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Dostojewski und die Vatertötung

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Person Dostojewskis

3. Der Roman „Die Brüder Karamasow“
3.1 Vatermord als Hauptmotiv in „Die Brüder Karamasow“

4. Die psychoanalytischen und psychologischen Gründe des Vatermordes
4.1 Freud: „Dostojewski und die Vatertötung“ - Ödipus - Komplex und Neurose
4.2 Die Figur des Vaters - homo fictus oder alter ego ?

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1928 veröffentlichte Freud ein Essay über Dostojewski, in dem er den Charakter dieses Schriftstellers analysiert[1]. Freud bezieht sich auf die Neurose Dostojewskis und setzt sich mit den Aspekten seiner Persönlichkeit, unter anderem mit seiner Sünder - Fassade, auseinander. Der Grund, warum Freud diesen großen Autor als eine Person betrachtet, die zur Vatertötung und zum Verbrechen fähig ist, liegt darin, dass dieser für seine Werke einen entsprechenden Stoff wählt. Das Beispiel, das auch Freud nennt, ist der Roman „Die Brüder Karamasow“, in dem das Hauptmotiv eben Vatermord ist. Freuds kurzer Aufsatz enthält eine genaue psychoanalytische Darstellung der Persönlichkeit Dostojewskis nicht nur aufgrund seiner Werke, sondern vor allem in Bezug auf seine Kindheit und das Verhältnis Dostojewskis zu seinem Vater.

In dieser Arbeit will ich mich in den Charakter dieses Schriftstellers vertiefen und verifizieren, inwieweit der Charakter eines Menschen sich nach der psychoanalytischen Methode kennen lernen lässt.

Zum Einstieg will ich mich die Person dieses großen russischen Autors etwas nähern und dann an den Inhalt des Romans „Die Brüder Karamasow“ anknüpfen. Im Hauptteil meiner Arbeit werde ich mich mit dem Thema des Vatermordes auseinander setzen, um zu zeigen, welche Motive dafür die Söhne des alten Karamasow hatten und welche Motive Dostojewski dazu treiben könnten, seinen Vater töten zu wollen. Ich werde mich auf die freudschen Thesen beziehen um schließlich herauszufinden inwiefern die Psychoanalyse für die Literaturinterpretation brauchbar und nützlich ist.

2. Die Person Dostojewskis

Um die Symmetrie zwischen Leben und Werk des Dichters aufzuzeigen und die „Brüder Karamasow“ zu deuten, soll uns die Erläuterung der wichtigsten Elemente aus Dostojewskis Biographie behilflich sein. Ich beziehe mich auf die Biographie von Janko Lavrin[2].

Dostojewski wurde am 11. November in Moskau in einer verarmten adeligen Familie als Sohn eines Arztes geboren. Nach dem Tod seiner Mutter (1837) ließ sich Dostojewski mit seinem Bruder in St. Petersburg nieder, wo er von 1838 bis 1843 an der Militärakademie Bauingenieurwesen studierte. Sein Vater ging auf sein Landgut, wo er 1839 durch leibeigene Bauern ermordet wurde. Dostojewskis Vater wurde als ein Geizkragen und Tyrann beschrieben. Möglicherweise wirkte diese Erfahrung auf die spätere Gestaltung des „alten Karamasow“ in seinem letzten Roman. Lavrin schreibt, dass die Haltung Dostojewskis seinem Vater gegenüber von vorwurfsvollem Groll bestimmt war. Das Verhältnis des Dichters zu seinem Vater werde ich später näher erläutern im Zusammenhang mit dem Motiv des Vatermordes in „Die Brüder Karamasow“.

Im Jahr 1844 begann er mit den Arbeiten zu seinem 1846 veröffentlichten Debüt „Arme Leute“, das sehr erfolgreich war. 1847 trat er einem Kreis von Revolutionären bei (Petraschévskij - Gruppe). Als er dessen Mitgliedern 1849 einen später als politisch höchst aggressiv betrachteten Brief des Literaturkritikers Belinskij an Nikolai Gogol vorgelesen hatte, denunzierte man ihn und er wurde zunächst verhaftet und später zum Tode verurteilt. Erst auf dem Richtplatz begnadigte ihn Zar Nikolaus I. zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, mit anschließender Militärdienstpflicht. In der Katorga von Omsk wurde zum ersten Mal seine Epilepsie diagnostiziert, was aus seinem Brief an den Bruder Michail hervorgeht. Dostojewski konnte erst 1859 nach St. Petersburg zurückkehren. In der Folgezeit veröffentlichte er ein Dokument seiner Verbannungszeit in Sibirien, die „Aufzeichnungen aus dem Totenhaus“. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er die Zeitschrift „Die Zeit“, in der sein Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“ erschien, jedoch bereits 1863 wurde „Die Zeit“ wegen eines "antipatriotischen" Beitrags verboten. Von 1862 bis 1865 reiste Dostojewski durch Europa; während dieser Zeit begann seine Spielsucht. 1864 starben in kurzer Folge Dostojewskis Frau, sein Bruder und sein Freund Apollon Grigorjew. Die Nachfolgezeitschrift der „Zeit“, die „Epoche“ musste er aus Geldmangel einstellen. 1865 ruinierte er sich beim Roulettespiel in Wiesbaden. 1866 erschien der erste seiner großen Romane, „Schuld und Sühne“. Im selben Jahr erschien auch der innerhalb von nur 26 Tagen verfasste Kurzroman Der Spieler, ein Bekenntnis seiner Spielsucht. Nach seiner zweiten Eheschließung 1867 ist Dostojewski wegen seiner hohen Spielschulden ins Ausland geflohen. Nach langem Aufenthalt in Baden - Baden kehrt er 1871 wieder nach Russland zurück.

Bis zum Ende seines Lebens verfasste er die beiden letzten seiner großen Werke, „Die Dämonen“ und abschließend „ Die Brüder Karamasow“ - eine Quintessenz seines eigenen Werkes. Dostojewski starb 1881 an den Folgen eines Blutsturzes.

3. Der Roman: „Die Brüder Karamasow“

In diesem Teil will ich auf den Inhalt des Romans eingehen. Da dieser aber sehr vielschichtig ist und somit viele Deutungen zulässt, konzentriere ich mich nur auf den für diese Arbeit psychologisch relevanten Aspekt: das Motiv des Vatermordes in Bezug auf das Verhältnis zwischen Fjodor Karamasow und seinen Söhnen.

Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf der Darstellung des Konflikts zwischen dem Vater - dem alten Fjodor Pawlowitsch Karamasow - und seinem Sohn aus erster Ehe - Dmitrij. Fjodor Pawlowitsch ist ein Gutsbesitzer, „der Typ eines nichtsnutzigen und lasterhaften Menschen“3, der vier Söhne hat: Dmitrij - auch Mitja genannt - „führt ein sehr flottes Zecherleben und verbraucht verhältnismäßig viel Geld“4, ein Offizier von aufbrausender Art. Mitja kommt zu seinem Vater, um das ihm zustehende Geld - das mütterliche Erbteil - zu holen. Der Streit um das Geld ist der Grund des Konfliktes zwischen ihm und seinem Vater sowie die Ursache dessen tödlicher Konsequenzen. Der Sohn Iwan, aus[3] zweiter Ehe, studiert Naturwissenschaften. Er besucht seinen Vater auf Bitten Dmitrijs, der ihn als Vermittler im Streit mit Fjodor Pawlowitsch braucht. Der jüngste Sohn Alexej - auch Aljoscha genannt - ist sehr freundlich und liebt alle Menschen. Sein Charakter ist durch seinen geistlichen Vater - den Starez Sosima - geprägt, was bedeutet, dass er die anderen nicht sofort verurteilt und versucht, alle durch Liebe zu gewinnen. Der vierte Sohn und tatsächliche Mörder von Fjodor Pawlowitsch - Smerdjakow - stammt von der stummen Haushaltshelferin Lisaweta, die der alte Karamasow vergewaltigt hatte. Er ist Epileptiker, sehr schweigsam und ungesellig, aber genießt das große Vertrauen des Vaters.[4]

Obwohl die Natur aller Söhne von Fjodor Pawlowitsch so unterschiedlich ist, werden alle bis auf Aljoscha von dem Verdacht des Vatermordes nicht ausgeschlossen. Nach den Zeitangaben spielt die Handlung des Romans im Jahr 1866, als in Russland die Geschworenengerichte eingeführt wurden. „Die Brüder Karamasow“ enthält somit eine Kritik an dieser Art von Gerichtsverhandlung, indem beschrieben wird, dass sich die Geschworenen in ihrem Urteil irrten, als sie Mitja des Mordes schuldig sprachen.[5]

Nun werde ich den Schwerpunkt der Handlung genau beschreiben, um dann zu den psychologischen und psychoanalytischen Gründen des Vatermordes überzugehen.

3.1 Vatermord als Hauptmotiv in „ Die Brüder Karamasow“

Als Mitja erfährt, dass sein Vater das ganze Geld verschwendet hat, ist er so gereizt, dass er sich Morddrohungen an ihn erlaubt: „Wozu lebt ein solcher Mensch? (...) darf man es noch dulden, dass er mit seiner Person die Erde schändet?“[6] und weiter im Gespräch mit Aljoscha: „dann gibt es einen Mord. So überlebe ich es nicht. <Wen wirst du ermorden?> Den Alten.“[7] Sein Bruder Iwan versichert dagegen, dass er den Mord nicht zulassen wird und sogar den Vater in Schutz nehmen wird.[8] Iwan vertritt die Haltung, dass alles erlaubt sei und somit kommt es zu einer Meinungsdifferenz in dem Gespräch mit Aljoscha, der fragt, ob Menschen das Recht haben, den Tod eines anderen Menschen zu wünschen.

Iwans Worte: „Wer hätte denn nicht das Recht, zu wünschen?“[9] führen dazu, dass er als potenzieller Vatertöter in der Verhandlung auch in Betracht gezogen wird. Seine Stellung beeinflusst den Mörder Smerdjakow, der die Gedanken Iwans in die Tat umsetzt. Ich habe ich den zweiten Grund des Konfliktes noch nicht erwähnt: Gruschenka - eine Frau, die sowohl von Dmitrij als auch von dem alten Karamasow begehrt wird. An dem Abend, als Smerdjakow Fjodor Pawlowitsch tötet, sucht Mitja nach Gruschenka, die er in ihrer Wohnung nicht findet. Er erwartet sie im Haus seines Vaters anzutreffen und erscheint dort mit einem Messingstößel. Kurz nachdem als er sich überzeugt hat, dass die Frau nicht da ist, geschieht in der Dunkelheit der Mord. Der Diener Grigorij findet den toten Fjodor Pawlowitsch und läuft dem flüchtenden Täter hinterher. Im selben Moment sieht Mitja den Vater vor sich im Garten liegen, den Kopf blutüberströmt. Mitja versucht noch das Blut mit einem Taschentuch wegzuwischen, flüchtet aber sofort weiter auf der Suche nach Gruschenka. Als er erfährt, dass sie nach Mokroje zu einem Offizier gefahren ist, begibt er sich ebenfalls dorthin. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Offizier wird er von der Polizei verhaftet, zumal er noch das Blut seines Vaters an den Händen hat. Ab diesem Moment ist Dmitrij des Vatermordes Hauptverdächtiger. Nach dem Beginn des Verhörs besucht Iwan Smerdjakow, der ihm gesteht, den Mord verübt zu haben. Smerdjakow bezeichnet aber Iwan als Hauptmörder, weil dieser ihn dazu angestiftet habe. „Wenn nicht Dmitrij den Mord verübt hat, sondern Smerdjakow, dann bin ich natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn angestiftet (...) so bin ich natürlich auch ein Mörder“,[10] gesteht Iwan. Smerdjakow sieht sich selbst nur als Iwans Helfer. Er betont: „mit Ihnen zusammen habe ich den Mord begangen, Dmitrij Fj odoro witsch ist aber völlig unschuldig“[11] und erinnert Iwan an dessen Worte: „alles ist erlaubt“, die er befolgt hat. Infolge dessen fühlt sich Iwan auch an dem Mord schuldig, weil er den Tod des Vaters offensichtlich gewollt hat, obwohl er nicht in der Lage war, es zu vollziehen: “Ja, das habe ich damals erwartet, das ist wahr! Ich wollte den Mord, ich wollte ihn geradezu!“[12]. All das beschäftigt ihn so sehr, dass er Gewissensbisse hat, was sich in seinem Fiebertraum, in dem er mit dem Teufel spricht, äußert.

[...]


[1] Sigmund Freud „Dostojewski und die Vatertötung“ in: Freud, Studienausgabe Bd. X, Frankfurt 1969

[2] Janko Lavrin „Dostojevskij“, Rowohlts Monographien, Reinbeck bei Hamburg 1963

[3] F.M. Dostojewskij "Die Brüder Karamasow", dtv -Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1978, S. 13

[4] ebd. S. 19

[5] s. ebd. S. 1033, Nachwort von Horst - Jürgen Gerigk

[6] ebd. S. 104

[7] ebd. S. 170

[8] ebd. S. 198

[9] ebd. S. 198

[10] ebd. S. 818

[11] ebd. S. 827

[12] ebd. S. 818

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640783571
ISBN (Buch)
9783640783274
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163747
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
1,2
Schlagworte
Dostojewski Vatertötung Freud Kunst Psychoanalyse Karamasow Fjodor

Autor

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Titel: Dostojewski und die Vatertötung