiderspruch der modernen Zeit, den er mit Marx definiert als den zwischen dem Drang beschleunigt entwickelter Produktivkräfte einerseits und der Aufrechterhaltung der diese Produktivkräfte fesselnden Produktionsverhältnisse andererseits.“[8]

Die Produkte aus Film, Radio, Magazinen etc. bilden demnach ein geschlossenes System, in welchem die Welt „verdoppelt“ und gleichzeitig als die einzig mögliche legitimiert würde. Diese These von der Verdopplung der Wirklichkeit darf jedoch nicht als eine bloße Annäherung der Kulturprodukte an die Realität missverstanden werden. Es geht Adorno nicht darum, dass die Menschen beim Auswandern, Abendessen oder der Erziehung der Kinder gefilmt werden, sondern um den Verdacht, dass die Botschaften der Kulturindustrie eine „instrumentelle Vernunft“ propagieren, welche letztendlich die Herrschaft des Menschen über den Menschen verdecke. Nach Adorno ist diese Verdopplung als die Täuschung zu verstehen, „dass die Welt draußen die bruchlose Verlängerung derer sei, die man im Lichtspiel kennen lernt.“[9]

Dem Zuschauer sollen die Produkte dabei zu verstehen geben:

„wenn du Humor hast, gutmütig bist, raschgeistig und charmant, brauchst du dich nicht allzusehr über deinen Hungerlohn aufzuregen; du bleibst doch immer noch, was du bist.“[10]

Als Beispiel nennt Adorno in diesem Zusammenhang eine damals preisgekrönte Fernsehsendung über das Schicksal einer jungen Lehrerin. Unterbezahlt und an den Auflagen des Direktors leidend, versucht diese durch zahlreiche Tricks, beispielsweise Versuche sich von Bekannten zum Essen einladen zu lassen, sich durchs Leben zu schummeln. Auch wenn die Pläne jedes mal aufs neue scheitern, scheinen dabei ihre glücklichen Eigenschaften als Entschädigung für ihr armseliges Los.

Besonders bei Sitcoms scheint sich dieses Prinzip bewährt zu haben bzw. deutlich hervor zu treten. In nahezu allen Serien sind die Protagonisten im Geschäfts- oder Liebesleben nicht gerade erfolgreich („Roseanne“, „Eine schrecklich nette Familie“, „Friends“, „King of Queens“, „Malcolm mittendrin“, „Two and a half man“). Gelacht wird immer dann, wenn beispielsweise Al Bundy eine fette, nervige Frau bedienen muss und anschließend kreativ über sie lästert. Etwas anders funktionieren Familiensendungen wie „Bill Cosby“, „Full House“ oder „Hör mal wer da hämmert“. Aber auch hier entsteht die Komik in der Regel dadurch, dass der Haushalt im Chaos versinkt, da die einzelnen Darsteller so ihre Macken haben (fast immer gibt es einen Minderbemittelten) und eine oder mehrere Personen geistig überlegen sind. Diese Personen, mit welchen sich nach Adorno das Publikum identifizieren soll, akzeptieren ihr Schicksal jedoch mit einer Art Galgenhumor.

Besonders interessant für die Untersuchung der Daily-Soap „Verbotene Liebe“ dürfte die These sein, kulturindustrielle Produkte würden eine Art Banalisierung der Psychoanalyse betreiben. Als Beispiel nennt Adorno in diesem Zusammenhang das Portrait einer an Narzissmus leidenden Schauspielerin, welche durch die Zuneigung eines Mannes geheilt wird. Dargestellt wird die Frau dabei, als eine nach außen hin kalte, rationale Person, welche im Inneren einen weichen Kern aufzuweisen hat. Dieser gute Kern muss dem Patienten durch den freiwilligen Seelendoktor lediglich vor Augen gehalten werden. Das bewährte Rezept hierzu ist natürlich die Liebe. Kritisiert wird an dieser Darstellung nicht nur, dass auf die Entstehung einer solchen seelischen Erkrankung gar nicht erst oder nur am Rande eingegangen wird, sondern auch die naive Darstellung der Psyche des Menschen. So vermittle eine solche Darstelltung:

„Die Menschen sind, was sie sind, und die Veränderungen , die sie durchmachen, bringen lediglich heraus, was, als ihre „Natur“, ohnehin ihnen steckt. [...]. Nach außen bemüht es [Das Fernsehspiel; S.N.] psycho- dynamische Vorstellungen; in Wahrheit lehrt es eine konventionelle Schwarz-Weiß- Psychologie, nach deren Ansicht Charaktere ein für allemal gegeben sind, wie physische Merkmale sich nicht verändern, sondern einzig allenfalls enthüllt werden.[11]

Weiter für Fernsehserien charakteristisch hält Adorno die geringe Entfaltung der Handlung sowie das ständige präsentieren von Stereotypen. Typisch sind hier beispielsweise das Bild von der hübschen Verbrecherin oder dem seelisch verkrüppelten Künstler, welcher offenbar mit der Welt überfordert ist. Ähnlich wie dem oben beschrieben Galgenhumor, stecke hinter diesen Bildern die Botschaft, man solle doch stets realistisch bleiben und seine Zeit nicht mit Tagträumen verbringen. Im Vergleich zum Film würde hier das Niveau zwar zwangsweise durch die knapp bemessene Länge der meisten Sendungen leiden, doch auch an dieser Stelle plädiert Adorno dafür, den Unterschied zum Film nicht zu überschätzen.

Zwar serviere die Kulturindustrie dem Zuschauer alltägliche Probleme, letztendlich predige der Inhalt jedoch eine Anpassung an die bestehenden Verhältnisse. Adorno hat dieses Prinzip auf anschauliche Weise formuliert:

„Die Ordnungsbegriffe, (...) [welche die Kulturindustrie; S.N.] einhämmert, sind allemal solche des Status quo. Sie werden unbefragt, unanalysiert, undialektisch unterstellt, auch wenn sie keinem derjenigen mehr substantiell sind, die sie sich gefallen lassen. Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken.“

Warum die Menschen trotz dieser Eintönigkeit immer mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen, im Jahr 2005 waren es im bundesdeutschen Durchschnitt 210 Minuten täglich, erklärt Adorno durch die Abhängigkeit der Rezipienten. Dabei fungiere die Kulturindustrie sozusagen als Schmerzmittel gegen unerfüllte Bedürfnisse. Zur Passivität verdonnert, sitze der Zuschauer vor dem Fernseher und träumt von der romantischen Liebe oder dem Leben im Luxus. Dass diese Wünsche jedoch meist nicht in Erfüllung gehen, zeige die Realität. Aufzugeben brauche man die Bedürfnisse jedoch nicht, da man vor dem Bildschirm sieht, dass es anderen nicht besser geht und die Chance auf eine endgültige Befriedung besteht. Die Botschaft lautet also nur, dass jeder aufsteigen könne, das Glück jedoch vom Schicksal verteilt werde.[12]

Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist nach Adorno und Horkheimer, seien es die Auswirkungen auf das Individuum oder die Gesellschaft, der einer Anti-Aufklärung. Die Bildung eines autonomen, unverfälschten Geistes werde verhindert und das Bewusstsein an die bestehenden Verhältnisse gefesselt. Zwar erkennt Adorno, dass auch die Einstellung der Konsumenten gegenüber der Kulturindustrie gespalten ist, zwischen dem vorschriftsmäßigen Spaß und einem verborgenen Zweifel an ihren Segnungen, dennoch mahnt er den Einfluss nicht zu unterschätzen.[13] Neben Auswirkungen der starren Ideologie auf das Bewusstsein der Konsumenten, bestehe zudem die Gefahr eines steigenden Phantasieverlustes. Dem Beobachter sei es letztendlich unmöglich das Programm und dessen Inhalt zu bestimmen. Diese erzwungene Passivität des Rezipienten, das Nicht-Eingreifen-Können in das kulturelle Geschehen, seien es TV-Formate oder Sportveranstaltungen, führe zur Entmündigung des Menschen. Auch würden die Kulturprodukte zwar durchwegs Eigenschaften wie Promptheit, Beobachtungsgabe oder Versiertheit vermitteln, eine geistige Aktivität sei dem Beobachter jedoch geradezu verboten, wolle er nichts von der Flut an Informationen verpassen.

[...]


[1] Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 200817, S. 10.

[2] Anmerkung: Die „Dialektik der Aufklärung“ ist natürlich in Zusammenarbeit zwischen Adorno und Horkheimer entstanden. Es hat sich jedoch durchgesetzt, dass das Kapitel zur Kulturindustrie Adorno zugeschrieben wird. So besteht die gedruckte Fassung aus einem, von beiden Autoren zweimal überarbeiteten, Manuskripts Adornos. Obwohl der Einfluß Horkheimers wohl auch hier nicht zu unterschätzen ist, beschränke ich mich daher bei Verweisen zum Text auf Adornos Namen.

[3] Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft II. In: Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt/M. 1977b, S. 515.

[4] Kausch, Michael: Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien, Frankfurt/M. 1988, S. 84.

[5] Anmerkung: Eine genaue Darstellung zur Entstehung des Tauschwertes findet sich im „Ersten Buch“ aus dem Werk „Das Kapital“ von Karl Marx.

[6] Steinert, Heinz: Kulturindustrie, Münster 1998³, S. 75.

[7] Vgl. Adorno/Horkheimer (200817, S. 131).

[8] Kausch (1988, S. 87).

[9] Adorno/Horkheimer (200817., S. 134).

[10] Adorno, Theodor W.: Fernsehen als Ideologie. In: Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt/M. 1977b, S. 515.

[11] Adorno (1977b, S. 521).

[12] Vgl. Kausch (1988, S. 91).

[13] Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie. In: Gesammelte Schriften Band 10.1, Frankfurt/M. 1977a, S. 341.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640789795
ISBN (Buch)
9783640789290
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164121
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,6
Schlagworte
Adornos Thesen Kulturindustrie Eine Untersuchung Beispiel Fernsehserie Liebe“

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Titel: Adornos Thesen zur Kulturindustrie