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Individualisierung der Geschlechter

Geschlecht als Lageparameter für Ungleichheit im Beruf

Seminararbeit 2010 26 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Abstrakt
1.2. Problemstellung
1.3. Aufbau der Hausarbeit

2. Hintergrund
2.1. Geschlecht und Ungleichheit
2.2. Systemtheorie und die funktional differenzierten Gesellschaften

3. Qualitative Betrachtung
3.1. Betrachtungsrahmen
3.2. Karin Jurczyk – Familie und Erwerb
3.3. Juliane Achatz – Frauen in Arbeitsmärkten

4. Quantitative Betrachtung
4.1. Soziale Lagen und Inklusion
4.2. Integration von Frauen in Teilsystemen

5. Kritischer Diskurs

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Differenz zwischen den Geschlechtern spielt in der wissenschaftlichen Betrachtung in vielen Disziplinen eine wesentliche Rolle. Aus soziologischer Sicht wird dabei vor allem die Rolle des Geschlechts als potentieller Einflussfaktor für Interaktion und Entscheidungen betrachtet. Ein Teil dieser Betrachtung umfasst dabei die Erforschung der Individualisierungsprozesse und Lebenschancen.

Seit der Ablösung von Schichten und Klassen durch den Artikel von Beck (1983), steht aus soziologischer Gesellschaftsbetrachtung das Phänomen der Individualisierung im Fokus der soziologischen Diskussion. Als Teil dieser Diskussion bietet die Betrachtung von Geschlechtsunterschieden einen wesentlichen Einflussfaktor für Individualisierungschancen.

Das Spannungsfeld zwischen Individualisierung in modernen Gesellschaften und der Relevanz des Geschlechts in diesem Kontext wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. „ Teilhabe am Erwebsleben ist eine wesentliche Voraussetzung für die Verwirklichung des Anspruchs auf ein Stück eigenes Leben.“ (Achatz, 2010, S.95) verdeutlich die Relevanz einer wissenschaftlichen Betrachtung des Themenfeldes.

1.1. Abstrakt

Innerhalb dieser Arbeit wird deshalb ein Fokus auf geschlechtsspezifische Unterschiede in beruflichen Perspektiven und Karriereperspektiven in modernen industrialisierten Gesellschaften gelegt. Dabei nähert sich die Arbeit dem Themenfeld durch zwei methodische Ansätze.

Im ersten Teil wird ein qualitativer, theoretischer Ansatz im Vergleich mit zwei wesentlichen Artikeln bezüglich des Themas durchgeführt. Dabei wird auf Karin Jurczyk Bezug genommen, um sich dem Thema „Ausgleich zwischen beruflichen und familiären Aspekten“ aus weiblicher Perspektive zu nähern. Der Artikel von Juliane Achatz dient als Diskussionsgrundlage für die Chancengleichheit von Frauen in den aktuellen Arbeitsmärkten.

Im zweiten Teil werden quantitative Daten bezüglich der Integration in verschiedene Teilsysteme moderner Gesellschaft ausgewertet. Anhand dieser statistischen Auswertung sollen die Hauptaussagen der beiden Artikel kritisch hinterfragt werden.

Die Kernaussagen aller drei Artikel lassen sich auf zwei Trends verdichten: 1.) Frauen investieren mehr Zeit in Intimbeziehungen (Familie und Partnerschaft) und 2.) Es existieren komplexe Zusammenhänge, die bewirken, dass sowohl Segregration als auch monetäre Differenzierung zwischen den Geschlechtern im Berufsleben zu beobachten ist. Wesentliche Leitfrage der Betrachtung dieser Kernthesen ist im kritischen Diskurs dabei, wie omni-präsent der Einflussfaktor Geschlecht auf die Berufswahl ist und wie sich dieser Einfluss in den nächsten Jahren entwickeln könnte.

1.2. Problemstellung

Die Problemstellung der Geschlechtsunterschiede stellt ein emotionalisierendes Thema dar. Ein treffendes Zitat diesbezüglich wird als Einleitung zum Studienbrief gegeben: „ (man will) mit aller Macht daran glauben, dass Frauen und Männer genau die gleichen Fähigkeiten, Talente und Potentiale haben, und das ironischerweise zu einem Zeitpunkt, da Wissenschaftler die ersten unwiderlegbaren Beweise dafür gefunden haben, dass genau das Gegenteil der Fall ist (…) “ (Paese & Paese, 2001, S. 20ff.)[1].

Dabei ist es kaum möglich sich dem Thema zu entziehen, nicht zuletzt durch das Minimal Group Paradigma von Henri Tajfel (Sews, 2009, S.47ff.)[2]: Bezogen auf das Geschlecht existieren biologisch nur genau zwei Gruppen – Männer und Frauen – wobei die Einteilung in den allermeisten Fällen eindeutig ist. Folglich entwickelt sich automatisch eine Gruppenzugehörigkeit. Umso involvierter ist jeder einzelne im Thema Geschlechtsunterschiede, weil man sich dieser Differenzierung nicht entziehen kann.

Unstrittig ist, dass Differenzen in Hirnstruktur (Lautenbacher, 2009, S.9ff.), physischen und damit verbundenen motorischen und hormonellen Ausgangssituationen zwischen Männern und Frauen existieren. Doch Unterschiede folgern kausal weder ein „besser“ noch ein „schlechter“. Fraglich ist vielmehr, inwiefern die bestehenden Unterschiede relevante Einflussfaktoren für die individuelle Entwicklung in modernen Gesellschaften darstellt und wenn ein Unterschied existiert, wie signifikant dieser ist.

Bezogen auf das Themenfeld der Arbeitsmärkte ist dieses Thema von besonderer Relevanz, da in Zeiten der intensiven Konkurrenz um High-Potentials und strategische Human-Ressourcen-Vorteile viele große Konzerne beginnen müssen, sich mit dem Thema Diversity und Einfluss von Geschlecht auf die Unternehmung auseinander zu setzen (Aretz & Hansen, 2002, S8ff.).

1.3. Aufbau der Hausarbeit

Die restliche Arbeit strukturiert sich wie folgt: Zunächst gibt Kapitel 2 eine Übersicht zu den relevanten Hintergrundinformationen. Insbesondere wird dabei auf die historischen Entwicklungen des Faktors Geschlecht auf die Lebenschancen eingegangen. Außerdem wird ein Abriss über die Struktur funktional differenzierter Gesellschaften und der Bedeutung von sozialen Lagen gegeben.

Im Kapitel 3 wird eine qualitativ-theoretische Herangehensweise an das Thema Frauen und Arbeitsmarkt bzw. Frauen und Familie in der modernen Gesellschaft beschrieben. Dazu wird auf die Referenzartikel von Karin Jurczyk und Juliane Achatz zurückgegriffen.

Danach ergänzt Kapitel 4 den qualitativen Ansatz um eine quantitative Betrachtung in Form einer statistischen Auswertung von sozialen Lageparametern. Dabei spielen besonders Interdependenzen zwischen Lageparametern mit dem Faktor Geschlecht sowie die Unterschiede in der Integration in die Teilsysteme anhand dieses Faktors eine wesentliche Rolle.

Kapitel 5 beinhaltet einen kritischen Diskurs bezüglich der Resultate, vergleicht diese und findet eine Aussage bezüglich der Leitfrage, inwiefern Geschlecht als omni-präsenter Einflussfaktor für die Berufschancen angesehen werden kann.

Das Kapitel 6 gibt eine Zusammenfassung über die wesentlichen Resultate und einen Ausblick auf künftige Forschungsmöglichkeiten.

2. Hintergrund

Um das Thema geschlechterspezifischer Unterschiede in Bezug auf Arbeitsverhältnisse und Familie zu verstehen, gibt dieses Kapitel die notwendigen Hintergrundinformationen. Dazu wird zunächst ein kurzer geschichtlicher Abriß über Geschlecht und Ungleichheit gegeben. Danach wird das Konstrukt der modernen Gesellschaft als funktional differenzierte Gesellschaft mit Teilsystemen vorgestellt.

2.1. Geschlecht und Ungleichheit

Die Rolleverteilung entlang des Geschlechtes hat eine evolotionär lange Historie (vgl. Achatz 2010). Emanzipation, wie sie heute in modernen Gesellschaften als Ideal gilt, ist aus geschichtlicher Betrachtung ein absolutes Novum. So definiert sich in verschiedensten Kulturen der Welt die Rolle der Frau als eine auf die Familie fokussierte Tätigkeit, die einher geht mit Selbstzurücknahme und Selbstaufgabe.

Diese Rolle wurde im 19. Jahrhundert auch in Europa als vollkommen selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Beispiel dieser Ansicht: „ Des Weibes Ausartung ist Selbständigkeit und männliches Wesen; ihre größte Ehre ist einfältige Weiblichkeit und das heißt sich unbeschwerten Herzens unterordnen, sich bescheiden, nicht anderes, noch etwas mehr sein wollen (..) “ (Ostner & Krutwa-Schott, 1981, S.25).

Ein wesentlicher Wandel zur heutigen Situation sind die Änderungen im Bildungssektor seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Durch die Integration von Frauen an Universitäten und die freie Verfügbarkeit von Bildung wurde ein wichtiger Grundstein für eine emanzipierte und gleichberechtigte Stellung innerhalb der Gesellschaft geschaffen. Seitdem ist ein stetig steigender Anteil von Frauen an Gymnasien und Hochschulen zu verzeichnen. In der heutigen Situation ist sogar die Anzahl der Frauen mit Abschlüssen in Summe höher als bei Männern und auch im Durchschnitt mit besseren Noten versehen (Staatistisches Bundesamt, 2009). Hier ging die Veränderung sogar bereits soweit, dass im Einzelfall überlegt werden müsste, ob neben den jahrelangen Frauenförderprogrammen bei einem Umkippen in die andere Richtung eine spezielle Förderung von Männern im Schulbereich künftig sinnvoll wird.

Bezogen auf die beruflichen Chancen vollzog sich seit dem 19. Jahrhundert ein ähnlich radikaler Wandel. Wo zunächst keine offiziell bezahlte Arbeit durch Frauen toleriert wurde, ging die Entwicklung über Beschäftigungsnischen, vom Ehemann erlaubte Arbeit bis hin zur emanzipierten und unabhängigen Beschäftigung beider Geschlechter in der Modernen. Dieser Wandel ging unter anderem mit einer Erwartungsänderung einher, bei der die Idee des „Drei-Phasen-Models“[3] (Mydral & Klein, 1956) entstand. Durch gesetzliche Regelungen (Unterhalt, Ehevorteile, Kindergeld) wurden zusätzlich zum einen Anreize fürs Zusammenleben, zum anderen finanzielle Unabhängigkeiten der Frauen im Trennungsfall sichergestellt. Der gesetzliche Fokus sieht in der modernen Gesellschaft in Deutschland eine klare Gleichberechtigung unabhängig vom Lageparameter Geschlecht vor (folglich auch gleiche Lebenschancen).

2.2. Systemtheorie und die funktional differenzierten Gesellschaften

Die Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, welches Systeme zur Beschreibung nutzt. Objekt der Beschreibung kann dabei ein beliebig komplexes Phänomen sein (welches aufgrund des Modellvorgehens Bezug auf verschiedene Forschungsfelder nehmen kann). So kann die Systemtheorie sowohl in kybernetischen Problemstellungen, als auch in klassisch makroökonomischen Forschungsfeldern bis hin zu geisteswissenschaftlichen Anwendungen innerhalb der Soziologie und Psychologie verwendet werden.

Die Analyse des Sachverhalts basiert dabei auf der Evaluation von Strukturen und Funktionen, die Aufschluss auf Wirkungsweisen der angenommenen Systeme geben sollen.

Über die Zeit hinweg wurden weitere Forschungsfelder in das interdisziplinäre Spannungsfeld, welches durch Systemtheorien modellierbar (und folglich auch erklärbar) gemacht wurde, aufgenommen. Dabei besteht bei der soziologischen Systemtheorie der Anspruch, eine universelle Theorie für alle Formen der Sozialität darzustellen. Damit umfasst die Theorie auch sich selbst als Gegenstand, operiert also selbst referentiell (Luhmann, 1984, S.10).

Die erste systemtheoretische soziologische Theorie geht auf Parsons (Parsons, 1986) zurück. Er prägte u.a. das AGIL-Schema[4], welches als Ausgangspunkt für die systemische Einteilung innerhalb des Models dient.

Niklas Luhmann gilt als einer der Begründer der soziologischen Systemtheorie und war als deutscher Soziologe an vielen Forschungsfeldern der Gesellschaftstheorie tätig. Er stellte 1968 erstmals seine Variante der Systemtheorie vor. Genau wie Habermas basiert die Theorie auf der Idee von Systemen innerhalb der Gesellschaft, die sich untereinander bedingen. Ausgehend von der Systemtheorie von Parsons (1985) erweitert er diese und wandelt sie in eine funktional-strukturelle Systemtheorie um.

[...]


[1] Wichtig ist anzumerken, dass die Autoren den eindeutigen Beweis aufgrund von fehlenden Quellenangaben bislang noch schuldig sind.

[2] Das MGP sagt aus, dass bereits eine Zuteilung zu einer Gruppe (unabhängig von objektiven Faktoren) zu einem Zugehörigkeitsgefühl und der Abgrenzung gegenüber anderer Gruppen führt.

[3] Die Standardbiographie einer Frau wurde in drei prägnante Phasen unterteilt: Die erste Phase (bis zur Geburt erstes Kind), die zweite Phase (10-15 jährige Familienpause) und die dritte Phase Wiederaufnahme der Berufstätigkeit.

[4] AGIL Schema Dimensionen: A doption (Anpassung), G oal Attainment (Zielverfolgung), I ntegration (Eingliederung) und L atency (Aufrechterhaltung)

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640782932
ISBN (Buch)
9783640783267
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163753
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Geschlechter Lebenschancen Ungleichheit berufliche Chancen Systemtheorie Moderne Frauen und Beruf

Autor

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Titel: Individualisierung der Geschlechter