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Die Bedeutung des amerikanischen Frontier–Mythos für das Apollo–Mondlandeprogramm während der Kennedy–Johnson–Ära der "New Frontier" 1961–1969

Hausarbeit (Hauptseminar) 1994 22 Seiten

Amerikanistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Der historische Begriff der Frontier: die westliche Besiedlungsgrenze und ihre Bedeutung für die amerikanische Identität

2. Das Bild der New Frontier des Apollo-Programms

3. Der rationale Kontext: Prestige und Kalter Krieg

4. Was war Apollo im Rückblick?

5. Der Frontier–Mythos heute und ein kurzer Ausblick auf die Zukunft

Anhang: die Chronologie der Apollo-Missionen

Bibliographie:

1. Der historische Begriff der Frontier: die westliche Besiedlungsgrenze und ihre Bedeutung für die amerikanische Identität

Der Begriff der Frontier ist von immenser Bedeutung für die Besiedlungsgeschichte des nordamerikanischen Kontinents. In den US Census Reports, den alle zehn Jahre veröffent­lichten Berichten der amerikanischen Volkszählungsstelle, wurde sie bis Ende des 19. Jahrhunderts sehr vage umrissen als "the margin of that settlement which has a density of two or more to the square mile".[1] Seit Anerkennung der Unabhängigkeit der dreizehn Gründungskolonien durch Großbritannien im Jahre 1783 rückte diese Grenze mit rapider Geschwindigkeit von Osten nach Westen vor; sie begann im selben Jahr mit der Erweiterung des Staatsgebietes bis zur östlichen Grenze des Mississippi durch den Vertrag von Versailles und endete 1890 mit der offiziellen Verlautbarung des Volks­zählungsbüros, das Nationalgebiet sei nun vollständig erschlossen. Natürlich geschah dies nicht kontinuierlich, sondern war verbunden mit gewaltigen Expansionsschüben, zum Beispiel durch diverse Gebietskäufe (wie den Louisiana Purchase 1803), Friedensverträge (Kalifornien durch den Vertrag von Guadelupe Hidalgo mit Mexico 1848) oder Annexionen (Texas 1845). Expeditionen (Lewis und Clark 1803–1806), der Ausbau des transkontinen­talen Eisenbahnnetzes und diverse Gesetze (wie der Homestead Act 1862, welcher jeder Familie 160 Morgen Land zuwies) trugen zur raschen Erschließung des Kontinents bei.

Die Definition der Frontier – zwei oder mehr Einwohner pro Quadratmeile – bezog sich natürlich lediglich auf die weiße Bevölkerung, welche bei ihrem Vorstoß oft Territorien der dort ansässigen indianischen Ureinwohner besetzte. Der verständliche erbitterte Widerstand dieser Stämme wurde in oft blutigen Schlachten durchbrochen, zuletzt 1890 beim Massaker von Wounded Knee, was auch gleichzeitig die "Schließung der (weißen) Besiedlungsrenze" bedeutete. Somit gibt das Vorrücken der Frontier Aufschluss über die rasche Wanderung der Siedler, angetrieben durch immer neue Einwandererströme und verstärkt durch den technologischen Fortschritt des Eisenbahn­baus.

Außer dem rein statistischen Aspekt hat die Frontier noch eine andere Bedeutung, welche entscheidend zur Entwicklung der amerikanischen Kultur beigetragen hat, nämlich als "...the farthermost limits of knowledge or achievement in a particular subject."[2] Hiernach hat die Frontier eine eher metaphorische Bedeutung als Grenze eines Wissens oder Erfahrungshorizontes. Folglich bedeutet das Treffen auf diese Grenze, sich des eigenen Standortes im Vergleich mit anderen bewusst zu werden; sei es in intellektuellem, sozialem oder kulturellem Sinne. An solch eine kulturelle Grenze – für Turner der "meeting point between savagery and civilization"[3] – stießen die weißen Siedler auf ihrem Weg nach Westen, als sie mit den fremden Lebensweisen der indianischen Völker konfrontiert wurden.

Die Frontier markierte jedoch nicht nur eine Grenze zwischen verschiedenen Kulturen, sondern war auch eine Herausforderung für die Siedler, sich auf eine neue, fremdartige Umgebung einzustellen und diese für sich nutzbar zu machen. Hierin liegt ein wichtiges Konzept der amerikanischen Kultur: das Manifest Destiny. Es entstand in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und beinhaltet den Glauben daran, von Gott dazu bestimmt zu sein, als sein auserwähltes Volk den biblischen Auftrag[4] zu erfüllen, sich auszubreiten und sich die Erde Untertan zu machen. Diese Vorstellung ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die ersten Einwanderer im siebzehnten Jahrhundert aus religiösen Gründen aus Europa geflohen waren und im "Land der Verheißung" einen neuen Anfang suchten. Folglich bedeutete jeder Vorstoß der Frontier einen weiteren Sieg für diese göttliche Mission (welche auch die Vertreibung der Indianerstämme legitimierte); jeder Rückschlag eine harte Prüfung; jeder Erfolg eine Belohnung für die Anstrengungen. Gleichzeitig sorgte die räumliche Entfernung von den europäischen Einflüssen der Kolonien im Osten für die Entstehung einer eigenständigen, amerikanischen Kultur, hervorgerufen durch die Konfron­tation mit der neuen, fremden Umgebung und geprägt durch die Auseinandersetzung mit ihr.

Da der Ausdehnung nach Westen zwangsläufig Grenzen gesetzt waren – keine Land­masse ist unendlich – musste dieser Traum der immer fortdauernden Expansion am Strand von Kalifornien enden. Die Ideen von Frontier und Manifest Destiny tauchten danach zwar weiterhin in der amerikanischen Geschichte auf – sei es als Pionier in verschiedenen wissen­schaftlichen Gebieten oder gemäß der Truman Doktrin als Glaube, zum Beschützer der freien Welt auserwählt zu sein – jedoch war die Möglichkeit einer territorialen Ausweitung, eines Strebens nach etwas Greifbarem, nicht mehr gegeben. Der politische Kolumnist Walter Lippman sah in diesem "Verlust" sogar den Grund für den Konservatismus und für die Lethargie der 1950er Jahre:

"The critical weakness of our society is that for the time being our people do not have great purpose which they are united in wanting to achieve. The public mood of the country is defensive, to hold on to and to conserve, not to push forward and to create. We talk about ourselves these days as if we were the complete society, one which has achieved its purposes, and has no further business to transact."[5]

Mit Beginn der sechziger Jahre sollte sich diese Lethargie wandeln. Präsident Kennedys Ruf zum Aufbruch zu "New Frontiers", zu neuen Grenzen, stand für die Wieder­aufnahme der Fortschrittsmission der USA. Eine dieser "Grenzen" sollte den alten Traum der territorialen Expansion wieder aufleben lassen: das Apollo-Programm mit Ziel der bemannten Mondlandung. Für Wernher von Braun, Leiter der Abteilung für die Entwicklung der Trägerraketen, hatte Apollo ein ultimatives Format: "Space is the last frontier – and the greatest."[6] Im weiteren Verlauf soll gezeigt werden, welche Bedeutung die Frontier– Metapher für das Apollo-Programm gehabt hat, welche politischen Zusammenhänge eine Rolle spielten und was Apollo im Rückblick war.

2. Das Bild der New Frontier des Apollo-Programms

Bereits während des Präsidentschafts-Wahlkampfes 1960, als noch kein ent­sprechendes Programm geplant war, beschrieb Kennedy den Weltraum als "our great New Frontier"[7]. Der präzise Vorschlag mit dem schon historischen Kernsatz erfolgte am 25. Mai 1961 in Form einer siebenundvierzigminütigen Rede vor dem Kongress:

"I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to earth."[8]

In seiner Rede betonte Kennedy die Bedeutung eines solchen Programms als kollektive Aufgabe der Nation, eine führende Rolle bei der Erkundung des Weltalls einzunehmen, da dies womöglich den Schlüssel für die Zukunft des Menschen auf der Erde trüge. De Stärke und das Bewusstsein würden den USA diese Rolle um der Freiheit Willen auferlegen. Es gäbe zwar keine Garantie dafür, als erster dieses Ziel zu erreichen, eine Unterlassung würde aber in jedem Fall eine Niederlage bedeuten. Daher bäte er den Kongress um die Bewilligung der notwendigen Mittel.

Von fast allen Seiten wurde Kennedys Vorschlag begeistert aufgenommen, bot er doch ein offensichtlich klares Konzept: Der Kongress hatte ein zeitlich und vom gesetzten Ziel her begrenztes Programm für die finanzielle Kalkulation, die NASA und die beteiligten Wissen­schafts und Industriezweige einen eindeutigen Fokus, und die Öffentlichkeit die Aussicht auf eine herausragende Leistung im Weltraum, vor allem nach den russischen Erfolgen der letzten Jahre.[9] Man sah das Bestreben der Mondlandung als eine logische Fortführung einer langen Tradition von Entdeckern, angefangen bei den Vikingern, über die Germanen und Columbus, bis zu Magellan und Cook. Die ersten Pioniere der Raumfahrt, darunter Gargarin (!) und Shepard, wurden bereits in einem Atemzug mit den Vorkämpfern der Luftfahrt, wie den Brüdern Wright oder Otto Lilienthal, genannt; der uralte Traum vom Fliegen würde eine neue Dimension erreichen und ein neues Zeitalter der Entdeckungen einläuten.[10]

Für einige kam der Aufbruch ins All sogar der Klimax einer Kette von großen Revolu­tionen gleich: Nach dem 13. und 18. Jahrhundert als zwei Zeitaltern der Wissenschaftlichen Revolutionen, dem 15. Jahrhundert als Zeitalter der Entdeckungen und der Territorialen Revolution, dem 16. Jahrhundert als Zeitalter der Aufklärung und somit der religiösen Revolution sowie dem 18. Jahrhundert als Zeitalter der Industriellen Revolution sollte nun das 20. Jahrhundert zu einem Zeitalter der Weltraumrevolution werden und als solches das Schicksal der Menschheit entscheidend beeinflussen. Jedoch mit einem gravierenden Unter­schied: Keine der bisherigen Revolutionen hatte einen unmittelbaren Effekt auf die gesamte Weltbevölkerung, diese würde eine völlig neue Dimension öffnen: das grenzenlose Weltall.[11]

Alle großen Revolutionen seien aus einem Missstand heraus entstanden und mit bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen einher gegangen. So wird unter anderem das Bild eines sich aus dem dunklen Mittelalter zum Humanismus emporhebenden Europa zur Zeit von Columbus beschrieben:

"Western Europe was emerging from the...medieval period. To medieval man, most of the world appeared as Godmade mystery to be regarded with fear and concern. The earth was flat, somewhere over the ocean was the end[With] the rise of humanism,...the world came to be regarded as a reality to be explored rather than as a mystery to be feared."[12]

Folglich sollte die Weltraumfahrt der Menschheit dazu verhelfen, sich aus der Lethargie und Furcht der 1950er Jahre – dem McCarthy-Zeitalter der Red Scare mit seinen eigenen "Hexenverfolgungen" und "-prozessen" – zu einer Art neuem Humanismus zu erheben. So wie die Industrielle Revolution den Wandel von einer ruralen zu einer urbanen Bevölkerung mit sich brachte, würde die Weltraumrevolution bei der Menschheit eine Veränderung von einer globalen zu einer universalen Lebensweise mit neuen gesellschaft­lichen Formen und Normen bewirken.

[...]


[1] vgl. Frederick Jackson Turner, "The Significance of the Frontier in American History", 1893.

[2] vgl. Webster´s Ninth New Collegiate Dictionary

[3] vgl. Frederick Jackson Turner, "The Significance of the Frontier in American History", 1893.

[4] vgl. Genesis 9:7.

[5] vgl. John N. Wilford, We reach the Moon, New York: 1969, S.26.

[6] vgl. Otto Binder, Victory in Space, New York, 1962, S. 5.

[7] vgl. John N.Wilford, We reach the Moon, New York, 1969, S. 28.

[8] ebd., S. 31-35.

[9] vgl. O.W. Nicks, Far Travelers - the exploring Machines,1985, S.87.

[10] vgl. Eugen Sänger, Space Flight Countdown for the Future, New York, 1965, S.7; James Allen, "The historical and philosophical background of the space age", 1966, S.16,18.

[11] vgl. James G. Allen, "The historical and philosophical background of the space age", 1966, S. 13.

[12] ebd. S.16; abgesehen davon, dass dieses Bild nicht nur klischeehaft überzogen, sondern in manchen Punkten sogar schlichtweg falsch ist – zum Beispiel wurde die Erde in mittelalterlichen Karten zwar oft als Scheibe dargestellt, jedoch war man sich der Kugelgestalt durchaus schon bewusst –, werden die Hexenprozesse und Gottesfurcht im Neuengland des 17. Jahrhunderts anscheinend völlig vergessen.

Details

Seiten
22
Jahr
1994
ISBN (eBook)
9783640782994
ISBN (Buch)
9783640783090
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163777
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Anglistik/Amerikanistik
Note
1,5
Schlagworte
Frontier Mondlandung Manifest Destiny

Autor

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