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Prekäre gesellschaftliche Integration von Minderheiten im Zeichen des zunehmenden Nationalsozialismus

Die Verfolgung von Sinti und Roma in der Frühneuzeit und Neuzeit

Essay 2007 11 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Verfolgung vom 15. bis zum 18 Jahrhundert
2.1 Die Zigeuner werden vogelfrei
2.2 Verstärkte Verfolgung im 17. und 18. Jahrhundert – Das Zeitalter der Zigeunerjagden
2.3 Das Verhältnis zum sozialen Umfeld im 18. Jahrhundert

3 Das Rechtsleben im 19. Jahrhundert
3.1 Die Folgen der Industrialiserung
3.2 Neue Gesetzte und der Verlust an Autonomie - Die weitere Entwicklung bis 1933

4 Sinti und Roma unter den Nationalsozialisten
4.1 Der Nationalsozialismus entdeckt das Zigeunerproblem
4.2 Auswirkungen der Nazi Ideologie auf Sinti, Roma und andere Minderheiten
4.3 Sinti und Roma im Dritten Reich

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als „Zigeuner“ werden seit dem 15. Jahrhundert die aus Indien zugewanderten Volksgruppen der Sinti und der Roma bezeichnet. Seit dem 15. Jahrhundert wurden die Sinti und Roma als sog. „Zigeuner“ aus verschiedenen Gründen diskriminiert und verfolgt. Die Verbreitung von Vorurteilen wie das Betreiben von Hexerei, Diebstahl und Betrug führten zu einer zunehmenden Isolation dieser als „fremd“ gebranntmarkten Menschen. Im deutschen Sprachraum wurde der Ausdruck „Zigeuner“ im 18. und 19. Jahrhundert schließlich ein polizeilicher Ordnungsbegriff. Sinti und Roma waren außerdem während der Zeit des Nationalsozialismus als „Zigeuner“ Opfer systematischer Verfolgung und Vernichtung, nicht zuletzt deshalb gilt der Begriff heute weitgehend als diskriminierend. Ziel dieses Essays soll nun sein, die Geschichte der Zigeunerverfolgung in Deutschland vom 15. bis hin zum 20. Jahrhundert überblickend darzustellen und zu erläutern, welche Entwicklungsmomente es in der „Zigeunerpolitik“ gab, die unter den Nationalsozialisten schließlich in der Massenvernichtung von Sinti und Roma eskalierte.

2 Die Verfolgung vom 15. bis zum 18 Jahrhundert

2.1 Die Zigeuner werden vogelfrei

Die Zeit in der Sinti und Roma weitgehend geduldet worden waren, endete in Deutschland mit den Reichstagen von 1496 bis 1498 auf denen sie offiziell für „vogelfrei“ erklärt wurden. Wer nun einen „Zigeuner“ auf seinem Besitz antraf, konnte diesen straffrei töten. Sinti und Roma litten im 14. und 15. Jahrhundert vor allem unter dem Verdacht „Spione der Türken“[1] zu sein, ihr Aussehen, ihre fremde Sprache sowie ihre undurchschaubaren Bräuche nährten bei Volk und Adel entsprechende Vermutungen.[2] Weitere Vorurteile die zu einer zunehmenden Exklusion von Sinti und Roma führten waren die Verbreitung von Epidemien aufgrund angeblicher Unsauberkeit sowie die Verbreitung von „Unglauben“. Ihren Ruf als „Vorhut der Türken“ behielten Sinti und Roma bis ins 16. Jahrhundert, weshalb erstmals Polizeivorschriften und Verhaltensregeln für „Zigeuner“ etabliert wurden. Sinti und Roma wurden nun verstärkt des Landes verwiesen, sich in ihrem Besitz befindliche Ausweise wurden als ungültig erklärt und das Ausstellen neuer Papiere war verboten. Damit ergriffen die Behörden erste Maßnahmen um das „Zigeunerproblem“ unter Kontrolle zu bringen, ihren Status als „vogelfrei“ behielten Sinti und Roma allerdings weiterhin. Ab 1545 wurden die Zigeunergesetze immerhin soweit eingeschränkt, dass man dazu überging Frauen und Kinder nicht ohne weiteres zu töten. Vielmehr wollte man sie des Landes verweisen, um so eine Zerschlagung der Sippen zu erreichen. Großfamilien sollten auseinandergerissen werden, um ihre Fähigkeit zum Überleben zu schwächen.

Sinti und Roma stießen nicht nur seitens der Polizei auf eine verstärkte Feindseligkeit, auch innerhalb der sesshaften Bevölkerung des 16. Jahrhunderts kam es vermehrt zu Übergriffen. Sinti und Roma wurde immer mehr aus der Rechtsgemeinschaft ausgestoßen, Integration war bereits weitgehend ausgeschlossen, was viele „Zigeuner“ zwangsläufig in die Kriminalität trieb.

2.2 Verstärkte Verfolgung im 17. und 18. Jahrhundert – Das Zeitalter der Zigeunerjagden

Die Verfolgung von Sinti und Roma erreichte zum Ende des 17. Jahrhunderts ein neues Ausmaß an Brutalität. Es war längst keine Ausnahme mehr, dass Behörden und Obrigkeiten Belohnungen auf die Herbeischaffung von „Zigeunern“ aussetzte, nicht selten mit dem Zusatz „tot oder lebendig“.[3] Die Zigeunerverfolgung erlangte damit einen Lynchcharakter und regelrechte „Zigeunerjagden“ waren die Folge:

„Das 18. Jahrhundert war für die Zigeuner in Deutschland eine überaus grausame Leidenszeit. Sie wurden gejagt, gefoltert, versklavt und ermordet.“[4]

Die bloße Anwesenheit von Sinti und Roma kam bereits einem Vergehen gleich, Nachrichtenblätter und Zeitungen schürten den Hass gegen sie. Die Verbreitung von erfundenen Übeltaten, wie Brandstiftung, Vergewaltigungen, und der Entführung von Kindern, sowie deren anschließender Verzehr, führten zu einer Stigmatisierung der „Zigeuner“. Eine neue Welle von Zigeunergesetzten wurde losgelöst, bereits für das Betreten des Landes drohte nun der Galgen. Während Frauen und Kinder zunächst in polizeilichen Gewahrsam genommen werden sollten, galten die Männer weiterhin als vogelfrei. Ab 1725 konnten männliche wie weibliche „Zigeuner“ über 18 Jahre ohne Gerichtsverfahren gehängt werde. Frauen und Kinder unter 18 hingegen wurden in Zucht- und Arbeitshäuser eingesperrt.

Auffällig für das 17. und 18. Jahrhundert war, dass es keine bürokratische Etikettierung von „Zigeunern“ gab. Es gab keine feste Definition, wer denn nun eigentlich „Zigeuner“ war und wer nicht und auch eine Erfassung seitens der Behörden fand nicht statt.

[...]


[1] Joachim S.Hohmann: Geschichte der Zigeunerverfolgung in Deutschland, Frankfurt/Main 1981, Seite 16.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Leo Lucassen: Zigeuner. Die Geschichte eines polizeilichen Ordnungsbegriffes in Deutschland 1700-1945, Köln 1996.

[4] Joachim S.Hohmann: Geschichte der Zigeunerverfolgung in Deutschland, Frankfurt/Main 1981, Seite 27.

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640785841
ISBN (Buch)
9783640785902
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163932
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1,1
Schlagworte
Nationalsozialismus Sinti Roma Zigeuner Verfolgung

Autor

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