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Die Natur als Gegenbild von gesellschaftlichen Konformismus und Sittenkodex in Theodor Storms Novelle "Auf der Universität"

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Natur- und Landschaftsmetaphorik – Fluchtraum und Projektionsfläche
2.2 Die Unvereinbarkeit von Individuum und Gesellschaft und die Problematik der Determination

3. Schluss

1. Einleitung

„Die Novelle ist die strengste und geschlossenste Form der Prosadichtung, die Schwester des Dramas; und es kommt nur auf den Autor an, darin das Höchste der Poesie zu leisten“ (Martini, 437), sagte einst Theodor Storm (1817-1888) und hinterließ uns in dieser Überzeugung ein umfassendes novellistisches Werk, in inhaltlich und stilistisch vielfältigen Ausführungen. Heimatlich-bekannte Landschaftsbeschreibungen treffen mitunter auf idyllisch-lyrische Elemente und märchenhaft-sagenumwobene Bilder. Die hier zu untersuchende Novelle Auf der Universität (1862) gehört Storms mittlerer Schaffensperiode an und ist daher noch von seinem „ jugendliche[n] Lyrismus“ (Martini, 437) geprägt ( wie er etwa in Immensee (1852) zufinden ist), steht dabei aber auch schon ganz im Zeichen des „idyllisch-resignativen“ (Metzler, 595) Poetischen Realismus. Lenore Beauregard, die Tochter eines Schneiders, strebt nach sozialem Aufstieg, welcher ihr jedoch, aufgrund des unverrückbaren Ständebewusstseins der gehobenen Gesellschaft, verwehrt bleibt. Sie scheitert an der sie umgebenden Außenwelt, welche sie nicht zu beeinflussen vermag und entschließt sich letztendlich für den Freitod. Ähnlich ergeht es dem Erzähler Phillip. Er gehört der hohen Gesellschaft an, flüchtet sich indes gern in die Einsamkeit der Natur, doch selbst dort kann er sich von den Fäden seines Milieus nicht lösen. Beide Protagonisten wollen jeweils aus ihrem sozialen Umfeld ausbrechen und beide müssen erkennen, dass dieses Vorhaben langfristig gesehen nicht möglich ist. Aufgrund der Milieudarstellungen des Erzählers einerseits und der Beschreibungen ursprünglicher Naturbilder andererseits, entsteht ein dialektales Spiel von 'innergesellschaftlicher' und 'außergesellschaftlicher' Welt. Es stellt sich die Frage, welchem Ort sich der Mensch, der selbst ständig zwischen seinem Natur- und seinem Kulturwesen schwankt, zugehörig fühlt.

Natur- und Landschaftsbeschreibungen spielen in Storms Novellen eine oft vordergründige Rolle. Die Natur dient dabei nicht nur als Handlungsrahmen und Begegnungsort. In Auf der Universität ist die Darstellung der Landschaft eng verknüpft mit den inneren, seelischen Geschehnissen der Protagonisten. Der Begriff 'Natur' erhält durch seine Vieldeutigkeit und Bedeutungsoffenheit innerhalb der Novelle eine Schlüsselfunktion, welche anhand von Zitaten aus dem Werk und unter Berücksichtigung von Literatur, die sich explizit mit dem Roman beschäftigt, offen gelegt und untersucht werden soll.

2.1 Die Natur- und Landschaftsmetaphorik – Fluchtraum und Projektionsfläche

Die Geschehnisse der Novelle Auf der Universität werden von einem Ich-Erzähler dargestellt, welcher sich, aus zeitlicher Distanz, an die Jahre seiner Jugend erinnert. Philipp, Sohn eines Arztes und aus gutem Hause kommend, erzählt vom gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt und führt den Leser ein in die typischen Gepflogenheiten seiner sozialen Schicht, - den Tanzstunden, den dazugehörigen Bällen, und anderen gesellschaftlichen Ereignissen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Jugendliebe zu dem Mädchen Lenore Beauregard, die Tochter eines französischen Schneiders. Aufgrund ihrer natürlichen Schönheit und der exotischen Herkunft, - ihre „[...] bräunliche Hautfarbe und die großen dunkeln [sic!] Augen bekundeten die fremdländische Abkunft ihres Vaters [...]“ (AdU, 56), - wird sie von den Jungen ihres Alters, so auch von Philipp, interessiert beobachtet und spielt in dessen „[...] Knabenphantasien eine nicht unbedeutende Rolle [...]“ (AdU, 55). Ihre ungeschmückte Naturschönheit ist es, welche Lenore von den anderen Mädchen unterscheidet und Philipps Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nicht nur Lenore, auch die Natur selbst übt auf den Protagonisten immer wieder eine gewisse Anziehungskraft aus: „[...] die Sonne schien durch die Fensterscheiben und lockte mich hinaus […]“(AdU, 101). An anderer Stelle berichtet er: „Vor mir aus dem Dickicht klang der Silberschlag der Buchfinken und der Lockruf der Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des Wassers“ (AdU, 101 – 102). Die Natur scheint Philipp mit geradezu all ihren zur Verfügung stehenden Mitteln herbei zu rufen, ihn zu locken. Und er geht darauf ein: „Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen [...]“ (AdU, 102).

Philipp ist mit den Konventionen und Verhaltensregeln seiner sozialen Schicht völlig vertraut und ihnen verhaftet. Er fühlt sich wohl in seinem Millieu. Und doch zieht es ihn immer wieder in die Einsamkeit der Landschaft: „Aber grade [sic!] zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter, allein ins Feld hinauszustreifen und in dem sichern Gefühl, daß [sic!] sie da seien und daß [sic!] ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne, alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen“ (AdU, 77)

Hier wird erstmals Philipps Zwiespalt von Natur- und Sozialbedürfnis angedeutet. Er sucht bewusst die Natur auf, um sich dem gesellschaftlichen Treiben für einen Augenblick zu entziehen, jedoch nur in der Gewissheit, dass er jeder Zeit wieder in seine Gesellschaft, zu den Anderen, zurückkehren kann.

Als Philipp eines Nachmittags seine Schmetterlingssammlung betrachtet und die Sonne dabei „[...] so verlockend auf den blauen Flügeln der Argusfalter, auf dem Sammetbraun des Trauermantels [...]“ (AdU, 77) schimmerte, „[...] überkam [ihn] die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch immer vergebens von [ihm] gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen“ (AdU, 77-78). Jene Schmetterlingssammlung befindet sich in einem an der Wand ausgestellten Glaskasten. Hier zeigt sich der Versuch, die belebte Natur, welche durch ihre kontinuierliche Bewegung ständig in Veränderung ist, fest zu halten und in eine stabile Form zu fassen, in eben diesem Glaskasten zum Stillstand zu bringen, anzuordnen und auszustellen, um sie beliebig betrachten zu können. Das Motiv der Schmetterlingssammlung als einen Zustand der Stabilität, offenbart in sich das Bedürfnis des Menschen nach Halt gebenden Formen, nach Sicherheit, in einer sonst unberechenbaren, sich ständig verändernden Außenwelt.

Die Suche nach dem Brombeerfalter spiegelt das Verlangen Philipps wieder, gleichfalls die Schneidertochter zu 'fangen'. Jenes „[...] schöne olivenbraune Sommervögelchen, welches die stillen Waldwiesen liebt [...]“ (AdU, 77-78), steht in Analogie zu den dunklen Augen Lenores. Auch sie ist wie der Falter in dieser „[...] baumlosen Gegend eine Seltenheit“ (AdU, 77-78). Lenore stellt, durch ihre Natürlichkeit und Exotik, für Phillip (wie auch die Natur) eine Art Fluchtpunkt – hinaus „[...] ins Freie [...]“ (AdU, 84) - dar. Bemerkenswert ist, dass die Suche nach dem Brombeerfalter relativ schnell in Vergessenheit gerät und Phillip sich nach kurzem Umherschweifen, unter einem Baum wiederfindet, den Ketscher neben sich liegend und in Träumen schwelgend: „Kein Mensch, kein Tier war zu sehen, soweit das Auge reichte. - Ich legte mich neben dem Wässerchen im Schatten des schönen Baumes in das Kraut. Ein Gefühl von süßer Heimlichkeit beschlich mich; aus der Ferne hörte ich das sanft träumerische Singen der Heidelerche“ (AdU, 80)

Philipps Aufmerksamkeit wechselt vom seltenen Brombeerfalter zu jenem Baum, welcher ihn, blühend weiß und „ wie ein Wunder […] in seiner Einsamkeit“ (AdU, 80) wachsend, zu sich zog. Das Motiv des einsamen Baumes ist abermals ein metaphorischer Verweis auf das ersehnte Mädchen, welches in der ersten Tanzstunde abgeschieden von den anderen für sich allein stand. Aus seiner Krone erklang ein „[...] unendliches Bienengesumme [...] wie Harfenton“ (AdU, 80), welches auf das Umgarnen Lenores durch die Jungen hinweist. Weiterhin verweist der mit weißen Blüten geschmückte Baum auch schon auf das Ende der Novelle, denn auch Lenore trägt an ihrem letzten Abend ein strahlend weißes Kleid, in dem sie sich nach einem letzten Tanz mit Phillip im Meer ertränkt. Der Baum stellt Phillips Idealbild von Lenore dar. Er sehnt sich nach ihrer Andersartigkeit und umgeben von Natur, ist er fähig die sozialen Hintergründe und Bedingtheiten, die die Liebe in der Realität unmöglich machen, auszublenden. Die hier bereits angedeutete Ambivalenz in Philipps Gefühlsleben verstärkt sich in der Mühlenteich-Episode. Gleich zu Beginn des Kapitels wird das Eislaufen auf jenem Teich als ein gesellschaftliches Ereignis markiert: „Die halbe Einwohnerschaft versammelte sich draußen in der frischen Winterluft; von alt und jung […] wurde die edle Kunst des Eislaufs geübt“ (AdU, 69). Jedoch bleiben die einzelnen Gesellschaftsschichten, „die kleinen Damen in ihren neuen Weihnachtsmänteln (AdU, 69) sowie „die Gesellschaft von Frauen und Mädchen aus dem Handwerkerstande“ (AdU, 69-70) jeweils für sich. Philipp hatte in Erwartung dieses Ereignisses schon mit seinen „holländischen Schlittschuhe[n] geliebäugelt“ [AdU, 69] und dachte dabei „nicht ohne eine kleine Verachtung “ (AdU, 69) an seine Kameraden, die sich mit einfacherem Laufwerk zufrieden geben mussten. Hier zeigt sich wie durch bestimmte Prestigeobjekte die Zugehörigkeit zu einer Gruppe markiert werden kann, welche gleichzeitig der Abgrenzung zu einer anderen Gruppe dient.

Die einzelnen Gesellschaften befinden sich am Uferrand, Philipp dagegen wird vom „[...]Glanz des Eisspiegels […] weiter hinausgelockt [...]“ (AdU, 70). Es ist die dunkle, entlegene Mitte des Sees, zu der es ihn hinzieht.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640792238
ISBN (Buch)
9783640792436
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163836
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Natur Gegenbild Konformismus Sittenkodex Theodor Storms Novelle Universität

Autor

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