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Die Struktur des künstlerischen Textes (J. Lotman)

Das Problem des Sujet

Seminararbeit 2009 9 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Zur Person Jurij Lotman und seine Bedeutung fur die heutige Literaturwissenschaft

Der kunstlerische Raum

Das Problem des Sujet

Fazit

Literaturverzeichnis

Zur Person Jurij Lotman und seine Bedeutung fur die heutige Literaturwissenschaft:

Jurij Michailowitsch Lotman wurde am 28. Februar 1922 in Petrograd (heute St. Petersburg) geboren und starb am 28. Oktober 1993 in Tartu.

Der russische Literaturwissenschaftler und Semiotiker entwickelte ausgehend von den Arbeiten der russischen Formalisten eine kulturwissenschaftlich orientierte Semiotik. In seinem, noch fur die heutige Literaturwissenschaft interessanten erzahltheoretischen Ansatz, steht nicht die zeitliche Struktur der Erzahlung im Vordergrund sondem die raumliche Organisation erzahlender Texte. Dieses, wie es genannt wird, strukturalistisch-semiotische Raummodell hat sich wegen seiner klaren Methodik als praktikables Verfahren fur die Erzahlanalyse erwiesen. Die zentralen Begriffe eben dieser erlautert er in seinem Buch „Die Struktur des kunstlerischen Textes“, aus dem das Kapitel „Das Problem des Sujets“ stammt, das als Referatsgrundlage dient.

Der kunstlerische Raum:

Um das Problem des Sujets bei Jurij Lotman nachvollziehen zu konnen, muss man sich zunachst vergegenwartigen, was er unter dem, von ihm gepragten, BegrifF des „kunstlerischen Raumes“ versteht.

Er benennt damit den zweidimensionalen und klar abgegrenzten Raum eines literarischen Textes, in dem mehrdimensionale und unbegrenzte Raume der Wirklichkeit abgebildet werden. Bei einer solchen Abbildung handelt es sich somit um eine „kunstlerische Wirklichkeitsmodellierung, fur die das jeweilige modellbildende System bestimmte kunstlerisch-literarische Mittel undRegeln anwendet“[1], die J. Lotman als deren spezifische Sprache bezeichnet.

Hier kann man als erklarendes Beispiel einen Bruckenschlag zum modellierenden System der Malerei vollziehen:

Genauso wie ein dreidimensionales Objekt durch die GesetzmaBigkeiten der Perspektive in eine zweidimensionale Form, eben in die Bildebene, gebracht wird, so lasst auch die literarischen Darstellung, der Text, die mehrdimensionalen Gegenstande der Wirklichkeit im begrenzten, zweidimensionalen kunstlerisch- literarischen Raum unter bestimmten Regeln erfolgen.

Laut Jurij Lotman eignet sich fur diese Wirklichkeitsmodellierung am besten die „Sprache der raumlichen Relationen“[2]. Durch topologische Oppositionen, wie z.B. nah vs. fem, links vs. rechts oder auch offen vs. geschlossen lassen sich abstraktere semantische Oppositionen wie z.B. gut vs. bose, sicher vs. gefahrlich usw. veranschaulichen und verdeutlichen.

Es lasst sich also sagen, dass „Begriffe, die an sich nicht raumlicher Natur sind, in raumlichen Modellen darstellbar [werden][3], also „durch ihre raumliche Modellierung erfafibar [werden] “[4].

Als wichtigstes Kriterium der den Text organisierenden gegensatzlichen Relationen, fuhrt Jurij Lotman die „Grenze“auf, „die den ganzen Raum im Text in zwei disjunkte Unterraume unterteilt“[5]. Der kunstlerische Raum besteht demnach aus zwei Teilraumen, die, durch eine im Grunde genommen nicht zu uberwindende Grenze, getrennt zu betrachten sind. Dabei kann die interne Struktur der einzelnen Unterraume unterschiedlich sein.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Betrachtet man zum Beispiel den kunstlerischen Raum „Zaubermarchen“, so lasst sich eine klare Grenze zwischen dem Unterraum „Haus“ und dem Unterraum „Wald“ erkennen. Dabei wird der Raum „Haus“ mit Charakteristika wie „sicher“, „geborgen“ oder auch „warmend“ belegt, wahrend sich der Raum „Wald“ auszeichnet durch „Angst“, „gefahrlich“ oder „bose“.

Jurij Lotman erklart in diesem Zusammenhang, dass die Figuren derjeweiligen Teilraume, „ihre“ Raume im Regelfall nicht verlassen und sie die gegebenen Regeln dieser beachten. Dies heiBt zum Beispiel, dass die Bewohner eines Marchendorfes einen angrenzenden Wald nicht betreten und im Gegenzug dazu, die „dunklen Machte“ dieses Waldes nicht in das Dorf eindringen wurden.[6] Die Figuren konnen somit „ als Funktionen der ihnen zugeteilten semantischen Raume betrachtet werden"[7].

In diesem Zusammenhang wird aber von Jurij Lotman nicht ausgeschlossen, dass verschiedene Figuren auch verschiedenen Teilraumen angehoren konnen und dass diese manchmal auch mit „[...]einander unvereinbaren Typen der Aufteilung des Raumes verbunden [sind] [8]. Dies erfolgt aus der Tatsache, dass „ein unddieselbe Welt des Textes [...] in unterschiedlicher Weise aufgegliedert ist, je nachdem, auf welchen Helden sie bezogen wird.[9] Lotman spricht hierbei von einer „Polyphonie der Raume“[10].

Zum Problem des Sujets:

Jurij Lotman macht die Sujethaftigkeit eines Textes von dem Ereignis der Grenzuberschreitung als kleinster Einheit abhangig, da diese den schweren VerstoB gegen die Gesetze der Teilraume kodifiziert.

Wenn sich die Figuren eines literarischen Textes nicht aus den ihnen zugeteilten semantischen Teilraumen entfemen und sich an die dort geltenden Regeln halten, so spricht man von einem sujetlosen Text. In diesem Fall liegt also keine Grenzuberschreitung zweier Teilraume vor. Als Beispiele fur sujetlose Texte fuhrt Jurij Lotman zum Beispiel auch das Telefonbuch oder den Kalender auf. Ebenso in diese Kategorie fallen fur ihn die lyrischen, sujetlosen Gedichte. Alle sujetlosen Texte haben laut ihm „einen klassifikatorischen Charakter“[11] und „bestatigen erne bestimmte Welt und ihren Aufbau. [12]

Verlasst aber auch nur eine Figur eines Textes ihren ursprunglichen Handlungsraum und uberschreitet die Grenze zum entgegengesetzten Teilraum, so spricht Jurij

Lotman von einem sujethaltigen Text und „beweglichen Figuren“. Diesen „beweglichen Figuren“ ist eine Grenzuberschreitung erlaubt wahrend die „unbeweglichen“ Figuren „ der Struktur des sujetlosen Grundtypus unterworfen [sind]“ [13] .

Zur Verdeutlichung erlautert Jurij Lotman in diesem Zusammenhang das Beispiel, dass sich die Welt in Lebende und Tote aufteilt, die durch eine unuberwindbare Grenze in zwei Teile gegliedert ist. Kein Lebender kann am Leben bleiben und gleichzeitig zu den Toten kommen oder als Toter die Lebenden besuchen. Im sujethaltigen Text bleibt diese Vorgabe zwar fur alle gegeben,jedoch gibt es eine Figur oder eine Gruppe von Figuren, die sich uber dieses Verbot hinwegsetzen. „Aeneas, Telemach oder Dante steigen in das Reich der Schatten hinab, der Tote in der Folklore, bei Zukovskij oder Blok besucht die Lebenden.[14] Zusammenfassend lasst sich sagen, dass das komplexe Sujet aus der Gesamtheit aller Ereignisse gebildet wird, wobei das Ereignis, das in groBter Abweichung zurNorm steht, als das hierarchisch hochste angesehen wird. Alsoje weiter ein Ereignis im Text vom festgelegten „Normalen“ abweicht, desto groBer ist seine Wirkung auf das Sujet.[15] Dabei ist das Ereignis aber immer abhangig von der Betrachtungsperspektive. Seinen relativen Wertcharakter erhalt es zum Beispiel durch moralische, kulturelle oder auch religiose Standpunkte. Jurij Lotman fuhrt unter anderem folgendes Beispiel dazu an:

„ Stellen wir uns vor, ein Ehepaar habe sich zerstritten, weil es in der Bewertung der abstrakten Kunst auseinandergehende Meinungen hatte, und habe sich zur Ausfertigung eines Protokolls an eine Dienststelle der Polizei gewandt. Sobald der Polizeibeamte geklart hat, dafi weder Prugeleien stattgefunden haben noch andere Verletzungen von Gesetzen des Zivil- oder Strafrechts vorliegen, wird er sich aufgrund des Fehlens von Ereignissen bzw. Vorkommnissen weigern, ein Protokoll auszufertigen. Von seinem Standpunkt aus ist nichts geschehen. Fur einen Psychologen jedoch, einen Moralisten, einen Kultur- bzw. Kunsthistoriker wird die angefuhrte Tatsache ein Ereignis darstellen."

[...]


[1] Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 327-328

[2] Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 329.

[3] Warning, R.: Chaos und Kosmos. Kontingenzbewaltigung in der Comedie humaine, in: Gumbrecht, H.-U./ Stierle, K./ Warning, R.: Honore de Balzac. Munchen 1980, 11.

[4] Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 329.

[5] Ebd. 344.

[6] Vgl.: Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 344.

[7] Warning, R.: Chaos und Kosmos. Kontingenzbewaltigung in der Comedie humaine, in: Gumbrecht, H.-U./ Stierle, K./ Warning, R.: Honore de Balzac. Munchen 1980, 11.

[8] Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 346.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] "Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 355.

[12] "Lotman, J.: Die Struktur des kunstlerischen Textes, Frankfurt am Main 1973, 355.

[13] Ebd. 356.

[14] Ebd. 356.

[15] Vgl.: Ebd. 350.

Details

Seiten
9
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640804375
ISBN (Buch)
9783640804641
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164027
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Schlagworte
Märchen

Autor

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Titel: Die Struktur des künstlerischen Textes (J. Lotman)