Lade Inhalt...

Lachen - Ein anthropologische Konstante als Konzept des Intentionalen Lachens im Kontext der Integrativen Therapie

Masterarbeit 2009 125 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Vorwort

Einleitung

1 Annäherung an das Lachen
1.1 Etymologie
1.2 Redewendungen und sprachlich-literarische Zugänge zum Lachen
1.3 Über die Schwierigkeiten bei der Erforschung eines unwissenschaftlichen Phänomens
1.4 An-, Ab- und Begrenzungen
1.4.1 Lachen und Weinen
1.4.2 Lächeln und Lachen
1.4.3 Lachen, Heiterkeit und Fröhlichkeit
1.4.4 Lachen und das Lächerliche
1.4.5 Lachen, Witz und Humor
1.4.6 Lachen und Glück
1.4.7 Echtes, künstliches und natürliches Lachen
1.4.8 Funktionalisiertes und instrumentalisiertes Lachen

2 Definitionen, Erscheinungsbilder und Funktionen des Lachens
2.1 Definitionen des Lachens
2.2 Lachen als akustisches und phonetisches Phänomen
2.3 Mimik und Blickverhalten beim Lächeln und Lachen
2.4 Körperbewegungen beim Lächeln und Lachen .. Fehler! Textmarke nicht definiert
2.5 Variationen und Qualitäten des Lächelns und Lachens
2.6 Funktionen und Wirkungen des Lachens

3 Evolution des Lächelns und Lachens
3.1 Lächeln und Lachen aus phylogenetischer Sicht
3.1.1 Lächeln als Submissionsgeste - "Silent Bared T eeth Display"
3.1.2 Lachen als Ausdruck einer Spielintention - "Relaxed Open Mouth Display"
3.2 Lächeln und Lachen aus ontogenetischer Sicht
3.2.1 Die Entwicklung des Lächelns beim Säugling
3.2.2 Die Entwicklung des ersten Lachens
3.3 Paläoanthropologische Überlegungen zum Lächeln und Lachen..

4 Lachtheorien
4.1 Überlegenheitstheorie
4.2 Inkongruenztheorie
4.3 Energetische Lachtheorien
4.4 Traditionelle Lachtheorien und Intentionales Lachen

5 Anthropologie des Lachens
5.1 Zur Psychologie des Lachens und der Freude
5.2 Zur Anthropologie des Lächelns und der Freundlichkeit
5.3 Lächeln, Lachen und die Babyforschung - „Engelskreise positiver Gegenseitigkeit"
5.4 Mimik, Spielgesicht und Spiellaune
5.5 Lachen und spielen
5.6 Die dunklen Seiten des Lachens - Anthropologisch-ethische Überlegungen
5.7 Das dunkle Lachen, der "böse" Mensch und säkularer humanitärer Meliorismus

6 Gelotologie - gesundheitsorientierte Lachforschung
6.1 Physiologische Auswirkungen des Lachens (nach Fry)
6.2 Lachen und Schmerz
6.3 Lachen, Neurologie und Psychoneuroimmunologie
6.4 Gegenwärtige Lachforschung
6.5 Das Heiterkeits- und Lachnetzwerk

7 Lachen in der Psychotherapie
7.1 Moreno, „der Mann, der das Lachen in die Psychiatrie brachte" ...
7.2 Freud, der Witz und der Humor
7.3 Therapeutischer Humor, „HumorCare" und das Lachen
7.4 Provokative Therapie und Lachen

8 Lachen als Beitrag zur Humantherapie
8.1 Lachen in therapeutischen Prozessen
8.2 Lächeln, Lachen und Freundlichkeit vor dem Hintergrund der Affiliationstheorie

9 Lachyoga - spielerische Lachpraxis
9.1 Entstehung des Hasya-Yoga
9.2 Lachyoga - technisches Lachen?
9.3 Zur Praxis des Lachyoga
9.4 Lachyoga - Lachen und Yoga
9.5 Anwendbarkeit von Lachyoga

10 Intentionales Lachen
10.1 Begriff und Bedeutung des Intentionales Lachens
10.2 Ziele des Intentionalen Lachens

11 Integrative Therapie
11.1 Entstehung und Quellen des Verfahrens
11.2 Tree of Science - Das Strukturmodell der IT
11.3 Integrative Humantherapie - Partnerschaftliches Handeln
11.4 Die vier Wege der Heilung und Förderung
11.5 Relationalität und Ko-respondenz
11.6 Entwicklungstheoretische und persönlichkeitstheoretische Grundannahmen der IT
11.7 Salutogenese- und Pathogense-Konzept der IT
11.8 Methoden, Techniken, Medien und Modalitäten in der IT
11.9 Wirkfaktoren in der Therapie

12 Theorie und Praxis des Intentionalen Lachens im Rahmen der Integrativen Therapie
12.1 Beziehung von Lachyoga, IL und IT
12.2 Metatheoretische Überlegungen - Integrationsparadigma und Kompatibilitätsprüfung als Voraussetzungen für die Anwendung des IL im Rahmen der IT
12.2.1 Lachen in übungszentriert-funktionaler Modalität
12.2.2 Atemanregung, Entspannung, Vitalisierung durch Lachen
12.2.3 Balance finden durch Lachen und Atmen
12.3 Intentionales Lachen und Lächeln in erlebnisorient-stimulierender Modalität
12.3.1 Lächeln, Lachen und Mimik als psychophysische Selbsterfahrung
12.3.2 Lächeln, Lachen und Schauen im mimischen Interplay
12.3.3 Lächel-Meditation
12.3.4 Die Kraft positiver Bilder
12.4 Intentionales Lachen in aufdeckend-konfliktzentrierter Modalität
12.4.1 Lach-Panorama
12.5 Intentionales Lachen im Rahmen tragfähiger, sozialer Netzwerke

13 Abschließende Bemerkungen und Ausblick

14 Literaturverzeichnis

15 Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

Lachen ist im Zusammenhang mit Gesundheitsförderung ein vielbeachtetes Thema, das durch die Ergebnisse der Gelotologie, einer medizinisch orientierten Lachforschung, wissenschaftlichen Rückhalt bekommt. Die Frage, ob und wie Lachen auch im Rahmen von Psychotherapie sinnvoll zur Anwendung kommen kann, macht es erforderlich, Lachen komplex zu erfassen und genau zu beschreiben. Es wird erforderlich, spontanes und absichtliches Lachen zu differenzieren und von angrenzenden Themen wie Humor, Clownerie, dem Lächerlichen und Witz abzugrenzen. Die Sichtung der philosophischen Literatur und der vorliegenden Lach- und Humortheorien zeigt, dass dem Thema Lachen explizit bisher wenig Beachtung zuteil wurde. Erst das Aufkommen einer neuen, durch Lachyoga ausgelösten Lachbewegung hat erweitere Perspektiven auf das Lachen ermöglicht und der Lachpraxis starke Impulse gegeben. Lachpraxis im Rahmen von Psychotherapie bedarf gründlicher anthropologischer und entwicklungstheoretischer Begründungen und therapeutischer Verfahren, die theoretisch begründete Modelle zur Adaption und Integration kompatibler Methoden und Techniken bereitstellen. Das Konzept des Intentionalen Lachens nimmt die Methode des Lachyogas von Madan Kataria auf, erweitert sie durch angrenzende Themen wie Lächeln, Lachen und Blickkontakt und verbindet sie mit den theoretischen Konzepten der Integrativen Therapie. Exemplarische Modelle zeigen Anwendungs­möglichkeiten des Lachens im Rahmen therapeutischer Arbeit.

Abstract

Laughing is a much noticed topic in the promotion of health that is backed up scientifically by results in gelotology, the medically orientated research into laughing. The question as to whether and how laughing can also be used meaningfully in psychotherapy demands that laughing is comprehended in its complexity and described precisely.

It will be essential to differentiate between spontaneous and deliberate laughing and to delineate it from neighbouring themes such as humour, clowning, the laughable and jokes.

Inspecting philosophical literature and the current theories of laughter and humour shows that until now the theme of laughing has explicitly been granted little recognition.

The emergence of a new laugh-movement triggered by laughter-yoga has made extended perspectives of laughing possible and given the practice of laughing strong impulses. The practice of laughing within psychotherapy needs detailed anthropological and evolution-theoretical grounding and therapeutic procedures that provide theoretically grounded models for the adaptation and integration of compatible models and techniques.

The concept of Intentional Laughing takes Madan Kataria’s method of laughter-yoga and extends it through related themes such as smiling, laughing and eye-to-eye contact and combines them with the theoretical concepts of integrative therapy. Exemplary models show the scope of laughing within therapeutic work.

Vorwort

Die Beschäftigung mit dem Lachen ist ein zwiespältiges Unterfangen. Lachpraxis verspricht Freude und Heiterkeit, Lachtheorie ist komplex und das vorliegende Material ist in seinem Umfang unüberschaubar und wenig zusammenhängend. Die dunklen Seiten des Lachens - Schadenfreude und Auslachen, Angst vor dem Ausgelacht-Werden oder pathologische Formen des Lachens - kommen ebenso in den Blick wie Fragen nach Humanität, Emotionalität und Empathie, nach Sozialität und Freundlichkeit, nach Werten, Normen und Ethik. Diese Untersuchung wird zu einem Balanceakt zwischen Komplexität und Einfachheit, zwischen Heiterkeit und Ernst, zwischen Gut und Böse, zwischen theoretischen Überlegungen und Beiträgen zu Lachpraxis.

Einleitung

Als ich vor fünf Jahren “Lachyoga“ kennen lernte und zunehmend in meine Arbeit zu integrieren begann, wurde mir bewusst, dass Lachen ein eminent wichtiger körperlich-seelisch-geistiger und kommunikativer Vorgang ist - unabhängig davon, ob Menschen spontan oder intentional lachen. Gleichzeitig gewann ich den Eindruck, dass wir in einer am Lachen interessierten, zugleich aber auch lachskeptischen Kultur und Zeit leben, denn - so populär Lachen infolge zahlreicher Buchveröffentlichungen, Forschungsprojekte, wissenschaftlicher Fachartikel und Fernsehberichte momentan auch ist - nur wenige Menschen lassen sich darauf ein, bewusst und willentlich zu lachen und ihr eigenes Lachen zu hinterfragen. Die Anregung zum Lachen wird manchmal als unangenehmer Eingriff in den privaten Persönlichkeitsbereich erlebt und Einige lehnen willentliches Lachen mit der Begründung ab, ihnen sei nicht um Lachen zu Mute. Andere stellen die rhetorische Frage, ob die Menschheit schon so weit gekommen sei, dass sie das Lachen jetzt lernen müsse - im Alltag und besonders in der Therapie gäbe es ohnehin nichts zu lachen.

Einen entscheidenden Impuls, meinem Forschungsinteresse am Lachen in der Psychotherapie weiter nachzugehen, war die Information, dass die Lindauer Psychotherapiewochen sich im Jahr 2008 eine Woche mit dem Thema Lachen befassen würden. In der Vorankündigung dazu wurde von einem Primat des Weinens gegenüber dem Lachen in der Psychotherapie berichtet. In den einleitenden Zeilen der Programmübersicht heißt es: „Die Bedeutung des Lachens in der psychotherapeutischen Situation ist ... vielfältig und erschließt sich erst über die Affekte und die Psychodynamik. ... Manchmal lachen sogar die TherapeutInnen selbst. Ist das überhaupt erlaubt? Auf alle Fälle ist das Lachen in der Psychotherapie wenig beachtet und reflektiert. Schade eigentlich, aber das lässt sich ja ändern!“ (Lindauer Psychotherapiewochen 2008, S 14)

Eine Person, die sich in psychotherapeutische Behandlung begibt, hat in der Regel selten etwas zu lachen. Der/die PatientIn befindet sich meistens in einer prekären Lebenslage und Angst, Trauer, Schmerz und Verzweiflung sind die Gefühle, die - verbunden mit Weinen - das therapeutische Geschehen kennzeichnen. Fröhlichkeit, Heiterkeit, Glücksgefühle, Freude und das damit verbundene Lachen und Lächeln sind - zumindest am Anfang einer Therapie - selten erlebte und geteilte Gefühle. Daraus ergeben sich einige grundsätzliche Fragen:

- Fühlt eine Patientin/ein Patient sich als Person ernst genommen und in ihrer/seiner Not und Problematik gesehen und verstanden, wenn in der Therapie gelacht wird?
- Kann man in der Therapie willentlich lachen und authentisch sein?
- Welchen Einfluss hat Lachen auf die therapeutische Beziehung?

Lachen als Phänomen im Allgemeinen und Lachen mit seinen spezifischen Potentialen als Therapeutikum im Rahmen von Psychotherapie im Besonderen wurde bisher kaum untersucht. Neuere Untersuchungen fokussieren vorwiegend auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Lachens im medizinischen Sinn. Ältere Literatur befasst sich überwiegend mit Theorien zum Lächerlichen, mit Witz- und Komikforschung sowie mit humor- und heiterkeitstheoretischen oder sprachanalytischen Themen.

Mit dieser Arbeit möchte ich einen Beitrag dazu leisten, Lachen als forschungs- und ausbildungsrelevantes Thema im Rahmen von Psychotherapie zu positionieren. Ich gehe davon aus, dass Lachen - kompetent und ethisch reflektiert in der Psychotherapie eingesetzt - Patientinnen die Möglichkeit bietet, sich positiv in ihrer Leiblichkeit und Vitalität zu erleben. Durch Lachen und Lächeln können relevante Aspekte der Lebensgeschichte und Beziehungserfahrungen erinnert und „durchgearbeitet“ werden. Intentionales Lachen verleiht der therapeutischen Beziehung wertvolle Impulse. Im “dyadischen Setting“ und besonders im Rahmen von Gruppentherapie bietet es die Möglichkeit, unterschiedliche Formen des Lachens spielerisch zu erproben und Qualitäten und Wirkungen freundlicher Zugewandtheit zu erfahren. Lachen kann als intrinsisch motivierter, selbst induzierter Impuls gelernt werden und kann dabei helfen, eine heitere, gelassene, sogar eine fröhliche und angstfreie Einstellung zum Leben - Globalziel jeder Therapie - zu gewinnen. Wir formulieren deshalb folgende Thesen:

1. Lachen ist ein biopsychosoziales Phänomen und hat ein vielfältiges Heilungspotential in psychotherapeutischen Prozessen.
2. Freundlichkeit ist eine fundamentale Beziehungsqualität, die an sich bereits heilsame und Angst reduzierende Wirkung hat. Der bewusste Umgang mit Lachen und Lächeln in der Psychotherapie dient der Gestaltung einer therapeutischen Beziehung, die von Freundlichkeit gekennzeichnet ist und Angst reduziert.
3. Intentionales Lachen ist als selbstinduzierter und intrinsisch motivierter Vorgang lehr- und lernbar, sowohl für TherapeutInnen wie für PatientInnen.
4. Lachen kann in der Therapie dann sinnvoll und ethisch verantwortlich eingesetzt werden, wenn TherapeutInnen Intentionales Lachen persönlich kennen gelernt haben und es ihnen in seinen Wirkungen, Grenzen und Möglichkeiten erfahrbar und bewusst geworden ist.

Der theoretische Teil dieser Arbeit gibt eine Übersicht über verschiedene Formen, Funktionen und Theorien des Lachens. Über anthropologische, philosophische, psychologische und historische Lachtheorien gelangen wir zu relevanten Aspekten der Evolutionstheorie und der Entwicklungstheorie sowie zur Affiliationstheorie. Aufbauend auf diesen Darstellungen wird im praxeologischen Teil der Arbeit ein didaktischer Ansatz vorgestellt, durch welchen Lachen für PsychotherapeutInnen und PatientInnen lehr- und lernbar gemacht werden kann. Dazu wird eine besondere Form des Lachens, das Lachyoga nach Madan Kataria (Kataria 2002), herangezogen. Diese Methode dient als praktische Grundlage für das von mir entwickelte Konzept des Intentionalen Lachens. Dieses wird in seinen Ansätzen und wesentlichen Inhalten vor dem theoretischen Hintergrund der Integrativen Therapie dargestellt.

1 Annäherung an das Lachen

1.1 Etymologie

Etymologisch betrachtet führt das Wort Lachen zum althochdeutschen Wort „(h)lahhan“ und germanischen „hlah-ja“ (Kluge 1989) „(H)lahhan“ und „hlah- ja“ sind Schallworte, welche die beim Lachen vorwiegend produzierten Geräusche, den Aspirationslaut „h“ und den Vokal „a“, wiedergeben. Sie erinnern an den auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten typischen Klang des Lachens, das „Ha Ha Ha“.

Im Griechischen bedeutet Lachen “gelos“. Auf diesem Wort beruht der für die Lachforschung verwendete Begriff Gelotologie. Eine Witzsammlung aus dem griechischen Altertum trägt den Namen “Philogelos“ = Freund des Lachens (Hierokles/Philagrios 1968), und das Wort gelophil = lachfreudig, lässt ebenfalls den Wortstamm “gelos“ erkennen. Bekannt sind auch medizinische Fachbegriffe wie Gelasma und Geloplesie für den Lachkrampf sowie Gelophobie für die Angst ausgelacht zu werden. Auch der Begriff Katagelast, der einen Menschen beschreibt, der Freude daran hat, andere auszulachen, verwendet den griechischen Wortstamm. (Reuter 2007)

Im Lateinischen heißt Lachen “risus“. Fachtermini der Anthropologie, Theologie, Medizin und der Zoologie verwenden ihn z. B. in “homo ridens“, einem anthropologischen Begriff, der den Menschen aufgrund seiner Fähigkeit zu lachen definiert oder als “risus pascalis“, dem theologischen Terminus für das Osterlachen, als medizinischen Begriff wie “musculus risoris“, Lachmuskel, der trotz seines Namens nicht wichtig für das Lachen ist oder als ornithologischen Terminus für die Lachmöwe “larus ridibundus“, deren Schrei an das menschliche Lachen erinnert.

1.2 Redewendungen und sprachlich-literarische Zugänge zum Lachen

In ihren sprachwissenschaftlichen Untersuchungen und literarischen Sammlungen zitieren die Brüder Grimm in fünfzehn Spalten verschiedene Texte und Quellen, in denen die Worte lachen oder lächeln vorkommen (Grimm 1885, S 14-19). Es gibt dort zahlreiche qualitative Unterscheidungen wie frohes, bittres, einfältiges, dummes, kindisches, verschmitztes oder höhnisches Lachen; lachen vor Freude, vor Lust, aus Zorn oder aus vollem Halse; Lachen kann einem vergehen oder im Halse stecken bleiben. Unzählige Sprichwörter weisen auf spezifische Auslöser, Qualitäten, Bewertungen, Zuordnungen oder situative Besonderheiten des Lachens hin: wer sich selbst kitzelt, der lacht wenn er will; wer zuletzt lacht, lacht am besten; an lachen und flennen sind Narren zu erkennen; Kinder haben lachen und weinen in einem Sack; ein Narr lachet überlaut, ein Weiser lächelt ein wenig; Frauen, die lachen und Hähnen, die kräh’n soll man beizeiten die Hälse umdreh’n.

In einigen Redewendungen kommt die Körperlichkeit des Lachens prägnant zu Ausdruck: sich schütteln vor Lachen, sich den Bauch halten vor Lachen, sich kugeln vor Lachen, sich krumm und schief lachen, sich in die Hose pinkeln vor Lachen. Wie gegensätzlich Lachen erlebt und dargestellt werden kann, wird in den beiden folgenden gegensätzlichen Redensarten deutlich: Sich ins Fäustchen lachen - einem offen ins Gesicht lachen und: Es lacht mancher, der lieber weinen möchte. Lachen wird oft mit Angabe der Wirkung beschrieben: sich krank lachen; sich gesund lachen; sich atemlos lachen; sich ausschütten vor Lachen; vor Lachen bersten; vor Lachen ersticken; sich tot lachen.

Im „Deutschen Wörterbuch" (Brockhaus/Wahrig 1982, S 374-375) finden sich weitere gebräuchliche Redewendungen zum Lachen: Über das ganze Gesicht lachen; ich hätte brüllen können vor Lachen; am vielen Lachen erkennt man den Narren; mir ist nicht zum Lachen zumute; das wäre ja gelacht; dass ich nicht lache; wer zuletzt lacht, lacht am besten; dir wird das Lachen auch noch/schon vergehen; selten so gelacht; lass doch dein dreckiges Lachen; bei diesem Anblick lacht einem das Herz im Leibe.

Diese - am Gesamtumfang gemessen knappe - Auswahl an sprachlich­literarischen Redewendungen und Sprichwörtern, in denen sich Jahrhunderte altes Erfahrungswissen verdichtet, lässt erkennen, wie umfangreich und vielschichtig das Phänomen Lachen ist, das im Zentrum dieser Arbeit steht.

1.3 Über die Schwierigkeiten bei der Erforschung eines unwissenschaftlichen Phänomens

Wissenschaftliche Untersuchungen des Lachens befinden sich in der schwierigen Lage, einen Gegenstand zu untersuchen, der sich der Erforschung immer wieder entzieht. Beim Lachen handelt es sich um ein heterogenes und komplexes Phänomen, das sich aus jeder Perspektive, aus der man es betrachtet, anders darstellt. Um sich nicht in den vielfältigen Bedeutungsebenen zu verlieren, liegt es nahe, einen bestimmten Aspekt des Lachens, beispielsweise den physiologischen, den sozialen oder den historischen, zu fokussieren. Dies birgt jedoch die Gefahr in sich, in der Einseitigkeit der Betrachtungsweise das Phänomen zu verlieren und dem Gegenstand nicht gerecht zu werden. Es wäre auch der Versuch möglich, die Fülle aller zugänglichen Erklärungsmodelle und Sichtweisen zum Lachen zusammen zu tragen, um einen Überblick zu gewinnen. Dies birgt allerdings die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich oder weckt die nicht zu erfüllende Erwartung, durch eine Art Gesamtschau ein umfassendes, besseres oder gar endgültiges Verständnis vom Lachen gewinnen zu können.

Viele Lachforscher sind bei der Erforschung des Lachens auf Schwierigkeiten gestoßen, denn Lachen ist ein „Grenzfall menschlicher Kommunikation" (Schörle 2007, S 29). Es lässt sich schwer erforschen, denn wenn das Lachen den Körper ergreift, setzen Denken und Sprache aus. Wie sollte es rational erklärt werden, fragt Rötzer, „wenn es gerade die vernünftige Ordnung der Rede infrage stelle?" (Rötzer 1986, S 72) Die nachträgliche theoretische Erklärung des Lachens ist mit dem Lachvorgang selbst nicht identisch. Auch Plessner (1993) bemerkt, dass dort, wo verbale Antworten nicht mehr möglich sind, der Mensch lachend mit dem Körper reagiert. Er stellt deshalb die Frage, ob sich das Nichtsagbare und Nichtrationale, das dem Lachen eigen ist, nachträglich erklären und in rationale Sprache übersetzen lasse oder ob ein nicht erklärbares, außerrationales, sinnloses Element bleibt.

Sinnloses Lachen steht wichtigen Erfordernissen wissenschaftlichen Arbeitens diametral entgegen. Deshalb fragt Elias, ob unter diesen Umständen die Erforschung des Lachens überhaupt erstrebenswert sei und bemerkt dazu in seinem unveröffentlichten Manuskript „Essay on Laughter" (Elias 1956), dass wir Menschen das Lachen unmittelbar verstehen aber dieses Verständnis verlieren, sobald wir darüber nachdenken würden. Auch Bergson ist der schweren Erfassbarkeit des Lachens begegnet. Er erkannte das Lachen als einen Untersuchungsgegenstand, der „sich bei größter Anstrengung nicht fassen lässt und immer wieder entschlüpft" (Bergson 1921, S 109). Köhler betont die Besonderheit und Andersartigkeit des Lachens. „... in der Lebenswelt als anthropologische Konstante und als vitaler Impuls mit seinen vorkulturellen und überkulturellen Aspekten zeichnet sich (das Lachen) gerade dadurch aus, dass es nicht abschließend zu erklären ist" (Köhler 1997, S 1). In den Grenzen der Rationalität und der traditionellen Wissenschaftlichkeit sei Lachen unerforschbar, denn „das oberste Gebot der Objektivierbarkeit (als Überprüfbarkeit das Herzstück wissenschaftlichen Arbeitens) muss aufgegeben werden, um dem Lachen folgen zu können - erklären wird man es nicht" (Köhler 1997, S 40). Ziel sei es, den G egenstand zu erfassen ohne ihn zu zerstören.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es erforderlich, zwischen Komplexität und Fokussierung zu oszillieren, Ungenauigkeiten zu akzeptieren und Widersprüche auszuhalten. Vor allem ist es für eine ausgewogene Lachforschung erforderlich, „die Bedeutung von Vernunft und Affekt gleichermaßen zur Kenntnis (zu) nehmen" (Schörle 2007, S 32) und das Lachen sowohl theoretisch als auch praktisch zu verankern. Ruch und Ekman halten Lachen für eine häufig übersehene und wenig verstandene menschliche Verhaltensweise: „Laughter as a vocal expressive- communicative signal is one of the least understood and most frequently overlooked human behaviors" (Ruch/Ekman 2008, o. S.).

Trotz aller vorhersehbaren Schwierigkeiten soll mit dieser Arbeit ein Versuch unternommen werden, theoretische Untersuchungen zum Lachen mit Konzepten zu Lachpraxis zu verknüpfen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob und wie das vom Autor entwickelte Konzept des Intentionalen Lachens sinnvoll und begründet und in der Psychotherapie zur Anwendung kommen kann.

An-, Ab- und Begrenzungen

Wer sich mit dem Lachen beschäftigt, trifft auf eine Vielzahl von Begriffen für unterschiedliche Phänomene, die in der Literatur und in der Alltagssprache oft im Zusammenhang mit Lachen oder als Synonym für Lachen verwendet werden: Humor, Witz, das Lächerliche, Fröhlichkeit, Heiterkeit, Glück. Zahlreiche Adjektive unterscheiden das Lachen in echtes, unechtes oder falsches, künstliches oder natürliches, bösartiges oder gutartiges, spontanes und willkürliches Lachen. Dadurch werden Kategorisierungen, Differenzierungen und Bewertungen geschaffen, ohne dass präzise Begriffsdefinitionen vorgelegt werden. Dies vergröbert die Thematik und erschwert die Auseinandersetzung mit dem Lachen. Das ganzkörperliche Ausdrucksverhalten Lachen ist nicht mit Gefühlen zu verwechseln, welche durch Lachen erzeugt werden können, auch wenn beides oft miteinander zusammenhängt. Und die das Lachen begünstigende, humorvolle Charaktereigenschaft einer Person ist nicht das Lachen an sich. Lachhafte Dinge, welche zum Lachen bringen, sind nicht identisch mit dem Akt des Lachens. Im Interesse der Klarheit und besseren Verständlichkeit werden in den folgenden Abschnitten Angrenzungen und Abgrenzungen zum Lachen aufgezeigt und Begrenzungen der Thematik vorgenommen.

1.4.1 Lachen und Weinen

In der Gegenüberstellung von Lachen und Weinen können beide Phänomene prägnant werden. Zunächst scheint es um gegensätzliche Ausdrucksformen und Emotionen zu gehen, denn Lachen ist meistens mit Freude und Weinen mit Trauer verbunden. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es neben Kontrasten auch Übergänge und Gemeinsamkeiten gibt und dass Freude und Trauer manchmal nahe beieinander stehen.

Plessner hebt den kommunikativen Charakter beider Ausdrucksformen hervor und unterscheidet die Zuwendung beim Lachen von der Abwendung beim Weinen. Nach Plessner ist der Lachende, dessen Ausdruck „auf der Ausatmung in die Welt hineinschallt“, zur Welt geöffnet, denn „er braucht Mitlachende, um seines Lachens ganz froh zu werden". Während das Lachen meist schlagartig einsetzt, vermittelt sich das Weinen allmählich und ist mehr an die Einatmung gebunden, „wie zum Ausdruck der Abkehr von der Welt und der Isolierung." (Plessner 1993, S 175)

Die Sprache der Tränen - Freudentränen und Trauertränen - beinhaltet die Aufforderung zu Anteilnahme und Empathie, zum Beistand oder zum Mitfreuen. Lachen und Weinen - in Jargon von TherapeutInnen manchmal „emotionale Lötkolben" genannt - können fließend ineinander übergehen. Oft geht dem Weinen ein unsicheres, sich sozial vergewisserndes Lächeln oder Lachen voran und einem längeren, spannungsabführenden Weinen folgt manchmal ein spontanes, befreites Lachen. Lachen kann ein Tor zu festgehaltenen Gefühlen sein, und Lachen und Weinen können durchmischt auftreten. Dies lässt sich bei sehr starken Gefühlen wie dem Wiedervereinigungs-Schmerz (reunion grief) beobachten. In derartigen hoch emotionalen Momenten dürfen „lange angehaltene Tränen ... im Moment freudiger Erfüllung fließen" (Meyer 2008, S 8). Die Gefühle sind kaum mehr kontrollierbar. Plessner vergleicht die beim Lachen wie beim Weinen auftretende starke Erregung eines Menschen, die zu Kontrollverlust führen kann, mit dem Zustand der Trunkenheit. „Der Mensch verliert seine Fassung und gerät nun ... in Lachen oder Weinen; nicht weil er die Dinge lustig oder traurig findet, sondern weil ihm die Herrschaft über seinen Körper verlorengeht." (Plessner 1993, S 174)

1.4.2 Lächeln und Lachen

Die Beziehungen zwischen Lächeln und Lachen wurden - im Gegensatz zu den zahlreichen philosophischen Untersuchungen zum Lachen und Weinen - kaum untersucht. Gauger weist auf die sprachlichen und sachlichen Bezüge von Lächeln und Lachen hin: „Sprachlich ist Lächeln eine Ableitung, ein Diminutiv von Lachen, von der Sache her ist es eher umgekehrt, da ist das Lachen eher - seien wir vorsichtig - eine Steigerung des Lächelns" (Gauger 2002, S 845 f). Lächeln wird in der Regel als schwächere Form des Lachens unter Lachen subsumiert und auch als sprachliches Diminutiv von Lachen angesehen. Dies wird in der französische Sprache deutlich: le sourire - le rire - le fou rire; „le sourire" = Lächeln, das unter dem Lachen liegt, „le rire" = das normale Lachen und „le fou rire" = das verrückte Lachen oder der Lachanfall.

Häufig genanntes Unterscheidungsmerkmal zwischen Lachen und Lächeln ist, dass Lächeln fast immer ohne Vokalisation und meistens mit geschlossenen Lippen erfolgt, während Lachen mit Vokalisationen und offenem Mund verbunden ist. Aber dagegen lässt sich der Einwand erheben, dass ein starkes, expressives Lächeln mit geöffneten Lippen bereits als ein Lachen ohne Ton wahrgenommen und erlebt wird. Dass Lächeln und Lachen oft „in ein einem Atemzug" genannt werden, ohne genau definiert oder ausreichend differenziert und abgegrenzt zu sein, mag daran liegen, dass beide als Pole innerhalb eines dynamischen Prozesses beobachtet werden, denn das eine entwickelt sich oft aus dem anderen: Dem Lachen geht oft ein Lächeln voraus, und das Lachen klingt oft in einem Lächeln ab. Lachen kann aber auch ohne vorangehendes Lächeln "herausplatzen" und ohne den Nachhall des Lächelns enden. Im Selbstexperiment wird beides erfahrbar: Es gibt einen Entwicklungsbogen vom stillen, innerlichen Lächeln zum lauten, expressiven Lachen und wieder zurück.

Lächeln und Lachen können sich qualitativ stark unterscheiden, und beide haben etwas Eigentümliches. Lachen wirkt sich auf Grund seiner hohen Dynamik und umfangreichen Beteiligung muskulärer Vorgänge stärker auf die Physiologie des Körpers aus als das Lächeln. Aus diesem Grund wird es auch in gesundheitsfördernder Absicht eingesetzt. Es erreicht aber meist nicht die seelisch Tiefe und die spirituelle, friedvolle Kraft, die im stillen, inneren Lächeln gefunden werden kann.

Im Rahmen der Psychotherapie sind dem Autor keine Untersuchungen zum Thema Lächeln und über die Zusammenhänge und Übergänge zum Lachen bekannt. Beides zu erleben, zu unterscheiden, zu reflektieren und im Alltag und in der Therapie verfügbar zu machen ist Ziel und Inhalt des Intentionalen Lachens.

1.4.3 Lachen, Heiterkeit und Fröhlichkeit

Wer froh, heiter und in guter Stimmung ist, kann leicht lachen. Anders herum kann eine gute Stimmung Lachen, Heiterkeit und Fröhlichkeit erzeugen. Bei aller Nähe unterscheiden sich Fröhlichkeit, Heiterkeit und Lachen jedoch voneinander: Heiterkeit und Fröhlichkeit/Frohsinn sind emotionale Befindlichkeiten oder Stimmungen, Lachen hingegen ist kein Gefühl, sondern Zeichen und Signal, aktive Handlung und ganzkörperliches Ausdrucksverhalten.

Für Fröhlichkeit lassen sich zahlreiche Zitate und Redewendungen finden. Auf Synonyme wie „heitere Gemütsstimmung” und „Frohsinn” wird verwiesen. Das Adjektiv fröhlich wird definiert als „von Freude erfüllt, unbeschwert froh” und verdeutlicht die emotionale Qualität, die Frohsinn und Fröhlichkeit eigen ist, unabhängig vom Ausdruck des Lachens.

Hain (2002) erklärt im „Deutschsprachigen Wörterbuch für Psychotherapie” den Begriff Heiterkeit und weist auf den Zusammenhang zwischen Humor und Lachen sowie auf die Heiterkeitsforschung des österreichischen Humorforschers Ruch hin. (Ruch 1990; 2006; Ruch/Zweyer 2008) Einer anderen Dimension von Heiterkeit, der Heiterkeit der Seele, begegnen wird in der buddhistischen Lebensphilosophie. Butön (1290-1364), einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer, schreibt: „Die Heiterkeit der Seele ist ein Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit, denn - um diese Erkenntnis zu erlangen - muss die Seele, die unruhig und verworren gewesen ist, rein und heiter werden” (Tibet Initiative Deutschland 2008). Diese Heiterkeit kann in der Meditation, in der Begegnung mit der Leere, wenn Körper und Seele zur Ruhe kommen, gefunden werden. Lachen - quasi als Zeichen freudiger Erleuchtung - kann diesem Zustand seelischer Heiterkeit entspringen. Andersherum kann intensives, willentlich herbeigeführtes Lachen in der Phase des Nachklangs ein inneres Lächeln und das Gefühl heiterer Gelassenheit zur Folge haben.

1.4.4 Lachen und das Lächerliche

Eine einfache Redensart definiert das Lächerliche als das, was Lachen auslöst: Das Lächerliche ist also das, was Lachen auslöst. Die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Lächerlichen waren jedoch immer sehr komplex und seit der Antike Thema zahlreicher philosophischer Überlegungen und Definitionen. In seiner „Vorschule der Ästhetik” beschäftigt sich Jean Paul ausführlich mit verschiedenen Definitionen des Lächerlichen, mit der Untersuchung des Lächerlichen und mit den Quellen des Vergnügens am Lächerlichen. Er bemerkt, dass es schwierig sei, das Lächerliche zu definieren, „weil es so viele Gestalten annimmt, als es Ungestalten gibt; unter allen Empfindungen hat sie [die Empfindung des Lächerlichen; Anm. des Autors] allein einen unerschöpflichen Stoff, die Anzahl der krummen Linien.” Es ist „das unendlich Kleine” und es ist immer auch der „Erbfeind des Erhabenen.” (Paul 1959, S 102 ff)

Im „Lexikon der Künste und der Ästhetik” schreibt Sulzer zum L ächerlichen: „Die Dinge, worüber wir lachen, haben allemal nach unserem Urtheil etwas ungereimtes, oder etwas unmögliches, und der seltsame Zustand des Gemüths der das Lachen verursacht, entsteht aus der Ungewissheit unsers Urtheils, nach welchem zwei widersprechende Dinge gleich wahr scheinen” (Sulzer 1774, S 643). Gauger bemerkt, dass in den Wörterbüchern der Philosophie der Begriff Lachen meist fehlt, während „Das Lächerliche” vorkommt (Gauger 2002, S 844). In der Definition des Brockhaus wird die Perspektive vom Objekt des Lächerlichen zum Subjekt des Lachenden vollzogen: „Lächerlich ist, was Lachen erregt, und da bekanntlich Tore über sehr Vieles lachen, Weise über Weniges, so ist es ganz von der Individualität des Einzelnen abhängig, was für ihn lächer lich ist” (Brockhaus 1838, S 686).

In den zahlreichen Untersuchungen und Definitionen des Lächerlichen werden überwiegend Dinge oder Situationen beschrieben, die Lachen auslösen. Oft steht im Zentrum der Überlegungen auch die spezifische

Perspektive des Betrachters, den dieses oder jenes zum Lachen bringt. Das expressive Ereignis des Lachens selbst, mit dem ein Mensch auf das Lächerliche reagiert, wird jedoch nicht thematisiert.

1.4.5 Lachen, Witz und Humor

Der Zusammenhang von Witz, Humor und Lachen ist naheliegend: Witze sollen Lachen auslösen, und eine Person, die Humor hat, lacht gerne. Doch was sind Witz und Humor genau und was unterscheidet beide vom Lachen?

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass Lachen, Humor oder Witz oft synonym verwendet werden, und dass weder Lachen noch Humor noch Witz präzise voneinander abgegrenzt oder definiert werden. Dieser Situation begegnet man in der Literatur ebenso wie in alltäglichen Gesprächen oder Aussagen wie: „Sie beschäftigen sich mit Lachen? Ich sammle auch Witze und f inde Humor sehr wichtig im Leben."

Der Begriff Humor stammt vom lateinischen "humor” ab und bedeutet Feuchtigkeit, Saft. Nach Ansicht der antiken Gesundheitslehre und der mittelalterlichen Temperamentenlehre konnte durch die richtige Mischung der "humores”, der Körpersäfte, ein ausgeglichener Gemütszustand erreicht werden. Heute wird Humor als Charaktereigenschaft gesehen oder als eine geistige und soziale Fähigkeit, die bei anderen Lachen hervorrufen kann. Eine humorvolle Person ist jemand, die Sinn für Humor hat und einen Perspektivenwechsel vollziehen kann und dadurch die Widersprüche, Ungereimtheiten und Absurditäten des Lebens aus einem anderen Winkel wahrnehmen kann. (Titze 2001)

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel macht Humor auch für die Psychotherapie interessant, denn es ist für viele Patienten wichtig, ihre Situation mit anderen Augen und aus einer anderen Perspektive sehen zu können, um dadurch neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Im engeren Sinne wird Humor als Fähigkeit beschrieben, Witze machen und verstehen zu können. Demnach sind Humor und Witz verschieden.

Witz steht ursprünglich im Zusammenhang mit Wissen und mit “Gewitztheit”, dem raffinierten Gebrauch des Verstandes. Unter Witz versteht man auch einen kurzen spaßigen Text, der einen Sachverhalt so mitteilt, dass nach der ersten Darstellung unerwartet eine ganz andere Auffassung zutage tritt. Um durch einen Witz zum Lachen zu kommen, muss ein Witz “zünden”, er sollte neu sein und die Pointe muss verstanden werden. Witze sind ein intellektuelles Phänomen. Ihr Verständnis erfordert höhere mentale Fähigkeiten. Im Gegensatz zum vitalen, körperlichen Lachen, das auch ohne Sprache auskommt, sind Witze immer an Sprache, Semantik und Verstand gebunden. Wichtig im Zusammenhang von Witz und Lachen ist die Tatsache, dass nicht alle Witze zum Lachen bringen. Dies liegt teilweise daran, dass sie bereits bekannt sind oder nicht verstanden werden. Viele Witze lösen aufgrund ihrer sexistischen oder diskriminierenden Tendenzen eher Scham und Ärger aus als Lachen.

1.4.6 Lachen und Glück

Glückliche Menschen lachen vermutlich lieber und öfter als unglückliche und kranke. Sind Menschen, die viel lachen glücklich? Ist es möglich, durch häufiges Lachen ein glücklicher Mensch zu werden? Diese Fragen können auf Zusammenhänge und Unterschiede von Lachen und Glück aufmerksam machen. Glück und Unglück liegen nicht in Menschenhand. Aus philosophischer Sicht wird Glück mit der Schicksalsgöttin Fortuna in Verbindung gebracht, in deren Macht es steht, den Menschen Glück oder Unglück zu bringen. Glück ist ein Idealzustand vollkommener Wunschlosigkeit und Glückseligkeit, dessen Verwirklichung nur angestrebt werden kann.

Glück findet zunehmend auch in der ressourcen- und salutogeneseorientierten Psychologie und Psychotherapie (Antonovsky 1979) sowie in der Medizin und der Neurobiologie Beachtung. Je nach Perspektive und Fachdisziplin erhält der Begriff eine andere Gewichtung und Definition. Aus medizinischer und neurobiologischer Sicht sind am Glückszustand vor allem die neurologischen und biochemischen Vorgänge und die Wirkung der “Glücksbotenstoffe” Serotonin und Dopamin von Interesse. Im Zusammenhang mit Psychologie und Psychotherapie ist das Phänomen des Glücks durch die Erforschung des Flow-Zustandes (Csikszentmihalyi 2000), jenem beglückenden, fließenden Zustand, der sich einstellt, wenn man in einer kreativen oder spielerischen Tätigkeit völlig aufgeht sowie durch das Engagement von Seligman (2002) bedeutsam geworden. Seligman rief am 1.1.1998 als Präsident der Amerikanischen Psychologischen Vereinigung dazu auf, die Bedeutung des Optimismus und des Glücks zu erforschen und für die Gesunderhaltung nutzbar zu machen. Er löste damit eine große Forschungswelle aus. (Seligman 2002) Glückszustände können willkürlich weder herbeigeführt noch dauerhaft beibehalten werden. Lachen kann durch Beeinflussung der biochemischen Vorgänge im Körper allenfalls kurzfristige Glück-ähnliche Zustände auslösen. Ein von Menschen selbst gemachter “Glücksrausch” kann das Wohlbefinden fördern und die Immunabwehr stärken. Er lässt sich durch Lachen ebenso wie durch Ausdauersport (runners high), Verliebtheit oder “guten Sex“ herbeiführen, kann aber auch durch Schokolade, Alkohol oder Suchtmittel erzielt werden, wobei dann die gesundheitsschädigenden Auswirkungen stärker sind als die förderlichen.

1.4.7 Echtes, künstliches und natürliches Lachen

Im Zusammenhang mit den zahlreichen qualitativen Unterscheidungen des Lachens erscheinen oft die Adjektive echt, künstlich und natürlich. Sie werden umgangssprachlich meist wertend gebraucht: “Echtes” Lachen wird positiv bewertet, denn es kommt von Herzen und geht zu Herzen; “künstliches” Lachen, für das auch Synonyme wie falsches, unechtes oder gekünsteltes Lachen verwendet werden, sei erzwungen, manipulativ und damit schlecht.

In der Literatur zum Lächeln und Lachen werden die Begriffe echtes und unechtes Lachen im Zusammenhang mit der Forschung des französischen Arztes Duchenne (1876) verwendet. Duchenne hat als erster begonnen, die Auswirkungen elektrischer Impulse auf die mimische Muskulatur zu erforschen. Er beschrieb das natürliche, sogenannte “echte“ Lächeln - das später nach ihm benannte “Duchenne-Lächeln“ - an dem die Augenringmuskulatur und die Jochbeinmuskeln beteiligt sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Der Pariser Arzt Duchenne de Boulogne erforschte mit Strom die „Orthografie des Gesichtsausdrucks“ an einem alten Mann, der an einer fast kompletten Gefühlslosigkeit des Gesichts litt.

Der Begriff des natürlichen Lachens, der ebenfalls nicht definiert ist, bietet - falls er nicht ein idealisiertes Natürlichkeitsverständnis impliziert - die Möglichkeit, die Polarisierung von gutem und schlechtem Lachen aufzuheben, denn es liegt in der Natur des Menschen, spontan und willentlich zu lachen; beide Arten zu lachen sind natürlich.

1.4.8 Funktionalisiertes und instrumentalisiertes Lachen

Mit zunehmender Bedeutung des Lachens als Methode der Gesundheitsförderung und als Untersuchungsgegenstand im Rahmen der medizinischen Forschung wird die systematische Nutzung des Lachens immer bedeutsamer. Lachen und Lächeln werden dabei zu Techniken und Methoden im Rahmen der Gesunderhaltung. Die Erkenntnis, dass Lachen willkürlich erzeugt werden kann, hat zu dessen Instrumentalisierung und Funktionalisierung beigetragen. Anders als das spontan auftretende und meist unkontrolliert hervorbrechende Lachen unterstehen das willkürliche Lächeln und Lachen dem persönlichen Willen und damit der individuellen Entscheidung. Dadurch werden sie intentional verfügbar und - beispielsweise als Mittel zur Einflussnahme auf kommunikative Prozesse, als Medien zur Unterstützung der Gesundheit oder als Hilfen zur emotionalen Umstimmung - zielgerichtet einsetzbar. Lachen wird funktionalisiert, wenn es dazu verwendet wird, den Kreislauf anzuregen und der Gesunderhaltung zu dienen. Lachen wird instrumentalisiert, wenn es beispielsweise in Rahmen von Therapie dazu dient, mit Hilfe von Lachenübungen biografische Erinnerungen zu wecken.

2 Definitionen, Erscheinungsbilder und Funktionen des Lachens

2.1 Definitionen des Lachens

Im „Deutschen Wörterbuch" (Brockhaus/Waring 1982) wird Lachen wie folgt definiert: „Lachen: durch Verziehen des Gesichts zu einer heiteren Miene und stoßweises Ausatmen, bei dem Laute produziert werden; Freude, Heiterkeit äußern." In „Das moderne Lexikon in zwanzig Bänden" (Bertelsmann 1970) finden wir zum Lachen: „Mimische Ausdrucksbewegung als Zeichen der Freude, des Spaßigen, Humorvollen. Spiegelt als kindliches, blasiertes, verzweifeltes, böses, kokettes Lachen die Gemüts- und Charakterwerte. Bei Erkrankungen der Nervenbahnen und bei Psychosen tritt auf: triebartiges Lachen als Lachzwang, Sardonisches Lachen, begleitet von Gesichtsverzerrungen und hysterisches Lachen als Lachkrampf." In „Lexikon Soziologie" (Herder 1976) steht: „Eine (wie das Weinen) nur dem Menschen eigene lautliche und gesichtsmimische Ausdruckserscheinung von verschiedenen Formen, meist in einer augenblicklichen besonderen seelischen Verfassung begründet, z. B. herzlich lachen aus dem Humor oder aus dem Erlebnis des Komischen, verlegenes Lachen, ironisches Lachen; auch als Reflexerscheinung auslösbar durch mechanische (Hautreizung) oder chemische (Lachgas) Einwirkungen. Pathologische Formen (triebhaftes, sardonisches Lachen und Lachkrampf) können als psychotisches oder organpathologisches Symptom auftreten."

Es fällt auf, das in diesen Definitionen vermehrt negative Aspekte sowie pathologische Formen angeführt werden. Auf die sozialen und kommunikativen Aspekte wird nur marginal eingegangen. Erst mit dem Aufkommen der Gelotologie seit 1965 und der Verbreitung des Lachyogas und der Lachclubs seit 1995 kommen die sozial-kommunikativen und gesundheitlichen Aspekte des Lachens stärker in den Blick. Die von mir vorgeschlagene Definition des Lachens lautet:

Lachen ist ein menschliches, biopsychosoziales, emotional getöntes Ausdrucksphänomen und interaktionales Signal. Es tritt meist spontan auf, kann aber auch willkürlich hervorgebracht werden. Lachen kann durch Kitzeln, Witze, Komik und Lächerliches ausgelöst werden. Überwiegend tritt Lachen in Verbindung mit Freude und positiven Emotionen auf. Es kann auch in Verbindung mit Wut, Verachtung, Trauer und anderen Emotionen oder als pathologisches Lachen auftreten. Im sozialen Kontakt regelt Lachen kommunikative Abläufe. Es hat ansteckende Wirkung.

Lachen ist ein optisches, akustisches und körperliches Signal, welches

- als kommunikatives Zeichen lesbar wird an charakteristischen mimischen Veränderungen vorwiegend im Bereich des Mundes und der Augen,

- hörbar wird durch staccatoartiges Ausatmen mit Geräuschen, meist mit Lauten wie HaHaHa oder HoHoHo,

- verbunden ist mit vielfältigen Körperbewegungen.

Lachen geht einher mit biophysiologischen Veränderungen:

- Intensivierung der Ein- und Ausatmung,

- Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz sowie

- biochemischen und neurologischen Vorgängen.

2.2 Lachen als akustisches und phonetisches Phänomen

Lachen wird unter akustischen und phonetischen Aspekten gegliedert in

- Lach-Episode = das komplette Lachen,
- Bouts = mehrere Lachsilben, die durch eine Atmungsphase voneinander getrennt sind,
- Lachsilbe/Segment = Konsonant und Vokal.

Ein "laughter bout" beginnt mit einer forcierten Ausatmungsphase, in der die staccatoartigen und vokalisierten Ausatmungsimpulse erklingen und endet mit einer kräftigen, reflektorischen Einatmungsphase. Ein "bout" besteht aus etwa fünf Lachsilben (zwischen 2 und 10 sind möglich), die zum Ende hin leiser (decrescendo) und langsamer (ritardando) werden und etwa drei bis sieben Sekunden dauern. Nach Grammer hat Lachen eine spezifische gleichförmige Struktur (Grammer 2002, S 90 ff). Diese sogenannte Formkonstanz bezieht sich auf den Ablauf, nicht auf die Qualität des Lachens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Amplitude und Frequenz des Lachens Unten: Lachen (li) und Sprache (re) (Cpoyright: Rainer Kotzian)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Vokalisation erfolgt beim spontanen Lachen meistens auf HaHaHa, seltener auf anderen Vokalen und nie bzw. nur willkürlich erzeugt auf wechselnden Vokalreihen wie HoHoHaHa, HiHaHoHoHo oder HoHaHe. Beim Lachen intoniert die Stimme meistens dynamischer und höher als beim Sprechen. Das Klangbild des Lachens wird durch die Weite der Mundöffnung und die Form und Länge des Resonanzkörpers beeinflusst. Männer lachen häufig stimmlos oder “knarrend“, während Frauen meist stimmähnlich vokalisiert und melodiös lachen. Weibliches Lachen ist höher und liegt bei einer Frequenz von ca. 500 Hertz, männliches Lachen liegt bei ca. 280 Hertz.

2.3 Mimik und Blickverhalten beim Lächeln und Lachen

Nach Ekman/Friesen (1978) gibt es zahlreiche Mimiken („expressive" and „subtle expressions"). Ein Mensch hat ca. 7000 verschiedene mimische Ausdrucksmöglichkeiten, die durch 43 Gesichtsmuskeln zustande gebracht werden können. Die an einem spezifischen Gesichtausdruck beteiligten Muskelkombinationen nennen die Autoren „action units". Unterscheidbare Ausdruckmöglichkeiten haben Ekman und Friesen in dem Facial Action Coding System (FACS) in siebenjähriger Forschungsarbeit systematisiert. Beim Lächeln - es gibt nach Ekman (2004) allein 18 verschiedene Freudelächeln - sind bis zu 17 Muskelpaare beteiligt. Besonders wichtig sind dabei der Musculus zygomaticus major und der Musculus orbicularis occuli.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Gesichtsmuskeln in seitlicher Ansicht

Der M. zygomaticus major (großer Jochbeinmuskel) zieht die Mundwinkel seitlich aufwärts und verursacht dadurch das typische "Zähne-Zeigen". Der M. orbicularis occuli (Augenringmuskel) bewirkt bei Kontraktion, dass die Lidspalte keiner wird und von den Augenwinkeln zu den Schläfen hin kleine

Falten - die für das freudige Lachen und Lächeln typischen “Lachfalten oder “Krähenfüßchen“ - entstehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Schematische Darstellung der Auswirkung der Kontraktion der verschiedenen Gesichtsmuskeln nach C. H. Hjortsjö (1969)

Ekman (1988) weist unter Bezugnahme auf Darwin (1872), Duchenne (1876) und Hjortsjö (1969), dem nach Eibl-Eibesfeldt 1984, S 623) „ein Durchbruch in der Erforschung der menschlichen Gesichtsbewegungen“ gelang, darauf hin, dass beim “echten“ Lächeln und Lachen mindestens diese beiden Muskelpaare beteiligt sind. Echtes Lächeln, das nach Ekman (2004) an seiner symmetrischen Form und an den mitlachenden Augen erkennbar ist - im Gegensatz zum willkürlichen Lächeln, das meistens asymmetrisch ist und bei dem die Augenringmuskulatur weniger oder gar nicht beteiligt ist - geht mit einem deutlichen emotionalen Erleben einher. Hingegen ist Lachen und Lächeln, bei dem die Augenringmuskeln nicht beteiligt sind, mit keinem oder nur geringem emotional-freudigen Erleben verbunden.

Das faziale Signal willkürlichen Lächelns gilt als “soziales“ Lächeln; es regelt die Alltagskommunikation. Allerdings wird in der Entwicklungspsychologie soziales Lächeln - dort auch “Echo-Lächeln“ oder “Widerlächeln“ genannt - in Abgrenzung zum “Reflexlächeln“ als die interaktive Fähigkeit verstanden, mit einem Lächeln auf die Umgebung und besonders auf Gesichter reagieren zu können.

Nach Bates und Cleese schauen sich Menschen bei einer normalen Unterhaltung durchschnittlich drei Sekunden lang ins Gesicht, davon höchstens ein oder zwei Sekunden direkt in die Augen. Blickkontakte, die länger dauern, werden als oft als feindselig empfunden und aktivieren das Nervensystem und die Kampf- oder Fluchtbereitschaft. Blickkontakte die länger als zehn Sekunden dauern, deuten nach Bates/Cleese bei Erwachsenen darauf hin, dass „die Gesprächspartner kurz davor sind, sich zu prügeln oder miteinander ins Bett zu gehen". (Bates/Cleese o. J. S 110)

Der Augenschluss kann auch im Zusammenhang mit einem spezifischen Blickverhalten gesehen werden, auf das Grammer in „Signale der Liebe" hinweist. Demnach findet zuerst ein kurzer Blickkontakt statt, anschließend lösen sich die Blicke voneinander und die Köpfe werden in einer kreisenden Drehbewegung seitlich nach hinten geschwungen. Beim Abschluss dieser Bewegung wird wieder Blickkontakt aufgenommen. (Grammer 2002, S 100 ff) Dieser Bewegungsablauf - mit dem sich vergewissernden, lösenden und wieder vergewissernden Blickkontakt - ist charakteristisch für ein als freundlich wahrgenommenes Lachen, das bindende Wirkung hat. Dagegen wirkt ein Lachen, bei dem der Blick über einen längeren Zeitraum nicht abgewendet wird, irritierend, herausfordernd und aggressiv.

2.4 Variationen und Qualitäten des Lächelns und Lachens

Innerhalb der Parameter Optik, Mimik, Blickverhalten und Körperbewegungen gibt es zahlreiche Variationen und Kombinationen. Außerdem können weitere Modulatoren, wie Klang, Dynamik, Dauer und Melodik das Erscheinungsbild des Lachens verändern. Dadurch ist das Lachen sehr unterschiedlich, unendlich vielfältig und deskriptiv schwer zu fassen. (Grammer 2002; El Idrissi 2005) Im Zusammenspiel aller Parameter und Modulatoren ist Lachen so individuell wie der Fingerabdruck eines Menschen, und es kann eine Vielzahl von Emotionen ausdrücken, die jedoch nicht immer eindeutig sind. So kann ein Lächeln anzeigen, dass ein Mensch glücklich ist. Es kann aber auch willkürlich im Dienste der Kommunikation und sozialen Interaktion eingesetzt sein. In bestimmten Situationen dient es auch dazu, "echte" Gefühle zu verbergen. Bereits Darwin erkannte, dass Lächeln und Lachen andere Gefühle maskieren können und nicht immer eindeutig zu verstehen sind. „Laughter is frequently employed in a forced manner to conceal or mask some other state of mind, even anger. We often see persons laughing in order to conceal their shame or shyness." (Darwin 1872, S 186)

Gefühle, die zusammen mit Lachen und Lächeln auftreten, werden oft erst dadurch lesbar, dass situative und geschlechtsspezifische Einflüsse erkannt und berücksichtigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6 Verschämtes Lächeln eines dreijährigen Mädchens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7 Verlegenes Lächeln

Krause (2008) nennt sechs Emotionen, die sich mit Lächeln verbinden können:

Lächeln und Freude
Lächeln und Ekel
Lächeln und Verachtung
Lächeln und Ärger
Lächeln und Angst
Lächeln und Überraschung.

Am häufigsten tritt das Grundmuster des Lächelns in Zusammenhang mit der Emotion Freude auf. Bemerkenswert ist an dieser Auflistung, dass nur Freude als positive Emotion genannt wird. Das deutet darauf hin, dass in der Psychologie über lange Zeit der Blick überwiegend auf negative Gefühle und Pathologisches gerichtet wurde. Neben Freude gibt es jedoch weitere positive Emotionen und sanfte Gefühle, die ebenfalls mit Lächeln oder Lachen verbunden sein können, z. B. Interesse, Neugier, Heiterkeit, Glücksgefühl, Gelassenheit, Stolz, Wohlwollen und Liebe. Auf positive Gefühle wie „high spirits, cheerfulness, tenderness, pleased or amused state of mind" und die damit verbundenen Ausdrucksformen hat bereits Darwin hingewiesen (Darwin 1872, S 179 ff).

2.5 Funktionen und Wirkungen des Lachens

Lachen ist ein komplexes, polyvalentes menschliches Ausdrucksphänomen und Interaktionssignal, das nicht nur unzählige Erscheinungsformen aufweist, sondern auch viele unterschiedliche Funktionen hat. Aus evolutionsbiologischer Perspektive stehen diese ursprünglich im Zusammenhang mit aversivem, freundlichem oder spielerischem Verhalten. Grammer nennt bezogen auf menschliche Interaktionen drei grundlegende Funktionstypen des Lachens:

1. Lachen als freundlichen Signals und metakommunikatives Spiel,
2. Lachen als aggressives Signal,
3. Lachen als Signal der Ängstlichkeit.

Diese Signale und ihre Funktionen sind nach Grammer jedoch erst im Zusammenhang mit sogenannten “Triggersignalen“, z. B. speziellen Körperhaltungen, erkennbar. (Grammer 2004, S 347 ff)

Robinson (1999, S 46 ff) unterscheidet im „Praxishandbuch

Therapeutischer Humor“ drei Hauptfunktionen des Lachens:

1. kommunikative Funktion,
2. soziale Funktion,
3. psychologische Funktion.

Zur den kommunikativen Funktion gehören die Fähigkeiten, in Beziehung zu treten, Vertrautheit aufzubauen oder das Gesicht zu wahren. Lachen und Lächeln können dabei eine unterstützende aber auch eine störende Funktion haben. Zur sozialen Funktion gehören der Aufbau sozialer Bindungen, der Umgang mit Konflikten, die Förderung des

Zusammengehörigkeitsgefühls und soziale Kontrolle. Aus psychologischer Sicht hat Lachen eine Entlastungsfunktion bei Anspannung, Stress und Ängsten, kann als Ventil für Wut und Hassgefühle dienen und hilft im Umgang mit Schicksalsschlägen, Tod und Sterben und zum Überspielen des Weinens.

Eine zentrale - und lange nicht erkannte - Funktion des Lachens konnte Provine (1993) nachweisen, der erkannte, dass die meisten Lachanlässe nicht mit Humor im Zusammenhang stehen. Provine filmte Personen, die miteinander lachten und fragte sie anschließend, warum sie gelacht hätten. Dabei stellte sich heraus, dass viele Befragte dafür keinen Grund angeben konnten.

Die Analyse und Interpretation der gefilmten Situationen machten deutlich, dass Menschen überwiegend lachen,

- weil sie zum Lachen angesteckt werden,
- weil sie durch Lächeln und Lachen Zustimmung, Interesse und Neugier signalisieren und
- weil Lachen und Lächeln ihnen hilft, den Gesprächsablauf und den Rednerwechsel zu regeln („laughter punctuates speech") (Provine 1993, S 291 ff).

Als weitere Funktionen ist die kurative Funktion des Lachens zu nennen. Diese hat im Zusammenhang mit der Gelotologie, die vorwiegend die gesundheitlichen Auswirkungen des Lachens erforscht, inzwischen große Bedeutung gewonnen. Lachen wird gegenwärtig zunehmend in salutogenetischer Absicht - beispielsweise durch Lachyoga oder Intentionales Lachen - im Rahmen von Therapie und Gesundheitsprophylaxe zur Anwendung gebracht.

[...]

Details

Seiten
125
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640786633
ISBN (Buch)
9783640786411
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163807
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Psychosomatische Megizin und Psychotherapie
Note
1
Schlagworte
Lachen Lachyoga; Psychotherapie Integrative Therapie; Körpertherapie; Atemtherapie Atem Minik Mimik Blickkontakt Emotion LeibLeintherapie Körper Leib Leintherapie Bewegungstherapie Emotionen Leibtherapie Lächeln

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Lachen - Ein anthropologische Konstante als Konzept des Intentionalen Lachens im Kontext der Integrativen Therapie