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Die sowjetisch-japanischen Beziehungen 1904-1945

Hausarbeit 2009 23 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das zaristische Erbe der Sowjetunion in Fernost

2. Die Krisen der 30er Jahre bis
2.1. Die „Mandschukuo-Krise“ 1931
2.2. Die Krisen in China abl937
2.3. Die sowjetisch-japanischen Grenzkonflikte
2.4. Die Umorientierung Japans nach Südostasien

3. Die „seltsame Neutralität“ 1941-
3.1. Der Neutralitätspakt vom 13.4.1941
3.2. Die Bedeutung der Neutralität für Japan und die Sowjetunion
3.3. Kriegsentwicklung und Mentalitätswandel

4. Die Geburt des Kalten Krieges durch den Krieg mit Japan
4.1. Der sowjetische Überfall auf Japan und seine Begründung
4.2. „OperationAuguststurm“ VS. „OperationDownfall“

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Im Kriegswinter 1941 vollzogen sich in Europa und im Pazifik zwei einschneidende Ereignisse, die dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Wendung geben sollten: Die erfolgreiche Verteidigung Moskaus vor den deutschen Truppen und der Überraschungsangriff der Japaner auf Pearl Harbour am 7.12.1941. Zahllose historische Forschungswerke haben sich mit dem Grund für die deutsche Niederlage 1941 bzw. der japanischen Aggression gegen die USA befasst. Meiner Meinung nach wurde dabei der wichtigsten Ursache der beiden Ereignisse keine angemessene Bedeutung beigemessen: Den sowjetisch-japanischen Beziehungen.

Der seit 1894/95 bzw. 1904/05 andauernde Interessenskonflikt in Ostasien schien eine friedliche Koexistenz der beiden Staaten im Zweiten Weltkrieg unmöglich zu machen. Die beiderseitigen Erfolge vor Moskau bzw. in Pearl Harbour, gefolgt von den massiven Kriegshandlungen in Osteuropa bzw. dem Südpazifik, bekundeten jedoch einen Wandel in den sowjetisch-japanischen Beziehungen: Eine Art erfolgreicher Umorientierung und Konzentration in vollständig andere Konfliktherde der Welt. Wie kam es zu der Verständigung beider Staaten auf diplomatischer Ebene und was war die Ausgangssituation der 30er Jahre? Worin lag die Begründung für den erstaunlichen Neutralitätspakt vom 13.4.1941, der an Sensation dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt kaum nachstand und was waren seine Folgen? Wie konnte aus der „seltsamen Neutralität“ schließlich ein sowjetischer Überfall auf Japan im August 1945 werden und daraus der Kalte Krieg in Fernost erwachen? Auf all diese Fragen möchte die vorliegende Arbeit eine kurze und präzise Antwort geben und dafür die sowjetisch-japanischen Beziehungen zwischen 1904-1945 genauer analysieren.

Beginnen möchte ich somit mit einer kurzen historischen Vorgeschichte, die das zaristische Erbe der Sowjetunion in Fernost vorstellt. Die wesentliche Ausgangsbasis der gegenseitigen Beziehungen für die Kriegsjahre stellten allerdings die 30er Jahre da, denen ich das zweite Kapitel widme und bei denen ich mich v.a. auf die „Mandschukuo“-Krise, die Konflikte in China, die Grenzkonflikte und die Umorientierung Japans konzentrieren werde. Das dritte Kapitel stellt v.a. die wesentlichen Punkte und die Begründung des Neutralitätspaktes sowie die unmittelbaren Folgen für die Kriegsentwicklung dar. Abschließen möchte ich die Betrachtung der sowjetisch-japanischen Beziehungen mit dem Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Japan und seine letztlichen Folgen für den Fernen Osten und das Verhältnis zu den USA.

1. Das zaristische Erbe der Sowjetunion in Fernost

Der Russische/Sowjetische-Japanische Interessenskonflikt in Fernost besaß eine lange Tradition. In der Mandschurei, in Korea und in der Mongolei trafen um 1900 zwei Expansionsbestrebungen aufeinander, deren Stoßrichtungen bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts determiniert waren.

Die Ergebnisse des Krimkrieges (1853-1856) führten dazu, dass die Expansionsbestrebungen Russlands am Schwarzen Meer und auf dem Balkan durch die westeuropäischen Großmächte vorläufig gestoppt wurden. Auch im Iran und in Afghanistan stießen die Truppen der Zaren auf den argen Widerstand der Engländer. Einzig im weiten fernöstlichen Raum sah man in St. Petersburg die Möglichkeit zu weitgehend unbeschränkter Ausdehnung. Ernsthafte Konkurrenten um massive territoriale Zugewinne schien es in China und Korea nicht zu geben. Doch fast zeitgleich zu den russischen Niederlagen auf dem Balkan und im Mittleren Osten erblickte im Fernen Osten eine asiatische Großmacht europäischen Zuschnitts das Licht der Welt.[1] Das japanische Kaiserreich war 1853 durch die USA gewaltsam geöffnet worden und hatte sich nach jahrelangen inneren Streitereien und dem Niedergang der Samurai ab 1868 blitzartig modernisiert. Bereits im Jahr 1894 sah man sich in Japan ausreichend gerüstet, um nun imperialistischen Anspruch auf das koreanische und chinesische Festland auszuüben. Die Niederlage Chinas im Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg 1894/95 brachte nun zum ersten Mal die japanische und russische Interessensphäre in direkte Nachbarschaft.[2] So stritt man sich schon bald um die Souveränität über die Halbinsel Liaotung mit den kriegswichtigen Warmwasserhäfen Port Arthur und Dairen. Russland sah auch zunehmend sein größtes Bauprojekt durch die Japaner bedroht: Die Transsibirische Eisenbahn. Seit mehreren Jahren hatten die Russen nun an einer Verbindung zwischen Moskau und Vladivostock gearbeitet. Ein stärkeres japanisches Engagement oder gar eine Besetzung der Mandschurei würde eine lange Umgehungsstrecke nötig machen und könnte möglicherweise Sieg oder Niederlage in Fernost ausmachen.[3]

Im Jahr 1904 kam es schließlich zum Kriegsausbruch mit Japan. Im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) konnte die japanische Armee auf erstaunliche Weise die russische Armee bei Mukden, tief in der russischen Mandschurei, schlagen und die russische Pazifik- und Baltikflotte bei Port Arthur und Tsushima vernichten. Gedeckt durch die Angloamerikaner konnte Japan somit im Frieden von Portsmouth (1905) das Protektorat und im Jahr 1910 die Souveräntität über Korea gewinnen und bekam die Liaotung Halbinsel von Russland zugestanden, während die Mandschurei an China fiel. Die Schmach von 1905 wurde für Russland zum Trauma und zugleich zur Keimzelle einer Erbfeindschaft, wie sie auch lange Zeit zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) bestand.[4] Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dem Beginn der Oktoberrevolution in Russland wurde der Ferne Osten von einer zweiten japanischen Eroberungswelle erfasst. Japan besetzte 1914 das deutsche Tsingtao und stieß zwischen 1915-1922 bis in die Tianjin- Provinz vor. Die Schwäche der sich im Weltkrieg und anschließend im Bürgerkrieg befindlichen jungen Sowjetunion ausnutzend, besetzte Japan 1918 zusammen mit den USA weite Teile des russischen Fernen Ostens. Der Fall der Nördlichen Sakhalinen und Vladivostoks in japanische Hände motivierte Lenin zu der Aussage, dass Japan der gefährlichste Feind der Sowjetunion sei.[5] Die japanisch-amerikanische Besetzung des russischen Fernen Ostens dauerte bis 1922 und wurde erst durch massive internationale Proteste beendet.[6] Die 20er Jahre brachten eine diplomatische Entspannung in Fernost wie in Europa. Auf den Dairen- und Changchun-Konferenzen wurden die gegenseitigen Interessensphären nochmals festgelegt. Eine echte Wende in den sowjetisch-japanischen Beziehungen brachten alle Gespräche der 20er Jahre jedoch nicht. Im Gegenteil: In Japan erwachte gegen Ende der 20er Jahre ein ungeheurer nationalistischer Militarismus, der sich, gespeist durch die Schwäche der anderen Großmächte, für ein hemmungsloses Expandieren Japans stark machte, während in der Sowjetunion ein wahrer Sicherheitswahn in Fernost entstand.[7] Die beginnenden 30er Jahre sollten den Beweis bringen, dass der japanische Expansionswille noch lange nicht gestillt war. Das Eindringen in den weiterhin russisch­chinesischen Einflussbereich Mandschurei demonstrierte, dass Japan in der Sowjetunion bzw. der Chinesischen Republik immer noch die schwächlichen Kaiserreiche mit neuem Namen erblickte, die man bereits grandios besiegt hatte.

2. Die Krisen der 30er Jahre bis 1941

2.1. Die „Mandschukuo-Krise“ 1931

Der japanische Angriff auf die chinesische Mandschurei brachte die japanischen Truppen 1931 unmittelbar an die integralen Grenzen der Sowjetunion.[8] Der Sowjetunion, China und der internationalen Völkergemeinschaft waren 1931 allerdings die Hände gebunden.[9] Die Amerikaner und Briten waren weitgehend mit eigenen wirtschaftlichen Problemen während der Hochphase der „Great Depression“ beschäftigt und die diplomatisch isolierte Sowjetunion sah sich nicht dazu in der Lage, ihre eigene Interessenszone zu verteidigen.

Logistisch gesehen war für die Sowjetunion mit der japanischen Besetzung der Mandschurei bzw. „Mandschukuos“ ein Super-Gau eingetreten, der schon seit 1904 befürchtet wurde. Die japanischen Besatzer beanspruchten die transsibirischen Eisenbahnlinien in der Mandschurei für sich. Damit waren die Sowjets zur Versorgung der Fernosttruppen nun auf eine weite Umgehungsstrecke in sowjetischen Grenzen angewiesen. Die Eisenbahnlinien in der Mandschurei wurden 1935 an die Japaner verkauft und damit vorerst völlig aufgegeben.[10] Die umständliche Transportlage nach Fernost erlaubte der Sowjetunion nicht länger, große Ansprüche zu stellen oder gar an offensive Operationen gegen Japan zu denken. Die japanische Kwantung-Armee war den sowjetischen Divisionen bei weitem überlegen und ließ die Gefahr einer baldigen großen, japanischen Invasion Sibiriens und Jakutiens realistischer als je zuvor erscheinen. Die Sowjetunion bat daher 1931 Japan um einen Nichtangriffspakt, der für die UdSSR zwar nicht überraschend, aber doch deutlich beunruhigend von diesem abgelehnt wurde.[11] Die Zeichen in Moskau und Tokyo standen auf Sturm.[12]

2.2. Die Krisen in China ab 1937

Doch Japan entschied sich 1937 zunächst dazu, seine Angriffe auf China fortzusetzten. Der Zweite Chinesisch-Japanische Krieg hatte begonnen. Der brutale Überfall auf ganz China isolierte Japan vor der Weltöffentlichkeit, die gerade dabei war, sich von der „Great Depression“ zu erholen und ihre Augen wieder auf äußere Konflikte richten konnte.[13] In Washington D.C. sprach Präsident Roosevelt davon, Japan in „Quarantäne“ zu stecken. Eine japanische Besetzung der chinesischen Häfen, musste die „open door“ Politik der USA gefährden und konnte somit nicht dauerhaft toleriert werden.[14] Auch für die Sowjetunion war das Ausgreifen Japans in China eine massive Bedrohung, aber zugleich ein Gottesgeschenk. Sollte China völlig in die Hände Japans fallen, würde es auf dem asiatischen Kontinent keine Macht mehr geben, die Japan von einer Invasion Russlands abhalten könnte, oder diese zumindest verzögern könnte. Je länger und schwieriger die Kämpfe in China für Japan allerdings sein würden, umso geringer war die Wahrscheinlichkeit eines japanischen Angriffs auf die UdSSR.[15]

Eine sowjetisch-amerikanische Unterstützung der chinesischen Einheitsfront unter der Führung von Chiang Kai-shek schien also absolut notwendig.[16] So begannen 1937 die ersten Waffenlieferungen an China über die mongolische und siamesisch-birmanische Grenze. Auch die ersten Rohstoffembargos der USA gegen Japan, v.a. das berühmte Ölembargo, begannen ihre Wirkung zu zeigen. Japan hingegen musste die Sperre der kriegswichtigen Erz- und Ölembargos sowie die aktive Beteiligung der UdSSR und der USA in China als direkte Provokation auffassen. So hatten die Krisen über die chinesische Frage genau das zu Folge, was in Moskau und Washington D.C. eigentlich niemand beabsichtigt hatte: Ein baldiger Angriff auf die UdSSR oder die USA musste Japan immer attraktiver vorkommen.[17]

2.3. Die sowjetisch-japanischen Grenzkonflikte

Auch wenn Japan gegen Ende der 30er Jahre noch keine großangelegte Offensive gegen die Sowjetunion plante, so nahmen die Grenzkonflikte in der Mandschurei und Mongolei doch erheblich an Stärke und Häufigkeit zu. Durch die sowjetischen Hilfslieferungen an Mao und Chiang Kai-shek provoziert und von den immensen Rohstoffvorkommen in Sibirien und Jakutien gelockt, begingen die Japaner seit 1937 eine Reihe von Grenzverletzungen, die gemäß der japanischen Armee und den „Kontinentalsten“ in Japan nur ein Vorspiel sein sollten. Mit dem Charakter eines militärischen „Vorspiels“ hatten die Überfalle der Japaner allerdings nichts zu tun. Denn die erste japanische Grenzverletzung im Jahr 1937 entwickelte sich gegen alle Erwartungen der japanischen Militärs zur Schlacht von Blagoveshchensk, die erfolgreich für die Sowjets endete und von beiden Seiten mit massiven Panzer- und Kampfflugzeugaufgebot geführt wurde.[18] Auch in den Jahren 1938 und 39 konnten die Sowjets siegreich aus den Schlachten von Changkufeng und Nomonhan hervorgehen, die an Brutalität stetig zunahmen. Am 15. September 1939 wurde schließlich ein Waffenstillstand zwischen den beiden Staaten geschlossen. Damit waren die japanischen Ambitionen nach Norden vorläufig gestoppt.[19]

Für die japanische Armee waren die Niederlagen an der mongolisch-sowjetischen Grenze ein Schlag ins Gesicht, während die Schlachten für die Rote Armee einen großer Prestigewinn waren. Doch der Gewinn der Roten Armee erstreckte sich auch auf wertvolle Kampferfahrung, denn u.a. konnten hier die zukünftigen Helden der Roten Armee im Kampf gegen Nazideutschland wie Schukow glänzen. Auch die Bilanz der eingesetzten bzw. vernichteten Einheiten zeigt klar, dass es sich bei den Kämpfen zwischen der UdSSR und Japan zwischen 1937 und 1939 keinesfalls um kleine Grenzscharmützel handelte. Allein für die Schlacht von Nomonhan setzten die Japaner rund 30.000 Soldaten ein, von denen nach japanischen Angaben 8440 starben und 8766 verwundet wurden. Die Sowjets hingegen setzten rund 57.000 Mann ein, von denen rund 8000 getötet und 15.952 verwundet wurden. Das bestimmt wichtigste Ergebnis der sowjetisch-japanischen Grenzkonflikte war, dass die Japaner erkannten, dass sie in der Sowjetunion unter Stalins Führung einen stärkeren Gegner gefunden hatten als sie ursprünglich gedacht hatten. Nun wusste Japan, was es im Kriegsfall von Stalin zu erwarten hätten. Die Grenzschlachten ebneten somit den Grundstein für ein neues Kapitel in den sowjetisch-japanischen Beziehungen und im kaiserlichen Hauptquartier entbrannte eine lange Debatte über die zukünftigen Ambitionen Japans und seinem Verhalten gegenüber seinen Nachbarn. Die Umorientierung Japans hatte begonnen.[20]

2.4. Die Umorientierung Japans nach Südostasien

Die Entscheidung Japans, seine militärischen Eroberungspläne vom Norden, d.h. von der Sowjetunion auf China und den Südpazifik abzulenken, war das Ergebnis einer langen und schwierigen Debatte innerhalb Japans und die Konsequenz aus den außenpolitischen Ereignissen, die sich 1939/1940 überschlugen.[21] Im Gegensatz zu den diktatorisch regierten Staaten Deutschland, Italien und der Sowjetunion war Japan eine verfassungstechnisch legitimierte Monarchie geblieben, die eher den europäischen, absoluten Monarchien des 18. und 19. Jahrhunderts glich. Offiziell besaß der japanische Kaiser, gemäß der kokutai zwar alle Macht im Staat, doch wurde das Land seit den späten 20er Jahren von einer autoritären, militärischen Oligarchie regiert. Im Gegensatz zu den stellenweise blitzartig und sprunghaften Entscheidungen der westlichen Diktaturen waren politische Entscheidungen in Japan das Ergebnis zäher Debatten und waren stellenweise sogar widersprüchliche Kompromisse. Auch die Durchführung der Entscheidungen litt stark unter dem bipolaren System Japans. Das eine Lager wurde durch die japanische Armee gebildet und den Befürwortern der Kontinentalexpansion, d.h. den sogenannten „Kontinentalisten“.[22] Die Opposition wurde gebildet aus der japanischen Marine und den Befürwortern der maritimen Ausdehnung.

Die Armee-Partei hatte durch die militärischen Niederlagen an der sowjetischen Grenze Ende 1939 einen starken Prestigeverlust erlitten, der von der Marine-Partei dazu ausgenutzt wurde, nach der Eroberung der Mandschurei und weiten Teilen Chinas nun die Seeexpansion voranzutreiben. Die Marine-Position wurde noch dadurch gestärkt, dass der Krieg in Europa seit dem 1. September 1939 die Kolonialmächte weitgehend daheim beschäftigte und ernsthafter Widerstand im Südpazifik kaum zu erwarten sein konnte. Einzig in den Amerikanern sah man einen potentiellen Rivalen um die Pazifikterritorien. Mit der Sowjetunion bräuchte man hingegen einen längeren Frieden, um die Eroberungen im Süden zu ermöglichen und Kräfte frei zu bekommen.

Die Armee hingegen sann auf Rache gegen die Sowjetunion und sah in ihr weiterhin den Erzfeind des Kaiserreiches. Hatte man nicht bereits 1936 mit Hitler den „Antikomintempakt“ geschlossen, der jegliche Kooperation mit kommunistischen Staaten verbot?[23] Auch der 1940 Unterzeichnete „Dreimächtepakt“ wurde als Bündnis gegen die Sowjetunion aufgefasst. Bei der Marine hingegen sah man die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23.8.1939 als klares Zeichen, dass auch Deutschland sich nicht um die Einhaltung des „Antikomintempaktes“ kümmerte.[24] Also warum sollte sich Japan daran halten und seine Chance im Südpazifik verpassen? Wie realistisch würde überhaupt ein Alleingang gegen die Sowjetunion sein? Hatten die Schlachten der Jahre 1937, 38 und 39 nicht viel mehr einen langen mühseligen Krieg prophezeit? Viel eher hoffte man, die Sowjetunion 1940 in das Boot der Achsenmächte hineinzuziehen, um somit eine totalitäre Front gegen die schwachen Demokratien im Westen zu schaffen.[25]

Aufgrund der drückenden amerikanischen Ölembargos wäre es also viel vorteilhafter, sich zunächst eine breite wirtschaftliche, rohstoffreiche Basis im Südpazifik anzulegen und den Krieg in China zu beenden und anschließend mit den konzentrierten Kräften des Japanischen Kaiserreiches die Sowjetunion zu besiegen.[26]

Die Argumente der Marine überzeugten. Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde auf japanischer Seite insgeheim auf unbestimmte Zeit verschoben. Man blieb zwar feindlich gegenüber Stalin gesonnen, allerdings machten die neuen japanischen Ambitionen im Süden einen langen Frieden bzw. eine Neutralität unausweichlich. Eine politische Sensation ersten Ranges schickte sich an: Die „Großostasiatische Wohlstandsspähre“ strebte wie das „Großdeutsche Reich“ als ideologischer Erzfeind, die Neutralität mit der Sowjetunion an.

[...]


[1] Hasegawa, Tsuyoshi, Racing the enemy. Stalin, Truman, and the surrender of Japan, Cambridge 2005, S. 8 ; Hösch, Edgar, Die Beherrscherin des Ostens. Die Expansion Russlands nach dem Krimkrieg, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (12), S. 284-307.

[2] Martin, Bernd, Ein Sieg des kleinen Bruders. Der Chinesisch-Japanische Krieg, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (12), Hamburg 2006, S. 409-421.

[3] Hasegawa, Racing the enemy, S. 8; Cullen, L. M., A history of Japan 1582-1941. Internal and External worlds, Cambridge 2003, S. 205-238.

[4] Hasegawa, Racing the enemy, S. 8f; Martin, Bernd, Um die Vorherrschaft in Ostasien. Der Russisch­Japanische Krieg, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (12), Hamburg 2006, S. 421-432.

[5] Lensen, George Alexander, The strange neutrality. Soviet-Japanese relations during the Second World War 1941-1945, Tallahassee 1972, S. 124, 208f.

[6] Hasegawa, Racing the enemy, S. 10f. ; Lensen, The strange neutrality., S. 215 ; Cullen, L.M., A history of Japan 1582-1941, S. 239-255.

[7] Lensen, George Alexander, Japanese Recognition of the USSR. Soviet-Japanese Relations 1921-1930, Tallahassee, S. 317-373 ; Niedhart, Gottfried, Militärstaat auf Expansionskurs. Japan, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (13), Hamburg 2006, S. 426-433

[8] Lensen, The strange neutrality, S. 1.

[9] Ebd., S. 209.

[10] Ebd., S. 209.

[11] Ebd., S. 1.

[12] Hasegawa, Racing the enemy, S. 11-14 ; Niedhart, Gottfried, Das Mächtegleichgewicht gerät ins Wanken. Der japanische Überfall auf die Mandschurei, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (14), Hamburg 2006, S. 12­18.

[13] Lensen, The strange neutrality, S. 3 ; Cullen, Japan, S. 270-274.

[14] Cullen, Japan, S. 239f.

[15] Hasegawa, Racing the enemy, S. 13f.

[16] Lensen, The strange neutrality, S. 3f.

[17] Hasegawa, Racing the enemy, S. 11-14 ; Martin, Bernd, Aggressoren unter dem Sonnenbanner. Japans Weg in den Krieg, in: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte (14), Hamburg 2006, S. 146-162.

[18] Lensen, The strange neutrality, S. 2ff.

[19] Ebd., S. 2.

[20] Hasegawa, Racing the enemy, S. 14ff; Martin, Aggressoren unter dem Sonnenbanner, S. 146-162.

[21] Lensen, The strange neutrality, S. 10ff.

[22] Lensen, The strange neutrality, S. 23.

[23] Sommer, Theo, Deutschland und Japan zwischen den Mächten 1935-1940. Vom Antikominternpakt zum Dreimächtepakt, Tübingen 1962, S.17-55 ; Iklé, Frank William, German-Japanese Relations 1936-1940, New York 1956, S. 23-43 ; Martin, Aggressoren unter dem Sonnenbanner, S. 146-162.

[24] Lensen, The strange neutrality, S. 186.

[25] Ebd., S. 8f.

[26] Lensen, The strange neutrality, S. 186.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640783052
ISBN (Buch)
9783640783229
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163797
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Slawistisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
UdSSR Sowjetunion Japan Kaiserreich Japan seltsame Neutralität Russisch-Japanischer Krieg Zweiter Weltkrieg USA Truman Stalin Kalter Krieg Atombombe Operation Auguststurm

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Titel: Die sowjetisch-japanischen Beziehungen 1904-1945