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Der Wandel Gottfried Benns zur Zeit des Nationalsozialismus

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Benn: Sein Leben vor der NS-Zeit (1886-1932)

3. Benn: Der Regimefreund (1932-1934)

4. Benn: Der Regimefeind (ab 1934)

5. Fazit: Benn zwischen Schuld und Reue

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Neben seiner Bedeutung für die Literatur des 20 Jahrhunderts, war Gottfried Benn ein nicht unumstrittener Künstler. Er ist einer der wichtigsten Schriftsteller des Expressionismus. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entsteht durch die Wirren und Widrigkeiten eine neue Bewegung an Literaten, die ihre Leser durch schockierende, aber dennoch auf realen Grundlagen basierende Schriften, wachrütteln wollen. Benn sieht sich als Schriftsteller nicht in der Funktion des Weltverbesserers, sondern als Gegenpol zum Verfall der Gesellschaft.[1]

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Leben Benns zur Zeit der Nationalsozialisten. Sein Bekenntnis zum und seine Abkehr vom NS-Regime wurde in den letzten Jahrzehnten heiß diskutiert. „Angesichts dieses beispiellosen Gegensatzes steht man immer wieder vor einem Rätsel, wird die Gestalt Gottfried Benns überhaupt zu einer der rätselhaftesten unserer Geistesgeschichte.“[2]

Die „politische Blindheit“ Benns für die Machenschaften der Nazis führt bis heute zu kontroversen Diskussionen. Die Ambivalenz seiner Leser, die sich zwischen Anziehung und Abstoßung wiederfinden, lässt auch in der heutigen Zeit kein Ende der Debatten zu. „Eines des faßbarsten [Momente] besteht vielleicht in dem uneingestandenen Dilemma, jemand bewundern zu müssen, obgleich er mit diesem unbegreiflichen Irrtum belastet ist; das Eingeständnis also, unablässig weiter geistig und ästhetisch fasziniert zu sein von einem Manne, der sich von der schauerlichen Geistlosigkeit des Hitlerregimes düpieren ließ.“[3]

Benn, dessen Leben nicht zuletzt durch seine hier aufgeführten Zitate dem Leser in unmittelbarer Art und Weise vor Augen geführt werden soll, beschreibt seinen Weg, seine Widrigkeiten und seinen Wandel in einer Zeit, dessen kulturelle und politische Tragweite sich nur wenige bewusst waren.

2. Benn: Sein Leben vor der NS-Zeit (1886-1932)

Benn wird 1886 in Mansfeld geboren und verbringt seine Kindheit nach dem Umzug seiner Eltern in Sellin. Im Alter von nur 17 Jahren schließt er das Gymnasium mit dem Abitur ab. Zunächst widmet er sich dem Studium der Theologie und Philologie in Marburg und Berlin.[4] Ab 1905 nimmt er dann ein Medizinstudium auf, welches er 1912 mit der Promotion an der Kaiser-Wilhelm-Akademie in Berlin beendet. Im selben Jahr erscheint auch sein Werk „Morgue und andere Gedichte“. Benn schreibt über die Entstehung seines ersten Gedichtbandes:

Als ich Morgue schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends, ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskursus gehabt. Es war ein Zyklus von sechs Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich herauswarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall.[5]

Im Jahr 1913 übernimmt Benn seine erste Anstellung als Arzt im pathologischen Institut am städtischen Krankenhaus in Berlin. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges wird er als Schiffsarzt eingesetzt, bevor er wieder als Arzt an der Lungenheilstätte Bischofsgrün im Fichtelgebirge arbeitet. Ab 1915 arbeitet er dann als Oberarzt in einem Krankenhaus in Brüssel. Nur zwei Jahre später zieht es Benn wieder nach Berlin. Weitere Veröffentlichungen folgen: „Karyatide“, Karandasch“

In den Zwanziger Jahren merkt Benn, dass seine Veröffentlichungen nicht den gewünschten finanziellen und literarischen Erfolg bringen. Bei Benn entsteht Unmut auf Grund der geringen Verkaufszahlen. Ihm kommen Zweifel an seinem Lebensziel „Schriftsteller“. Benn schreibt hierzu:

„Ich schreibe nicht mehr, gar nichts. Seit Monaten nichts. Wozu auch? Es liest mich nur ein sehr kleiner Kreis.“[6]

Mit Beginn der Dreißiger Jahre nahm die rechte Bewegung in Deutschland schlagartig zu. Arbeitslosigkeit und politische Instabilität boten einen guten Nährboden für rechtsextremistische Tendenzen. Auch Benn nahm die innerpolitischen Veränderungen wahr. Vielleicht würde sich für ihn hieraus eine neue Chance ergeben.

3. Benn: Der Regimefreund (1932-1934)

Bis 1932 war Benn mit seinen Schriften nicht eindeutig dem politisch linken oder rechten Flügel zuzuordnen. Als er 1932 in die Preußische Akademie der Künste gewählt wurde, stellte dies einen Wendepunkt in Benns Karriere dar, der sich nun verstärkt einem Leben in der Öffentlichkeit zuwendete. Neben ihm saßen in der Akademie berühmte Künstler wie Max Liebermann oder Heinrich Mann. Benns Bekanntheitsgrad stieg sprunghaft an. In seiner Antrittsrede schreibt Benn über die aktuellen politischen Geschehnisse:

Gerade weil die Lage so über alles gespannt ist, so unausweichlich, geradezu herausfordernd, stellt sich von selbst der Gedanke ein, daß dies gar keine besondere Lage ist, daß es nie eine andere Lage gab, dass der Geist nie etwas anderes atmete, als diese Ambivalenz zwischen Bilden und Entgleiten, sich nie anders erlebte, als in der Differenzierung zwischen den Formen und dem Nichts, (…) stehen wir plötzlich vor einer Art von Gesetz von einer fordernden Gewalt des Nichts, und hier hält unsere Untersuchung inne: dies scheint das Gesetz des Produktiven zu sein.[7]

Es scheint fast, als habe Benn auf eine solche Gelegenheit gewartet, Deutschland war im Umbruch. Überall machte sich Aufbruchsstimmung breit. Benn sah in den Nazis die Chance, doch noch seinen literarischen Durchbruch zu schaffen. Dabei nahm er die Tatsache, dass mit der Machtübernahme der Nazis die Preußische Akademie ständiger Kontrolle, und in letzter Konsequenz der Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten unterworfen wurde, zunächst billigend in Kauf. Künstler wie Max Liebermann, Thomas Mann oder Arnold Schönberg wurden aus der Akademie entlassen. In verschiedenen Schriften setze sich Benn für den eingeschlagenen Weg des Nationalsozialismus ein. Er ging zwar nicht explizit auf eine notwendige Führung durch die NSDAP ein, begrüßte aber den politischen Wandel und die damit einhergehende Stabilisierung des Staates in einer fragilen politischen Zeit. Mit seinem Antritt als neuer Leiter der Preußischen Akademie unterzeichnete er das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“, mit welchem er sein Vertrauen in den nationalsozialistischen Staat und die neue Ordnung bekundete.

Benn traf in dieser Zeit folgenschwere Entscheidungen. Nicht nur, dass er sich von der nationalsozialistischen Propaganda blenden ließ, nein, er ließ sich auch selbst zum Instrument machen. So kam es, „dass sich der Dichter aus eigenem Entschluß öffentlich für den Staat erklärte und diesem Bekenntnis in Rundfunkreden und Aufsätzen Ausdruck gab.“[8] Bereits drei Monate nach der Machtübernahme hielt er einen Vortrag über den „neuen Staat und die Intellektuellen“. Benn schreibt in der Einleitung dieser Rundfunkrede: „ Das Resultat meiner fünfzehnjährigen gedanklichen Entwicklung stelle ich an den Anfang: die beiden Rundfunkreden für den neuen Staat.“[9] Viele seiner Texte der ausgehenden Zwanziger Jahre stützen diese Aussage. Vor allem der eindeutig vorgetragene Hang zum Irrationalismus und die Hoffnung auf eine geschichtliche Wendung. Auch Benns Glaube an den eruptiven Charakter der Geschichte sowie seine Auffassung von der Erblehre scheinen zu diesem Bild zu passen. So findet man viele der Auffassungen, die er bereits früher vertrat, in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ wieder. Er sagt weiterhin:

[...]


[1] Von der Heyde, Hartmut: Lexikon Deutsch. Autoren und Werke, Stark Verlag (Hg.), Freising, 2000, S. 7f

[2] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 159

[3] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 114

[4] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 14ff

[5] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 26

[6] Hillebrand, Bruno: Benn, Fischer Taschenbuch Verlag (Hg.), Frankfurt, 1986, S. 277

[7] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 107

[8] Lennig, Walter: Benn, Rowohlt Taschenbuch Verlag (Hg.), Reinbek bei Hamburg, 2003, 21. Auflage, S. 111

[9] Wellershoff, Dieter: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. Berlin 1958, S. 172

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640791736
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163861
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Wandel Gottfried Benns Zeit Nationalsozialismus

Autor

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